Das Kernkraftwerk Isar (Abkürzung KKI), auch nur Ohu I bzw. II liegt in Niederbayern, 14 Kilometer flussabwärts der Isar von LandshutBroschüre von E.ON-Unternehmenskommunikation, undatiert (von ca. 2000) auf dem Gebiet des Marktes Essenbach (Gemarkung Ohu).
Auf dem Werksgelände des Kraftwerks befinden sich zwei bautechnisch völlig unterschiedliche Reaktoren: Block 1 ist ein Siedewasserreaktor, Block 2 ein Druckwasserreaktor. Von März 2011 bis 15. April 2023 war nur noch Block 2 in Betrieb; für Block 1 wurde der Rückbau beantragt und 2017 genehmigt.Abbau von Atomkraftwerk genehmigt – Isar 1 verschwindet, heise online vom 24. Januar 2017. Für Block 2 wurde der Rückbau beantragt und am 21. März 2024 genehmigt.
Ursprünglich sollte das KKW mit Ablauf des Jahres 2022 vom Netz gehen (siehe Atomausstieg); angesichts der weltweiten Energiekrise 2021–23 wurde allerdings 2022 vor dem Hintergrund der Versorgungssicherheit das Atomgesetz in Deutschland noch ein Mal geändert, sodass Block 2 des KKWs gemeinsam mit dem KKW Emsland und Block 2 des KKW Neckarwestheim noch bis zum 15. April 2023 im sogenannten Streckbetrieb blieb. Nach Angaben des Betreibers wurde mit 400 Mrd. kWh erzeugten Stroms am 11. November 2022 ein internationaler Leistungsrekord erreicht. Der Leistungsbetrieb wurde am 15. April 2023 um 23:52 Uhr beendet. Die Genehmigung zum Rückbau wurde am 21. März 2024 erteilt.
Block 2, oder Isar 2 war der leistungsstärkste deutsche Reaktor und bis zu seiner Abschaltung einer der leistungsstärksten Reaktorblöcke der Welt.
Geschichte Allgemeines Auf dem Gelände befand sich von 1973 bis 1974 das Kernkraftwerk Niederaichbach, das anschließend vollständig rückgebaut wurde.
Block 1 des Kernkraftwerks (Isar 1) gehört zu 100 % und Block 2 (Isar 2) zu 75 % der PreussenElektra GmbH. Ein 25-%-Anteil an Isar 2 gehört den Stadtwerken München.
Am 1. Juli 2016 wurde E.ON Kernkraft als Folge der Aufspaltung des E.ON-Konzerns in eine neue Energiewelt und eine konventionelle Energiewelt in Preussenelektra umbenannt.
KKI 1 Block 1 („OHU I“) ist nahezu baugleich mit drei anderen deutschen Kernkraftwerken, nämlich Kernkraftwerk Brunsbüttel (bei Hamburg), Kernkraftwerk Philippsburg Block 1 und Kernkraftwerk Krümmel, sowie mit dem österreichischen Kernkraftwerk Zwentendorf, das nach einer Volksabstimmung nie in Betrieb ging.Atomkraft – Laufzeitverlängerung trotz Sicherheitsdefiziten im ARD-Magazin „kontraste“, 15. Juli 2010
Zum ersten Mal kritisch wurde Isar 1 am 20. November 1977, zum ersten Mal mit dem Netz synchronisiert am 3. Dezember 1977 und in Betrieb genommen am 21. März 1979.
Gemäß dem deutschen Atomkonsens vom Juni 2000 sollte das KKW bis 2011 stillgelegt werden. Die im Oktober 2010 beschlossene Novellierung des Atomgesetzes erlaubte jedoch eine Laufzeitverlängerung um acht Jahre; demnach wäre ein Betrieb also bis 2019 rechtlich zulässig gewesen. Gemäß Atom-Moratorium der Bundesregierung wurde das Kraftwerk am 17. März 2011 durch eine Anordnung des bayerischen Staatsministeriums für Umwelt nach § 19 AtG (Gefahr im Verzug) heruntergefahren. Nach der neuerlichen Novelle des Atomgesetzes, der der Bundesrat am 6. Juli 2011 zustimmte (Atomausstieg / Energiewende), blieb das Kraftwerk für immer vom Netz.
Die Landtagsfraktion der Grünen (Bayern) veröffentlichte 2009 ein Gutachten, das die Reaktorsicherheit von Isar 1 kritisch sieht. Die CSU Landshut sowie die oberösterreichische Landesregierung forderten im Jahr 2010 in einer Resolution die Abschaltung von Isar 1. Der Betreiber E.ON gab im September 2010 an, seit Inbetriebsetzung 800 Millionen Euro für Modernisierungsmaßnahmen investiert zu haben.ARD: tagesschau.de vom 13. September 2010. Nach dem Beginn der Nuklearkatastrophe von Fukushima wurde angekündigt, Block 1 am 15. März 2011 für Sicherheitsprüfungen vorübergehend herunterzufahren.Liveticker Katastrophe in Japan auf: Spiegel Online Am 16. März teilten die Betreiber mit, dass das Kraftwerk nicht abgeschaltet, sondern die Leistung auf 15 % der Volllast reduziert wurde. Man hoffe, nach dem dreimonatigen Moratorium wieder den Normalbetrieb aufnehmen zu können. Am 17. März ordnete das Bayerische Umweltministerium an, dass Isar 1 ganz herunterzufahren sei. Am selben Tag um 16 Uhr wurde das Kernkraftwerk vom Netz genommen. Nach dem Herunterfahren der Anlage am 17. März 2011 und der Abschaltung des Reaktors über elektrisches Einfahren der Steuerstäbe wurde über das Kriterium „zu niedriger Füllstand im Reaktordruckbehälter“ eine Reaktorschnellabschaltung ausgelöst. Der Vorfall hatte keine sicherheitstechnische Bedeutung und wurde am 22. März 2011 bekanntgegeben. Ende Mai 2011 wurde von den Umweltministern der Länder und des Bundes beschlossen, den Block 1 dauerhaft stillzulegen. Mit Beschluss der Bundesregierung vom 30. Juni 2011 verlor der Block 1 die Berechtigung zum Leistungsbetrieb. Am 10. Mai 2012 wurde vom Betreiber E.ON der Rückbau des Kraftwerks beantragt.Welt Online, 10. Mai 2012Freistaat Bayern: Hinweis vom 28. Februar 2014 auf die öffentliche Bekanntmachung über die Stilllegung und den Abbau des Kernkraftwerks Isar 1 (KKI 1) (Bundesanzeiger vom 5. März 2014) Der Reaktor befindet sich in der sogenannten Nachbetriebsphase.
KKI 2 mini|Kühlturmspitze und Kühldampf, 2015 aus ca. 60 km Entfernung von Nordosten aufgenommen
Isar 2 bzw. OHU II besteht aus einem Druckwasserreaktor der Bauart Konvoi und ist baugleich mit den Reaktorblöcken Emsland und Neckarwestheim 2. Der Block wurde am 15. Januar 1988 zum ersten Mal kritisch und am 22. Januar 1988 zum ersten Mal mit dem Netz synchronisiert. Am 9. April 1988 ging der Reaktor in den Leistungsbetrieb.
Der Block Isar 2 war in den Jahren 1994, 1999 bis 2004, 2006, 2011 und 2013 bezüglich der produzierten Gesamtenergiemenge der Kernkraftwerksblock mit der höchsten Jahresproduktion weltweit. Zwei Jahre nach Inbetriebnahme war Isar 2 der Block mit der weltweit fünftgrößten Jahresproduktion und seither, mit Ausnahme des Jahres 1992, stets unter den ersten fünf.Das Kernkraftwerk mit der bis einschließlich 2011 höchsten Jahresproduktion von 12,84 TWh ist das Kernkraftwerk Chooz im Jahr 2008.
Die Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke im Herbst 2010 sah die Abschaltung für 2034 vor. Entsprechend der neuen Beschlüsse der Regierungskoalition zum beschleunigten deutschen Atomausstieg nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima ging der Block früher vom Netz. Das 2011 novellierte Atomgesetz legt fest, dass Isar 2 spätestens am 31. Dezember 2022 seine Betriebsgenehmigung verliert, also abgeschaltet werden muss ( AtG). Eine frühere Abschaltung kann sich ergeben, wenn die Reststrommenge von 231,21 TWh ab 1. Januar 2000 erzeugt ist ( AtG) und keine Elektrizitätsmengen auf Isar 2 übertragen werden.
Block 2 überschritt 2018 als drittes Kernkraftwerk weltweit die 350-Milliarden-Kilowattstunden-Marke. mini|Block 1 und 2
Da die gesetzliche Reststrommenge bis Mitte 2020 aufgebraucht gewesen wäre, verhandelten PreussenElektra und SWM mit Vattenfall und RWE Power über den Zukauf weiterer Strommengen aus den stillgelegten Kernkraftwerken Krümmel, Brunsbüttel und Mülheim-Kärlich.
Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wurde diskutiert, die Laufzeit zu verlängern, um unabhängiger von russischen Gasimporten zu werden. So forderte Markus Söder, wegen der stark gestiegenen Energiepreise und der drohenden Energiekrise, Isar 2 mindestens so lange zu betreiben, bis der Kernbrennstoff in den Brennelementen komplett genutzt ist, bis Mitte 2023.Andreas Glas und Kassian Stroh (sueddeutsche.de vom 23. Juni 2022): TÜV-Bericht: Isar 2 könnte problemlos länger laufenfaz.net: Wie Söder für die Atomkraft kämpft (24. Juni 2022)
Bundeskanzler Olaf Scholz entschied im Oktober 2022 per Richtlinienkompetenz, das Kraftwerk länger zu betreiben, bis April 2023.
Am 26. September 2022 informierte der Betreiber PreussenElektra auf seiner Website die Öffentlichkeit über eine „Druckhalterventilleckage“. Zur Absicherung eines Weiterbetriebs von Isar 2 (KKI 2) müsste ein Kurzstillstand durchgeführt werden, um unter anderem die innere Leckagen an Vorsteuerventilen der Druckhalter-Sicherheitsventile beheben zu können. Die Wartung sei nur möglich, wenn der Reaktor abgeschaltet und drucklos ist. Der Reaktor ging nach Wartungsarbeiten am 29. Oktober 2022 wieder ans Netz.
Mit Ablauf des 15. April 2023 wurde der Reaktor zusammen mit den eingangs erwähnten beiden verbleibenden Kernreaktoren in Deutschland stillgelegt.
Technische Daten Mit insgesamt etwa 19.051 GWh im Jahr 2007 erzeugte das Kraftwerk mit beiden Reaktorblöcken etwa drei Prozent der 2007 in Deutschland erzeugten elektrischen Energie. Auf dem Gelände befinden sich außerdem ein Informationszentrum, ein Standortzwischenlager und eine eigenständige Werkfeuerwehr.
In der Nähe von Block 1 des Kernkraftwerks liegt das Wasserkraftwerk Niederaichbach. Bei einem Ausfall der beiden Anbindungen an das Netz (380-kV- und 110-kV-Ersatzversorgung) und des Generators eines der beiden Blöcke kann das Wasserkraftwerk vom Netz getrennt werden und über eine Direktverbindung als zusätzliche Notstromversorgung der beiden Kernkraftwerke dienen.
Block 1 mini|Kernkraftwerk Isar, Block 1
Block 1 war mit einem Siedewasserreaktor der KWU-Baulinie '69 ausgestattet und besitzt eine elektrische Bruttoleistung von 912 MW und eine elektrische Nettoleistung von 878 MW. Die thermische Reaktorleistung beträgt 2.575 MW. Bis zur Stilllegung im Jahr 2011 speiste der Reaktorblock 198.270 GWh in das bayerische Netz ein. Durch den Wärmeaustausch am Turbinenkondensator (Frischwasserkühlung) wurde die Isar um maximal 2,5 Grad Celsius erwärmt. Eine weitere Kühlmöglichkeit waren Zellenkühler mit Zwangsbelüftung, die eingesetzt wurden, wenn die Wassertemperatur und/oder der Wasserstand der Isar nicht zur Kühlung ausreichten.
Im Block 1 wurden 592 Brennelemente mit je 91 bzw. 96 Brennstäben eingesetzt.
Block 2 mini|Kernkraftwerk Isar, Block 2
Block 2 war ein Druckwasserreaktor und besaß eine elektrische Bruttoleistung von 1.485 MW und eine elektrische Nettoleistung von 1.410 MW. Bei einer thermischen Reaktorleistung von 3.950 MW lag der Wirkungsgrad damit bei etwa 35 %. Zur Kühlung wurde ein Naturzug-Nasskühlturm mit einer Höhe von 165 m errichtet. Das Reaktorgebäude ist in Stahlbetonbauweise ausgeführt und hat eine Wandstärke von über einem Meter.
2016 betrug die Zeitverfügbarkeit ca. 96 Prozent. Die produzierte Strommenge betrug ca. 12.000 GWh, was etwa 12 Prozent der Stromerzeugung in Bayern entsprach.
Im Januar 2017 wurden zuletzt 36 Brennelemente (29. Brennelementewechsel) im Block 2 getauscht.Landshuter Wochenblatt: Kein Dampf: Isar 2 wechselt Brennelemente, 18. Januar 2017.
Ereignisse Meldepflichtige Ereignisse Stand 31. März 2016 kam es seit Inbetriebnahme zu 287 meldepflichtigen Ereignissen im Block 1 und 88 in Block 2.Bundesamt für Strahlenschutz: . Online auf www.bfs.de, abgerufen am 24. Mai 2016. Hierzu gehörten zum Beispiel:
Block 1 1978: Dampfausbruch wegen Rissen im Rohrleitungssystem; längerer Stillstand für ReparaturarbeitenDer Spiegel: Gewisse Routine. 17. Juli 1978, online auf www.spiegel.de, abgerufen am 24. Mai 2016. 1988: An vier Ventilen werden leichte Beschädigungen durch Knallgasexplosionen festgestelltDiePresse.com: Wie sicher sind AKW an Österreichs Grenzen?. 16. März 2011, online auf diepresse.com, abgerufen am 24. Mai 2016. 1991: Instabilität führte zu einer Schnellabschaltung des Reaktors. 2003 und 2006: Aufgrund der Hitzewellen im August 2003 und im Juli 2006 musste die Leistung reduziert werden, um die Temperatur der Isar nicht über die zum Gewässerschutz festgelegte Temperatur von 25 °C steigen zu lassen, da die Zellenkühlanlage damals nur für etwa 60 % der Anlagenleistung ausgelegt war.Wasserwirtschaftlicher Bericht (PDF) Bayerisches Landesamt für Wasserwirtschaft