mini|Logo der wbg 2021 mini|Bücher des Verlages mini|Buchreihe „Wege der Forschung“ Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft (wbg; bis März 1955 Wissenschaftliche Buchgemeinschaft, ab 2018 wbg – Wissen. Bildung. Gemeinschaft) war ein deutscher Verlag in der Rechtsform eines wirtschaftlichen Vereins durch staatliche Verleihung des Landes Hessen gem. S. 1 BGB. Der Geschäftssitz war Darmstadt. Die wbg zählte zu den größten Buchgemeinschaften im deutschsprachigen Raum. Nach der Insolvenz des Verlages im Herbst 2023 ist die wbg seit dem 2. Januar 2024 ein Imprint des Verlags Herder.

Geschichte Verlagsgründung Am 12. Januar 1949 erfolgte in Tübingen die Gründung des Vereins Wissenschaftliche Buchgemeinschaft e. V., der es sich zunächst zur Aufgabe machte, die im Zweiten Weltkrieg verlorengegangene Fachliteratur nachzudrucken. Zu den Unterzeichnern der Gründungsurkunde gehörten namhafte Tübinger Professoren, wie der Altphilologe Walter F. Otto und der Theologe Adolf Köberle, außerdem bekannte Wissenschaftsfunktionäre aus der Zeit des Nationalsozialismus wie Gerhard Fricke und Ernst Anrich, der zum ersten Direktor gewählt wurde. Wenig später konnte der SPD-Politiker Carlo Schmid, damals Professor für Öffentliches Recht an der Universität Tübingen, für den ersten Vorstand gewonnen werden. Bereits 1950 trat der Berliner Philosoph Wilhelm Weischedel in das Gremium ein, dem er bis 1975, zeitweilig als dessen Vorsitzender, angehörte.

Im Juni 1949 wandte sich der Verein erstmals an die Öffentlichkeit: „Von ganzen Epochen unserer Geschichte sind die unmittelbaren Zeugnisse deutscher Kultur zerstört. Gleichzeitig wurde ein großer Teil des deutschen wissenschaftlichen Buchbestandes in öffentlichen Bibliotheken, Verlagen, Antiquariaten und Zehntausenden von persönlichen Bibliotheken vernichtet. Der deutsche Verlagsbuchhandel kann die riesige Lücke in der nächsten Zeit nicht schließen. […] Aber der geisteswissenschaftliche deutsche Buchbestand kann in seinen wesentlichen Werken neu erstellt werden, wenn wir alle unmittelbar zusammentreten zu einer großen Genossenschaft […] und uns selbst diese Bücher wieder neu drucken. […] Aus all diesen Erwägungen heraus wurde im Januar dieses Jahres die ‚Wissenschaftliche Buchgemeinschaft e. V.‘ gegründet. Sie ruft jetzt, nachdem sorgfältig die weiteren Vorarbeiten geleistet worden sind und ein großer Fachkreis zur wissenschaftlichen Beratung zusammengetreten ist, alle Studenten, alle Studienräte, Juristen, Geistlichen, Ärzte, Lehrer, Naturwissenschaftler, alle Gebildeten und Buchliebhaber unseres Volkes, alle Bibliotheken, Schulen, Volkshochschulen usw. zu diesem großen Zusammenschluß auf.“Zitiert nach: René Schlott: Die WBG, ein Unikat der Verlagslandschaft. Eine kleine Verlagsgeschichte der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. WBG, Darmstadt 2009, S. 11–12.

Nach ersten Anlaufschwierigkeiten gewann die wbg innerhalb weniger Jahre mehrere tausend Mitglieder, die ihren Verein auch mit Kleinkrediten unterstützten, so dass die Neugründung sich stabilisieren konnte. Um betriebswirtschaftliche Risiken auszuschließen, bot die wbg in den ersten Jahren ihres Bestehens alle Buchtitel zunächst nur zur Subskription an. Die eigentliche Produktion und Auslieferung der Bücher erfolgte erst dann, wenn genügend verbindliche Vorbestellungen für einen Titel vorlagen, um diesen kostendeckend zu verlegen.

Ausbau in den 1950er und 1960er Jahren mini|Das alte Verlagshaus der wbg in Darmstadt Im Jahr 1953 wurde der Firmensitz von Tübingen nach Darmstadt verlegt, weil die Stadt und das Land Hessen der „rauchfreien Industrie“ gute Rahmenbedingungen boten. 1955 kam es zur Namensänderung: aus der Buchgemeinschaft wurde eine Buchgesellschaft. Ein Jahr später verlieh das Land Hessen den Status eines wirtschaftlichen Vereins an die wbg, da der ursprüngliche Zusammenschluss von Akademikern schnell zu einem Wirtschaftsunternehmen angewachsen war. Ende der 1950er Jahre hatte die wbg schon mehr als 20.000 Mitglieder. Im Jahreskatalog 1959 wurden 650 Titel aus über 17 Fachgebieten angeboten.René Schlott: Die WBG, ein Unikat der Verlagslandschaft. Eine kleine Verlagsgeschichte der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. WBG, Darmstadt 2009, S. 42.

1961 nahm die wbg eine eigene Offsetdruckerei am Unternehmenssitz in Betrieb, nur ein Jahr später folgte eine Buchbinderei. Der Firmensitz in Darmstadt wurde stetig räumlich erweitert, so dass nun der gesamte Buchproduktionsprozess hausintern vor Ort erfolgen konnte. Schon am Ende der 1950er Jahre hatte man mit dem Aufbau einer eigenen Lektoratsabteilung begonnen, weil die wbg nicht mehr nur Nachdrucke älterer Titel lieferte, sondern auch eigene Neuerscheinungen produzierte.

Die „Causa Anrich“ Initiator der Vereinsgründung 1949 war der NS-Historiker Ernst Anrich, der nach dem Ende der Reichsuniversität Straßburg anstellungslos geblieben war. Der überzeugte Nationalsozialist Anrich hielt sich jedoch zunächst im Hintergrund, um die Vereinszulassung durch die französischen Besatzungsbehörden nicht zu gefährden. Anrich trat anfangs nur als Vorstandssekretär auf; erst 1953 wurde er offiziell Geschäftsführer und Vorstandsmitglied. Im Juni 1966 sprach Anrich auf dem Parteitag der NPD, deren Parteipräsidium er seit 1964 angehörte.Joachim Lerchenmüller: Das Ende der Reichsuniversität Straßburg in Tübingen. In: Bausteine zur Tübinger Universitätsgeschichte, Band 10, Tübingen 2005, S. 115–174, hier S. 164. In seiner Rede lehnte er die bestehende freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik ab und forderte indirekt die Erneuerung der Volksgemeinschaft und den Aufbau einer „Nationaldemokratie“, woraufhin der Vorstand der wbg seine sofortige Entlassung veranlasste.Ernst Anrich: Mensch – Volk – Staat – Demokratie. Eine Rede auf dem NPD-Parteitag 1966. Sonderdruck des DN-Verlages Hannover. Zitiert nach: Lothar Kettenacker: Kontinuität im Denken Ernst Anrichs. Ein Beitrag zum Verständnis gleichbleibender Anschauungen des Rechtsradikalismus in Deutschland. In: Paul Kluke zum 60. Geburtstage. Frankfurt am Main 1968, S. 140–152. Zugleich wurde jedoch die volle Gehaltsfortzahlung bis zu seinem 65. Lebensjahr und der Fortbestand seiner Pensionsansprüche beschlossen.René Schlott: Die WBG, ein Unikat der Verlagslandschaft. Eine kleine Verlagsgeschichte der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. WBG, Darmstadt 2009, S. 48–49.

Die Geschäftsleitung Anrichs blieb nicht ohne Auswirkung auf das Verlagsprogramm der wbg, in dem auch einzelne NS-belastete Wissenschaftler Veröffentlichungsmöglichkeiten fanden. So erschienen die Werke des Germanisten Gerhard Fricke, der 1933 als „Brandredner“ bei der Bücherverbrennung in Göttingen aufgetreten war, bei der wbg.Werner Treß: Ernst Anrich. In: Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, hg. von Wolfgang Benz, Berlin 2009, Bd. 2/1, S. 23–26, hier S. 25. wbg-Autoren waren auch der NS-Ideologe Otto Höfler sowie Vertreter der irredentistischen NS-Westforschung wie Hermann Aubin, Franz Steinbach und Franz Petri.Hubert Fehr, Hans Zeiss: Joachim Werner und die archäologischen Forschungen zur Merowingerzeit. In: Heiko Steuer (Hrsg.): Eine hervorragend nationale Wissenschaft. Deutsche Prähistoriker zwischen 1900 und 1995. de Gruyter, Berlin 2001, S. 311–415. Die Veröffentlichungen von NS-Historikern wie Günther Franz blieben jedoch Einzelfälle. Das Buchprogramm der wbg wurde insgesamt nicht von diesen dominiert. Karl Ferdinand Werner kam in seiner Untersuchung „Das NS-Geschichtsbild und die deutsche Geschichtswissenschaft“ im Hinblick auf die wbg insgesamt zu dem Ergebnis, dass unter der Leitung von Ernst Anrich „hin und wieder […] gewisse Tendenzen […] sichtbar wurden“.Karl Ferdinand Werner: Das NS-Geschichtsbild und die deutsche Geschichtswissenschaft. Stuttgart 1967, S. 114, Anm. 45.

Anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der wbg 2009 veranlasste der damalige Geschäftsführer Andreas Auth die erstmalige Aufarbeitung der Anfangsphase der wbg,René Schlott: Die WBG, ein Unikat der Verlagslandschaft. Eine kleine Verlagsgeschichte der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. WBG, Darmstadt 2009. nachdem bei den Feiern zum 50. Jubiläum 1999 die Rolle Ernst Anrichs bei der Gründung der Buchgemeinschaft vollständig verschwiegen worden war. Dieses Verhalten war auf öffentliche Kritik gestoßen. In der Neuen Zürcher Zeitung hieß es damals: „Von einem Unternehmen, das sich dem Leitspruch ‚Vorsprung durch mehr Wissen‘ verschrieben hat, sollte man mehr Mut zur historischen Wahrheit erwarten dürfen.“Neue Zürcher Zeitung, 24. Juni 1999, S. 36.

Die 1980er Jahre 1980 wurde mit dem Journalisten Andreas Keiser, vormals Redakteur beim WDR, ein neuer Geschäftsführer für die wbg berufen. Keiser war in einer Doppelspitze mit Jürgen Bauer vor allem für den Ausbau der Marketingaktivitäten zuständig. Er gab die eher zurückhaltende Werbestrategie der wbg auf und rückte den Preisvorteil der wbg-Bücher gegenüber dem stationären Buchhandel in den Vordergrund der Markenbotschaft. Dies führte jedoch zu Spannungen zwischen der wbg und den im Börsenverein des Deutschen Buchhandels vertretenen Buchhändlern. Zur ernsthaften Auseinandersetzung wurde der schwelende Streit im Mai 1982, als die Buchgesellschaft in Tübingen einen „Treffpunkt WB“ eröffnete, in dessen Schaufenster mit „Sonderausgaben“ für eine wbg-Mitgliedschaft geworben wurde. Das rief die massive Kritik der Buchhändler vor Ort hervor, die den Wettbewerbsausschuss des Börsenvereins einschalteten. In langwierigen Verhandlungen verständigte man sich darauf, keine weiteren „Treffpunkte“ zu eröffnen und die „Sonderausgaben“ schrittweise aus dem Programm zu nehmen. Das Verhältnis zum Börsenverein entspannte sich mit Amtsantritt des neuen Geschäftsführers Werner Merkle 1985, der eine enge Zusammenarbeit mit dem Sortimentsbuchhandel suchte. Im Mai 1988 wurde die wbg Mitglied des Börsenvereins.

Zudem versuchte sich die Wissenschaftliche Buchgesellschaft in den 1980er Jahren verstärkt an einer Ausweitung des Portfolios. So wurden preisreduzierte Restposten und Mängelexemplare anderer Verlage vertrieben, Reproduktionen von Kunstwerken in das Programm aufgenommen und die Buchproduktion auf Bereiche abseits der Wissenschaft, beispielsweise Reiseliteratur, Hobbybücher, Straßenkarten und Urlaubssprachkurse. Auch bot man Sprach- und Bildungsreisen sowie Fernflüge an. Diese Ausweitung der Geschäftsbereiche erwies sich jedoch genauso wenig als Erfolg wie die neue Marketingstrategie Keisers, sodass die WBG unter Werner Merkle ab der zweiten Hälfte der 1980er Jahre ihr Profil wieder zu schärfen versuchte und der wissenschaftlichen Literatur wieder einen etwas größeren Stellenwert einräumte.René Schlott: Die WBG, ein Unikat der Verlagslandschaft. Eine kleine Verlagsgeschichte der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. WBG, Darmstadt 2009, S. 61–74.

Die weitere Entwicklung von 1990 bis 2024 mini|Die Büroräume der wbg in Darmstadt (Foto: 2020)