mini|Magu, Göttin der Unsterblichkeit, mit Hirsch an ihrer Seite
Das Tao der Sexualität ist ein Buch von Stephen T. Chang – eine zusammenfassende Übersetzung und Interpretation alter taoistischer Texte, die der Überlieferung gemäß ursprünglich auf dem Werk eines legendären Kaisers beruhten.
Das Tao der Sexualität ist eine körperorientierte Sexuallehre ohne eine Thematisierung von sozialen, kommunikativen oder psychologischen Beziehungen der Geschlechter. Ziel ist ein Sexerleben, das auf der Basis gesundheitlicher Selbstoptimierung der Beteiligten – und auch Heilungswirkungen durch den Geschlechtsakt – zu einer höheren Spiritualisierung von Mann und Frau führt – im taoistischen Denken hin zur Unsterblichkeit. Als Tao der sexuellen Weisheit ist es eine Komponente der umfassenden Lehre des Taoismus und wird dort in den um das Symbol für Yin und Yang angeordneten Trigrammen dem I Ging gemäß vom Zeichen li für Feuer repräsentiert.
„Es geht um den Einsatz der Sexualität und sexuellen Energie zur Verbesserung der Gesundheit, zur Harmonisierung und höheren geistigen Wachsamkeit.“Stephen T. Chang: Das Tao der Sexualität. Von der tieferen Weisheit des Liebens aus dem Amerikanischen von Olivia de Seijo, Arkana Goldmann, München 1995, S. 27.
Einbettung im Taoismus Das „umfassende Lebenssystem besteht aus acht Disziplinen der persönlichen Ausbildung:“
Das Tao der Philosophie Das Tao der Revitalisierung Das Tao der ausgewogenen Ernährung Das Tao der vergessenen Heilpflanzen Das Tao der Heilkunst Das Tao der sexuellen Weisheit Das Tao der Selbstdisziplin Das Tao des gestalteten Schicksals
Entstehungsgeschichte Das Hauptwerk der taoistischen Liebeskunst: Su-nü-ching (Sunü jing 素女经) wird dem legendären chinesischen „Gelben Kaiser“ Huang-Ti zugeschrieben, der laut Überlieferung von 2697–2597 v. Chr. regierte.
In Bezug auf den Fortbestand und die Verfügbarkeit dieses und auch noch nachfolgender Werke kritisiert Chang, dass „jahrtausendelang […] politische, philosophische und religiöse Gruppen den Code zur Entschlüsselung der klassischen kalligraphischen Texte für sich allein in Anspruch genommen (haben). Die strikte Einschränkung des Leserkreises verwehrte es vielen Menschen, das Buch zu lesen, zu verstehen, zu deuten.“
Nach Chang hält die daraus entstandene Verwirrung bis heute an:
Siehe auch in der Kompilation von Ideen und Darstellungen unter Daoistische Sexualpraktiken.
In seiner dreißig Jahren dauernden Forschungsarbeit – so Chang – war es „schwierig, zufriedenstellende Übersetzungen dieses Buches zu finden, und viele Lehren, die weite Verbreitung fanden, waren entstellt, unvollständig und unzuverlässig. […] Das vorliegende Buch wurde geschrieben als Geste des guten Willens, um die uralte taoistische Weisheit der Sexualität vorzustellen.“Zitate im Kapitel: Chang: Tao der Sexualität, 1995, S. 9 ff.
Das Werk erschien 1986 mit dem Originaltitel The Tao of Sexology – The Book of Infinite Wisdom in San Francisco, die deutschen Rechte führte die Ausgabe des Ariston Verlag, Genf/München 1992 und als vollständige Taschenbuchausgabe der Goldmann Verlag, 1995.Zum Autor: „Stephen Chang ist ein international renommierter Gelehrter und praktizierender Arzt. Er studierte Philosophie, Theologie, Rechtswissenschaften sowie westliche und traditionelle chinesische Medizin.“ (Im Intro des Buches, S. 2) Eine weitere Veröffentlichung Changs ist Das Handbuch ganzheitlicher Selbstheilung, Goldmann Verlag 1991.
Körperlich-physikalische Grundlagen „Die alten Taoisten wussten, dass der menschliche Körper nicht leben kann, wenn seine Gewebe und Organe nicht ständig mit Energie versorgt werden. Gesund ist der Mensch nur dann, wenn sich die Energie seines Körpers im Gleichgewicht befindet. […] Energie ist eine dynamische Kraft, die in ständigem Fluss durch den Körper kreist. […] Alle Lebensformen und -aktivitäten werden durch Energie unterstützt, wobei diese verbraucht wird.“
Das taoistische System nimmt sieben Drüsen des Körpers an, die „Energiezentren“ darstellen – nach heutigen Begriffen (endokrine Drüsen):
Zirbeldrüse, Hirnanhangsdrüse, Schilddrüse, Thymusdrüse, Bauchspeicheldrüse, Nebennieren, Geschlechtsdrüsen,
und die wie Kommunizierende Röhren miteinander in Verbindung stehen. Der Schwächezustand einer einzelnen („die aus irgendeinem Grund Energie verliert“) beeinträchtigt auch alle anderen, denn sie müssen „einen Teil ihres Inhalts abgeben, um das Gleichgewicht innerhalb des Systems wiederherzustellen.“
Das Gesundheitssystem des Tao ist darauf angelegt, Zellen und Gewebe gesund zu halten und diese seien imstande, sich zu regenerieren. Wenn „die Regenerationsfähigkeit behindert oder gestört ist, wird der Körper krank. Um Krankheiten zu vermeiden, muss man das Immunsystem schützen.“ Es geht nicht darum, Krankheiten zu bekämpfen, sondern „von vornerein zu verhindern.“ Es ging darum, eine Methode zu entwickeln, die „den Verlust von Energie (verhindert), welcher die Grundursache der Schwäche des Körpers und seiner Anfälligkeit für Krankheiten ist.“Nach Chang gibt es „sechs Arten von Energie: mechanische Energie, Wärmeenergie, Klangenergie, Strahlungsenergie, Atomenergie und elektrische Energie.“ Lebensenergie ist elektrische Energie: „Elektrische Energie im Menschen unterscheidet sich grundsätzlich von der Elektrizität im Haushalt: Diese ist ein Wechselstrom mit sechzig Perioden pro Sekunde, beim Menschen hingegen sind es 49 000 000 Perioden pro Sekunde, was etwa der Hälfte der Lichtgeschwindigkeit entspricht.“ (Chang, S. 79.).
Umgang mit Lebensenergie
Aufgeladen wird „die 'Batterie' durch Nahrungsaufnahme und erholsamen Schlaf. [… Schlaf] entspannt die meridianen Ein- und Ausgangspunkt. Er erlaubt der kosmischen Energie, in die Akupunkturpunkte einzudringen, durch alle Meridiane zu wandern und jede Zelle des Körpers zu erreichen, um sie für den nächsten Tag in Schwung zu bringen.“
Hier liegen auch die persönlichen Ansatzpunkte, um Energieverlust zu vermeiden bzw. eine Erneuerung zu begünstigen. Die besondere Aufmerksamkeit der taoistischen Heilkunde gilt darüber hinaus dem Verbund der sieben Drüsen und dabei sind die Geschlechtsdrüsen als „Fundament des Drüsensystems […], die Basis, die alle anderen Drüsen stützt.“ Damit gelten „Prostata und Hoden beim Mann und Eierstöcke, Gebärmutter, Scheide und Brüste bei der Frau“ als zuständig „für die Hormonausscheidung, die sexuelle Energie und Reaktion und für die Reproduktion verantwortlich.“ Und damit erhalten sie eine besondere Aufmerksamkeit, die sich eng mit Übungen verbindet.Chang: Tao der Sexualität, S. 44 ff und 47.
Pflege der Sexualorgane Die Geschlechtsdrüsen werden auch „Herd“ genannt und ohne einen gepflegten Herd „brennt das Feuer nicht richtig und kann deswegen auch nicht genutzt werden.“ Der kritischste Bereich ist der After, der beim Mann unmittelbar an der Prostata, bei der Frau nahe an der Vagina vorbei führt.
Stephan T. Chang: „Ihr kalendarisches Alter, also die Anzahl der Jahre, die Sie gelebt haben, sind ein Hinweis auf ihr Alter; das wahre Alter aber ist das biologische, denn darin spiegelt sich der Gesundheitszustand des Körpers sowie eventuelle morphologische Veränderungen am Skelett, an der Knochenstruktur, wider. Einer der wichtigsten Indikatoren ihres biologischen Alters ist die Zustand ihres Afters, das heißt die Festigkeit des analen Schließmuskels. Dieser gehört zur selben Energieeinheit wie die Geschlechtsdrüsen: Sind die Geschlechtsdrüsen kräftig, so ist auch der Schließmuskel kräftig. Und umgekehrt ist der Schließmuskel schwach, wenn die Geschlechtsdrüsen schwach sind. […] Deshalb kann man mit Hilfe des Afters das biologische Alter nicht nur messen, sondern es auch ändern.“Die Unterscheidung von kalendarischem und biologischem Alter gründet im Tao der Sexualität messbar darin, dass letzteres am Erektionswinkel, dem Winkel zwischen Penis und Rumpf bewertet wird. In der Zeichnung einer gestreckten Hand wird dies verdeutlicht: 'Der nach oben gestreckte Daumen (ca. 45 Grad) gelte dem Teenager, der Zeigefinger (ca. 60 Grad) dem Zwanziger, Mittelfinger (ca. 90 Grad) dem Dreißiger, Ringfinger (ca. 105 Grad) dem Vierziger und kleiner Finger (ca. 135 Grad) dem Fünfziger.' „So ist zum Beispiel ein vierzigjähriger Mann mit einem Erektionswinkel von 66 Grad – die nach obigen Richtlinien einem Zwanzigjährigen entspricht – aus biologischer Sicht etwa zwanzig Jahre.“ (Chang, S. 84 f.).
Der After ist „die ideale Umgebung für die Vermehrung von Krankheitserregern [… und] nur ein dünnes Gewebe trennt die Prostata vom Darmausgang.“ Nach dem Stuhlgang reiche Toilettenpapier nicht aus, Kotreste müssen entfernt werden, eine Reinigung wird genau und nachvollziehbar beschrieben. „Dauernde Vernachlässigung ist am Ende tödlich.“Zitate im Abschnitt: Chang: Tao der Sexualität, 1995, S. 48 bis 54.
Der Mann Nach einem Exkurs zum Penis, „seiner Größe, Form und wie sie sich verändern lassen“ und dem Hinweis, dass es darauf ankäme, „dass die Übereinstimmung mit der Größe der Vagina seiner Partnerin […] vor allem wichtig ist“, folgt eine Abschnitt zur selbstständig durchführbaren Prostata-Massage und dabei auch der Prüfung ihres Zustandes.
Hirschübung Eine „Hirschübung“ benannte Technik besteht in einer kreisförmigen Massage durch eine Hand auf dem „Schambein, etwa zweieinhalb Zentimeter unter dem Nabel […] einundachtzigmal“, danach mit Wechsel der Hand. Der zweite Schritt ist die Muskelanspannung um das Aftergebiet, „so fest wie möglich, aber ohne sich zu verkrampfen.“ Die Übung dient der Stärkung der Schließmuskeln, wirkt auch als leichte Prostatamassage und führt zur Fähigkeit, „einen vorzeitigen Samenerguß zu verhindern. […] Die Hirschübung ist darüber hinaus ein Heilmittel für den ganzen Körper, denn sie stärkt das Immunsystem gegen alle Arten von Krankheitserregern.“Zitate im Abschnitt: Chang: Tao der Sexualität, S. 55 bis 65 und S. 78 bis 82.
Der Schlüssel zur taoistischen Sexualtheorie und -praxis für den Mann ist jedoch der Umgang mit dem Akupressurpunkt Jen-Mo.
Ejakulation Der Penis ist „ein Instrument, das die Geschlechtsdrüsen zur Fortpflanzung benutzen“, die Hoden produzieren Spermien und Hormone und die Prostata produziert die nährstoff-, hormon-, und energiereiche Samenflüssigkeit.
Nach der Ejakulation sind alle sieben Drüsen leer, vor allem die Geschlechtsdrüsen. Dies bedeutet in der Lehre des Tao, Energie abwärts geleitet zu haben, „durch die sieben Drüsen und aus dem Körper hinaus“ – es komme jedoch darauf an, „die Energie durch die sieben Drüsen aufwärts zu lenken“:
Die Frau hat während des Geschlechtsverkehrs den Vorteil, dass „sie einen Orgasmus erreichen (kann), sooft sie will, ohne dabei Nährstoffe oder Energie zu verlieren. Im Gegensatz zum Mann, den die Ejakulation enorm schwächt, geht ihr nichts verloren.“ (Chang, 111).
Jen-Mo-Punkt Es gibt für den Mann „einen Orgasmus, ohne zu ejakulieren; er 'injakuliert' statt dessen. Es gibt einen Akupressurpunkt zwischen After und Hodensack: Durch Druck auf diesen Punkt lässt die Ejakulation sich umkehren. […] Dabei wird der Samen von der vollen Prostata zurückgezogen und vom Blut aufgenommen.“ Dies benötigt etwas Übung, ist letztlich aber ein einfacher Vorgang, er wird als Orgasmus erlebt und „bewahrt die wertvolle Lebensenergie als auch die Erektion.“ Der höhere Sinn liegt darin, dass der Mann so „in der Lage (ist), die Frau über die neun Stufen zur vollkommenen Befriedigung zu führen. (Was man bei der Frau normalerweise einen Orgasmus nennt, ist nur die vierte der neunstufigen Sequenz).“Chang: Tao der Sexualität, S. 65 ff.
Die Frau