mini|320px|Jan Brueghel d. Ä. (Girlande) & Giulio Cesare Procaccini (Figuren): Madonna und Kind mit zwei Engeln in einem Blumenkranz, Öl auf Kupfer, 48 × 36 cm, Prado, Madrid

Das Girlandenbild (englisch: garland painting), manchmal kurz Girlande genannt, ist eine Gattung der Malerei, bei der ein zentrales Bild mit religiösen, mythologischen oder Porträtdarstellungen umgeben ist von stilllebenhaft fein ausgeführten Kränzen, Festons oder Girlanden aus Blumen und/oder Früchten – selten auch von anderen Objekten. Ausgangspunkt und wohl wichtigste Ausprägung dieses Genres war die sogenannte Girlandenmadonna oder Madonna im Blumenkranz. In den meisten Fällen wurden Girlandenbilder von zwei Künstlern gemalt, einem Stilllebenspezialisten und einem auf Historien oder Porträts spezialisierten Figurenmaler; zuweilen wirkten auch Landschaftsmaler mit. Der Höhepunkt dieser Gattung lag im Barock im 17. Jahrhundert mit Antwerpen als Zentrum.

Es gibt in der Kunst auch Girlandendarstellungen, die von der hier besprochenen Bildgattung abgegrenzt werden müssen, und zwar reine Stillleben von einfachen Festons ohne Mittelmotiv, sowie Bilder, in denen Girlanden auf andere Weise dekorativ verwendet werden, beispielsweise bei Wandfresken oder Deckengemälden.

Vorbedingungen mini|hochkant=0.7|Carlo Crivelli: Madonna della Candeletta (Polyptychon von Camerino), 1490–92, Öl auf Holz, 218 × 75 cm, Pinacoteca di Brera, Mailand. Äpfel und Birnen deuten auf den Sündenfall, der durch Jesus überwunden wird, weiße Lilien (= Reinheit) und Rosen (= Liebe) in der Vase sind die prominentesten Marienblumen.Ute Kleinmann: Blumen, Kränze und Girlanden: Zur Entstehung eines Antwerpener Bildtypus, in: Klaus Ertz u. a.: Pieter Breughel der Jüngere - Jan Brueghel der Ältere : flämische Malerei um 1600, Tradition und Fortschritt, …, Luca-Verlag, Lingen, 1997, S. 54–66, hier: 62

Bilder der Madonna mit dem Jesuskind, die zur Zierde und als Zeichen besonderer Verehrung mit Blumen oder einem Blumengebinde umgeben wurden, sind bereits mindestens seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Als besonders bedeutende Vorbilder der späteren Girlandenmadonnen können die von Blumen- oder Früchtekränzen umgebenen glasierten Terracotta-Reliefs von Madonnen oder Heiligen aus der Werkstatt der della-Robbia-Familie gelten (Abb. unten).Ute Kleinmann: Blumen, Kränze und Girlanden: Zur Entstehung eines Antwerpener Bildtypus, in: Klaus Ertz u. a.: Pieter Breughel der Jüngere - Jan Brueghel der Ältere : flämische Malerei um 1600, Tradition und Fortschritt, …, Luca-Verlag, Lingen, 1997, S. 54–66, hier: 65 Auch italienische Renaissancemaler wie Carlo Crivelli oder Andrea Mantegna schmückten einige ihrer Madonnenbilder mit Festons oder Girlanden aus Früchten. In den Niederlanden wurden die Miniaturen von Stundenbüchern nicht selten mit einem Rahmendekor aus Blumen umgeben.Ute Kleinmann: Blumen, Kränze und Girlanden: Zur Entstehung eines Antwerpener Bildtypus, in: Klaus Ertz u. a.: Pieter Breughel der Jüngere - Jan Brueghel der Ältere : flämische Malerei um 1600, Tradition und Fortschritt, …, Luca-Verlag, Lingen, 1997, S. 54–66, hier: 63 Die dargestellten Blumen oder Früchte hatten normalerweise einen symbolischen Bezug zur zentralen Darstellung (siehe Abbildungen rechts und unten).

Im 16. Jahrhundert wurden im Zuge des immer beliebter werdenden Rosenkranzgebetes auch Darstellungen der Madonna im Rosenkranz als Kupferstich verbreitet.

Zu den direkten Voraussetzungen für die Entstehung des eigentlichen Girlandenbildes in Flandern gehörte jedoch einerseits der Aufschwung des naturkundlichen und botanischen Interesses im späten 16. Jahrhundert, das unter anderem zur Bildung neuer Gattungen wie des autonomen Blumenstilllebens und der Girlandenbilder führte.Ute Kleinmann: Blumen, Kränze und Girlanden: Zur Entstehung eines Antwerpener Bildtypus, in: Klaus Ertz u. a.: Pieter Breughel der Jüngere - Jan Brueghel der Ältere : flämische Malerei um 1600, Tradition und Fortschritt, …, Luca-Verlag, Lingen, 1997, S. 54–66, hier: 63–64 Andererseits gilt das Genre der Girlandenmadonna als eine Art von friedlicher Gegenbewegung als „Verteidigung des Wertes gemalter Bilder der Jungfrau, den die Reformation bestritten hatte“, in letzter Konsequenz durch die brutale Zerstörung religiöser Gemälde in Kirchen.Wolfgang Prohaska, Alejandro Vergara et al.: Das geistliche Stillleben – Blumenkränze und Girlanden, in: Alexander Wied, Klaus Ertz et al.: Das flämische Stillleben 1550-1680 (Sinn und Sinnlichkeit) (Katalog der Ausstellung in der Villa Hügel, Essen, und im Kunsthistorischen Museum, Wien, 2002), Kulturstiftung Ruhr Essen / Luca Verlag, Lingen, 2002, S. 320–355, hier: 326

Als ein letzter humanistischer Anstoß für den Aufschwung der Blumenmalerei allgemein wie auch des Girlandenbildes um 1600 gilt die von Plinius dem Älteren in seiner Naturalis Historia erwähnte Geschichte des antiken Malers Pausias und seiner Geliebten Glykera, die Blumenkränze wand und erfunden haben soll; daraufhin soll Pausias in einer Art Wettstreit begonnen haben, die Blumen und Kränze Glykeras mit seiner Malerei nachzuahmen.Wolfgang Prohaskaet al.: Das geistliche Stillleben – Blumenkränze und Girlanden, in: Alexander Wied, Klaus Ertz et al.: Das flämische Stillleben 1550-1680 (Sinn und Sinnlichkeit) (Katalog der Ausstellung in der Villa Hügel, Essen, und im Kunsthistorischen Museum, Wien, 2002), Kulturstiftung Ruhr Essen / Luca Verlag, Lingen, 2002, S. 320–355, hier: 323Ute Kleinmann: Blumen, Kränze und Girlanden: Zur Entstehung eines Antwerpener Bildtypus, in: Klaus Ertz u. a.: Pieter Breughel der Jüngere - Jan Brueghel der Ältere : flämische Malerei um 1600, Tradition und Fortschritt, …, Luca-Verlag, Lingen, 1997, S. 54–66, hier: 64

Die eigentlichen Girlandenbilder Erfindung der Madonna im Blumenkranz mini|300px|Jan Brueghel d. Ä. und Rubens: Madonna im Blumenkranz mit Engeln, ca. 1619, 185 × 210 cm, Alte Pinakothek, München. In den Kranz sind einige Marienblumen eingearbeitet, vor allem viele Rosen sowie rechts auch weiße Lilien. Ungewöhnlich sind hier die Engelchen, die den Kranz halten und dem Bild seinen besonderen Charme verleihen.

Als eigentlicher Erfinder der Girlandenmadonna oder Madonna im Blumenkranz gilt Jan Brueghel d. Ä., der sogenannte „Blumenbrueghel“, der allerdings auf Wunsch und Anregung seines italienischen Mäzens Kardinal Federico Borromeo zum ersten Mal 1607–8 einen minuziös ausgeführten Blumenkranz auf Kupfer malte, in den er eine von Hendrick van Balen ausgeführte kleine ovale Madonna in einer Landschaft einfügte, die auf Silber gemalt ist (heute in der Pinacoteca Ambrosiana, Mailand).Wolfgang Prohaska et al.: Das geistliche Stillleben – Blumenkränze und Girlanden, in: Alexander Wied, Klaus Ertz et al.: Das flämische Stillleben 1550-1680 (Sinn und Sinnlichkeit) (Katalog der Ausstellung in der Villa Hügel, Essen, und im Kunsthistorischen Museum, Wien, 2002), Kulturstiftung Ruhr Essen / Luca Verlag, Lingen, 2002, S. 320–355, hier: 321Ute Kleinmann: Blumen, Kränze und Girlanden: Zur Entstehung eines Antwerpener Bildtypus, in: Klaus Ertz u. a.: Pieter Breughel der Jüngere - Jan Brueghel der Ältere : flämische Malerei um 1600, Tradition und Fortschritt, …, Luca-Verlag, Lingen, 1997, S. 54–66, hier: 55 Die beiden Maler arbeiteten also nicht auf demselben Bildträger; das Madonnenbild war ein echtes Einsatzbild, was in der Folge aufgegeben wurde, obwohl manchmal ein Bildrahmen um das eigentliche Madonnenbild fingiert wurde. Auch der fingierte Rahmen wurde später teilweise aufgegeben, so dass das Bild im Kranz dann vollends wie eine Vision wirkt.

Anders als bei den früheren von Blumen umgebenen Darstellungen von Madonnen spielt die Blumen- oder Fruchtgirlande im Girlandenbild keineswegs eine untergeordnete, rein dekorative – wenn auch symbolisch teilweise begründbare – Rolle, sondern ist optisch, ästhetisch und künstlerisch mindestens gleichwertig, häufig sogar besonders auffällig. Dies spiegelte sich nicht selten auch in dem unweit höheren Preis wider, den der Stilllebenmaler oft im Vergleich zum Figurenmaler bekam, so erhielt z. B. Jan Brueghel für seine obenerwähnte erste Girlande von Borromeo 330 „Philippi“, aber van Balen für die eingefügte Madonna nur 12.Joséphine Le Foll: La peinture de fleurs, Édition Hazan, Paris, 1997-98, S. 132 und 135

Obwohl die Schönheit und perfekte Darstellung der Blumen (oder Früchte) oberflächlich verstanden als vom Eigentlichen ablenkend empfunden werden könnten, sahen Federico Borromeo und andere geistliche Autoren darin eher das Gegenteil: Laut Borromeo spiegelte sich in den verschiedenen Blumen „die Güte Gottes“,Klaus Ertz u. a.: Pieter Breughel der Jüngere - Jan Brueghel der Ältere : flämische Malerei um 1600, Tradition und Fortschritt, …, Luca-Verlag, Lingen, 1997, S. 322 und ein modernerer Autor, Benediktinerpater G. Lechner, meinte, durch die kontemplative Betrachtung und Freude an den Blumen, die er „Erscheinungsformen der Puchritudo spiritualis, das himmlische Unveränderliche“ nannte, werde der Mensch „zur Erkenntnis des höchsten Wesens“ und „zu meditativ-adorierender Betrachtung“ des Mittelmotivs angeregt.Wolfgang Prohaska et al.: Das geistliche Stillleben – Blumenkränze und Girlanden, in: Alexander Wied, Klaus Ertz et al.: Das flämische Stillleben 1550-1680 (Sinn und Sinnlichkeit) (Katalog der Ausstellung in der Villa Hügel, Essen, und im Kunsthistorischen Museum, Wien, 2002), Kulturstiftung Ruhr Essen / Luca Verlag, Lingen, 2002, S. 320–355, hier: 322–323 Da der gemalte Blumen- oder Früchtekranz oder die Girlande „für den Betrachter nahezu greifbar“ erscheint, wirkt er vermittelnd zwischen der überirdischen Sphäre der Heiligen und der Realität des Betrachters.Ute Kleinmann: Blumen, Kränze und Girlanden: Zur Entstehung eines Antwerpener Bildtypus, in: Klaus Ertz u. a.: Pieter Breughel der Jüngere - Jan Brueghel der Ältere : flämische Malerei um 1600, Tradition und Fortschritt, …, Luca-Verlag, Lingen, 1997, S. 54–66, hier: 57

Zu den Mitarbeitern bei Jan Brueghels Girlandenbildern gehörte außer van Balen und Giulio Cesare Procaccini auch Peter Paul Rubens, und dem künstlerischen Gespann Brueghel-Rubens sind einige besonders bedeutende, berühmte und einfallsreiche Girlandenmadonnen zu verdanken, wahre Meisterwerke, die sich heute in der Alten Pinakothek München, dem Louvre und im Prado befinden. Bei der Girlandenmadonna in München wird der Blumenkranz von Engelsputti gehalten, wodurch sich allerdings der Anteil von Rubens an der Gesamtkomposition optisch stärker in den Vordergrund drängt und der Brueghel-Kranz etwas an Bedeutung einbüßt (Abb. oben rechts).

Weitere Entwicklung und andere geistliche Girlandenbilder mini|260px|Daniel Seghers: Statue der Mater dolorosa in einer mit Blumen geschmückten steinernen Kartusche, um 1650, Öl auf Leinwand, 114,3 × 95,3 cm, Museum of Fine Arts, Houston. Hier sind typische Symbolblumen Marias, wie vor allem die verschiedenen Rosen, gemischt mit Pflanzen, die auf die Passion Christi und das Leid seiner Mutter hindeuten: Die Madonna hält die Dornenkrone auf ihrem Schoß und die Girlande ist übersät mit stacheligen Pflanzen wie Mariendisteln und Christusdorn, rechts unten auch eine Passionsblume. Einige Kohlweißlinge machen Hoffnung auf die Auferstehung.