mini|Außenansicht vom Marktplatz Die evangelische Stadtkirche Freudenstadt ist die zentrale Kirche in Freudenstadt, einer Großen Kreisstadt im Landkreis Freudenstadt von Baden-Württemberg. Die Gesamtkirchengemeinde Freudenstadt gehört zum Kirchenbezirk Freudenstadt der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die Stadtkirche ist neben der St.-Concordia-Kirche in Ruhla die einzige von Anfang an so geplante und gebaute Winkelkirche in Deutschland.

mini|Gewinkelter Innenraum (2018) mini|Altar und Kanzel (2024) mini|„Dreizeilenplan“ für den Stadtgrundriss von Freudenstadt (1599); die Kirche, erkennbar an den Türmen, ist rechts unten am zentralen Platz eingezeichnet

Geographische Lage Die Kirche liegt in der südlichen Ecke des Marktplatzes von Freudenstadt und nimmt den Platz zwischen einem von Westen und einem von Süden kommenden Zugang zum Marktplatz ein. Lage und Position der Kirche orientierten sich einzig am symmetrischen Entwurf des Stadtaufbaus. Die Kirche ist daher nicht geostet, sondern der Altarbereich liegt im Südwesten des Gebäudes. An der diagonal gegenüberliegenden Ecke des Marktplatzes lag – ebenfalls als Winkelbau errichtet – der sogenannte Schickhardtbau, dessen Original ebenfalls 1945 zerstört wurde.

Geschichte mini|links|Erster Abdruck der Veringer-Predigt Auftraggeber für den Bau der Stadtkirche war der Gründer der Planstadt Freudenstadt, Herzog Friedrich I. von Württemberg. Die Grundsteinlegung der „in die langweilige Regelmäßigkeit der Stadt eingepaßt[en]“ Kirche erfolgte am 1. Mai 1601. Geplant und errichtet wurde die Stadtkirche von Elias Gunzenhäuser, von dem auch noch das Dachwerk stammte. Er starb 1606, wonach die Kirche von Heinrich Schickhardt fertiggestellt wurde.Christoph Seeger: „Es muß nicht immer Schickhardt sein!“ Zur Bedeutung Heinrich Schickhardts für den Kirchenbau in Württemberg zu Beginn des 17. Jahrhunderts. In: Robert Kretzschmar (Hg.): Neue Forschungen zu Heinrich Schickhardt (= Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B, Band 151). Stuttgart 2002, ISBN 3-17-017845-8, S. 111–143.Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche. Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen. Ubstadt 2025, S. 175, 176 – ISBN 978-3-95505-592-9. In der älteren Literatur wurde noch davon ausgegangen, dass die Anlage insgesamt von Heinrich Schickhardt stamme.So auch noch: Lindner, S. 2; Zimdars, S. 243; Jeffrey Chipps Smith: The Architecture of Faith: Lutheran and Jesuit Churches in Germany in the Early Seventeenth Century. In: Jan Harasimowicz (Hg.): Protestantischer Kirchenbau der Frühen Neuzeit in Europa. Grundlagen und neue Forschungskonzepte. Regensburg 2015, S. 170–173, der die Ergebnisse von Seeger nicht rezipiert. Wie allen anderen Gebäuden der inneren Zeile am Marktplatz waren auch der Kirche Arkaden vorgelagert. 1606 kaufte der Herzog eine bereits 1604 fertiggestellte Orgel des blinden Stuttgarter Orgelbauers Conrad Schott (1561–1631) und ließ sie an der Südwand einbauen. Der Termin der Einweihung der Kirche ist nicht bekannt, nur das Datum der ersten dokumentierten Predigt von Stadtpfarrer Andreas Veringer am 1. Mai 1608. Herzog Friedrich erlebte die Fertigstellung der Kirche vermutlich nicht mehr, denn er war bereits im Januar 1608 verstorben. Endgültig fertiggestellt war die Kirche erst nach Einweihung der Kanzel am 29. Januar 1614.

Verwüstungen im Dreißigjährigen Krieg und die darauffolgenden Jahre des Verfalls, als Freudenstadt durch Pest und Krieg beinahe alle Einwohner verloren hatte, machten erste Reparaturen nötig. Im Zuge des Wiederaufbaus Freudenstadts durch Herzog Eberhard III. wurden auf der West- und Südseite des Gebäudes im Jahr 1670 sechs starke Strebepfeiler vorgestellt.Lindner, S. 19. Blitzeinschläge in beide Türme Mitte des 18. Jahrhunderts gaben Veranlassung, im Jahr 1785 Blitzableiter anzubringen. mini|Innenraum um 1930 Die Schott-Orgel wurde 1848 abgebaut und durch ein Instrument von Carl Gottlieb Weigle ersetzt, das am Winkel zwischen den Kirchenschiffen auf der Empore aufgestellt war. Das Gehäuse der Schott-Orgel kam ins Stadtmuseum, wo es 1945 verbrannte.

Oberbaurat Karl von Sauter leitete von 1887 bis 1899 eine Komplettrenovierung der Kirche mit weiterhin farbiger und üppiger Ausstattung in neugotischem Stil. Dazu zählte auch Glasmalerei von Christian W. Anemüller (1885 linkes Südost-Fenster Auferstehung Christi) sowie Waldhausen & Ellenbeck (1897 rechtes Südost-Fenster Grablegung Jesu und 1899 linkes und rechtes Südwest-Fenster Geburt Jesu und Salbung Jesu). mini|hochkant|Kirche nach dem Artilleriebeschuss vom 16. April 1945 Die Stadtkirche wurde bei der Eroberung von Freudenstadt am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 stark beschädigt. Ein Teil der mobilen historischen Innenausstattung war vorher ausgelagert worden. Verloren gingen jedoch die Kanzel von 1614, der Altartisch, ein Chorgestühl, das Conrad Widmann 1488 für das Kloster Alpirsbach geschaffen hatte, die Emporenbrüstungen und das Gemeindegestühl, die Buntglasfenster und die Orgel, die sich auf der umlaufenden Empore zwischen den Kirchenschiffen befand.

Den Wiederaufbau von 1947 bis 1950 leitete Paul Heim jun. (1905–1988) zusammen mit Baurat Köber vom Staatlichen Hochbauamt Pforzheim. Auf die farbige Verglasung wurde dabei verzichtet – mit einer Ausnahme: der Innenraum in schlichteren Formen gestaltet, die Struktur der „Gewölberippen“ vereinfacht und die Decke höher und flacher angelegt. Das Äußere dagegen entspricht in etwa wieder dem ursprünglichen Erscheinungsbild.Zimdars, S. 243. Die Orgelbauer Weigle errichteten 1951 eine neue Orgel, deren 30 Register auf zwei Standorte verteilt waren. Da diese Konstruktion sich als unbefriedigend erwies, wurden 1981/82 zwei neue Orgeln eingebaut.

Seitdem fanden mehrere Innenrenovierungen und Umgestaltungen statt, so wurde 2003 der Altarraum leicht erhöht. Die letzte Renovierung erfolgte von 2019 bis 2021: Heizung und Elektrik wurden erneuert, der Innenraum erhielt einen neuen Anstrich und ein neuer Boden wurde verlegt. Eine Kamera für Live-Stream-Übertragungen wurde eingebaut.

Bauwerk Grundriss Die Kirche besteht aus rotem Buntsandstein. Der Grundriss ist L-förmig, was auch von Anfang an so geplant war, und weist damit die sehr seltene Bauform einer Winkelkirche auf. Die Wahl dieses Grundrisses ist vorwiegend der geometrischen Stadtplanung geschuldet, die – ohne dass dazu ein Straßenzug hätte verstellt werden müssen – eine Kirche dieser Größe im Stadtzentrum kaum anders zuließ.Lindner, S. 21.

Herzog Friedrich hatte ausdrücklich angeordnet, keine reine Renaissancekirche zu bauen. Mit dem dann verwirklichten Stilmix (Renaissanceportale, gotische Spitzbogenfenster, welsche Turmhauben mit mittelalterlichen Wasserspeiern) erhob der Bauherr einerseits den Anspruch, in der Tradition der „alten“ Kirche zu stehen,Lindner, S. 16. und knüpfte andererseits an die mittelalterliche Geschichte des Hauses Württemberg an. Gotische Architekturformen galten ja am Anfang des 17. Jahrhunderts als veraltet.

Äußeres mini|hochkant|Haupteingang im Uhrturm mit den Wappen Herzog Friedrich I. und seiner Frau, Sibylla von Anhalt

Jedem Kirchenschiff ist an der Schmalseite ein Kirchturm vorgestellt, dem südlichen Kirchenschiff der östlich gelegene Glocken- und dem westlich gelegenen Schiff der nördlich vorgelagerte Uhrturm. Die Türme sind etwa 50 m hoch. Die den Marktplatz umlaufenden Arkaden führt auch das Kirchengebäude weiter. Bemerkenswerte Skulpturen der Außenseite sind Bildtafeln von Georg Schmidt: Am Südschiff: Mose mit den in hebräischer Schrift beschrifteten Gesetzestafeln umgeben vom Tanz um das goldene Kalb, Salomos Thron, die Stiftshütte des Laubhüttenfests Am Westschiff (heute aus konservatorischen Gründen im Kircheninneren): die Schöpfungsgeschichte Über dem „Fürstenportal“, dem Haupteingang, am Uhrturm: das Wappen Württembergs (für Herzog Friedrich I.) und das Wappen Anhalts (für Sibylla von Anhalt, die Frau Friedrich I.)

Inneres Kanzel und Altar befinden sich im Winkel der beiden Flügel. So ist dieser Bereich von beiden Kirchenschiffen aus gleichermaßen gut einsehbar und nur von dort können die beiden Schiffe gleichermaßen eingesehen werden. Dagegen gibt es keinen Blickkontakt zwischen den beiden Schiffen. Auf Anweisung des Herzogs sollten die Geschlechter im Gottesdienst getrennt voneinander sitzen, um die Andacht zu befördern. Von dieser bis ins 19. Jahrhundert hinein üblichen Sitte zeugen die Bezeichnungen Frauenschiff und Herrenschiff.

Die Deckenkonstruktion über den Kirchenschiffen ist kein Gewölbe – obwohl sie diesen Eindruck erweckt –, sondern ein Hängewerk-Dachstuhl mit zwei daran abgehängten, flachen, leicht und aus Holz konstruierten, heute verputzten „Netzrippengewölben“. Die Krümmung dieses Gewölbes konnte damit extrem flach gehalten werden. Die von dem Bildhauer Hans Ludwig Pfeiffer geschaffenen „Schlusssteine“ sind mit emblematischen christlichen Symbolen verziert, die die ursprünglichen Wappen der württembergischen Städte und Klöster ersetzten, die sich bis zur Zerstörung 1945 an den Kreuzungen der Gewölberippen befunden hatten. Die Konsolen bilden siebzehn Engelsfiguren. Vor 1945 hing die Decke etwa 1,5 m tiefer als heute.Lindner, S. 15.

Ausstattung Herzog Friedrich I. ließ einen großen Teil der Kirchenausstattung für seine Neugründung aus anderen Kirchen, vor allem aus in der Reformation geschlossenen Klöstern, beschaffen. Die Kirche besitzt daher einige bedeutende mittelalterliche Ausstattungsstücke, die viel älter als die Kirche selbst sind: mini|hochkant|Romanischer Taufstein, 1100

Taufstein Der romanische Taufstein aus der Zeit um 1100 stammt vermutlich aus einer Kirche im Schwarzwald und wurde der Stadtkirche Freudenstadt durch ihren Gründer, Herzog Friedrich I. von Württemberg, überlassen. Er besteht aus rötlichem Buntsandstein, ist mit Reliefs tierischer und menschlicher Figuren verziert und wurde eventuell in der Alpirsbacher Bauhütte angefertigt.Vgl. Jan Ilas Bartusch: Der Freudenstädter Taufstein und das Bietenhausener Tympanon. Zwei frühe Steinmetzarbeiten der Alpirsbacher Klosterbauhütte. In: Zeitschrift für hohenzollerische Geschichte 51/52 (2015/16), S. 1–24.

Passend zu dem abgebildeten, eine Schlange ausspeienden Hirsch auf den Kuppa trägt er eine lateinische Inschrift in der Form eines Hexameters: EVOMIT INFUSUM HOMO CERVUS AB ANGUE VENENUM (= Wie der Hirsch speit der Mensch das von der Schlange eingeflößte Gift aus).Lindner, S. 7; Zimdars, S. 244. Nach – „Wie der Hirsch sich sehnt nach frischem Wasser, so sehnt sich meine Seele nach dir, o Gott“ – gilt der Hirsch als Symbol des sich nach Gott sehnenden Menschen. Ähnlich kann das Motiv auch von der frühchristlichen Naturlehre Physiologus abgeleitet werden, nach der der Hirsch Christus symbolisiert, der das als Schlange abgebildeten Böse besiegt. So erläutert auch ein Eintrag ins Freudenstädter Kirchenbuch diesen auf einem Taufbecken ungewöhnlichen Spruch:

Auch die übrigen Figuren auf der Kuppa stellen symbolisch den Sieg Christi über das Böse in der Taufe dar: Christus als Mann mit langen ZöpfenDie gelegentlich vorgenommene Deutung dieser Figur als die Frau aus ist aufgrund des Bartes unwahrscheinlich. würgt einen Drachen; ein Einhorn oder Stier und Löwe illustrieren – „Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der wilden Stiere!“ mini|hochkant|Romanisches Lesepult mit Evangelisten, 1150

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