Die Westliche Bodentrichterspinne (Coelotes atropos) ist eine Spinne aus der Familie der Trichterspinnen (Agelenidae). Die Art ist in Europa und der Türkei verbreitet und bewohnt dort vorzugsweise Wälder. Seltener nimmt die Spinne auch Heidelandschaften als Habitat (Lebensraum) an.
Wie alle Bodentrichterspinnen (Coelotes) legt die terrestrische (bodenbewohnende) Westliche Bodentrichterspinne bei Steinen oder Wurzeln ein für die Gattung typisches Trichternetz an, das dem Beuteerwerb dient und in eine verborgene Wohnröhre mündet, in der sich die Spinne bei Inaktivität aufhält. Ein begattetes Weibchen fertigt einen von ihm in der Wohnröhre bewachten Eikokon an. Es betreibt die ebenfalls für die Gattung typische Brutpflege und betreut anfangs seine Nachkommen, die innerhalb der ersten Fresshäute (Häutungsstadien) beim Muttertier verweilen und sich dann von ihm und voneinander trennen.
Die Westliche Bodentrichterspinne gilt in Deutschland als stark bedroht und in Schweden als potentiell gefährdet. In Tschechien hingegen wird sie als nicht gefährdet bewertet. Auch auf Großbritannien, wo die Häufigkeit der Spinne je nach Gebiet variiert, ist dies der Fall. Es ließ sich nachweisen, dass die Art in der Lage ist, auch sehr kalten Temperaturen standzuhalten. Dies bewerkstelligt sie vermutlich durch Anti-Frost-Proteine, die ein Erfrieren verhindern.
Merkmale mini|Detailansicht eines Weibchens mit Blick auf das Peltidium Das Weibchen der Westlichen Bodentrichterspinne hat nach Sven Almquist (2006) eine Körperlänge von 10,9 bis zu 14,7 und durchschnittlich 11,9 ± 1,2, das Männchen von 8,1 bis zu 10,4 Millimetern. Der grundsätzliche Körperbau der Art entspricht dem anderer Bodentrichterspinnen (Coelotes).
+Ausschnitte aus Les arachnides de Belgique (1896) von Léon Becker mit Schematiken der Anatomie der Westlichen BodentrichterspinneAnordnung der AugenChelicere100x100px100x100px
Sexualdimorphismus Die Westliche Bodentrichterspinne hat wie viele Spinnen einen deutlichen Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter). Dieser macht sich neben den Dimensionen auch in der Farbgebung beider Geschlechter bemerkbar. Grundsätzlich ähneln sich beide, allerdings hat das Männchen einen kleineren Hinterleib (Opisthosoma) als das Weibchen.
Weibchen Das Peltidium bzw. der Carapax, das Rückenschild des Prosomas, des Weibchens hat nach Almquist eine Länge von 4,82 bis 6,01, durchschnittlich 5,77 ± 0,32 Millimetern und eine Breite von 3,22 bis 4,2, im Durchschnitt 3,59 ± 0,29 Millimetern. Das Verhältnis zwischen Länge und Breite des Carapax beläuft sich nach dem Autor auf 1,47 zu ± 0,05 und seine Neigung ist 10 Grad. Der Carapax des Weibchens hat eine olivbraune Farbgebung. Der kephale (am Kopf gelegene) Bereich erscheint lang und gewölbt und der thorakale (an der Brust gelegene) weist dunkle Radialfurchen auf. Die Cheliceren (Kieferklauen) sind beim Weibchen dunkelbraun bis fast schwarz, wobei dessen Klauenglieder rötlich gefärbt sind. Das Sternum (Brustschild des Prosomas) ist beim Weibchen olivbraun und mit langen schwarzen Setae (chitinisierten Haaren) versehen. Seine Beine erscheinen überwiegend bräunlich, allerdings sind die Femora (Schenkel) der beiden vorderen Beinpaare dunkelbraun gefärbt.
Das Opisthosoma des Weibchens ist dorsal (oben) fast schwarz mit kleinen helleren Punkten. Das anteriore (vordere) Herzmal hat eine schwarze Färbung. Median (mittig) befindet sich auf dem Opisthosoma ein Paar gräulicher Flecken und posterior (hinten) hat es graue Winkelflecken. Ventral (unten) ist die Grundfarbe der Opisthosoma grauschwarz mit einigen kleinen helleren Punkten. Die Opercula (Lungendeckel der Buchlungen) erscheinen hell gelblich.
Männchen Beim Männchen ist der olivbraune Carapax laut Almquist 4,01 bis 5,10 Millimeter lang und 2,85 bis 3,54 Millimeter breit und um 4 Grad geneigt. Der kephale Teil ist langgezogen und gewölbt und der thorakale besitzt wie beim Weibchen dunkle Radiärfurchen. Die Cheliceren des Männchens ähneln farblich denen des Weibchens, wobei lediglich die Spitze der Klauenglieder rötlich erscheint. Das Sternum des Männchens ist mit dem des Weibchens identisch, was auch auf seine Beine zutrifft, wobei die Braunfärbung beim Männchen weniger kräftig ist.
Die Dorsalfläche des Opisthosomas ist beim Männchen dunkel olivbraun und hat posterior wie beim Weibchen dunkle Winkelflecken. Seine Ventralfläche ist olivbraun. Die Opercula des Männchens sind weißlich.
Genitalmorphologische Merkmale Die Patella (Glieder zwischen Femora und Tibien) der Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) des Männchens besitzen eine ausgeprägte, lange, und kräftige retrolaterale (hinten seitliche) Apophyse (Fortsatz). mit drei kurzen, gerundeten Fortsätzen. Die distale Kante dieser Apophyse verläuft gerade. Die für männliche Bodentrichterspinnen (Coelotes) typische Apophyse an der Tibia (Schiene) am Pedipalpus ist bei dieser Art breit gebaut. Bei einem einzelnen Bulbus (männliches Geschlechtsorgan) der Westlichen Bodentrichterspinne ist dessen Cymbium (erstes und vorderes Sklerit bzw. Hartteil des Bulbus) mit mehreren kräftigen Stacheln versehen und sein Embolus (drittes und letztes Sklerit) erscheint ebenfalls breit sowie gebogen. Der Konduktor (Fortsatz des Bulbus) hat eine breite und gerundete Spitze.
Die Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) ist anterolateral (vorne seitlich) ausgebuchtet und erscheint undeutlich. Das vergleichsweise große Septum (Trennwand) bedeckt den größten Teil des Atriums (Vorhof) mit Ausnahme des posterioren Teils. Die außen sichtbaren Teile der Epigyne sind stark sklerotisiert und die lateralen mit kleinem Höckern versehen. Die Kopulationsöffnung befinden sich in der Nähe der epigastrischen (beim Magen gelegenen) Furche und die Kopulationsgänge sind kurz und breit. Die Spermatheken (Samentaschen) erscheinen kräftig.
Differenzierung von der Gewöhnlichen Bodentrichterspinne mini|Weibchen der Gewöhnlichen Bodentrichterspinne (C. terrestris) Obwohl sich alle Bodentrichterspinnen (Coelotes) nach ihrem Habitus (Erscheinungsbild) einander ähneln, hat die Westliche Bodentrichterspinne die meisten Gemeinsamkeiten mit der Gewöhnlichen Bodentrichterspinne (C. terrestris), deren Opisthosoma allerdings meist dunkler gefärbt und deutlicher gezeichnet ist. Beim Männchen der Gewöhnlichen Bodentrichterspinne ist die Patellarapophyse an einem Pedipalpus mit einer deutlich eingebuchteten distalen Kante ausgestattet und der Konduktor hat eine schmale, kurze Spitze. Die distale Kante des Konduktors erscheint deutlich eingebuchtet. Die Epigyne weist parallele Lateralränder auf und der anteriore Rand ist deutlich markiert.
Vorkommen mini|Weibchen auf der Streuschicht, gefunden im dänischen Ort Vejle Das Verbreitungsgebiet der Westlichen Bodentrichterspinne erstreckt sich über Europa und die Türkei. In Kontinentaleuropa wurde die Spinne bislang in Schweden, Dänemark, Deutschland, Belgien, Frankreich, der Schweiz, Polen, Belarus, der Slowakei, der Ukraine, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Serbien, Slowenien, Kroatien, Nordmazedonien und Bulgarien nachgewiesen. Das angenommene Vorkommen der Art in Luxemburg wird mittlerweile angezweifelt und dürfte von Verwechslungen mit der dort verbreiteten und ähnlichen Gewöhnlichen Bodentrichterspinne (Coelotes terrestris) herrühren.
Außerdem kommt die Westliche Bodentrichterspinne in Großbritannien vor, wo sie in Wales und dem Nordwesten Englands sowie in Hochlandgebieten im Südwesten Englands weit verbreitet ist. Dafür fehlt die Art auf der Insel in weiten Teilen des Südostens Englands und Schottlands. Auf Großbritannien ist die Spinne auf Höhen von 2 bis zu 950 Metern über dem Meeresspiegel nachgewiesen.
Lebensräume Das Habitat (Lebensraum) der Westlichen Bodentrichterspinneist sind allgemein Wälder, wobei allerdings Gebirgswälder bevorzugt werden, wo die Art unter Steinen gefunden werden kann. Daneben ist die Spinne auch an Baumstämmen in Feuchtwäldern und dort besonders unter lockerer Rinde von Birken (Betula) sowie in Torfmooren anzutreffen. Die Westliche Bodentrichterspinne kann außerdem fernab von Wäldern in Heiden mit Büschen vorkommen.
Gefährdung Die Westliche Bodentrichterspinne ist allgemein selten nachgewiesen. In der Roten Liste gefährdeter Arten Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands (2016) wird die Art in die Kategorie 2 (stark gefährdet) eingestuft, da sie in Deutschland sehr selten ist und ihre Bestände auf lange Sicht mäßig rückgängig sind, während für Analysen auf kurze Sicht nicht genug Daten vorliegen. Die Wertung der Bestandssituation hat sich seit der vorherigen Version dieser Roten Liste von 1996 nicht geändert.
In der Roten Liste der Spinnentiere Schwedens (2003) wird die Spinne nach IUCN-Maßstab in der Kategorie „Near Threatened“ (potentiell gefährdet) erfasst, während sie im Gegensatz dazu in der Roten Liste der Spinnen Tschechiens (2015) in der Kategorie „Least Concern“ (nicht gefährdet) gelistet wird. Gleiches ist in der Roten Liste Großbritanniens (2017) der Fall, wo die Westliche Bodentrichterspinne vor allem im westlichen Teil der Insel häufig ist, obgleich sie in Richtung Schottland seltener wird. Im Südosten Englands ist die Art sehr selten.
Lebensweise +Ausschnitte aus Les arachnides de Belgique mit Schematiken der Biologie der Westlichen BodentrichterspinneTrichternetzEikokon unter Baumrinde100x100px100x100px mini|Weibchen in der Wohnröhre seines Trichternetzes, unten sind die Reste eines von der Spinne verzehrten Ohrwurms erkennbar. Die wie alle Bodentrichterspinnen (Coelotes) entsprechend des Trivialnamens terrestrische (bodenbewohnenden) Westlichen Bodentrichterspinnen legen für den Beutefang oft bei Steinen oder beim Wurzelbereich von Bäumen ein ebenfalls für die Gattung typisches Trichternetz an. Das Netz mündet in einer Wohnröhre unter Felsen oder an Baumstämmen, in der sich die Spinne bei Inaktivität aufhält. Dabei werden Laub- und Nadelbäume bevorzugt. In Wäldern ließen sich Netze der Art auch an verfaulten Löchern von Bäumen nachweisen, sodass die Spinne unter Umständen auch arboreale (baumbewohnende) Tendenzen aufweist.
Lebenszyklus Der Lebenszyklus der Westlichen Bodentrichterspinne entspricht grundsätzlich dem anderer Bodentrichterspinnen (Coelotes). Die Phänologie (Aktivitätszeit) ausgewachsener Individuen beider Geschlechter beläuft sich auf das ganze Jahr. Die demnach auch im Winter aktive Spinne wurde in Deutschland auch noch bei Temperaturen von −6,2 °C in Aktivität nachgewiesen. Das Männchen der Westlichen Bodentrichterspinne verbleibt bei einem Weibchen in dessen Unterschlupf und vertreibt andere Männchen. Das Weibchen fertigt nach der Paarung einen Eikokon, der von ihm bewacht wird. Eikokons der Art werden im Zeitraum zwischen Mai und September gefertigt. Der linsenförmige weiße Eikokon enthält 80 bis 120 Eier und befindet sich auf den Signalfäden des Netzes im Bereich zwischen dem Netzteppich und der Wohnröhre. Das Weibchen erweitert sein Netz und fertigt eine mit Sandkörnern und Humus bekleidete „Kinderstube“ an. Etwa 24 Tage nach der Fertigung des Eikokons schlüpfen die Jungtiere.