miniatur|Der Philosoph (Popowa, 1915) Das 20. Jahrhundert war durch eine starke Heterogenität der philosophischen Strömungen geprägt. Viele Philosophen gehören im Laufe ihres Lebens mehreren „Schulen“ an, so dass sie nicht immer klar einer philosophischen Richtung zuzuordnen sind.

Eine größere Zäsur in der Philosophie des 20. Jahrhunderts bildete der Zweite Weltkrieg.

Außerphilosophische Impulse

Das 20. Jahrhundert war Schauplatz mehrerer physikalischer Umwälzungen. Eine erste kam vom Physiker Max Planck mit der Veröffentlichung seiner Quantenhypothese genau im Jahre 1900. Grundlegenden Einfluss auf das philosophische Denken im 20. Jahrhundert nahm aber vor allem die Relativitätstheorie Einsteins, die eine völlige Erneuerung des Weltbildes zur Folge hatte. Mit Einstein wurde klar, dass die als unumstößlich geltenden Naturgesetze, hier die Mechanik Newtons, die über 200 Jahre aller Physik zugrunde lag, durch neue Theorien ablösbar sind. Raum und Zeit waren auf einmal nicht mehr absolut und können erst mit der Entstehung der Materie, d. h. des Kosmos, entstanden sein. Eine der Grundansichten Einsteins war es, dass Theorien bestimmen, was man beobachten kann.

Die Weiterentwicklung dieser umwälzenden neuen Weltsicht führte durch Werner Heisenbergs Quantenmechanik und seine Unschärferelation sowie die Quantentheorie von Niels Bohr über die Konstitution von Atomen und Molekülen, nach der mit sich ausschließenden Versuchsanordnungen ein und dasselbe Objekt erfasst werden kann, zu der Erkenntnis, dass physikalische Phänomene nur mit Wahrscheinlichkeiten berechnet werden können. Hiernach war auf einmal die von Planck und Einstein (Gott würfelt nicht) noch als sicher angenommene Frage der Determination der physikalischen Welt wieder offen, was u. a. für die Diskussion in der Philosophie des Geistes von Bedeutung ist.

Bemerkenswert ist, dass diese Naturwissenschaftler, zu denen auch noch Erwin Schrödinger (Wellenmechanik), Wolfgang Pauli (Theorien entstehen durch das Verstehen empirischen Materials, durch das Schauen innerer symbolischer Bilder) sowie Carl Friedrich von Weizsäcker (Grundbedingung jeder Erfahrung ist die Zeit) zu zählen sind, nicht nur über ihre erkenntnistheoretischen Implikationen zumeist von einem platonischen Standpunkt aus nachdachten, sondern auch die moralisch-politischen Konsequenzen in philosophischen Arbeiten bedachten und zum Teil gegen den Strom publizierten.

Auch im Bereich der Tiefenpsychologie riefen Sigmund Freud, Alfred Adler und Carl Gustav Jung radikale Änderungen im Denken hervor. Wenn auch diese Theorien im Sinne von Wissenschaftlichkeit erheblicher Kritik ausgesetzt sind, spielen Triebe, Prägung und das Unterbewusste im Denken der Gegenwart eine erhebliche Rolle. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schälte sich immer mehr die Biologie als die prägende Naturwissenschaft heraus. Wichtige Stichwörter sind die Evolution, Molekularbiologie, Gentechnik und Neurowissenschaften, deren theoretische Grundlagen wiederum Verschiebungen im Selbstverständnis des Menschen bedeuten.

Vergleicht man die Welt am Beginn und am Ende des 20. Jahrhunderts, so zeigt sich ein Bild extremer technischer, gesellschaftlicher und politischer Umwälzungen. Als Reaktion auf Kriege ungeheuren Ausmaßes und das Phänomen des Völkermordes scheint Kants Idee vom Völkerbund als überstaatlicher Vertragsgemeinschaft zumindest eine Chance zu haben, auch wenn die nationalstaatlichen Egoismen in vieler Hinsicht noch ungebrochen sind. Eine Bedrohung scheint das außerordentliche Bevölkerungswachstum zu sein, dessen Konsequenzen zu Beginn des neuen Jahrtausends noch gar nicht absehbar sind. Aus der Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts ist eine Massen- und Konsumgesellschaft geworden, wo in den Industriestaaten kaum noch Sorge um die persönliche Existenz besteht, aber viele Ängste durch Arbeitslosigkeit an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden. Demgegenüber gibt es Hunger und Not in den sog. unterentwickelten Ländern, denen aus den reichen Ländern unverhohlenes Desinteresse und Egoismus gegenüberstehen.

Als Konsequenz haben die naturwissenschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts auch neue Diskussionen in der Ethik hervorgerufen, wie sie in Fragen der Technikfolgenabschätzung, der Genethik oder der Umweltethik zum Ausdruck kommen. So sieht sich die Menschheit mit der Massenvernichtung des Nationalsozialismus, den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, der Konfrontation von Hunger und extremen Reichtum, Umweltkatastrophen wie Tschernobyl oder einer drohenden Klimakatastrophe konfrontiert. Diese Problemlage wurde im 20. Jahrhundert geschaffen, ohne dass konkrete Lösungen in Aussicht sind. Aus philosophischer Sicht ist festzustellen, dass es nur wenige Beiträge gibt, die Lösungswege anstreben. Das philosophische Gespräch schwankt mehr zwischen kommentierender Analyse und theoretischem Diskurs. Als unermüdliche Kämpfer gegen den Gleichmut des Alltäglichen ragen Bertrand Russell, Albert Einstein, Albert Schweitzer, Theodor W. Adorno und Hans Jonas heraus.

Sprache als Paradigma der Philosophie des 20. Jahrhunderts

Wenn man die Philosophie des 20. Jahrhunderts trotz ihrer Vielfalt und Gegensätzlichkeit unter einem Rubrum zusammenfassen will, so ist es die Sprache, die sich durch fast alle philosophischen Positionen als prägendes Element hindurch zieht. Dies begann bei Gottlob Frege (der Satz als die kleinste Einheit der Bedeutung) und wurde vor allem durch Ludwig Wittgenstein (Alle Philosophie ist Sprachkritik – Der Gedanke ist der sinnvolle Satz) zum „linguistic turn“ in der Sprachphilosophie. Gemeinsam mit dem Ansatz der analytischen Philosophie (Bertrand Russells Theorie der Kennzeichnungen) führte dies zu einem völlig neuen Blickwinkel auf die Philosophie. Doch auch schon bei Edmund Husserl ist die sprachliche Erschließung der untersuchten Gegenstände ein wesentlicher Baustein der Phänomenologie. Maurice Merleau-Ponty sieht in der Sprache eine besondere Gebärde. Die Philosophische Anthropologie befasst sich mit dem Menschen als sprachbegabtem Wesen (Max Scheler, Helmuth Plessner). Für Ernst Cassirer ist die Sprache als symbolische Form der Ausgangspunkt zur Erschließung der Kultur und des Menschen. Hermann Schmitz fasste die Phänomenologie neu. Er thematisierte gerade die von Husserl ausgeschlossene Alltäglichkeit menschlicher ‚Atmosphären’ als emotional-kollektive Konstitutionsräume.

Martin Heidegger ist bekannt für seinen exaltierten Umgang mit der Sprache. Für ihn war die Rede das Existenzial des Sprechens. Die Hermeneutik wurde von Hans-Georg Gadamer zu einer eigenständigen Sprachphilosophie ausgebaut. Im Logischen Empirismus wurde versucht eine eigenständige Wissenschaftssprache mit logischer Konsistenz zu entwickeln (Rudolf Carnap). Karl Popper nahm in seinen Kritischen Rationalismus Grundelemente des Sprachforschers Karl Bühler auf. George Edward Moore hingegen prägte die Ordinary Language Philosophy, mit der er auch Einfluss nahm auf die pragmatische Wende Wittgensteins, der mit der Gebrauchssprache und dem Sprachspiel erneut ein neues Paradigma schuf, das von den Oxfordern Gilbert Ryle und John Langshaw Austin mit der Theorie der Sprechakte aufgenommen wurde. John Searle entwickelte hierzu eine Bündeltheorie der Referenz und Noam Chomsky trug zur Diskussion mit seiner Theorie der Generativen Grammatik bei.

In Frankreich erfolgte die linguistische Prägung durch den Strukturalismus (Saussure) und Poststrukturalismus (Jacques Derrida), den Michel Foucault in die ebenfalls textorientierte Postmoderne führte, die bis zur dekonstruktivistischen feministischen Philosophie bei Judith Butler reicht. Die analytische Sprachphilosophie findet ihre Fortsetzung in Fred Dretskes Erklärung der Repräsentation mit Hilfe des Informationsbegriffs, in Donald Davidsons Bedeutungstheorie der Wahrheitsbedingungen und in der Sprachpragmatik von Robert Brandom, Richard Rorty und Hilary Putnam.

In Deutschland findet man als eigenständige These die transzendentale Sprachpragmatik von Karl-Otto Apel, auf die die Diskursphilosophie von Jürgen Habermas ein Reflex ist. Zu nennen ist weiterhin die logische Propädeutik der Erlanger Schule (Paul Lorenzen). Sprache als symbolische Form erlebt eine Wiederbelebung und in eine ähnliche Richtung zielt der Interpretationismus von Hans Lenk und Günter Abel.

Neuscholastik und Neuthomismus

Der Neuthomismus als harter Kern der Neuscholastik ist eine breite Strömung der christlichen Philosophie zum Ende des 19. und im 20. Jahrhundert. Papst Leo XIII. hatte mit seiner Enzyklika Aeterni Patris von 1879 den mittelalterlichen Kirchenphilosophen Thomas von Aquin zum ersten Kirchenlehrer ernannt und seine Lehre für jede katholische Priesterausbildung allgemein empfohlen. In der Folge wuchs das Interesse an der mittelalterlichen Scholastik und es entstanden eine ganze Reihe neuthomistischer Philosophien. Herausragende Vertreter dieser Bewegung waren Joseph Maréchal, Jacques Maritain, Étienne Gilson und Erich Przywara.

Neukantianismus

Neukantianismus ist die vor allem von Otto Liebmann und Friedrich Albert Lange eingeleitete philosophische Bewegung, welche sich unter Berufung auf die transzendentale Logik und erkenntnistheoretische Schriften Immanuel Kants gegen den Materialismus wendet.

Hierbei wurde die Forderung erhoben, wieder direkt auf Immanuel Kant zurückzugehen und eine Philosophie zu entwickeln, die den Ansprüchen der damals modernen Wissenschaften genügte. Charakteristisch ist für den Neukantianismus außerdem das neu erwachte Interesse an einer geltungstheoretischen Begründung der Geisteswissenschaften und das Interesse an einer philosophischen Begründung der politischen Theorie. So liefert etwa der Marburger Neukantianismus die theoretische Grundlage für den Revisionismus Eduard Bernsteins und für den Austromarxismus Max Adlers. Auch im Bereich der russischen Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts hatte der Neukantianismus eine erhebliche Bedeutung, da er die Mitte zwischen orthodox-mystischer Metaphysik und atheistischem Materialismus hielt.

Der Neukantianismus zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war in Deutschland vor allem durch zwei Schulen vertreten, die Marburger Schule mit Hermann Cohen, Paul Natorp, Karl Vorländer, Rudolf Stammler und Ernst Cassirer und die Südwestdeutsche Schule mit Wilhelm Windelband und Heinrich Rickert. Hinzu kommt der Kritizismus der aber keine eigene Schule ausgebildet hat. Wichtige Vertreter des Kritizismus waren Alois Riehl, Hans Vaihinger und Richard Hönigswald.

Phänomenologie

mini|hochkant|Edmund Husserl (1900)

Edmund Husserl (1859–1938) ist der Begründer der Phänomenologie, einer als „strenge Wissenschaft“ auftretenden Philosophie, die ihn zu einem der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts machte. Er forderte die Philosophen auf, sich der vorschnellen Weltdeutung zu enthalten und bei der analytischen Betrachtung der Dinge an das zu halten, was dem Bewusstsein unmittelbar erscheint. Dabei brach er mit dem um 1900 noch vorherrschenden Psychologismus, der die Gesetze der Logik als Ausdruck der psychischen Gegebenheiten sah, die eine Objektivität unmöglich machten.

Er glänzte weniger als akademischer Lehrer, sondern philosophierte in ungewöhnlich hohem Maße schreibend. Ca. 40.000 Seiten, die mit seinen Analysen gefüllt sind, werden seit 1950 nach und nach als „Husserliana“ aus seinem Nachlass herausgegeben. Husserl-Schüler waren Edith Stein, Dietrich von Hildebrand, Ludwig Landgrebe und Roman Ingarden. Den größten Einfluss übte er auf die Existenzphilosophen und Phänomenologen Martin Heidegger, Emmanuel Levinas, Maurice Merleau-Ponty und Jean-Paul Sartre aus.