mini|Abbau der Sorte „Bianco Gioia“ des Carrara-Marmors bei Carrara, 2010 mini|Logo NO CAV

Als No Cav wird eine Sammelungsbewegung aus Vereinen und Bürgergruppen in Italien bezeichnet, die den Abbau von Carrara-Marmor in den Steinbrüchen um Carrara in den Apuanischen Alpen kritisieren.

Diese ökologische Bewegung ist keine reine Protestbewegung, sondern betreibt fundierte Analysen, mit denen sie ihre Forderungen und Vorschläge entwickelt. Die No Cav-Bewegung setzt sich aus der Zivilgesellschaft mit Bürgerinitiativen, Vereinen, Parteien und Einzelpersonen zusammen. Neben ökologischen Themen nimmt sie auch soziale Themen wie die Situation der Steinbrucharbeiter auf. Die Bewegung ist innerhalb Italiens wie auch international bekannt und vernetzt. In Deutschland ist das Umweltproblem des Marmorabbaus in den Apuanischen Alpen durch Fernsehfilme über Carrara-Marmor und seine Steinbrüche in jüngster Vergangenheit bekannt geworden.

Name und Symbol

Der Begriff „No Cav“, eine Abkürzung für „“ (sinngemäß: Keine Steinbrüche), wurde erstmals 2014 in einem Artikel der toskanischen Tageszeitung Il Tirreno als Bezeichnung für die Aktivisten verwendet, die an einer Demonstration des Komitees (Lasst uns die Apuanische Alpen retten) teilgenommen hatten. Das No-Cav-Symbol besteht aus einer stilisierten schwarz-weißen Darstellung des Vara-Viadukts, das die Carrara-Marmorbahn für den Rohblöcke-Transport nutzte. Dieses Brückensymbol wird von einem großen roten X durchgestrichen. Darüber befindet sich der ebenfalls rote Schriftzug in Majuskeln „NO CAV“ auf weißem Grund. Dieses Banner ähnelt in seiner grafischen Gestaltung und Farbe dem Banner der „No-TAV-Bewegung“, die sich seit 2005 gegen das Eisenbahnprojekt Turin–Lyon in Oberitalien engagiert. Das No-Cav-Symbol tauchte erstmals im Jahr 2020 bei einer Demonstration des Umweltschützers Gianluca Briccolani auf, der im folgenden Jahr zusammen mit Claudio Grandi und anderen den Verein (Apuanische Freiheit) gegründet hat.

Das Symbol und die inhaltliche Bestimmung von „No Cav“ werden weder von allen Gruppen der Bewegung verwendet noch von allen akzeptiert. Viele ziehen es stattdessen vor, sich begrifflich in anderer Form zu definieren.

Umweltschutzprojekt mini|No Cav-Slogan an einer Wand in Carrara, 2021 mini|Basta-Cave-Slogan auf Verkehrsschild

Das No-Cav-Phänomen ist Forschungsverzeichnis „Global Environmental Justice Atlas“ der Autonomen Universität Barcelona aufgeführt und wird als „proaktiver Konflikt zugunsten nachhaltiger Alternativen“ eingestuft. Im Laufe der Jahre ist es den Umweltschützern gelungen, in der Zivilgesellschaft eine breite Meinungsbewegung zu entwickeln, die für die Frage des Schutzes der Apuanische Alpen sensibilisiert ist. Zu den von den No-Cav-Aktivisten angewandten Initiativen gehören Demonstrationen, Märsche, Petitionen an regionale und überregionale Behörden, Parlamente und politische Organe, Demonstrationen bei überregionalen Sportereignissen, wie dem Giro d’Italia 2021 oder auf dem Gipfel des Mont Blanc, Straßenblockaden und Demonstrationen bei Gerichtsverfahren und politische Initiativen auf lokaler, regionaler und nationaler sowie europäischer Ebene. Ziel dieser Aktionen ist die Sensibilisierung der Öffentlichkeit sowie die Ausübung von Druck auf Wirtschaft und Politik.

Zu den Slogans, die auf den Demonstrationen zu hören waren, gehörten neben No Cav: Basta cave (= Keine Steinbrüche mehr), Giù le mani dalla montagna (Hände weg vom Berg), Fermiamo la devastazione delle Alpi Apuane (Stoppt die Verwüstung der Apuanischen Alpen), Help Apuan Alps (Hilf den Apuanischen Alpen), Le cave uccidono il passato e il futuro (Steinbrüche töten die Vergangenheit und die Zukunft), Excavation: devastation (Abbau: Verwüstung) und andere.

Darüber hinaus hat die No-Cav-Bewegung zeitweise auch Umwelt- und Landschaftsschutzinitiativen, die nicht direkt mit der apuanischen Sache zusammenhängen, unterstützt.

Verbindungen mini|Logo der Gruppe No Cav Athamanta an einer Wand in Carrara, 2021

Zahlreiche und unterschiedliche Gruppen engagieren seit Jahren gegen den intensiven Bergbau in den Apuanischen Alpen:

Umweltverbände, wie zum Beispiel Legambiente, Gruppo d’Intervento Giuridico, WWF, Extinction Rebellion, Sea Shepherd, Amici della Terra, Apuane Libere, und andere Höhlen- und Bergsteigergruppen, darunter Club Alpino Italiano, Mountain Wilderness und Federazione Italiana Escursionismo Landschaftsschutzverbände wie Italia Nostra und Fondo Ambiente Italiano Ausschüsse und Bewegungen wie Salviamo le Apuane, Rete dei Comitati per la difesa del territorio, Assemblea Permanente Carrara und Fridays for Future Kollektive und Dorfgemeinschaftshäuser wie Athamanta (benannt nach Athamanta di Corti, einer in den Apuani endemischen, vom Aussterben bedrohten Pflanze) religiös inspirierte Gruppen wie Accademia Apuana della Pace soziokulturelle Vereinigungen wie Arci Verbände, die sich nicht direkt mit Umwelt- oder Landschaftsfragen befassen, wie z. B. Slow Food, Giros und andere Bürger, die keiner Vereinigung angehören, aber die Sache durch ihre Teilnahme an No-Cav-Initiativen unterstützen

Zahlreiche italienische Intellektuelle und Persönlichkeiten setzen sich für den Schutz der Apuanischen Alpen ein. Dazu gehören: Andrea Camilleri, Moni Ovadia, Salvatore Settis, Adriano Prosperi, Paolo Maddalena, Tomaso Montanari, Roberta De Monticelli, Maurizio Maggiani, Mario Perrotta, Alberto Asor Rosa, Paolo Cognetti (der erklärte, er sei „wirklich untröstlich, aber auch wütend für die Situation der Apuanischen Alpen“), Enzo Fileno Carabba, Angelo Baracca, Vittorio Emiliani, Edoardo Salzano, Pancho Pardi, Alessandro Gogna, Claudio Lombardi, Alberto Magnaghi, Andrea Lanfri (der als Fürsprecher für eine große No-Cav-Veranstaltung im Jahr 2021 engagiert hatte) und Rossano Ercolini. Der Karikaturist Sergio Staino hat eine Karikatur zu diesem Thema gezeichnet. In den späten 2000er und frühen 2010er Jahren vertrat Beppe Grillo ebenfalls Positionen, die denen von No Cav nahe waren.

Die No-Cav-Kampagne wirkt auch über Italiens Landesgrenzen hinaus, insbesondere in Deutschland findet die Bewegung Anhänger. Internationale Persönlichkeiten, wie Vandana Shiva und Raul Zibechi, vertreten Positionen, die denen von No Cav nahe sind. Auf politischer Ebene wurde das unbequeme Thema der Schließung von Steinbrüchen von den Parteien häufig ignoriert. Ausnahmen bilden die Parteien Rifondazione Comunista, Potere al Popolo und einzelne Politiker wie Pietro Ichino und Tommaso Fattori, die sich für No Cav einsetzten. Erst 2021 nahm die Partei Europa Verde unter der Führung von Eros Tetti die Schließung von Steinbrüchen im regionalen Naturpark Apuanische Alpen in ihr Programm auf.

Geschichte Bergbau in den Apuanischen Alpen mini|Die Steinbrüche von Campocecina aus gesehen und ihr Einfluss auf die Morphologie des Gebiets

Die Steinbrüche in den Apuanischen Alpen gab es wahrscheinlich schon in der Eisenzeit und wurden von den Ligurern genutzt. Die eigentliche Steinbruchtätigkeit entwickelte sich erst in der Römerzeit und erlebte ihren größten Aufschwung unter Gaius Iulius Caesar. Von den ältesten Steinbrüchen, die in den Becken von Torano, Miseglia und Colonnata liegen, sind kaum noch historische Spuren erhalten, weil die Bergbautätigkeit im Laufe der Jahrhunderte diese Spuren vernichtet hat. Dies gilt auch für Steinbrüche wie Polvaccio und Mandria (Torano) und Canalgrande (Miseglia). Die Steinbrüche von La Tagliata (Miseglia) und Fossacava (Colonnata) werden noch genutzt. Sie sind aus historisch-archäologischer und touristischer Sicht jedoch uninteressant.Zu den antiken Steinbrüchen in der Region Lunigiana siehe insbesondere Ein weiterer Steinbruch, dessen Ursprung antiken Ursprungs ist, ist die sogenannte Cava Romana di Forno bei Massa. Das Umweltverträglichkeitszertifikat dieses Steinbruchs wurde 2017 wegen Umweltverstößen nicht erneuert.

Der Höhepunkt des Marmor-Abbaus wurde in der Renaissance erreicht. Auch Michelangelo nutze den Carrara-Marmor und suchte seine marmornen Blöcke dort selbst aus. Zwischen dem Ende des 18. und 19. Jahrhunderts kam es zu einem raschen Anstieg der Steinbrüche, die sich allmählich zunehmend in den Händen einiger weniger Großkonzessionäre befinden. Die damit verbundene „Industrialisierung“ des Bergbaus, zog zahlreiche Arbeitskräfte aus den Berggemeinden an und ließ sie aus ihrer traditionellen Tätigkeit in der Land- und Weidewirtschaft in den Bergbau abwandern. Aus dieser Zeit stammt auch der Bau der Carrara-Marmorbahn, aus der heute die Stadterneuerungsprojekte und der Hafen von Carrara resultieren. Dieser Prozess setzte sich bis ins 20. Jahrhundert hinein mit dem Bau von Transportwegen für den Marmor wie der Abzweigung der Balzone-Seilbahn im Jahr 1907 und der Abzweigung der Versilia-Straßenbahn, die 1923 eingeweiht wurde, nach Arni fort.

Neben dem Marmor wurden früher auch Mangan, Quecksilber, Eisen, Pyrit, Magnesit, Dolomit und andere Erze und Mineralien abgebaut. Im Jahr 2015 wurde eine schwere Thalliumvergiftung des Grundwassers von Pietrasanta festgestellt. Dieses hochgiftige wasserlösliche Schwermetallcarbonat soll aus drei Bergbauen von Valdicastello stammen, die in den 1980er Jahren aufgegeben und nie entgiftet bzw. rekultiviert wurden.

In den letzten Jahrzehnten hat die Bergbautätigkeit überproportional zugenommen: „In den letzten 20 Jahren wurde hier mehr abgebaut als in zweitausend Jahren Geschichte“, so das Magazin Focus. Allerdings berichtet der Corriere della Sera, dass die Zahl der direkt in den Steinbrüchen Beschäftigten von 16.000 in den 1950er Jahren auf heute etwa 1.000 gesunken sei.

Schutz der Apuanischen Alpen mini|Marmettola (Marmorstaub) im Fluss Carrione, Carrara, 2021

Nach einer Unterschriftensammlung, die viele Jahre zuvor begonnen hatte, und der Vorlage eines Gesetzes über eine Volksinitiative im Jahr 1978 gründete die Region Toskana 1985 den Regionalen Naturpark Apuanische Alpen. Mit dem Regionalgesetz 65/1997 wurde der Umfang des Gebietes im Jahr 1997 von etwa 54.000 Hektar auf derzeit 20.598 Hektar reduziert, um die Marmorbrüche als „zusammenhängende Gebiete“ zu schützen („aree contigue“) und eingestuft wurden. Dank dieser Neueinstufung wies der Staatsrat im Jahr 2021 den Einspruch von Umweltverbänden gegen die Wiedereröffnung von Steinbrüchen in diesen Gebieten zurück, sofern sie nicht mit Schutzgebieten wie FFH-Gebiet, SIR oder Vogelschutzrichtlinie im Widerspruch stehen.

Bereits in den 1980er Jahren gab es jedoch Initiativen von Umweltschützern, die in den 1990er Jahren zur Schließung der Dolomia-Steinbrüche in Forno führten, ein Ortsteil von Massa. Seit dem Jahr 2000 gibt es Einsprüche von Umweltverbänden gegen die apuanische Marmorindustrie.

Im Jahr 2000 wurde durch ein noch heute gültiges nationales Gesetz die Einrichtung des Parco Archeominerario delle Alpi Apuane (Archäologie- und Bergbaupark der Apuanischen Alpen) beschlossen, um die Zeugnisse der antiken Bergbautätigkeit vor der aktuellen Bergbautätigkeit zu schützen. Die tatsächliche Einrichtung des Parks wurde jedoch trotz der positiven Stellungnahmen der lokalen Behörden seit 2006 ausgesetzt. Um diese Entwicklung zu dokumentieren, hat der Regionale Naturpark Apuanische Alpen im Jahr 2003 das Sistema museale di archeologia mineraria delle Alpi Apuane (Museumssystem der Bergbauarchäologie der Apuanischen Alpen) eingerichtet.