Die 1. Leipziger Volksbaukonferenz fand am 6. und 7. Januar 1990 in einer der Agra-Hallen im äußersten Süden Leipzigs (an der Grenze zu Markkleeberg) statt. Rund 1000 Baufachleute und Bürger forderten eine neue Baupolitik. Dabei erreichten sie einen Abriss-Stopp für Altbauten in Leipzig und verhinderten den Bau weiterer Plattenbauten im Stadtzentrum.
Zeitgeschichtlicher Hintergrund mini|Leipzig Januar 1990 Der Zerfall der baulichen Substanz der Stadt war in Leipzig einer von vielen Gründen für die Unzufriedenheit und eine der Triebkräfte für die Friedliche Revolution. Das ganze Ausmaß wurde in dem TV-Dokumentarfilm Ist Leipzig noch zu retten?, der im November 1989 im DDR-Fernsehen gezeigt wurde, noch einmal offensichtlich. Vor diesem Hintergrund trafen die Initiatoren der Volksbaukonferenz, darunter Wolfgang Hocquél, einen Nerv der Zeit.
Die Volksbaukonferenz
Die Geschäftsordnung der Konferenz war einfach: Wer sich meldete, durfte sprechen, aber höchstens fünf Minuten. Zu den Rednern gehörten: Peter Heldt, Vorsitzender des Kulturbundes in Leipzig Thomas Topfstedt, Kunsthistoriker an der Universität Leipzig Bernd Rüdiger, der sich so vorstellte: „Ich bin Direktor der größten Bibliotheksruine der Welt“.Schrei nach Veränderung auf DAB-Online, 22. Dezember 2014. Angela Wandelt, Architektin aus Leipzig, wandte sich „gegen die Gewalt und Monotonie des industriellen Neubaus“ Dietmar Fischer, städtischer Chefarchitekt Karl-Heinz Klein, stellvertretender Bezirksbaudirektor Gerhard Baumgärtel, Bauminister in der Regierung Modrow in Berlin Winfried Sziegoleit, Architekt, der einer oppositionellen Initiative Leipziger Architekten angehörte
Fast alle Redner forderten eine radikale Abkehr von der verfehlten Baupolitik der vorangegangenen zweieinhalb Jahrzehnte.Wolfgang Hocquél: Fünf vor oder fünf nach zwölf? Vor zwanzig Jahren fand die erste Leipziger Volksbaukonferenz statt. In: Leipziger Blätter, Heft 56, Frühling 2010, S. 89–91' Obwohl die Volksbaukonferenz eine nichtstaatliche Initiative war, wurden auch staatliche Vertreter eingeladen, deren Redebeiträge aber zumeist Empörung hervorriefen.
Die Volksbaukonferenz erstellte eine Zustandsanalyse und erarbeitete ein Sofortprogramm für die Stadt, welche dem ostdeutschen Ministerrat vorgelegt werden sollten.Catherine Isabel Froehling: Krisenmanagement in einer ostdeutschen Kommune: Leipzig 1989/90. Freiburg (Breisgau) 1998, ISBN 3-928597-25-6, S. 71. Das Spektrum der Forderungen reichte von einem sofortigen Abriss-Stopp und der Stilllegung der Tagebaue über Reformen der Baupreise, des Steuerrechts und der Einführung kostendeckender Mieten bis zur Instandsetzung von Kirchenbauten.Wolfgang Kunz: Leipziger Architektur. Zwischen Investoreninteresse und öffentlichem Anspruch. In: Engelbert Lütke Daldrup (Hrsg.): Leipzig Bauten 1989–1999. Birkhäuser-Verlag, Basel / Berlin / Boston 1999, ISBN 3-7643-5957-9, S. 25.
Würdigung und Nachwirkungen mini|Abriss am Rabet um 1980 Laut Leipziger Volkszeitung war die Konferenz ein Aufschrei
Die Volksbaukonferenz fand in der Zeit des Machtvakuums zwischen der Entmachtung der alten Organe und Gremien und der Einrichtung neuer statt. Parallel nahmen Runde Tische ihre Arbeit auf. Am Runden Tisch der Stadt LeipzigFoto: Der Runde Tisch der Stadt Leipzig tagt, der bis zu den ersten freien Kommunalwahlen im Mai 1990 die Politik der Stadt bestimmte, war die Initiative Volksbaukonferenz vertreten und konnte wichtige Entscheidungen der Baupolitik mit beeinflussen.Wolfgang Hocquél: Fünf vor oder fünf nach zwölf?…, S. 90f. Nach der Wahl der neuen Stadtverordnetenversammlung am 6. Mai 1990 wurden Ausschüsse gebildet. Wolfgang Hocquél saß in der ersten Wahlperiode dem Bauausschuss vor.
Es folgten keine weiteren Volksbaukonferenzen, wie der Namenszusatz „1.“ nahegelegt hatte. Sicherlich war der Namenszusatz auch im Sinne einer ersten wirklichen Volksbaukonferenz gemeint, als Kontradiktion dazu, wie in der DDR der Begriff Volk verwendet wurde (siehe auch: Wir sind das Volk).
Der Publizist Wolfgang Kil würdigte 1995 die Konferenzergebnisse wie folgt:
Mit der Volksbaukonferenz begann der Prozess der Revitalisierung der Stadt.Wolfgang Hocquél: Leipzig. Architektur von der Romanik bis zur Gegenwart. 2. stark erweiterte Auflage, Passage-Verlag, Leipzig 2004, ISBN 3-932900-54-5, S. 347.
Literatur Arnold Bartetzky, Nicolas Karpf und Greta Paulsen (Hrsg.): Architektur und Städtebau in der DDR. Stimmen und Erinnerungen aus vier Jahrzehnten. DOM publishers, Berlin 2022, ISBN 978-3-86922-784-9, S. 185–187 und 218–221.
Weblinks Klaus Hartung: „Todkrankes Stadtindividuum“ / „1. Volksbaukonferenz“ diskutierte am Wochenende in Leipzig / „Plattenmafia“ muss sich der Kritik stellen. In: Die Tageszeitung vom 12. Januar 1990 (taz.de) Klaus Hartung: Bericht über die 1.Volksbaukonferenz. In: Die Tageszeitung vom 18. Januar 1990 (taz.de)
Einzelnachweise
Kategorie:Veranstaltung 1990 Kategorie:Veranstaltung in Leipzig Kategorie:Leipziger Geschichte Kategorie:Stadtplanung (Leipzig)