Die Operation Jassy-Kischinjow (russisch Ясско-Кишинёвская Операция/Jassko-Kischinjowskaja Operazija) bezeichnet den sowjetischen Großangriff vom 20. August 1944 auf dem Gebiet des früheren Bessarabiens und heutigen Moldawiens zwischen den Städten Jassy und Kischinjow. Sie war eine der großen sowjetischen Offensivoperationen des Jahres 1944 und bestand aus einer großräumigen Umfassungsaktion. Sowjetische Truppen eroberten auf diese Weise einen Teil Rumäniens und rieben die gegnerischen deutschen Armeen in einer Kesselschlacht auf. Bei der Schlacht wurde die deutsche 6. Armee als Teilverband der Heeresgruppe Südukraine größtenteils zerschlagen, nachdem sie südwestlich von Kischinjow in einen Kessel geraten war. Teile der 8. Armee konnten sich über die Karpaten nach Ungarn zurückziehen. Für die deutsche Seite entsprach die Dimension der militärischen Katastrophe derjenigen der Niederlage in der Schlacht von Stalingrad.

Einführung Nachdem sich die Niederlage des Deutschen Reiches ab dem Frühjahr 1943 abgezeichnet hatte, begannen die rumänischen Oppositionsführer Constantin Brătianu und Iuliu Maniu Geheimverhandlungen mit den Westalliierten für einen Separatfrieden. In ähnlicher Absicht nahm Ex-Premier Gheorghe Tătărescu geheime Kontakte zur Sowjetunion auf. Als sowjetische Truppen die südliche deutsche Heeresgruppe bis April 1944 bis an die rumänische Grenze zurückgeworfen hatten, begann auch der Staatsminister Mihai Antonescu über das neutrale Schweden eilig geheime Verhandlungen mit dem Stalin-Regime. Maniu unterrichtete Mitte August 1944 die Westalliierten über die Absicht, Marschall Ion Antonescu zu stürzen und nach der Machtübernahme sofort den Waffenstillstand anzunehmen.

Generaloberst Johannes Frießner hatte am 25. Juli 1944 den Oberbefehl über die Heeresgruppe Südukraine erhalten. Er hatte den Befehl, Rumäniens Truppenmacht auf der Seite des Deutschen Reiches zu halten und die kriegswirtschaftlich wichtigen Erdölfelder Rumäniens (z. B. um Ploiești) zu sichern. Frießner hatte zuvor ab dem 4. Juli 1944 die Heeresgruppe Nord kommandiert. Er vertrat (ebenso wie sein Vorgänger) bald die Überzeugung, dass ein Rückzug der Heeresgruppe Nord mindestens bis auf die Düna unvermeidlich sei. Daraufhin tauschte Hitler am 23. Juli 1944 die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen Nord und Südukraine miteinander. Nach der Vernichtung der Heeresgruppe Mitte im Juni/Juli 1944 wurden im Abschnitt der Heeresgruppe Südukraine keine größeren sowjetischen Angriffe vermutet. Das OKW nahm sogar einen Kräfteabzug sowjetischer Truppen an und entzog seinerseits der Heeresgruppe in Rumänien bis 13. Juli mehrere Divisionen, darunter das einzig schlagkräftige XXXX. Panzerkorps mit der 14. und 23. Panzer-Division.

Vorbereitungen Der sowjetischen Operation ging ein Angriffsbefehl der Stawka vom Anfang des Jahres 1944 voraus, Rumänien und Bulgarien aus dem Krieg auszuschalten. Der weit nach Osten vorspringende Frontverlauf lud die sowjetischen Truppen geradezu ein, die feindlichen Gruppierungen von zwei Seiten zu umfassen und zu vernichten. Im früheren Bessarabien war die deutsch-rumänische Verteidigungslinie entlang dem Ufer des Dnjestr mit Gräben und Stellungen bis in fünf Kilometer Geländetiefe stark befestigt worden. Für den Fall des Rückzuges war im Landesinneren eine weitere Kampflinie errichtet worden, die aber nur aus einem Schützengraben am Ufer des Steppenflusses Kohylnyk bestand.

An der Front in Bessarabien zwischen der Bukowina und dem Schwarzen Meer standen sich im August 1944 1.250.000 Soldaten, 16.000 Geschütze, 1.870 Panzer und 2.200 Flugzeuge der Roten Armee und etwa 900.000 deutsche sowie rumänische Soldaten, 7.600 Geschütze, 400 Panzer und 810 Flugzeugehttp://wwii-soldat.narod.ru/OPER/ARTICLES/027-kishenev.htm an einer weitgehend beruhigten Frontlinie gegenüber. Auf sowjetischer Seite kämpfte die 1. Rumänische Freiwilligen-Infanterie-Division „Tudor Vladimirescu“. Die rote Schwarzmeer-Flotte unter Admiral Oktjabrski hatte beim Angriff den linken Flügel der 3. Ukrainischen Front zu unterstützen. Die Aktionen der beiden beteiligten sowjetischen Heeresfronten wurden vom anwesenden Vertreter des Oberkommandos, Marschall Timoschenko koordiniert.

Beteiligte Truppen Rote Armee

2. Ukrainische Front (General Malinowski) 27. Armee (Trofimenko) 40. Armee (Smatschenko) 7. Gardearmee (Schumilow) 6. Panzerarmee (Krawtschenko) 18. Panzerkorps (W. I. Poloskow) Kavalleriegruppe Gorschkow (5. Garde-Kavallerie-Korps und 23. Panzerkorps) 52. Armee (Korotejew) 4. Gardearmee (Galanin) 53. Armee (Managarow) 5. Luftarmee (Gorjunow)

3. Ukrainische Front (General Tolbuchin) 5. Stoßarmee (Bersarin) 57. Armee (Gagen) 37. Armee (Scharochin) Mechanisierte Kavalleriegruppe Plijew (4. Garde-Kavalleriekorps) 4. Garde-mechanisiertes Korps (Shdanow) 46. Armee (Schljomin) 7. mechanisiertes Korps (Katkow) amphibische Gruppe Generalleutnant A. N. Bachtin 17. Luftarmee (Sudez)

Wehrmacht und Rumänen miniatur|hochkant|Johannes Frießner

Heeresgruppe Südukraine (Generaloberst Johannes Frießner)

Westliche Armeegruppe Wöhler

Reserve: 10. Panzergrenadier-Division und 153. Feldausbildungs-Division 8. Armee (General der Infanterie Otto Wöhler) XVII. Armeekorps (General der Gebirgstruppe Kreysing) mit 8. Jäger-Division und 3. Gebirgs-Division Rumän. VII. Korps mit 8. Inf. Division, 103. und 104. Gebirgs-Brigade Rumän. I. Korps mit 6. und 20. Inf. Division Rumän. V. Korps mit Garde-Division und 4. Inf. Division LVII. Panzerkorps (General der Panzertruppe Kirchner) mit 46. Infanterie-Division und rumänischer 1. und 13. Infanterie- und Panzerdivision „Großrumänien“

Rumänische 4. Armee (General Ioan Racoviță) Rumän. VI. Korps mit 5. Inf.-Division und 101. Gebirgs-Brigade sowie deutsche 76. Infanterie-Division Rumän. IV. Korps mit 3. und 7. Inf.-Division, sowie 102. Gebirgs-Brigade IV. Armeekorps (General der Infanterie Mieth) mit der 79. und 376. Infanterie-Division, sowie rumänische 11. Inf.-Division

Östliche Armeegruppe Dumitrescu

Reserve: 13. Panzer-Division, rumänische 1. Kavallerie-Division 6. Armee (General der Artillerie Maximilian Fretter-Pico) VII. Armeekorps (General der Artillerie Hell) mit 106. und 370. Infanterie-Division, sowie rumänische 14. Inf.-Division XXXXIV. Armeekorps (Generalleutnant Müller) mit der 62., 258., 282. und 335. Infanterie-Division. LII. Armeekorps (General der Infanterie Buschenhagen) mit 161., 294. und 320. Infanterie-Division XXX. Armeekorps (Generalleutnant Postel) mit der 384., 302., 257., 15. und 306. Infanterie-Division

Rumänische 3. Armee (Generaloberst Petre Dumitrescu) XXIX. Armeekorps (Generalleutnant von Bechtoldsheim) mit 9. Infanterie-Division, rumänische 21. Inf.-Division und 4. Gebirgs-Division Rumän. III. Korps mit 2. und 15. Inf.-Division Küstenschutz: Rumän. II. Korps mit 9. Inf.-Division und 110. Inf.-Brigade.

Verlauf Die sowjetischen Angriffe begannen in den Morgenstunden des 20. August 1944 mit einem fast zweistündigen Artilleriefeuer durch etwa 16.000 Geschütze und Werfer. Der Artilleriekommandeur der 2. Ukrainischen Front, Generaloberst Nikolai Fomin, ließ das Feuer durchgehend 1 Stunde und 30 Minuten, Generaloberst Mitrofan Nedelin von der 3. Ukrainischen Front 1 Stunde und 45 Minuten wirken. Die Rote Armee konzentrierte ihre Artillerie an der mehrere hundert Kilometer langen Frontlinie, gezielt wurden jene Frontabschnitte ausgesucht, an denen die wenig kampfkräftigen rumänischen Einheiten lagen. Die Konzentration pro Kilometer betrug durchschnittlich etwa 260–280 Geschütze und Granatwerfer. Die Durchbruchstellen waren wegen der stark befestigten Verteidigungsstellungen nur 5 bis 8 Kilometer breit. Durch die Truppenkonzentration an den schmalen Durchbruchstellen betrug die Überlegenheit der Angreifer an Soldaten das Fünffache, bei den Geschützen das Siebenfache und an Panzern das Zehnfache.

Nach sowjetischer Darstellung wurde der erfolgreiche Durchbruch der taktischen Verteidigungszone am ersten Angriffstag durch die gute Artillerie- und Luftwaffenvorbereitung errungen. Die Verteidigungsanlagen wurden durch das Feuer, bei dem die hochgeschleuderte Erde, ehe sie den Boden erreichte, von der nächsten Detonationswelle wieder emporgerissen wurde, buchstäblich vom Erdboden hinweg gefegt. Bei der 3. Ukrainischen Front soll es dabei gelungen sein, durch Einsatz von Puppen, starkem Gewehr- und Maschinengewehrfeuer und Hurrarufen einen Sturmangriff vorzutäuschen, so dass der Gegner, der wie üblich die Stellungen während des Artillerieschlages verließ, dazu gebracht wurde, sie wieder zu besetzen und so mitten in das wieder auf die vorderen Stellungen verlegte Artilleriefeuer geriet.W. A. Mazulenko: Die Zerschlagung der Heeresgruppe Südukraine. August–September 1944. Berlin 1959, S. 6, 38, 49 und 51.

Die 2. Ukrainische Front unter General Malinowski konzentrierte ihren Durchbruchskeil am rechten Flügel zwischen Sereth und Pruth gegen den von der rumänischen 4. Armee gehaltenen Raum nordwestlich von Jassy, während am linken Flügel entlang des Raut zur Bindung von Feindkräften nur ein örtlicher Durchbruch angestrebt wurde. Bei der östlichen am Dnjestr angreifenden 3. Ukrainischen Front unter General Tolbuchin wurden gleichzeitig drei Armeen aus dem südlichen Brückenkopf bei Tiraspol angesetzt, während aus dem Brückenkopf Butor bei Grigoriopol nur ein Ablenkungsangriff geführt wurde. Beide Keile hatten nach dem Durchbruch mit den Panzerkräften einzudrehen und die Masse der in der Mitte festgestellten deutschen 6. Armee einzukesseln. Das XVII. Armeekorps, am linken Flügel der deutschen 8. Armee, das im Raum Radautz – Kimpolung die Sicherung der Karpatenpässe östlich von Máramarossziget (Sighetu Marmației) innehatte, blieb von den sowjetischen Angriffen zunächst verschont.Paul Klatt: Die 3. Gebirgs-Division 1939–1945. Podzun, Bad Nauheim 1958, S. 277–296, Kartenanhang Lage vom 8. August 1944.

Kampfabschnitt nordwestlich Jassy Nach dem etwa zweistündigem Artillerieschlag folgte ab 6.30 Uhr der Infanterieangriff der Truppen der 2. Ukrainischen Front. Die sowjetische 27. und 52. Armee sowie die später eingeführte 6. Panzerarmee durchbrachen auf etwa 25 Kilometer Breite angesetzt den rechten Flügel der Korpsgruppe Kirchner (rumänisches V. Korps) sowie den linken Flügel der Korpsgruppe Mieth (rumänisches VI. und IV. Korps). Nachdem die rumänischen Einheiten keinen Widerstand geleistet hatten und schnell zurückgegangen waren, sah sich die deutsche 76. Infanterie-Division (Generalmajor Abraham) beidseitig umfasst, erlitt bei Letcani schwere Verluste und musste sich über den Bahlui-Fluss zurückziehen.

Die 7. Gardearmee brach am rechten Flügel über Tupilatsi südwärts auf Târgu Frumos durch. Die Front der 79. Infanterie-Division (Generalleutnant Friedrich-August Weinknecht) hielt zunächst noch, musste aber am linken Flügel von Stanca südwärts bis Jassy eine Hakenstellung aufbauen und wegen Bedrohung im Rücken nach Cucuteni zurückgehen.

Das deutsche IV. Korps (Korpsgruppe Mieth) versuchte die noch offenen Pruth-Übergänge nach Westen bei Kostuleni und Sbiroja für die östlicher stehenden Teile der 6. Armee offenzuhalten. Nach dem erreichten Durchbruch stießen die motorisierten sowjetischen Truppen, vor allem mit Panzern, sofort tief in das Landesinnere vor, um den Pruth bei Husi zu erreichen. Am Abend des 20. August war die Front der Armeegruppe Wöhler zwischen Pruth und Sereth auf 30 Kilometer Breite und 16 Kilometer Tiefe aufgerissen, die Verbindung zwischen dem LVII. Panzerkorps und den IV. Armeekorps war verloren gegangen. Am 21. August besetzte die nachgezogene 52. Armee (Generalleutnant Konstantin Korotejew) Jassy. Am selben Tag wurde die mechanisierte Kavallerie-Gruppe Gorschkow (5. Garde-Kavalleriekorps und 23. Panzerkorps) in die Schlacht geführt, um den Vorstoß auf Roman zu führen.

Durchbruch südwestlich von Tiraspol