al-Itqān fī ʿulūm al-Qurʾān () gilt als eines der berühmtesten und umfangreichsten Werke der Literaturgattung ʿUlūm al-Qurʾān (Koranwissenschaften). Dabei handelt es sich um Handbücher über die Gesamtheit der exegetischen Wissenschaften, die die verschiedenen Aspekte des koranischen Textes behandeln.Vgl. Krawulsky: Eine Einführung in die Koranwissenschaften. Bern u. a. 2006, S. 15. Siehe auch, Hāddschi Chalīfa: Kašf aẓ-ẓunūn ʿan asāmī al-kutub wa-l-funūn. Ed. Gustav Leberecht Flügel. Bd. VI. Leipzig 1852, Bd. I, S. 8 Der Verfasser des Werks ist Dschalāl ad-Dīn as-Suyūtī (1445–1505), ein ägyptischer Gelehrter und zugleich einer der produktivsten Schriftsteller der Mamlukenzeit, der Texte in fast jeder islamischen Wissenschaft verfasste. Bis heute gehört dieses Werk zu den populärsten Schriften der Koranforschung.Vgl. Çınar: Koranwissenschaften und Koranexegese: eine Einführung. Mannheim 2017, S. 28. Entsprechend der eigenen Klassifizierung seiner Werke steht al-Itqān an der Spitze der ersten Kategorie (insgesamt 18), die as-Suyūtī als „einzigartig“ bezeichnet.Vgl. as-Suyūṭī: at-Tahadduth bi-niʿmat Allah, E.M. Sartain (ed.), (University of Cambridge Oriental Publications 24), Cambridge 1975, S. 105. Darüber hinaus gehört al-Itqān zu den Werken as-Suyūtīs, die bereits zu seinen Lebzeiten Bekanntheit erlangten und sich außerhalb Ägyptens verbreiteten.Vgl. Sartain: Jalāl al-dīn al-Suyūṭī. i: Biography and background (University of Cambridge Oriental Publications 23), Cambridge 1975, S. 48.
Textzeugen und Editionsgeschichte
Dieses Buch ist in zahlreichen Handschriften überliefert. Darunter sind einige, welche zu Lebzeiten as-Suyūtīs erstellt wurden, insbesondere jene Handschrift in der Andhra Pradesh Government Oriental Manuscripts Library & Research Institute, Hyderabad. Letztere wurde von Dscharāmurd an-Nasirī erstellt und enthält eine handschriftliche Lizenz (iǧāza) von as-Suyūtī, welche auf Dhul qaʿda 883 d.H. (= Februar 1479 n. Chr.) datiert ist. Ein weiteres Manuskript, das zu Lebzeiten as-Suyūtīs geschrieben wurde, befindet sich in der Bibliothek von Damat İbrahim Pascha (gest. 1601) in Istanbul und wurde am 14. Muharram 883 d.H. (= 25. April 1478 n. Chr.) verfasst. In dieser findet sich auch die Information, dass as-Suyūtī seinen Originaltext am 13. Schawwāl 878 d.H. (= 24. März 1474) fertigstellte.Vgl. Die Einleitung zur Textedition von Mudschaʿ al-malik Fahd, 1426 d.H., S. 86, 90f und 105. Laut Ahmad al-Chāzindār und Muhammad Ibrāhīm asch-Schaybānī gibt es weitere Handschriften u. a. in der Library of Congress, Ägyptischen Nationalbibliothek sowie in Bibliotheken in Berlin, Leiden, Bagdad und Kuwait.Vgl. A. al-Chāzindār und M. Ibrāhīm asch-Schaibānī: Dalīl Machṭūtāṭ as-Suyūtī, Kuwait 1983 S. 29 f.; Brockelmann: Geschichte der arabischen Literatur. Leiden 1937. Supplement-Bd. II 145, S II 179. al-Itqān fī ʿulūm al-Qurʾān gilt als eines der frühesten gedruckten Bücher des arabischen Schrifttums. Dieser Text wurde mehrfach an verschiedenen Orten, vor allem in Kairo, ediert. Zu den ersten Ausgaben gehören jene Fassungen von Baptist Mission Press in Calcutta, 1852–1854, von Matbaʿat ʿUthmān ʿAbd ar-Razzāq in Kairo 1279/1862 und al-Matbaʿa al-Maimaniya (später al-Bābī al-Halabī) in Kairo 1317/1899. Ebenso wurde das Buch im Laufe des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts wiederholt herausgegeben. Hinzu kommen die Ausgaben der folgenden Verlage: Scharikat Maktabat wa Matbaʿat Muṣtafā al-Bābī al-Halabī wa Awlādu-hū, Kairo 1399/1979; Dār Ibn Kathīr in Damaskus 1407/1987 und Mudschaʿ al-malik Fahd in Medina 1426/2005.Vgl. Die Einleitung zur Textedition von Mudschaʿ al-malik Fahd, 1426 d.H., S. 70 ff. Letztere liegt der vorliegenden Darstellung dieses Werks zugrunde. Darüber hinaus wurde das Buch in verschiedene Sprachen übersetzt. Ins Urdu wurden gleich mehrere Übersetzungen angefertigt, z. B. im Jahre 1982 von dem Verlag Idarah Islamiyat in Lahore sowie von Darul Ishaat in Karachi. Eine englische Übersetzung der ersten 35 Kapitel hat den Titel The Perfect Guide to the Sciences of the Qur’an, die von Hamid Algar, Michael Schub und Ayman Abdel Haleem erstellt und 2011 von Garnet veröffentlicht wurde. Außerdem gibt es eine vollständige Übersetzung von Lagarde Michel ins Französische: Le parfait manuel des sciences coraniques al-Itqān fī ʿulūm al-Qurʾān de Ǧalāl ad-Dīn as-Suyūṭī: Présentation, Traduction et Annotation. (Texts and Studies on the Qur’ān.) xi, 714 S., ix, 715–1438 S. 2 vols. Leiden: Brill, 2018.
Textgeschichte In seiner Einleitung legt as-Suyūtī die Entstehungsgeschichte des Itqān dar. So erzählt er, dass er sich während seines Studiums darüber wunderte, dass es – im Unterschied zu den Hadithwissenschaften – an jeglichen Arbeiten seiner Vorgänger im Bereich der koranischen Wissenschaften fehlte. Zu jener Zeit wurde seine Aufmerksamkeit auf das Buch Mawāqiʿ al-ʿulūm fī mawāqiʿ al-nuǧūm von Dschalāl al-Dīn al-Bulqīnī (gest. 824/1421) gelenkt. Letzteres lobt as-Suyūtī, doch weist er darauf hin, dass das darin als Grundlage verwendete Material noch aufgearbeitet und erweitert werden müsse. Daraufhin verfasste er im Jahr 872/1467 at-Tahbīr fī ʿulūm at-tafsīr. Anschließend kam ihm die Idee, ein noch umfassenderes enzyklopädisches Werk zu erstellen, das alle denkbaren Aspekte zum Korantext abdeckt. Daraufhin erfuhr er von der Existenz eines früheren und umfassenderen Werks, das 47 koranische Wissenschaften behandelt, nämlich „al-Burhān fī ʿulūm al-Qurʾān“ von Badr ad-Dīn az-Zarkaschī (gest. 1392). As-Suyūtī brachte seine Freude über dessen Entdeckung zum Ausdruck und beschloss infolgedessen das von ihm zuvor bereits geplante Handbuch mit dem Titel al-Itqān fī ʿulūm al-Qurʾān zu erstellen. In diesem verspricht as-Suyūtī, dass es besser als jenes seines Vorgängers, al-Burhān, organisiert sein und zusätzliches Material enthalten werde. Außerdem sollte das Itqān eine theoretische Grundlage für einen umfangreichen Korankommentar mit dem Titel Maǧmaʿ al-Baḥrain wa maṭlaʿ al-badrain darstellen. Ferner wurden die meisten der in den einzelnen Kapiteln behandelten Themen des Itqān zum Gegenstand separater Werke gemacht.Vgl. al-Itqān fī ʿulūm al-Qurʾān, Bd. 1, S. 4 – 15. Siehe auch: McAuliffe, J.D., Exegetical sciences, in A. Rippin (Hrsg.): The Blackwell companion to the Qurʾān, London 2017, S. 496. Somit gilt das Itqān als der Höhepunkt einer Kette von vier Werken: al-Bulqīnīs Mawāqiʿ al-ʿulūm, as-Suyūtīs Tahbīr, al-Zarkaschīs Burhān und as-Suyūtīs Itqān.Vgl. S.R. Burge: al-Suyūṭī’s Taḥbīr and Itqān: A Comparison of his Chapters on Asbāb al-nuzūl, 2017, S. 143f.
Aufbau und Inhalt Das Buch ist in 80 Kapitel unterteilt, welche sich jeweils mit einer Disziplin der Koranwissenschaften befassen. Das Incipit lautet: al-Ḥamdu li-Llāhi llaḏī anzala ʿalā ʿabdi-hī l-Kitāba tabṣiratan li-ʾūlī l-Albāb. Inhaltlich können diese 80 Kapitel wiederum in die folgenden Themenkreise eingeordnet werden:Siehe dazu: Gilliot: "The traditional disciplines of Quranic Studies," in EQ, v. 2006, S. 330–335 und Krawulsky, D.: Eine Einführung in die Koranwissenschaften:ʿUlūm al-Qurʾān. Bern u. a., 2006, S., S. 46–64. Arten der Offenbarung (Kap. 1–16) Es geht hierbei im Allgemeinen um die Kategorisierung der Offenbarung bzw. der Herabsendung von Koranteilen nach bestimmten zeitlichen oder räumlichen Aspekten. al-Makkī wa-l-madanī: Hierbei vertritt as-Suyūtı̄ die Auffassung, dass die mekkanische Kategorie alle Koranteile umfasst, die vor der Auswanderung nach Yathrib (später Medina) im Jahre 622, egal ob in Mekka oder woanders, herabgesandt wurden; unter medinensisch versteht er dagegen alle Koranteile, welche nach der Auswanderung, egal ob in Medina oder woanders, herabgesandt wurden. Unterscheidet er zwischen mekkanischen und medinensischen Suren; al-Ḥadarī wa-s-safarī: D. h. Die Klassifizierung der Offenbarungen bzw. Koranteile hinsichtlich dessen, ob sie zu Hause oder unterwegs, wie während eines Feldzugs, herabgesandt wurden. Da der Koran mehrheitlich, so as-Suyūtı̄, am Wohnort des Propheten offenbart wurde, führt er ausschließlich Beispiele für Verse an, welche auf Reisen herabgesandt wurden (Vgl. S. 114); an-Nahārī wa-l-lailī: Die Unterteilung der Offenbarungen bzw. Koranteile nach der Tageszeit, sprich ob sie bei Tag oder in der Nacht herabgesandt wurden. Auch in diesem Fall liefert er lediglich Beispiele für in der Nacht herabgesandte Verse, da die meisten Teile des Korans bei Tag offenbart wurden (Vgl. S. 137). as-Saifī wa-š-šitāʾī: Eine Gliederung nach der Jahreszeit, d. h. ob eine Offenbarung im Winter oder Sommer herabgesandt wurde. al-Firāšī wa-n-nuwmī: Diese Aufteilung betrifft den Geisteszustand, in dem eine Offenbarung empfangen wurde, d. h. entweder wach oder im Schlaf, wofür der Autor ein einziges Beispiel, nämlich Sure 108:1–3 nennt; ar-Arḍī wa-s-samāʾī: Offenbarungen auf der Erde vs. solche im Himmel; Auwal mā nazal. Diese Disziplin untersucht die Chronologie der Offenbarungen, d. h. was zeitlich zuerst geoffenbart wurde, sowohl vom Korantext im Allgemeinen als auch zu einem bestimmten Thema (z. B. über Wein oder Nahrung); Āḫir mā nazal: Demgegenüber stehen die Koranteile, welche zuletzt offenbart wurden; Sabab an-nuzūl: Hierbei handelt es sich um die Anlässe der Offenbarungen; in diesem Kapitel behandelt as-Suyūtı̄ verschiedenen Fragen, wie ob bei der Normenableitung aus Koranversen, deren Offenbarung einen Anlass haben, der allgemeine Wortlaut (ʿumūm al-lafẓ) oder der spezifische Anlass (ḫuṣūṣ as-sabab) ausschlaggebend ist, wobei as-Suyūtı̄ für Ersteres plädiert; hinzu kommen Fälle, in denen es für einen einzigen Vers mehrere Offenbarungsanlässe oder umgekehrt gibt (vgl. S. 196 ff und 210 ff); Mā nazal ʿalā lisān baʿḍ aṣ-ṣahāba: D. h. Koranoffenbarungen in Überstimmung mit den Aussagen bzw. den Ansichten von einem der Gefährten, insbesondere jene von ʿUmar ibn al-Chattāb; Mā takrrara nuzūluh: Offenbarungen, die wiederholt wurden; Mā taʾaḫḫhar ḥukmuh ʿan nuzūlih wa-mā taʾaḫḫhar nuzūluh ʿan ḥukmih: Damit sind Offenbarungen gemeint, die Rechtsregeln enthalten, welche nicht sofort angewendet wurden, oder Offenbarungen, die nach der Anwendung einer Rechtsregel offenbart wurden; Mā nazala mufarraqan wa-mā nazala ǧamʿan: Die Koranoffenbarungen, die als einzelne Verse – was laut as-Suyūtı̄ oft der Fall war – oder als ganze Suren herabgesandt wurden; Mā nazala mušaiyaʿan wa-mā nazala mufradan: Hierbei ist von Interesse, welche Koranteile in Begleitung von Engeln oder unbegleitet herabgesandt wurden; Mā nazala minhu ʿalā baʿd al-anbiyāʾ wa-mā lam yanzil minhu ʿalā aḥadin qabla an-Nabī: D. h. was vom Koran bereits auf einen früheren Propheten oder aber vor dem Propheten noch auf niemanden herabgesandt worden war; Fī kaifīyat inzālih: Hierbei werden die Modalitäten der Offenbarung erörtert.
Sammlung und Weitergabe des Korans (Kap. 17–27) As-Suyūtı̄ schließt daran anknüpfend mehrere Kapitel an, die sich mit der Geschichte der Sammlung des Korans sowie mit der Überlieferung seiner Lesarten befassen und die Zuverlässigkeit verschiedener Lesarten bewerten. Fī maʿrifat asmāʾih wa asmāʾ suwarih: Die Namen des Offenbarungstextes, wie qurʾān, furqān, kalām, dhikr usw. und der verschiedenen Namen seiner Suren; Fī dschamʿih wa tartībih: Dabei geht es um die Geschichte der Sammlung des koranischen Textes und die Anordnung seiner Suren; Fī ʿadad suwarih wa ayātih wa kalimātih wa hurūfih: D. h. die Anzahl der Suren, Verse, Wörter und Buchstaben des Korans; Fī maʿrifat huffāzih wa ruwātih: Hier kommt er auf die berühmten Koranrezitatoren der Prophetengefährten zu sprechen; - 27.: Diese Kapitel erörtern die Kriterien der Zuverlässigkeit und die daraus resultierende Bewertung der verschiedenen Überlieferungsketten – durch welche verschiedene koranische Lesearten übermittelt wurden – als z. B. muwtātir, ahād, schādh oder mawdūʿ.
Die Koranrezitation (Kap. 28–35)