Die sowjetische 23. Armee (russisch 23-я армия) war ein Großverband der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg, der an der nördlichen Ostfront eingesetzt wurde. Die Armeetruppen kämpften ab Juni 1941 im Fortsetzungskrieg gegen die Finnische Armee an der Karelischen Landenge, wobei sie die nordwestlichen Zugänge nach Leningrad sicherten. Nachdem sich Finnland bereits im September 1944 aus dem Krieg zurückgezogen hatte, blieb die Armee weiterhin an der Karelischen Landenge eingesetzt und wurde erst 1948 aufgelöst.
Geschichte 1941 Die 23. Armee wurde im Mai 1941 im Leningrader Militärbezirk gebildet und war als Nachfolgeverband der 7. Armee (1. Formation) entstanden. Sie hatte die im Winterkrieg 1940 gebildete vorgeschobene Grenze auf Wiborg und Ristalachti (westlich von Sortawala) sowie die Westküste des Ladogasee zu verteidigen. Nach Beginn des Vaterländischen Krieges deckte die 23. Armee den linken Flügel und die die 7. Armee (2. Formation) den rechten Flügel an der Karelischen Landenge. Der Besitz der Straße Petrosawodsk-Kexholm ermöglichte es den beiden Armee die eigenen Streitkräfte entlang der Front effizient zu manövrieren. Aber am rechten Flügel lag hinter dem 168., 142. Schützen- und der 198. motorisierten Division, vereint unter dem Oberkommando des 19. Schützenkorps, der Ladogasee. Die einzige Verbindung mit dem Hinterland war die am Westufer des Ladogasees durch Kexholm führende Straße. In solch einer prekären Position befanden sich die 10 Schützendivisionen und 7 Artillerie-Regimenter der 23. Armee.
Armeegliederung am 1. Juli 1941
19. Schützenkorps (Generalmajor M. N. Gerasimow, ab 6. August Generalmajor F. N. Starikow) 115. Schützendivision (Generalmajor Wassili Fomitsch Konkow) 142. Schützendivision (Oberst Semjon Petrowitsch Mikulschki)
50. Schützenkorps (Generalmajor W. I. Schtscherbakow) 43. Schützendivision (Brig. Kom. Wladimir Wassiljewitsch Kripitschnikow) 70. Schützendivision (Generalmajor Andrei Jegorowitsch Fedjunin) 123. Schützendivision (Oberst Jewgenij Jefimowitsch Tschukanow)
10. mechanisiertes Korps (Generalmajor I. G. Lasarew) 21. Panzer-Division (Oberst Leonid Bunin) 24. Panzer-Division (Oberst Makarius Iwanowitsch Tschesnokow) 198. motorisierte Schützendivision (Generalmajor Wladimir Viktorowitsch Krjukow)
Gruppe Astanin (General A. N. Astanin) 177. und 191. Schützendivision, 8. Schützenbrigade 27. befestigter Raum (Wiborg) und 28. befestigter Raum (Kexholm) 24., 28., 43., 573. Korps-Artillerie-Regiment 101. Haubitzen-Artillerie-Regiment, 108. und 519. Haubitzen-Regiment
Nach Kriegsausbruch am 22. Juni lautete der Befehl der übergeordneten Nordfront die Grenze im Raum Ristalachti (westlich von Sortawala), nördlich und nordöstlich von Wiborg bzw. die nordwestlichen Zugänge nach Leningrad und das Westufer des Ladogasees gegenüber einer Invasion durch die Finnen zu verteidigen. Die am rechten Flügel vorgeschobene Vorhut – die 142. Schützendivision und die 168. Schützendivision der rechts benachbarten 7. Armee zogen sich bereits ab 23. Juni auf eine bessere Verteidigungsstellung zurück. Die Finnen waren zunächst den sowjetischen Truppen zahlenmäßig etwas unterlegen (ihre Divisionen waren etwas stärker an Mannschaftsstärke), aber in Bezug auf Panzer und Artillerie deutlich unterlegen. Ende Juni nahm jede Division der Armee etwa 40–47 Kilometer Front ein, die Artilleriedichte betrug etwa 5 Kanonen und Mörser pro Frontkilometer. Das 10. mechanisierte Korps befand sich anfangs in der Armeereserve, wurde aber Anfang Juli zum Luga-Abschnitt abgezogen.
Die finnische Offensive an der Karelischen Landenge begann am 10. Juli auf breiter Front zwischen Pyhajärvi über Korpiselka in Richtung auf Imatra. Für die Offensive auf der Karelischen Landenge und im Raum nördlich des Ladoga-Sees setzten die Finnen drei Armeekorps ein. Der Hauptschlag erfolgte in Richtung des befestigten Raumes Kexholm. Das 4. Armeekorps (4., 8. und 12. Infanteriedivision) war von der Küste des Finnischen Meerbusens bis zum Saimo-See stationiert. Zwischen Lappeenranta und Imatra befand sich die 10. Infanteriedivision und die 1. Kavalleriebrigade als Reserve. Das 2. Armeekorps (2., 15. und 18. Infanteriedivision) war von Vuoksa bis Pyhäjärvi eingesetzt.
Die finnische Truppen starteten am 31. Juli die zweite Phase ihrer Offensive, sie planten, die Westküste des Ladogasees zu erreichen und die 23. Armee zu spalten. Am 2. August versuchten die sowjetische 198. mechanisierte und die 142. Schützendivision die Finnen im Gegenangriff aus den Raum Lachdenpochja in westlicher Richtung zu stoppen, erlitten jedoch schwere Verluste und mussten zurückgehen. Am 6. August wurde Generalleutnant P. S. Pschennikow Kommandeur der 8. Armee, an seiner Stelle wurde M. N. Gerasimow zum Kommandeur der 23. Armee ernannt. Der Verlust der Reserven zwang die Armeetruppen sich auf Linien zurückzuziehen, die im nördlichsten Teil der Front leichter zu verteidigen waren. Es wurden Verteidigungslinien mit Bunkern aus Holz angelegt und aufgeworfene Gräben mit Minenfelder gesichert. Die finnische 18. Division rückte durch die Wälder vor und griff gegen die nördliche Flanke der sowjetischen 115. Schützendivision an, deren Einheiten sich durch das Gehölz zurückzogen. Für 8. August war ein Gegenangriff 198. Schützendivision im Raum Sortawala angesetzt, um die wieder vorrückende 2. und 142. Schützendivision zu unterstützen. Gleichzeitig sollte die 43. und 115. Schützendivision die finnischen Reserven binden. Letzte Absicht scheiterte frühzeitig, die 115. Division musste sich in Richtung Helisevänjoki zurückziehen, wo ein Fluss gute Verteidigungspositionen gegen die angreifende finnische 18. Division bot. Am 9. August erreichten die Finnen trotz hartnäckigen Widerstandes der sowjetischen Truppen die Linie Lachdenpochja, Kurkijoki und Hiitola an der Küste des Ladogasees. Dabei wurde die rechte Flanke der 23. Armee in drei voneinander isolierte Gruppen gespalten. In der ersten Gruppe, vom Norden und Nordwesten im Raum Lachdenpochja umfasst, befanden sich Einheiten der 23. und 7. Armee. Von der 7. Armee war hier die 168. Division und das Schützenregiment 367 der 71. Schützendivision, von der 23. Armee war das Schützenregiment 708 der 115. Schützendivision isoliert. Die zweite Gruppe umfasste die 142. Schützendivision und die 198. motorisierte Division und befand sich im Raum nördlich und nordöstlich von Khitol. Die dritte Gruppe unter Oberst Donskoi wurde westlich der Stadt Kexholm eingeschlossen. Während der Kämpfe wurde die 43. Schützendivision in der Schlacht von Porlampi geschlagen. Um zu verhindern, dass die Finnen weiter ungehindert in südöstlicher Richtung vordrangen, warf das Oberkommando der 23. Armee die 265. Schützendivision in den Kampf. Die 23. Armee hatte schwere Verluste erlitten und musste auf die alte Grenzlinie nördlich Leningrad zurückgehen, wo Stellungen im 22. befestigten Raum eingenommen wurden. Die Ladoga-Flottille kam den Abgeschnittenen zu Hilfe.
Am 10. August schlugen die Finnen den sowjetischen Gegenangriff bei Hiitola zurück und nahmen am nächsten Tag die Offensive auf der gesamten Karelischen Landenge wieder auf. Die Truppen des linken Flügels der 23. Armee (115., 43. und 123. Schützendivision), unterstützt von den Streitkräften der Flotte, schlugen die Offensive der finnischen Truppen im Kampf um Wiborg einen Monat lang zurück. Unterstützung leisteten dabei 12 Küstenbatterien des Festungsgebiets Wiborg. Vom 12. bis 22. August führte die Flottille die Evakuierung der 142. und 198. Schützendivision durch. Teile der 168. Schützendivision wurden zunächst auf die nahe gelegene Insel Walaam und dann in der zweiten Phase nach Schlüsselburg evakuiert. Gleichzeitig wurde die 168. Schützendivision mit allem Material evakuiert und sofort in den Raum Kolpino umgruppiert. Aufgrund der neuen militärischen Lage wurde die 23. Armee am 24. August an die Leningrader Front übertragen. Am 29. August besetzten die Finnen Wiborg und Kivennen, am 30. August Raivola und am 31. August Terijoki.
Die Truppen des linken Flügels der 23. Armee begannen ihren systematischen Rückzug. Die auf den Inseln der Wiborger Bucht befindlichen Küstenbatterien undicht die Schiffe der Schärenflottille deckten den Truppenabzug und wehrten feindliche Landungen ab. Mit Unterstützung von Küstenbatterien von den Inseln des Björk-Archipels hielten die sowjetischen Truppen den Brückenkopf mehrere Tage lang. Der geplante Rückzug verlief jedoch nicht nach Plan, weil die Finnen die Fluchtwege abschnitten. Die 43., 115. und 123. Schützendivision wurden umzingelt, es gelang den eingekreisten Einheiten im Raum Koivisto zur Küste auszubrechen, wo die Baltische Flotte Ende August mit der Evakuierung begann. Bis zum 1. und 2. September wurden 27.000 Mann evakuiert, darunter 2.000 Verwundete. Bei dem wenig geordneten Rückzug gingen fast alle Waffen und militärische Ausrüstung verloren. Als die finnische Armee am 1. September auf Befehl von Feldmarschall Mannerheim die Offensive stoppte, bestand die 23. Armee nur noch aus 80.000 Mann und hatte große Mengen an schweren Waffen und Material verloren. Der Militärrat der Leningrader Front befahl die 23. Armee auf die Linie des 22. Festungsraums (Karelien) zurückzuziehen, der entlang der Grenze von 1939 verlief.
Von 1942 bis Juni 1944 befand sich die 23. Armee im Stellungskrieg und verteidigte die nordwestlichen Zugänge nach Leningrad.
Armeegliederung am 1. August 1942 10.,20., 123., 136., 142. und 291. Schützendivision
Armeegliederung am 1. Mai 1943 10., 92., 142. und 288. Schützendivision 27. Schützenbrigade
1944 Anfang Mai 1944 plante die Stawka nach der Aufhebung der Leningrader Blockade auch an der Karelischen Landenge bei der 23. Armee (Generalleutnant A. I. Tscherepanow) zwischen Ladogasee und Ochta wieder in die Offensive überzugehen. Gemäß dem Plan der Operation sollten zur Unterstützung der Leningrader Front auch die nach Karelien verlegte 21. Armee eingesetzt werden, um den von der 13. Luftarmee unterstützten Angriff der 23. Armee in Richtung Beloostrow – Summa – Wiborg – Lappeenranta zu verstärken. Die Hauptstadt Kareliens – die Stadt Wiborg, der wichtigste Verkehrsknotenpunkt in Südfinnland sollte zurückerobert werden.
Am 9. Juni 1944 begann die Artillerie- und Luftbombardements gegen die zuvor ausgemachten Ziele, bei der die erste dauerhafte finnische Verteidigungslinie zerstört wurde. Am 10. Juni gingen die Truppen der 21. Armee im Rahmen der Wiborger Operation in die Offensive. Am 11. Juni durchbrachen Teile des 115., 98. und 97. Schützenkorps die zweite Verteidigungslinie des finnischen 3. Korps, am Abend des 11. Juni erreichten die Truppen der 23. Armee die Linie Termolowo – Chirelja. Besonders heftige Kämpfe entfalteten sich im Raum Siiranmjaki und um die Höhe 171,0. Am Morgen des 14. Juni begannen nach erneuter Artillerievorbereitung und Luftangriffen der Angriff auf die zweite feindliche Verteidigungslinie. Einheiten des 98. und 115. Schützenkorps nahmen das befestigte Mustalowo und führten drei Tage lang hartnäckige Kämpfe, bevor der operative Durchbruch erzwungen war. Am 14. Juni durchbrachen Einheiten der 281. Schützendivision mit Unterstützung des 46. Garde-Panzerregiments und dem selbständigen 226. Panzerregiment die Verteidigung der finnischen Truppen. Der von der 281. Schützendivision begonnene Durchbruch wurde von der 177. Schützendivision zum Erfolg ausgebaut. Die 23. Armee säuberte das südliche Ufer des Flusses Vuoksi und überquerte den Fluss während der Schlacht von Vuosalmi.
Armeegliederung am 13. Juni 1944
98. Schützenkorps 142. und 372. Schützendivision 124. Schützenkorps 177., 281. und 286. Schützendivision 108. Schützenkorps 10. und 46. Schützendivision 115. Schützenkorps 92. und 314. Schützendivision 72. und 90. Schützendivision 97. Schützenkorps 178., 358. und 381. Schützendivision 17. und 22. befestigter Raum