mini|Davidstern am Balkon Dr.-Wilhelm-Külz-Platz 9Die jüdische Gemeinde Aschersleben geht zurück bis ins Mittelalter. Sie erlebte eine Blütezeit im 19. sowie Anfang des 20. Jahrhunderts und wurde in der Zeit des Nationalsozialismus zerschlagen. Im Stadtbild von Aschersleben lassen sich noch Hinweise auf das ehemalige jüdische Leben finden.

Geschichte der jüdischen Gemeinde in Aschersleben Mittelalter Im Jahr 1325 schrieb Bischof Albrecht von Halberstadt an seinen Bruder: „in user stat to Asscersleve sitten Ioden“ – „In unserer Stadt Aschersleben wohnen Juden.“ Das ist der erste urkundliche Nachweis für jüdische Einwohner in Aschersleben. Man kann aber annehmen, dass es schon im 13. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde in der Stadt gab, wie sie für diese Zeit auch in Magdeburg, Quedlinburg oder Halberstadt nachgewiesen ist. mini|hochkant|Darstellung eines Juden mit Judenhut (15. Jh.). Detail aus der Figurengruppe an der St.-Stephani-Kirche Aschersleben Der heute noch erhaltene Straßenname „Jüdendorf“ deutet auf einen Wohnbezirk im Südwesten des Stadtkerns am Stumpfen Turm hin. Er liegt nahe dem Flüsschen Eine und wurde lateinisch platea Judaeorum genannt. Die Juden mussten ein so genanntes „Schutzgeld“ an den Halberstädter Bischof, später an die Stadt Aschersleben zahlen, um sich das Wohnrecht hier zu erkaufen. Ihr Hauptgeschäftsfeld scheint der Geldverleih gewesen zu sein. Für das Jahr 1349 ist namentlich der Jude Abraham von Aschersleben bezeugt, dem Halberstädter Bürger Geld schuldeten.David Löblich (2022), S. 43 mit weiteren Belegen. Wie im Mittelalter verbreitet, mussten die Juden in der Öffentlichkeit einen (meist gelben) Hut tragen. Die Figurengruppe an der Westseite der St.-Stephani-Kirche aus dem 15. Jahrhundert zeigt zwei jüdische Personen mit solch einer Kopfbedeckung. Für das Jahr 1494 ist die Vertreibung der Juden aus Aschersleben durch das nahe gelegene „Sauthor“ im Westen der Stadt bezeugt. In einer Urkunde heißt es, dass die Aschersleber „zum Andenken an der Juden Vertreibung und den Juden zum Abscheu und in Warnung nicht wieder zu kommen“ eine steinerne Sau über dem Tor angebracht hätten. Damit endete das Bestehen der jüdischen Gemeinde in Aschersleben für lange Zeit.

Wiederansiedelung im 17. und 18. Jahrhundert Im 17. Jahrhundert gibt es Hinweise auf vereinzelt durch die Stadt reisende Juden. Ab den 1670er Jahren taucht Aschersleben wieder als Herkunftsname von jüdischen Personen auf, z. B. Joachim David von Aschersleben, der in Dessau lebte. Klares Indiz dafür, dass es in Aschersleben sesshafte Jüdinnen und Juden gab, ist die Anlage eines jüdischen Friedhofes, nachgewiesen ab 1717 am Fürstenweg, der heutigen Geschwister-Scholl-Straße, Ecke Johannisplatz. Für das Jahr 1767 ist zu lesen, dass in Aschersleben zwei jüdische Familien lebten, die „Geldwechsel“ betrieben und Schutzjuden des Rates der Stadt waren. Zudem bezahlten sie einen jüdischen Lehrer namens Moses Jacob, was sowohl für wohlhabende Verhältnisse als auch für eine Religionsausübung spricht.

Blütezeit im 19. Jahrhundert Aschersleben gehörte 1807 bis 1813 zum französisch regierten Königreich Westphalen. Dessen liberale Verfassung begünstigte den Zuzug von Juden. 1808 wurde der erste „Israelit“ in Aschersleben als Bürger „vereidigt“. Er hatte demnach die gleichen Rechte wie alle anderen Aschersleber, durfte z. B. ein öffentliches Amt bekleiden. Im folgenden Jahr verzeichnete Aschersleben 23 jüdische Bürger, im Jahr 1815 schon 63, im Jahr 1852 genau 100.Udo Stephan (2011), S. 35. Insbesondere aus der Provinz Posen (heute Polen) zogen mehrere Familien in die Stadt. Das Bestreben der jüdischen Bevölkerung, sich an die Mehrheitsgesellschaft anzupassen, wird deutlich in der Annahme fester Nachnamen, wie es die Behörden forderten. Auch bestanden sie darauf, dass ihre Kinder an den staatlichen Schulen unterrichtet wurden. Im Jahr 1852 wurde im Jüdendorf nach jahrelanger Planung eine Synagoge im Rundbogenstil geweiht. Innen besaß der „Tempel“ eine Frauen-Empore, einen ansehnlichen Mosaikfußboden sowie einen mit Sternen bemalten Synagogenhimmel. Zur reichen Innenausstattung gehörten u. a. fünf Thora-Rollen.Stadtarchiv Aschersleben I-76-7 Die jüdische Gemeinde Aschersleben galt als reformiert.

Die Gemeinde verlegte ihren Friedhof ab 1867 in die Schmidtmannstraße, wo er sich bis heute befindet. Der alte Jüdische Friedhof wurde 1927 wegen einer Straßenverbreiterung des Fürstenweges eingeebnet.

Die jüdischen Wohn- und Geschäftshäuser beschränkten sich nun nicht mehr auf das Jüdendorf, sondern verteilten sich über das gesamte Stadtgebiet. Das Spektrum der ausgeübten Berufe hatte sich gegenüber dem Mittelalter deutlich erweitert. Es gab Händler, wie die Familie Jakoby Hirschfeld, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Tuch- und Bekleidungsgeschäft Hinter dem Turm 7 besaß. Der Jurist Georg Bamberger praktizierte als Rechtsanwalt und Notar in der Johannispromenade 3. 1890 eröffnete die „Ascherslebener Bank Goldstein, Kohen & Co.“

Deutsches Kaiserreich und Weimarer Republik Die Aschersleber Bürger jüdischen Glaubens verstanden sich in großer Mehrheit zugleich als Deutsche. Von den jüdischen Gemeindegliedern kämpften nachweislich 13 Männer im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite. Die Männer Alfred Levy und Siegbert Caspary fielen „für Gott und Vaterland“.Verzeichnet auf der Gedenktafel in der St.-Stephani-Kirche Aschersleben, nördliches Seitenschiff. Am 27. Januar 1915 feierte die jüdische Gemeinde einen „Fest-Gottesdienst zu Kaisers Geburtstag“ in der Synagoge, was als politisches Treuebekenntnis zu verstehen ist. Die jüdische Gemeinde konnte den Aschersleber Stadtbaurat Hans Heckner gewinnen, eine Aussegnungshalle auf dem Gelände des jüdischen Friedhofes in der Schmidtmannstraße zu erbauen. Am 2. Dezember 1928 wurde das runde Sakralgebäude in Anwesenheit des Oberbürgermeisters, einer Abordnung des Stadtmagistrats und der evangelischen Pfarrer geweiht. Nur zehn Jahre später, während der Novemberpogrome 1938, ging die Halle in Flammen auf und wurde später „dem Erdboden gleich gemacht“.Zitat von Feodor Hirsch, Treuhänder der jüdischen Gemeindegrundstücke ab 1946.

Zeit des Nationalsozialismus Das NS-Regime unterdrückte ab 1933 schrittweise das geschäftliche, soziale und persönliche Leben der jüdischen Einwohner Ascherslebens. Etliche jüdische Familien flohen bis zum Kriegsbeginn 1939 ins Ausland. Es kam zu Boykottaufrufen gegen jüdische Geschäfte. 1937 bestanden in Aschersleben noch lediglich neun jüdische Geschäfte, im November 1938 nur noch drei.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge zerstört. Tags darauf kam es zu Angriffen auf jüdische Geschäfte und Privatwohnungen. Sieben jüdische Männer wurden verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Am Abend des 10. November wurde die Aussegnungshalle auf dem Friedhof angezündet.

Die Liste der in Aschersleben 1941 noch ansässigen jüdischen Bürger umfasst 29 Namen. Sechzehn von ihnen wurden am 13. April 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert. Einer, der Viehhändler Albert Schwabe, nahm sich in der Nacht zuvor das Leben. Sieben weitere jüdische Bürger deportierte man am 16. November 1942 ins Ghetto Theresienstadt.

Bis zu einem gewissen Zeitpunkt geschützt blieb, wer mit einem nichtjüdischen Partner verheiratet war. Bisher sind fünf solche Personen bekannt: Feodor Hirsch, Hedwig Bohne, Julie Hangebrock, Hanna Müller und Ida Roggenbach. Feodor Hirsch, Hanna Müller und Hedwig Bohne wurden jeweils eine Zeitlang von Freunden versteckt, um den Deportationen zu entgehen.

Um den kriegsbedingten Ausfall von Männern in den Produktionsstätten zu kompensieren, verpflichtete das NS-Regime auch Jüdinnen und Juden zur Zwangsarbeit. So beschäftigte die Papierfabrik H. C. BestehornFamilie Bestehorn. In: qr-erinnerung.de, abgerufen am 21. August 2022. ab 1940 mindestens 96 jüdische Zwangsarbeiterinnen aus Wien. Die bekannteste von ihnen ist Edith Hahn Beer. Als sie zurück nach Wien geschickt wurde, um deportiert zu werden, entfernte sie ihren gelben Judenstern von ihrer Kleidung und tauchte mit Hilfe einer Freundin unter. Ihr Leben hat sie in ihrer Autobiographie Ich ging durchs Feuer und brannte nicht beschrieben. Darin schildert sie eindrücklich ihr Leben als Zwangsarbeiterin in der Bestehornschen Papierfabrik.

Zahlreiche Betriebe in Aschersleben griffen auf Zwangsarbeiter zurück. Inwieweit es sich dabei um jüdische Gefangene handelte, ist noch nicht erforscht. Die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG Aschersleben beschäftigte ab 2. Januar 1945 noch 500 jüdische Frauen, die aus dem KZ Auschwitz über Bergen-Belsen hierher transportiert worden waren.Seidel, Irmgard (2006), S. 369. Sie mussten im Zweischicht-System arbeiten. Je zwei Häftlinge teilten sich einen Schlafplatz. Mitte April 1945 wurden die Frauen in so genannten Todesmärschen Richtung Süden evakuiert. Sofern sie diese überlebten, wurden sie freigelassen oder von sowjetischen Truppen befreit.

Nachkriegszeit und Zeit der DDR Im Jahr 1947 wohnten in Aschersleben sieben jüdische Bürger: Feodor Hirsch, Hedwig Bohne, Hanna Müller, Ida Roggenbach, Walter Herz sowie die aus dem Konzentrationslager zurückgekehrten Helene Krelle und Bernhard Littwack. Weil es an Mitgliedern fehlte, konnte keine selbstständige jüdische Gemeinde gegründet werden. Mit anderen ehemaligen Gemeinden wurden sie im Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt zusammengefasst.

Im August 1946 setzte diese den jüdischen Geschäftsmann Feodor Hirsch als Obmann und Treuhänder für die Rückführung der jüdischen Gemeindegrundstücke in Aschersleben ein. Er ließ den jüdischen Friedhof wieder instand setzen, welcher durch zwei Bombentreffer beschädigt worden war. Die Liegenschaft rings um die ehemalige Synagoge sowie der Friedhof in der Schmidtmannstraße gingen 1950 in das Eigentum des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt über. Das Grundstück im Jüdendorf 12 mit dem ehemaligen Kantorenhaus und Garten verkaufte Feodor Hirsch 1955 an den Müller der angrenzenden Malzmühle. Dieser verkaufte es wenig später weiter. Die letzte Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof erfolgte 1970 (Feodor Hirsch). Danach wurde er geschlossen.

Ende der 1970er Jahre begann die evangelischen Kirche in der DDR gezielt nach den jüdischen Traditionen vor Ort zu suchen. So sammelte Pfarrerin Dorothee Mücksch in den 1980er Jahren erste Zeitzeugenberichte in der Gemeinde. Eine staatliche Gedenkveranstaltung fand zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht auf dem jüdischen Friedhof statt. Hier wurde insbesondere „der Familie Spanier, Lotte Becker sowie Frau Crohn und Tochter“ namentlich gedacht.Quelle: Freiheit (Tageszeitung) vom 11. November 1988.

Situation heute (Stand 2023) mini|Stolpersteine für die Eheleute Feodor und Helene Hirsch, Breite Straße 41a Heute gibt es in Aschersleben keine jüdische Gemeinde mehr. Der jüdische Friedhof ist am Tag des offenen Denkmals oder mit Erlaubnis des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt besuchbar. Die Reste der ehemaligen Synagoge können im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Die 73 (Stand: 2023) im Stadtgebiet verlegten Stolpersteine in Aschersleben erinnern an Wohn- und Arbeitsorte jüdischer Einwohner.

Das Faltblatt Stätten der Erinnerung mit Erläuterungen zu Wohnstätten ehemaliger jüdischer Einwohner ist im Stadtmuseum am Markt erhältlich. Im Museumsfundus befinden sich Gegenstände aus ehemaligem jüdischen Privatbesitz.

Der Arbeitskreis „Geschichte jüdischer Mitbürger in Aschersleben“ im Museumsverein Aschersleben e. V. ist bemüht, die lange jüdische Geschichte der Stadt zu erforschen, die Ergebnisse zu veröffentlichen und Gedenkveranstaltungen inhaltlich zu unterstützen.

Seit 2018 organisiert die Aschersleber Kulturanstalt im Spätherbst regelmäßig jüdische Kulturtage.

Geschichten jüdischer Einwohner im 19. und 20. Jahrhundert Familie Bamberger