mini|240px|Eine Schlacht, die so nicht stattfand: Kampf zwischen Österreichern und Türken, angeblich 1431 in Krain (Darstellung nach Valvasor, 1689) In einer Schlacht bei Rudolfswerth soll ein innerösterreichisches Aufgebot 1429 oder 1431 osmanische Streiftrupps besiegt haben. Die Historizität der Schlacht ist nicht belegt.

Angebliche Türkeneinfälle in Krain

Historisch zweifelsfrei belegt sind sogenannte Türkeneinfälle in Krain (Slowenien), Steiermark und Kärnten nicht vor 1469,Franz Ilwof: Die Einfälle der Osmanen in die Steiermark, Teil II, In: Mittheilungen des Historischen Vereins für Steiermark. Heft 10, Historischer Verein für Steiermark, Graz 1861, S. 207–264. dennoch hielten sich lange Zeit auch Überlieferungen vermeintlich früherer Angriffe osmanischer Türken auf österreichisches bzw. Reichsgebiet.Franz Ilwof: Die Einfälle der Osmanen in die Steiermark, Teil I. In: Mittheilungen des Historischen Vereins für Steiermark. Heft 9, Graz 1859, S. 179–205.Hans Pirchegger: Die ersten Türkeneinfälle (1396, 1415, 1418). In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark. Jahrgang 18, Historischer Verein für Steiermark, Graz 1922, S. 67–73.Hans Pirchegger: Geschichte der Steiermark mit besonderer Rücksicht auf das Kulturleben. Moser, Graz 1976, S. 37, 41 und 113. Noch während des innerosmanischen Bürgerkriegs seien eigenmächtig agierende Streiftrupps osmanischer Grenzkommandeure durch Bosnien und (das damals zu Ungarn gehörende) Kroatien hindurch erstmals in Krain eingefallen, hätten am 9. Oktober 1408 die Städte Möttling (heute Metlika) und Tschernembl (heute Črnomelj) geplündert und niedergebrannt sowie Tausende Einwohner als Gefangene verschleppt. Obwohl sich die Osmanen dafür 480 Kilometer von ihrer nächstliegenden Versorgungsbasis hätten entfernen müssenDonald Edgar Pitcher: An Historical Geography of the Ottoman Empire From Earliest Times to the End of the Sixteenth Century. Brill, Leiden 1972, S. 49, 57ff und 71ff. und obwohl dies allein Johann Valvasor behaupteteJohann Weichard von Valvasor: Die Ehre des Herzogtums Krain, IV. Band, Buch XV. Endter, Nürnberg 1689, S. 329–334 (Nachdruck bei Krajec, Laibach 1877)Johann Weichard von Valvasor: Deß Hochlöbichen Hertzogthums Crain Topographisch-Historischer Beschreibung, III. Band, Buch XI, Laibach 1689, S. 389. wurde Valvasors Behauptung vor allem von Krainer und slowenischen Geschichtsschreibern übernommen.Peter von Radics: Die Einfälle der Osmanen in Steiermark, Kärnten und Krain im XV. und XVI. Jahrhundert, Teil 3, in: Valentin Streffleur (Hrsg.): Österreichische militärische Zeitschrift, Erster Band, Verlag Carl Gerold’s Sohn, Wien 1864, S. 159.August Dimitz: Geschichte Krains von der ältesten Zeit bis auf das Jahr 1813, Erster Theil, I.v. Kleinmayr & F. Bamberg, Laibach 1876, S. 252f und 261–270.Fran Levec: Die Einfälle der Türken in Krain und Istrien. In: Jahresbericht der k.k. Staats-Oberrealschule in Laibach... S. 9–58. Verlag der k.k. Staats-Oberrealschule, Laibach 1891.Peter Štih, Vasko Simoniti, Peter Vodopivec: Slowenische Geschichte – Gesellschaft, Politik, Kultur. Leykam, Graz 2008, S. 182.Dušan Nećak, Božo Repe: Slowenien. S. 40–44. Wieser Verlag, Klagenfurt 2006. Slowenischen Historikern zufolge seien von 1408 bis 1508 fast 200.000 Einwohner Innerösterreichs als Sklaven ins Osmanische Reich verschleppt worden. Ein erneuter Einfall 1411 soll Besitzungen des Deutschen Ordens in Möttling und Tschernembl zerstört haben, die Schadensberichte von 1411 beziehen sich aber möglicherweise auf damals noch anhaltende Nachwirkungen des Angriffs von 1408.Wladimir Levec: Die ersten Türkeneinfälle in Krain und Steiermark. In: Mitteilungen des Musealvereins für Krain. Band 16, Verlag des Musealvereins für Krain, Laibach 1903, S. 169–194.

Wahrscheinlicher sind für Mai und August 1415 überlieferte Angriffe, obwohl (oder gerade weil) Valvasor solche Angriffe nicht erwähnte. Osmanisch-türkische Streiftrupps seien nach Siegen in Bosnien damals (erneut) in Krain eingefallen und nicht nur bis Laibach (heute Ljubljana) vorgedrungen, sondern auch bis an die Grenzen des Patriarchats Aquileia bzw. an die Grenzen der Steiermark.Albert von Muchar: Geschichte des Herzogthums Steiermark, Siebenter Teil, Damian und Sorge, Graz 1864, S. 222 und 303. In den Annalen der zum Patriarchat gehörenden Stadt Udine fand sich dazu passende Korrespondenz zwischen dem Rat der Stadt und dem Patriarchen über die drohende Gefahr und Verteidigungsvorbereitungen. Valvasor erwähnte für 1416 einen Ungarneinfall bis nach Billichgrätz (heute Polhov Gradec, nahe Laibach/Ljubljana), spätere Autoren machten auch daraus einen Türkeneinfall.Xaver Richter: Kaiser Friedrich und Krain. In: Joseph von Hormayr (Hrsg.): Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunde, Band 9. Anton Strauß, Wien 1818, S. 126f.Xaver Richter: Geschichte der Stadt Laibach. In: Vinzenz Klun (Hrsg.): Archiv für die Landesgeschichte des Herzogthums Krain, II. und III. Heft. Druck von Ignaz von Kleinmayr & Fedor Bamberg, Laibach 1854, S. 215.

Hieronymus Megiser hatte stattdessen behauptet, der erste osmanische Einfall in Innerösterreich sei erst 1418 erfolgt und statt Krain habe er die Steiermark betroffen. In einer von Megiser erfundenen und von Valvasor nacherzählten Schlacht bei Radkersburg seien im Oktober 1418 die Türken angeblich vernichtend geschlagen worden. Spätere Historiker wie Heinrich Hermann, Franz Ilwof und Hans Pirchegger konnten diese Türkenschlacht anhand der von Megiser und Valvasor bemühten Quellen als Geschichtsfälschung entlarven.Leopold von Beckh-Widmannstetter: Die angebliche Belagerung von Graz und die Schlacht von Fernitz im Jahre 1532 als unhistorisch abgewiesen. In: Carl Skala (Hrsg.): Streffleurs Österreichische militärische Zeitschrift. Erster Band, Unton Strauss, Wien 1886, S. 154f.Alfons Huber: Geschichte Österreichs, Zweiter Band, Perthes, Gotha 1885, S. 529f.Heinrich Hermann: Handbuch der Geschichte des Herzogthumes Kärnten, Zweiter Teil, Erstes Heft, Leon, Klagenfurt 1843, S. 116f, 123f, 300f und 307. Statt der Türken hatten damals Ungarn die Steiermark verheert, und Megiser habe den Ungarneinfall später einfach zu einem Türkeneinfall umgedichtet. Trotz eines 1419 zwischen Ungarn und Osmanen geschlossenen und mehrfach verlängerten bzw. erneuerten Waffenstillstands seien osmanische Truppen 1425 erneut in Kroatien und Krain eingefallen und bis in die Umgebung Laibachs vorgedrungen,Franz Theuer: Der Raub der Stephanskrone – der Kampf der Luxemburger, Habsburger, Jagiellonen, Cillier und Hunyaden um die Vorherrschaft im pannonischen Raum. Edition Roetzer, Eisenstadt 1994, S. 308. doch selbst Megiser und Valvasor erwähnten solche Einfälle nicht. Möglicherweise war in jenen Jahren nur Kroatien betroffen.

Megiser zufolge sei es (erst) 1431 zu einem Türkeneinfall in Krain und zu einem erneuten Sieg über die Türken in einer Schlacht bei Rudolfswerth (Neustadtl, heute Novo mesto) gekommen. Bereits Valvasor bzw. sein Mitarbeiter Erasmus Francisci hielten zwar 1429 für wahrscheinlicher, historisch belegt ist aber auch das nicht. Rudolfswerth stand damals – anders als die übrige Krain – nicht unter direkter Herrschaft der österreichischen Habsburger, sondern war noch an die mit den Habsburgern rivalisierenden Grafen von Cilli verpfändet.Peter Štih: The Middle Ages between the Eastern Alps and the Northern Adriatic – Select Papers on Slovene Historiography and Medieval History. Brill, Leiden 2010, S. 358. In der Cillier Chronik wurden allerdings weder eine Türkenschlacht noch eine Belagerung für 1429 oder 1431 erwähnt.

Schilderung der Schlacht Obwohl Megiser den angeblichen Türkeneinfall und die angebliche Schlacht von Rudolfswerth eigentlich auf 1431 datiert hatte, verlegten einige Nacherzählungen das schon auf 1425, 1428,Carl Schmutz: Historisch-Topographisches Lexicon von Steyermark, Band 3. Kienreich, Graz 1822, S. 474. 1429 oder 1430.Vinzenz Klun: Archiv für die Landesgeschichte des Herzogthums Krain, I. Heft, Druck von Ignaz von Kleinmayr & Fedor Bamberg, Laibach 1852, S. 25ff und 83. (Selbst Megiser war uneindeutig geblieben, in der Kapitelüberschrift hatte er 1429, im Kapiteltext 1431 geschrieben.)

Megiser und Valvasor zufolge sollen 8.000 (nach anderen Angaben 10.000August Dimitz: Beiträge zur 500-jährigen Gründungsfeier von Neustadtl (Rudolfswerth) in Unterkrain. Verlag des historischen Vereins für Krain, Laibach 1865, S. 4.) Türken die Kupa überschritten und in Krain eingefallen sein, Möttling überrannt, die Einwohner ermordet bzw. als Gefangene mitgeschleppt und die Stadt niedergebrannt haben. Danach seien sie gegen Rudolfswerth gezogen und hätten mit der Belagerung auch dieser Stadt begonnen. (Die üblicherweise für solche Streifzüge berüchtigten „Renner und Brenner“ waren zumeist berittene, sonst aber nur leichtbewaffnete Bogenschützen und für Belagerungen von befestigten Städten eher ungeeignet.) Der Krainer Landeshauptmann Ulrich Schenk von Osterwitz (Ulrik Šenk Ostroviški) habe in Laibach eilig ein Entsatzheer aufgestellt, dem sich ein Kärntner Aufgebot unter deren Landeshauptmann Stephan (Stefan) Graf von Montfort-Bregenz und auch steirische Hilfstruppen angeschlossen hätten.Aquilin Julius Caesar: Staat- und Kirchengeschichte des Herzogthums Steyermark, Sechster Band, Wingand und Ferstl, Graz 1788, S. 90. Welcher der beiden Landeshauptleute den Oberbefehl gehabt habe, ist nicht eindeutig überliefert worden. Insgesamt sei das innerösterreichische Aufgebot nur 4.000 Mann stark gewesen, habe aber nach langem wechselhaften Kampf die Türken zurückgeschlagen und die Hälfte von ihnen getötet. Erst die Geschütze der Krainer und Kärntner sollen die Schlacht entschieden haben. Nach anderen Angaben hätten die Türken nach drei verlustreichen Tagen die Belagerung abgebrochen und sich (kampflos) zurückgezogen, als sich das Entsatzheer näherte.

Historisch-kritische Zweifel

Über eine Schlacht gegen osmanische Türken bei Rudolfswerth berichteten weder Zeitzeugen noch andere Chronisten des 15. Jahrhunderts. Auch Chroniken wie der im 16. Jahrhundert von Johann Jakob Fugger zusammengestellte Spiegel der Ehren des [...] Ertzhauses Oesterreich erwähnten noch keine Türkenschlacht. Noch im 17. Jahrhundert erwähnte der steirische Chronist Martin Zeiller nur eine Plünderung Möttlings, nicht aber eine Türkenschlacht bei Rudolfswerth („Rudolphsworth“).Martin Zeiller: Topographia Provinciarum Austriacaru[m] Austriae Styriae, Carinthiae, Carniolae, Tyrolis etc. Johan Arnold Cholin, Frankfurt (Main) 1677, S. 71f. Über eine solche Schlacht erzählten erst spätere Autoren und Chroniken des 17. Jahrhunderts. Alle Schilderungen der Schlacht und Überlieferungsketten gehen offenbar auf Megiser und Valvasor zurück, wobei bereits Valvasor (bzw. Francisci) relativierende „Anmerkungen“ machte und die Datierung „korrigierte“. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten die Kirchenhistoriker Anton Steyerer, Markus Hansiz und Erasmus Fröhlich erstmals einige Werke Megisers als unhistorisch eingestuft.Wilhelm Neumann: Die Türkeneinfälle nach Kärnten – Wahrheit und Dichtung in der Kärntner Geschichtsschreibung von Jakob Unrest bis zur Gegenwart. Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschungen, Regensburg 1955, S. 85–90 und 102–108 (PDF).Anton Steyerer: Commentarii pro historia Alberti II ducis Austriae, cognomento sapientis. Zweiter Band, Thomas Fritschius, Leipzig 1725, S. 4 und 99f.Simon Martin Mayer (Hrsg.): Carinthia – Zeitschrift für Vaterlandskunde, Belehrung u. Unterhaltung, Nr. 41 vom 22. Oktober 1822, Verlag Anton Gelb, Klagenfurt 1822, S. 327ff. Dennoch wurden Megisers und Valvasors Darstellungen im 18. Jahrhundert von Aquilinus Caesar und auch noch im 19. Jahrhundert von Joseph von Hammer-Purgstall, Albert von Muchar und Peter von Radics ab- und fortgeschrieben.