Das Pilotprojekt Grundeinkommen war die erste wissenschaftliche Langzeitstudie zur Wirkung eines Grundeinkommens in Deutschland des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin, der Wirtschaftsuniversität Wien und des Vereins Mein Grundeinkommen. In der Studie wurde untersucht, was sich für Menschen verändert, wenn sie über drei Jahre ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten.
Ziele Die Studie untersuchte, ob sich durch die regelmäßige und bedingungslose Auszahlung eines Geldbetrags über drei Jahre messbare Veränderungen im Verhalten, in den Einstellungen und in den Lebensumständen der Teilnehmenden zeigen. Darüber hinaus sollte geprüft werden, ob die individuellen Erfahrungen aus den bisherigen Grundeinkommensverlosungen, die der Verein Mein Grundeinkommen e.V. seit mehreren Jahren durchführt, auch statistisch nachweisbar sind.
Im Vorfeld formulierte der Verein sechs Themenfelder in Form von Annahmen, in denen mögliche Auswirkungen eines Grundeinkommens erwartet wurden: Gesundheit, digitale Transformation, Arbeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Demokratie und Umwelt.
Der erste Bereich betraf die Gesundheit und ging von der Annahme aus, dass ein regelmäßiges Einkommen vor Existenzängsten schützt, Stress mindert und die Lebenszufriedenheit erhöht.Kein Rauskommen. In: Pilotprojekt Grundeinkommen Magazin, S. 14–26. Im Bereich der digitalen Transformation wurde angenommen, dass ein Grundeinkommen Menschen helfen könnte, sich besser an den Wandel der Arbeitswelt anzupassen und neue Tätigkeitsfelder zu erschließen.Digital-Fahrt. In: Pilotprojekt Grundeinkommen Magazin, S. 28–36. Beim Thema Arbeit wurde untersucht, ob eine finanzielle Absicherung dazu führt, dass Menschen Tätigkeiten wählen, die sie als sinnvoller oder kreativer empfinden.Arbeit: ja. Portmo: nee. In: Pilotprojekt Grundeinkommen Magazin, S. 38–50. Der Aspekt des gesellschaftlichen Zusammenhalts betraf die Annahme, dass ein Grundeinkommen das Gemeinschaftsgefühl stärken und Konkurrenzdenken verringern könnte.Eine neue deutsche Teilung. In: Pilotprojekt Grundeinkommen Magazin, S. 52–64. Hinsichtlich der Demokratie wurde vermutet, dass finanzielle Sicherheit das Vertrauen in Institutionen erhöhen und populistischen Tendenzen entgegenwirken kann.Kein Land in Sicht. In: Pilotprojekt Grundeinkommen Magazin, S. 66–74. Der letzte Bereich betraf die Umwelt und sollte herausfinden, ob Menschen, die ein Grundeinkommen erhalten, sich umweltfreundlicher und klimabewusster verhalten.Das ist doch Müll. In: Pilotprojekt Grundeinkommen Magazin, S. 76–84. Diese Annahmen entstanden vor Beginn der wissenschaftlichen Kooperation. Im weiteren Verlauf wurde das Forschungsinteresse durch die beteiligten Forschenden präzisiert, sodass nicht alle Annahmen empirisch untersucht wurden.
Das Pilotprojekt war eine Kooperation des Vereins Mein Grundeinkommen e.V., des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin und der Wirtschaftsuniversität Wien. Die Studie war keine Auftragsforschung, sondern schloss an die Forschung des DIW Berlin an. Außerdem wurde sie von Wissenschaftlern der Oxford University, der Universität zu Köln und der Frankfurt School of Finance und Management durch psychologische und verhaltensökonomische Forschung begleitet.
Beteiligte Forschende waren Jürgen Schupp (DIW Berlin), Sandra Bohmann (DIW Berlin), Susann Fiedler (Wirtschaftsuniversität Wien), Frederik Schwerter (Frankfurt School of Finance & Management und Universität zu Köln), Maximilian Kasy (University of Oxford), und Sarah Bernhard (IAB).
Methodik
Studie 1 Die Studie hatte insgesamt 1.702 Teilnehmer, die in zwei Gruppen eingeteilt wurden. Eine Gruppe von 122 Teilnehmern erhielt für drei Jahre jeweils 1.200 Euro Grundeinkommen monatlich, das nicht versteuert werden musste. 107 Teilnehmende flossen davon in die quantitative Auswertung ein. Die übrigen Teilnehmenden bildeten die Vergleichsgruppe und erhielten kein Grundeinkommen. Finanziert wurden diese Grundeinkommen von über 200.000 privaten Spendern. Der Betrag des ausgezahlten Grundeinkommens orientierte sich an der Armutsgefährdungsgrenze in Deutschland und lag etwas über dem Betrag, ab welchem die Möglichkeit zur Lebenserhaltung und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben eingeschränkt ist.
Ab dem 18. August 2020 begann die Bewerbungsphase für die Studie, die mit 2,1 Millionen Bewerbungen abgeschlossen wurde.Keine Schmerzen mehr. In: Bonner General-Anzeiger, Nr. 40101 vom 11. Juni 2021, S. 61. Die Bewerbenden mussten lediglich die Voraussetzungen erfüllen, in Deutschland wohnhaft gemeldet und mindestens 18 Jahre alt zu sein. Sie mussten keine Bedürftigkeit nachweisen. Die einzige Forderung an die Bezieher des Grundeinkommens bestand darin, innerhalb der dreijährigen Studienzeit insgesamt acht Online-Fragebögen auszufüllen. Danach wurden durch einen Vergleich mit Daten des statistischen Bundesamtes Bewerber ausgewählt, die sich für das Forschungsinteresse am besten eigneten. Ausgewählt wurden ausschließlich Personen aus Ein-Personen-Haushalten im Alter von 21 bis 40 Jahren, die ein monatliches Einkommen zwischen 1.100 und 2.600 Euro hatten. Die Auswahl wurde damit begründet, dass die Gruppe so groß sei und bundesweit so verteilt, dass man repräsentative Schlüsse für den entsprechenden Teil der in Deutschland lebenden Bevölkerung ableiten könne, so Jürgen Schupp vom DIW. Zudem würden in dieser Altersgruppe wichtige Lebensentscheidungen getroffen hinsichtlich Familien- und Karriereplanung und es sei von Interesse, ob das BGE Einfluss darauf hätte. Der Auswahlprozess wurde am 12. Januar 2021 abgeschlossen.
Aus der ausgewählten Personengruppe wurden anschließend per Zufall 122 der Grundeinkommensgruppe und 1.580 der Vergleichsgruppe zugeordnet. Die Teilnehmer der Vergleichsgruppe erhielten kein Grundeinkommen, jedoch eine Aufwandsentschädigung und hatten die Chance, in die Grundeinkommensgruppe nachzurücken. Sie mussten ebenfalls alle sechs Monate einen Fragebogen ausfüllen.
Die Auszahlung der monatlichen Grundeinkommen in Höhe von 1.200 Euro begann im Juni 2021 und markierte den Start der Erhebungsphase der Studie. Die Teilnehmenden beantworteten im Verlauf des Projekts in halbjährlichen Abständen Online-Fragebögen, mit denen verschiedene Lebensbereiche erfasst wurden, darunter finanzielle Lage, Erwerbstätigkeit, psychisches Wohlbefinden und gesellschaftliche Teilhabe. Auf die anfängliche Befragung folgten insgesamt sieben weitere Erhebungen. Der Vergleich der Ergebnisse zwischen der Gruppe mit Grundeinkommen und der Kontrollgruppe ermöglichte Rückschlüsse auf die Wirkung der monatlichen Zahlungen.
Neben den Online-Fragebögen wurden in der Erhebungsphase mit einigen Teilnehmern optional ebenfalls Tiefeninterviews geführt und Haarproben zur Analyse des Stresslevels ausgewertet. Die Auswertungsstichprobe war jedoch zu klein, wodurch keine qualitative Datenmessung sichergestellt werden konnte. Daher wurde die Haarprobenanalysen letztendlich nicht in die Auswertung einbezogen.
Studienergebnisse Die quantitativen Kernbefunde des Forschungsprojektes wurden im April 2025 in Form eines DIW-Wochenberichts veröffentlicht.
Die Teilnehmenden mit Grundeinkommen sparten im Durchschnitt mehr als ein Drittel der erhaltenen Zahlungen und gaben rund acht Prozent für wohltätige Zwecke oder zur Unterstützung von Familie und Freundeskreis aus. Etwa die Hälfte der Beträge wurde für Konsumausgaben verwendet. Die Empfänger verbrachten im Vergleich zur Kontrollgruppe mehr Zeit mit sozialen Kontakten, zeigten jedoch keine signifikanten Veränderungen beim Umfang ihrer Erwerbstätigkeit oder bei den geleisteten Arbeitsstunden. Ein Rückzug aus dem Arbeitsmarkt wurde nicht festgestellt.
Nach Angaben der Forschenden ergab sich auch kein signifikanter Unterschied in Beschäftigungsquoten oder Arbeitslosigkeit zwischen den Gruppen. Es zeigte sich lediglich ein leichter, statistisch nicht gesicherter Anstieg der Teilzeitbeschäftigung und eine geringfügige Zunahme der Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen. Im Durchschnitt arbeiteten die Empfänger 40 Stunden wöchentlich.
Deutlich nachweisbar waren hingegen positive Effekte auf die mentale Gesundheit und das subjektive Wohlbefinden. Die allgemeine Lebenszufriedenheit, die Zufriedenheit mit Einkommen, Freizeit und Gesundheit sowie das Empfinden von Sinnhaftigkeit und Autonomie nahmen signifikant zu. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass bedingungslose Geldzahlungen das Wohlbefinden der Teilnehmenden verbessern, ohne ihre Arbeitsmarktaktivität zu verringern.
Debatte Anlass des Pilotprojekts ist eine politische und auch schon seit Jahrzehnten philosophisch weltweit geführte Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen. Viele Kritiker befürchten, dass ein solches Grundeinkommen die Menschen dazu animieren würde, weniger zu arbeiten. Dadurch nähme der ohnehin schon bestehende Mangel an Arbeitskräften zu, während die Steuer- und Sozialeinnahmen sänken und gleichzeitig die Ausgaben für das Grundeinkommen explodierten. Befürworter argumentieren jedoch, dass der deutsche Sozialstaat dringend reformiert werden müsse und ein Experiment wie dieses wichtige Erkenntnisse hierzu liefern könne.Alexander Spermann: Ein lohnendes Experiment zum Grundeinkommen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 207 vom 5. September 2020, S. 18.
Politik Dass die Debatte zuletzt weiter an Relevanz gewann, zeigt sich vor allem an der wachsenden Aufmerksamkeit durch Regierungsberater. Diese sehen das Grundeinkommen aber oft kritisch. So kam der Wissenschaftliche Beirat des Bundesfinanzamtes in einer Studie von 2021 zu dem Schluss, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden deutschen Bürger rund 900 Milliarden Euro jährlich kosten würde, selbst wenn man andere Sozialleistungen gegenrechne. Um das finanzieren zu können, müssten die Steuern stark steigen und die Leistungsträger würden das Land verlassen, befürchten die Mitglieder des Beirats und sind der Meinung, dass das Grundeinkommen wegen der Finanzierung nicht umsetzbar wäre.Christian Kerl: 1200 Euro für jeden? In: Hamburger Abendblatt vom 3. September 2021, S. 5. Eine Mikrosimulationsstudie des DIW Berlin 2023 ergibt, dass eine Finanzierung des Grundeinkommens möglich sei und zeigt, dass das Bedingungslose Grundeinkommen effektiv eine Steuersenkung für die große Mehrheit der Bevölkerung bedeutet. Allen Bürgern Deutschlands ein Grundeinkommen von monatlich 1.200 EUR zu zahlen, kostet 1,105 Billionen Euro pro Jahr: 75 Prozent dieser Summe refinanzieren sich laut der Berechnung des DIW Berlins selbst. Nur um das fehlende Viertel des Grundeinkommens zu finanzieren, sind neue Steuern notwendig. Für die Finanzierung des Grundeinkommens stiegen die Steuern auf Einkommen und es wären gleichzeitig auch neue Steuern notwendig. Diese Steuererhöhungen würden sich auf die obersten 10 Prozent der Bevölkerung auswirken. Bei diesen stiege der effektive Steuersatz durchschnittlich um 5 Prozent. Damit hätten 83 Prozent aller Menschen in Deutschland mehr Geld zur Verfügung als heute.
Einige Kritiker schlagen auch vor, dass man besser Veränderungen im Sozialsystem vornehmen solle, als ein Grundeinkommen einzuführen.
Politische Sympathie findet die Idee des BGE in der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Diese hat bereits auf ihrem Parteitag 2020 in ihr Grundsatzprogramm aufgenommen, sich an der Idee des BGE zu orientieren.
Bevölkerung Umfragen zufolge ist jedoch ein Großteil der deutschen Bevölkerung für die Einführung eines Grundeinkommens. Etwa die Hälfte der Menschen hegt zumindest Sympathien dafür. Als Chance gesehen wird das Grundeinkommen gerade auch für Menschen, die bisher nicht durch ein akzeptables Verfahren der Existenzsicherung geschützt sind, wie z. B. Selbstständige.Hannes Koch: Nur eine schöne Idee. In: taz.die tageszeitung vom 2. Juni 2021. Aus repräsentativen Umfragen ist außerdem bekannt, dass die Zustimmung zum Grundeinkommen mit jungem Alter, hoher Bildung und niedrigem Einkommen einhergeht.