Sulpicia die Ältere war eine römische Dichterin (um 54 bis 19 v. Chr.), Tochter des Servius Sulpicius Rufus, Nichte des Marcus Valerius Messalla Corvinus. Sie war vermutlich Teil des Dichterkreises um ihren Onkel Messalla, zu dem auch Tibull und Ovid gehörten.

Zusammen mit den Elegien Tibulls sind sechs kürzere, epigrammartige Gedichte Sulpicias in elegischen Distichen erhalten (Corpus Tibullianum III 13–18), in denen sie von ihrer Liebe zu einem gewissen Cerinthus erzählt, der möglicherweise mit Cornutus, einem Freund Tibulls (Tibull II 2 und 3), identisch ist. Die kunstvoll gestaltete, scheinbare Spontaneität ihrer Verse bei gleichzeitiger metrischer Strenge zeugt von großem Talent, das trotz des kleinen überlieferten Werks von nur sechs Texten bzw. Fragmenten deutlich hervor tritt. So, wie Texte von Frauen anders bewertet werden als die männlicher Autoren nahm man lange an, dass „die Sprache der Verse stellenweise umgangssprachlich und etwas unbeholfen und erweckt damit den Anschein, dass hier ein junges, in der Dichtkunst ungeübtes Mädchen unmittelbar seinen Gefühlen Ausdruck“ verleihen würde. Allerdings entspricht dies durchaus der Tradition römischer Epigramme, wie sie bereits bei Catull zu erkennen ist, so dass auch die kunstlose Spontaneität der Sulpicia-Gedichte in Wahrheit eine sorgfältige dichterische Stilisierung darstellen könnte.

Bemerkenswert sind auch die den Sulpicia-Gedichten vorangehenden Elegien in der Sammlung des Corpus Tibullianum (III 8–12), die ihre Beziehung zu Cerinthus aus der Sicht eines Dritten schildern und damit gleichsam eine Einleitung zu ihren Gedichten bilden. In der Forschung wurde daher gelegentlich angenommen, dass auch die Gedichte Sulpicias nicht von ihr selbst, sondern von diesem unbekannten Dichter stammen, der dieselbe Thematik aus unterschiedlichen Blickwinkeln poetisch darstellt. Ein Beweis für diese These lässt sich jedoch nicht erbringen.

Ausgaben, Kommentare, Übersetzungen Tibull und seine Fortsetzer. Zweisprachige Gesamtausgabe. Lateinisch und deutsch. Mit Einleitung und Kommentar hrsg. und übers. von Dieter Flach. WBG, Darmstadt 2015. Albii Tibulli aliorumque carmina. Hrsg. von Georg Luck, Stuttgart & Leipzig ²1998. Appendix Tibulliana. Hrsg. und kommentiert von Hermann Tränkle. (Texte und Kommentare, 16). Berlin 1990. Tibulli aliorumque carminum libri tres, hrsg. von John Percival Postgate. 2. Auflage. Oxford 1915. Johann Ferdinand Koreff (Übersetzer): Der Sulpicia Elegien und einige elegische Fragmente anderer. Paris 1810.

Literatur Giulio Celotto, Laurel Fulkerson (Hrsg.): Sulpicia: A Woman’s Voice from Ancient Rome. Oxford University Press, Oxford 2025, ISBN 978-0-198-97266-2. Stephen Hinds: The Poetess and the Reader: Further Steps Towards Sulpicia. In: Hermathena 143, 1987, S. 29–46. Alison Keith: Sulpicia. Life, love, and literature in ancient Rome. (Women in antiquity). Oxford University Press, Oxford 2026, ISBN 978-0-19-760696-4. Irene Vallejo: Papyrus, die Geschichte der Welt in Büchern. Aus dem Spanischen von Maria Meinel und Luis Ruby. Diogenes Verlag, Zürich 2022, ISBN 978-3-257-07198-6 (bes. Kap. II.43 Fragmente von Frauenstimmen, S. 629–635).

Weblinks Buch III des Corpus Tibullianum (lateinisch) Gedichte Sulpicias in verschiedenen deutschen Übersetzungen Gedichte Sulpicias in englischer Übersetzung Bibliographie zu den beiden Sulpiciae (englisch)

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