Die Porträts von Martha und Max Liebermann sind zwei in Öl auf Leinwand gemalte Bildnisse von Anders Zorn. Der Maler Max Liebermann erteilte 1896 an seinen schwedischen Freund den Auftrag, in Berlin das Bildnis seiner Frau Martha zu malen. Das daraufhin entstandene Porträt Martha Liebermann hat eine Höhe von 72,3 cm und eine Breite von 61,2 cm. Das Gemälde gilt als Gegenstück zum nahezu gleich großen Porträt Max Liebermann, welches die Abmessungen 72,7 × 59,9 cm hat. Das undatierte Bildnis hat Zorn wahrscheinlich ebenfalls 1896 vollendet, möglicherweise hatte er es aber bereits 1891 in Paris begonnen. Beide Gemälde befanden sich mehrere Jahrzehnte im Besitz der Dargestellten und gehören heute zur Sammlung des Zornmuseet in Mora. Die beiden Porträts zeugen einerseits von der freundschaftlichen Verbindung zwischen Zorn und den Eheleuten Liebermann, andererseits verdeutlicht die Provenienz der Bilder die nationalsozialistische Verfolgung Martha Liebermanns in den letzten Jahren vor ihrem Lebensende.

Bildbeschreibungen Die beiden Bildnisse von Martha und Max Liebermann sind in mehrfacher Hinsicht als Pendants erkennbar.Cecilia Lengefeld: Anders Zorn und Max Liebermann, eine Freundschaft im Zeichen des Impressionismus in Alexander Bastek, Anna-Carola Krauße: Der schwedische Impressionist Anders Zorn: 1860 - 1920, S. 135. Sie zeigen als Motiv zusammen ein Ehepaar, weisen nahezu die gleiche Bildgröße auf und stellen die Personen als Halbporträt in einem Interieur dar. Zudem korrespondiert in den Bildnissen die jeweils besondere Haltung der Hand miteinander. Erik Forssman: Anders Zorn und Deutschland in Jens Christian Jensen: Anders Zorn: 1860 - 1920; Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen, S. 30.

Im möglicherweise zuerst begonnen Porträt Max Liebermann zeigt Zorn den frontal dargestellten Freund nicht als Maler, sondern als bürgerliches Porträt. Entsprechend trägt Liebermann keinen Malerkittel, sondern einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd mit gebundener großer schwarzer Schleife.Cecilia Lengefeld, Annette Roeloffs-Haupt: »Mir ist die Situation unerträglich geworden«: Martha Liebermanns verzweifelte Hoffnung auf eine Ausreise nach Schweden 1941–1943 in Martin Faass: Martha Liebermann, Lebensbilder, S. 88. Das mit rascher Pinselführung skizzierte Bild erinnert an die Malerei des Barockmalers Frans Hals, den beide Künstler verehrten. So setzte Zorn mit einer äußerst sparsamen Palette aus Schwarz, Grau und Weiß den Dargestellten in eine abwechslungsreiche Abfolge von Hell und Dunkel in Szene. Liebermann sitzt auf einem Sofa oder Sessel, dessen gepolsterte Rückenlehne im Streifenmuster hinter der rechten Schulter zu erahnen ist. Rechts im Hintergrund zeigt sich eine kassettenartige dunkle Holzfront, bei der es sich um einen geschlossenen Schrank handeln könnte. Der gestrichelte undefinierte und ebenfalls dunkle Bereich hinter dem Kopf wird am oberen Bildrand durch zwei helle Flecken aufgelockert. Liebermann hat den Kopf nach links geneigt und schaut mit weit geöffneten Augen zum Betrachter. Über dem geschlossenen Mund schmückt ein großer nach oben gezwirbelter Schnurrbart das Gesicht. Das von links oben auf den Kopf fallende Licht hebt die Stirn, die Mittelglatze und die linke Gesichtshälfte hervor. Auch sein Oberkörper ist leicht zur linken Seite geneigt, während sein linker Ellenbogen weit über eine schmale Armlehne hinausragt. Die abgewinkelte linke Hand weist mit dem hellbeleuchteten Rücken nach oben, während die Finger nach vorn herunterhängen. Der Knöchel des Zeigefingers weist durch seine Haltung auf ein kleines rotes Band am linken Revers der Jacke hin.Cecilia Lengefeld: Max Liebermann und Anders Zorn in Bernd Henningsen: Wahlverwandtschaft: Skandinavien und Deutschland 1800 bis 1914, S. 359 Dieser Farbakzent deutet auf Liebermanns Auszeichnung zum Ritter der französischen Ehrenlegion hin, den er bereits 1889 erhalten sollte, dessen Annahme aber erst 1896 von der preußischen Regierung erlaubt wurde. Auch in Zorns Selbstporträt von 1889 (Uffizien, Florenz) findet sich ein solches rotes Band am Revers – auch er war als Ritter der Ehrenlegion ausgezeichnet worden.Oliver Tostmann: Anders Zorn, a European artist seduces America, S. 128.

Im Gegensatz zum insgesamt eher dunklen Bildnis von Max Liebermann ist das Porträt seiner Frau in deutlich helleren freundlichen Farben gehalten. Zorn zeigt im Porträt Martha Liebermann die achtunddreißigjährige Künstlergattin als „charmante Grande Dame“, die im Palais Liebermann ihre „weltoffene Rolle als Gastgeberin“Cecilia Lengefeld: Max Liebermann und Anders Zorn in Bernd Henningsen: Wahlverwandtschaft: Skandinavien und Deutschland 1800 bis 1914, S. 358. gibt. Sie erscheint vor einem hellen grün-gelb-changierendem Hintergrund, der im flüchtigen Stil des Impressionismus eine Tapete oder einen Wandschirm andeuten könnte. Ein schmaler dunkler Streifen auf der linken Seite könnte einen Spiegel mit Blick in eine andere Zimmerecke oder einen Durchgang in ein Nachbarzimmer andeuten, wo sich eine Stuhllehne erahnen lässt. Davor ist die stehende Martha Liebermann etwas links von der Bildmittelachse als Halbporträt wiedergegeben. Sie hat ihren rechten Unterarm auf eine weiße Unterlage – möglicherweise eine Decke – abgestützt und hält die Hand nach unten. Die Finger sind angewinkelt, dabei kreuzen sich Daumen und Zeigefinger. Möglicherweise war diese Handhaltung eine Angewohnheit der Porträtierten, es könnte jedoch auch einen Redegestus unterstreichen, wie Erik Forssman vermutete. Martha Liebermann trägt ein elegantes schwarzes Tageskleid mit Keulenärmeln, wie sie der aktuellen Mode entsprachen.Martin Fass: Martha Liebermann, Lebensbilder, S. 11. Ein rechteckiger Halsausschnitt wird seitlich von einem samtenen Schalkragen gefasst, dessen Enden in zwei Schleifen münden. Im Ausschnitt hat sie einen weißen Seideneinsatz eingeköpft, dessen hoher Stehkragen den Hals völlig verdeckt. Mit ihrer konservativen Aufmachung in Schwarz und Weiß stimmt sie mit der Kleidung ihres Mannes überein. Das dunkle Kopfhaar ist zu einer enganliegenden Scheitelfrisur gekämmt, bei der die Ohren freiliegen. Das frontal wiedergegebene Gesicht wird von vorn beleuchtet, sodass sich dort nahezu keine Schattenpartien ergeben. Das Inkarnat ist rosig, die leuchtenden dunklen Augen erscheinen weit geöffnet, die Mundpartie deutet mit den zwischen den Lippen erkennbarem Weiß der Zähne ein Lächeln an. Für Martin Faass weist der „forsche, direkte Blick“ und der „Gestus der rechten Hand“ auf „die kluge Martha“ hin, die „dem Geschehen folgt“. Für die Kunsthistorikerin Margreet Nouwen ist Martha Liebermann in Zorns Bild „eine mondäne Femme fatale mit süffisant funkelnden Augen“.Margreet Nouwen: Marthas Muße, Maxens Muse, Liebermanns Bilder seiner Frau in Martin Faass: Martha Liebermann, Lebensbilder, S. 55. Cecilia Lengefeld sieht hingegen in „Zorns Porträt der weltgewandten Dame des Hauses“, eine Frau, die ihr „Gegenüber mit intelligentem, klaren Blick“ betrachtet. Erik Forssman hebt bei ihr einen „festen Blick, der den Betrachter festhält“ hervor und urteilt, das Porträt Martha Liebermann sei eines von Zorns besten Bildnissen. Vermutlich hat das Bild auch der Dargestellten gefallen, die mit den Porträts ihres Gatten häufig unzufrieden war.Martin Faass: Martha Liebermann, Lebensbilder, S. 12. Liebermann stellte seine Frau meist in Alltagssituationen dar, etwa beim Lesen, mit einer Näharbeit beschäftigt und gelegentlich auch als Schlafende.Cecilia Lengefeld: Max Liebermann und Anders Zorn in Bernd Henningsen: Wahlverwandtschaft: Skandinavien und Deutschland 1800 bis 1914, S. 362. Beispiel hiefür ist Liebermann Bildnis Die Gattin der Künstlers am Strand (Klassik Stiftung Weimar). Ganz anders erscheint sie bei Zorn, wo sie „vital und selbstbewusst“ dem Betrachter entgegentritt.

Bilder einer Künstlerfreundschaft Anders Zorn und Max Liebermann verband eine rund dreißigjährige Freundschaft, wobei nicht genau bekannt ist, wann sich die beiden Maler kennenlernten. Wahrscheinlich trafen sie sich erstmals in Paris, wo sich Liebermann wiederholt aufhielt und Zorn seit 1888 lebte. Sie teilten das Schicksal eines ausländischen Künstlers in Paris und die Bewunderung für die Malerei des Franzosen Édouard Manet und die Kunst seiner ImpressionistenfreundeCecilia Lengefeld: Anders Zorn und Max Liebermann, eine Freundschaft im Zeichen des Impressionismus in Alexander Bastek, Anna-Carola Krauße: Der schwedische Impressionist Anders Zorn: 1860 - 1920, S. 132. Zudem waren Liebermann und Zorn in Paris gleichermaßen erfolgreich: Beide Maler stellten ihre Werke im Salon de Paris und auf der Pariser Weltausstellung 1889 aus,Cecilia Lengefeld: Anders Zorn und Max Liebermann, eine Freundschaft im Zeichen des Impressionismus in Alexander Bastek, Anna-Carola Krauße: Der schwedische Impressionist Anders Zorn: 1860 - 1920, S. 131. beide verkauften Werke an den berühmten Operntenor und Kunstsammler Jean-Baptiste Faure und beide wurden zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.Max Liebermann erhielt jedoch erst 1896 von deutscher Seite die Erlaubnis, die Auszeichnung der Ehrenlegion anzunehmen, siehe Cecilia Lengefeld: Anders Zorn und Max Liebermann, eine Freundschaft im Zeichen des Impressionismus in Alexander Bastek, Anna-Carola Krauße: Der schwedische Impressionist Anders Zorn: 1860 - 1920, S. 135.