Cosmopolis ist der Titel eines 2003bei Charles Scribner’s Sons, New York publizierten Cyberkapitalismus-Romans des US-amerikanischen Schriftstellers Don DeLillo. Im selben Jahr erschien die deutsche Übersetzung von Frank Heibert.im Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln Erzählt wird mit satirischer Übersteigerung die letzte Odyssee des Währungsspekulanten Eric Packer auf der 49th Street in Manhattan durch eine groteske Welt.
Inhalt Die Fahrt Packers an einem Tag im April des Jahres 2000 durch Manhattan Midtown wird in personaler Form aus der Perspektive des Protagonisten geschildert. Zwei in den Roman eingeschobene Artikel, die zeitlich die Haupthandlung einrahmen, hat sein Kontrahent Benno Levin in Ich-Form geschrieben.
Motto
„Eine Ratte wurde zur Währungseinheit“ aus Zbigniew Herberts Gedicht „Aufzeichnungen aus einer belagerten Stadt“.
Lebenskrise Die Hauptfigur Eric Packer ist ein risikobereiter Börsenspekulant der New Economy mit einer Vorliebe für Gedichte, Musiktheater und Malerei. Er wohnt im UNO-Diplomatenviertel, nahe der First Avenue, in einem 300 Meter hohen 89 Stockwerk-Haus, dem höchsten Wohnturm der Welt, einem „länglichen Gemeinplatz“ mit die Umgebung spiegelnder Oberfläche. Packer empfindet eine Übereinstimmung zwischen sich und dem banalen brutalen Wolkenkratzer, „dessen einzige Aussage in seinem Format [besteht].“ „Der Turm [gibt] ihm Stärke und Tiefe“. Von seiner exklusiven 48-Zimmer-Wohnung mit Vorführsaal, Sportschwimmbecken, Spielsalon, Fitnessraum, Haifischbecken, Barsoi-Zwinger mit Windhunden, zwei privaten Fahrstühlen mit programmierter Satie- und Sufi-Rap-Musik aus hat er einen Panoramablick über Brücken, Stadtteile, Meerengen und Wasserarme. „Mit seinem Tod würde nicht er zu Ende gehen. Die Welt würde zu Ende gehen.“ Im turmhohen Atrium um einen Brunnen herum hängen Kunstwerke mit geometrischen Farbbildern oder verspachtelte Schleimweißbilder. „Er [mag] Gemälde, die seine Gäste nicht anzuschauen [wissen].“
Im April 2000 zeigt Packer sich in einer existentiellen Krise und offenbart Borderline-Symptome. Nach einer fast schlaflosen Nacht fühlt er sich im „Aufruhr der rastlosen Identitäten“ „zaudernd und deprimiert“. Er hat keine Freunde, mit denen er vertraulich kommunizieren kann („Es ging um Momente des Schweigens, nicht um Worte.“) Er liest Wissenschaftliches und Lyrik, mag „karge Gedichte, die minuziös ins Weiße platziert [sind]. […] Gedichte mach[-]en ihm bewusst, dass er atmet[-]. Ein Gedicht legt[-] Dinge im jeweiligen Augenblick offen, auf deren Wahrnehmung er normalerweise nicht vorbereitet [ist].“ Nun wartet er auf den „Anbruch des großen Tages“: Er lässt sich zum Haareschneiden quer durch Manhattan an den Ort seiner Kindheit fahren.
Packers kugelsichere Stretchlimo ist luxuriös mit Clubsesseln, Kühlschrank, Bordbar, Mikrowelle und Herzmonitor eingerichtet. Die Bodenplatten sind aus Carrara-Marmor und der Plafond zeigt einen Sternenhimmel. Packer hat den Wagen „proustifizieren“,„Marcel Proust kleidete sein Arbeitszimmer mit Kork aus, um jeden Laut fernzuhalten.“ Zitat aus: Forschung: Der Alpha-Kuß, Der Spiegel, 34/1975. d. h. mit Kork auskleiden lassen. Aus Angst vor Anschlägen wechselt er ständig seinen Arbeitsplatz und hat seine Limousine mit Rundumkameras, Fernsehbildschirmen und Computermonitoren ausgestattet, die über die Börsenkurse und die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage informieren. Während der Stop-and-Go-Fahrt von Kreuzung zu Kreuzung und der Staus, ausgelöst durch den Besuch des Präsidenten Midwood, sammelt der Sicherheitschef Torval Informationen über die Gefahrenlage, observiert zusammen mit den Bodyguards Kendra Hays und Danko das Umfeld und begleitet Eric bei seinen Ausflügen in Hotels und Restaurants.
Beratungen Shiner
Packer empfängt in seinem Auto-Büro nacheinander seine wichtigsten Berater. Die Terminabfolge ist genau organisiert. Die Experten steigen an vereinbarten Punkten der Strecke in die Limousine ein, nehmen auf einem Klappsitz Platz und tragen ihre neuen Informationen vor. Eric hört ihre Einschätzungen der Lage an und diskutiert mit ihnen seine Börsen- und Lebensphilosophie. Den Anfang macht der Technologie-Chef Shiner. Dieser versichert sogleich: „Unser System ist sicher. Wir sind unangreifbar: Es gibt kein Hackerprogramm.“ Eric dagegen glaubt nicht an die Lückenlosigkeit des Sicherheitssystems und ist skeptisch dem optimistischen Bild vom Menschen als Beherrscher der Welt gegenüber: „[I]ch höre ständig von unserer Legende. Wir sind alle jung und clever und von den Wölfen aufgezogen worden. Aber das Phänomen des Rufs ist eine heikle Sache. Ein Mensch kann durch ein Wort aufsteigen und durch eine Silbe abstürzen.“
Michael Chin
Shiner verlässt seinen Sitz, um zum Flughafen zu fahren, und wird vom 22-jährigen Währungsanalysten Michael Chin abgelöst. Sie erörtern ihre vom Scheitern bedrohte Yen-Spekulation, für die man sich gigantische Summen leihen muss, da der Kurs steigt. Chin rät zu einem Ausstieg („Wir spekulieren ins Leere.“), doch Eric ist überzeugt, dass sich das Blatt zu ihren Gunsten wenden wird. Er glaubt, dass die Daten selbst eine Seele haben und dem dynamischen Aspekt ihres Lebensprozesses will er auf die Spur kommen. Später wird deutlich, dass er an diesem Tag mit dem Untergang seiner Existenz spielt und nicht mehr vom Erfolg seiner Theorie überzeugt ist.
Jane Melman
Packers Finanzchefin Jane Melman, eine alleinerziehende Mutter, joggt heran und ersetzt Chin. Auch sie hat schlechte Nachrichten vom weiter steigenden Yen-Kurs. Während ihres Gesprächs lässt Eric vom ebenfalls zugestiegenen Dr. Ingram einen Gesundheitscheck machen. Während der Prostata-Untersuchung hat er mit Jane, seiner „berührungsfreien Liebhaberin“, ein virtuelles Sexerlebnis.
Vija Kinski
Die nächste Gesprächspartnerin ist Vija Kinski, Packers oberste Theoretikerin. Sie kommt gerade aus der Kirche „Saint Mary the Virgin“ zwischen der Sixth und der Seventh Avenue und wartet auf dem Gehweg auf die Limousine. Während Eric seine Prognose verteidigt („Auf irgendeiner tieferen Ebene gibt es einen Befehl […] Ein Muster, das erkannt werden will.“), warnt Vija, Reichtum sei zum Selbstzweck geworden, und rät zur Anpassung an die Entwicklung: „Zu wissen und nicht handeln heißt, nicht zu wissen.“ Er dagegen bleibt bei seiner Linie: „Sich jetzt zurückzuziehen, wäre nicht authentisch. Es wäre ein Zitat aus dem Leben anderer Leute. Die Paraphrase eines vernünftigen Textes, der sie glauben machen will, es gäbe plausible Wirklichkeiten, ja, die verfolgt und analysiert werden könnten.“ Eric zweifelt jetzt daran, dass er das System, die „Affinität zwischen der Bewegung des Marktes und der natürlichen Welt“ erkennen kann. Es gebe keine vorhersehbaren Trends und Kräfte: „letzten Endes haben wir es mit einem System zu tun, das außer Kontrolle ist. Hysterie in Hochgeschwindigkeit. […] Wir schaffen unseren eigenen Wahnsinn […] angetrieben von Denkmaschinen, über die wir letztlich keine Macht haben. Der Wahnsinn ist meistens kaum zu merken. Er liegt einfach darin, wie wir leben.“
Anti-Börsen-Demonstration Am Nachmittag, bereits in der fallenden Handlungskurve des Romans, bleibt Packers Limousine an der Kreuzung Seventh Avenue und Broadway in einem Aufstand der New Economy-Kritiker stecken, die gegen den Turbokapitalismus und die Börsenspekulationen demonstrieren. Die Protestler tragen Transparente und eine große RattenpuppeBezug zum Motto über die Straße, errichten Barrikaden, legen Brände, liefern sich Gefechte mit der Polizei und besetzen einen Bankturm, auf dessen elektronischem Display die Schrift erscheint: „Ein Gespenst sucht die Welt heim – das Gespenst des Kapitalismus.“ Vor der Investmentbank explodiert eine Bombe. Ein Demonstrant verbrennt sich im Lotossitz. Packers Wagen wird angegriffen, mit Sprayfarbe verschmiert und verbeult. Eric betrachtet zusammen mit seiner Cheftheoretikerin Kinski die Angriffe auf sein Auto und auf die Geschäfte interessiert auf seinen Monitoren und fühlt sich mit den Aktivisten verwandt. Er analysiert: „Zerstörungsdrang ist ein kreativer Drang […] Das ist auch das Erkennungsmerkmal kapitalistischen Denkens. Durchgesetzte Zerstörung. Alte Industrien müssen brutal eliminiert werden. Neue Märkte müssen mit Gewalt behauptet werden. Alte Märkte müssen erneut ausgebeutet werden. Zerstört die Vergangenheit, erschafft die Zukunft.“
Nach der Beendigung der Demonstration durch die Polizei erreicht ihn eine persönliche Warnmeldung: „Vor allem aber sprach die Todesdrohung an der Schwelle zur Nacht zu ihm, höchstwahrscheinlich über irgendein Schicksalsprinzip, von dem er immer gewusst hatte, dass es mit der Zeit deutlich werden würde. Jetzt konnte er mit dem Geschäft des Lebens beginnen.“ (Ende des ersten Romanteils)
Stationen Während der Tagesfahrt zum Frisörladen verlässt Packer mehrmals sein Büro-Auto für private Unternehmungen.
Elise Shifrin (1)
In der Nähe der Second Avenue entdeckt er im Taxi nebenan seine seit 22 Tagen mit ihm verheiratete Frau, die Dichterin („Ihre Gedichte waren Scheiße“) und Millionenerbin Elise Shifrin: „Sie [ist] Mitte zwanzig, mit kupferstichfeinen Zügen und großen, kunstlosen Augen. Ihre Schönheit hat[-] etwas Entrücktes. Das [ist] faszinierend, aber vielleicht auch nicht.“ Sie fährt gerne Taxi, weil sie durch die eingewanderten Fahrer „aus Horror und Verzweiflung […] die Länder, wo Unruhen sind“, kennen lernt. Sie gehen in ein Café an einer Ecke zum Frühstück. Ihre Konversation zeigt, dass sich beide kaum kennen. Sie weiß nicht viel von Ihm: „Was genau machst du? […] Ich glaube, du erwirbst Informationen und verwandelst sie in etwas Grandioses und Grässliches. Du bist ein gefährlicher Mensch. Stimmt’s? Ein Visionär.“ Auf seine Frage, wann sie wieder miteinander schlafen, antwortet sie ausweichend: „Machen wir. Versprochen. […] Wenn ich arbeite, weißt du. Die Energie ist kostbar.“
Didi Fancher
Vor der Lexington Avenue besucht Eric ohne Voranmeldung („War gerade in der Nähe“) seine langjährige Geliebte, die 47-jährige Didi Fancher, in ihrer Wohnung. Nach dem überfallartigen Liebesakt rät ihm die Kunsthändlerin zum Kauf eines Rothko-Bilds, er möchte jedoch die ganze „Rothko Chapel“ mit den 14 Bildern kaufen und in seiner Wohnung unterbringen. Da er im Augenblick „tonnenweise Geld“ beim Wetten auf den Yen-Verfall verliert, hat er kein Gefühl mehr für konkrete Geldscheine.
Elise Shifrin (2)
Im zweiten Kapitel erreicht die Limousine die „West Side“ der 47th Street. Eric steigt aus, geht in den „Gotham Book Mart“ in der Nähe der Sixth Avenue und sucht nach Gedichten. Hier trifft er zum zweiten Mal zufällig auf seine Frau Elise und geht mit ihr zum Essen in eine Lunchbar. Wieder spricht er mit ihr über ihren verhinderten Sex, er drängt auf die kostbare Zeit, die vergeht. „Zeit wird jeden Tag knapper“. Sie nimmt an ihm einen Sexgeruch wahr und weicht aus. Beide spüren die Desillusionierung ihrer Vorstellungen voneinander und die Distanz zwischen ihnen: „Er [begreift] allmählich, dass sie ihre Schönheit gemeinsam erfunden, verschwörerisch ein Trugbild zusammengebaut [haben], das zu ihrer gegenseitigen Manövrierbarkeit und Begeisterung funktioniert[-]. Sie [haben] unter dem Schleier dieser unausgesprochenen Abmachung geheiratet.“ Beide sind reich, „sie eine gesetzmäßige Erbin, er Selfmademan“, sie kultiviert, er rücksichtslos; sie zerbrechlich, er stark; sie talentiert, er brillant; sie wunderschön. „Dies [ist] der Kern ihres Einverständnisses, das, woran sie glauben [müssen], um ein Paar sein zu können.“
Kendra Hays