alternativtext=frontal lobe animation|mini|Drehung um das Gehirn

Neurozentrismus ist eine Wortneuschöpfung und geht auf das Buch „Ich ist nicht Gehirn! Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert“ (2015)Markus Gabriel: Ich ist nicht Gehirn: Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert. 1. Auflage. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015, ISBN 978-3-548-37680-6 (349 S.) des deutschen Philosophen und Buchautors Markus Gabriel zurück. Der Begriff ist als eine Kritik an der zentralen Fokussierung auf das Gehirn bei der Lösung des „schwierigen Problems des Bewusstseins“ („hard problem of consciousness“)David Chalmers: The Conscious Mind. New York: Oxford University Press 1996 backcover. pp. xii–xiii, 95–106 gemeint. Hauptsächlich die kognitiven Neurowissenschaften würden bei dem Versuch der Lösung des Problems zur Erklärung des „bewussten Ichs“, „Selbst“, „Qualia“ durch die Zentrierung auf das Gehirn weitere, wesentliche Aspekte außer Acht lassen.

Ursprung des Begriffes Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes kann als eine Form der Kritik an der vermeintlichen Vereinnahmung der früheren Betätigungsfelder der Philosophie des Geistes durch die sogenannte „Naturalisierung des Geistes“ in den kognitiven Neurowissenschaften gesehen werden: „Die Grundidee des Neurozentrismus lautet, ein geistiges Lebewesen zu sein, bestehe in nichts weiterem als dem Vorhandensein eines geeigneten Gehirns. Der Neurozentrismus lehrt also in aller Kürze: Ich ist Gehirn. Wolle man die Bedeutung von »Ich«, »Bewusstsein«, »Selbst«, »Wille«, »Freiheit« oder »Geist« verstehen, könne man nicht etwa die Philosophie, die Religion oder den gesunden Menschenverstand fragen, sondern müsse das Gehirn mit den Methoden der Neurowissenschaften – am besten gepaart mit der Evolutionsbiologie – untersuchen. Ich verneine dies und komme so zur kritischen Leitthese dieses Buchs: Ich ist nicht Gehirn!“Markus Gabriel: Ich ist nicht Gehirn: Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert. 1. Auflage. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015, ISBN 978-3-548-37680-6, S. 14

Bedeutung des Begriffes Als Gegenposition zur „Naturalisierung des Geistes“ „Ebenso beschränkt ist der Horizont der Hauptströmung der heutigen Philosophie des Geistes bei der Erörterung des Leib-Seele-Problems. Die große Masse der Geistesphilosophen verfolgt noch immer das Ziel des Materialismus, Geist auf Gehirn zu reduzieren, das sich seit Langem als ebenso illusorisch erwiesen hat wie die Quadratur des Kreises. Alle Argumente gegen die Möglichkeit einer solchen Reduktion werden konsequent ignoriert. Wie die Vertreter der Hohlwelttheorie ist man immun gegen Kritik. Trotzdem behauptet man unverdrossen, der Materialismus sei die einzige wissenschaftliche Position zum Leib-Seele-Problem.“Franz von Kutschera: Philosophie des Geistes. Brill | mentis; 2009th edition (1 April 2009), ISBN 978-3-89785-670-7, S. 1

Der Begriff des Neurozentrismus unterstellt, dass die kognitiven Neurowissenschaften versuchen würden, genuin philosophische Konzepte zum „bewussten Ich“, „Selbst“, „Qualia“ auf empirische Prozesse der Hirnforschung zu reduzieren oder ganz zu eliminieren. Die kanadische Philosophin Patricia S. Churchland definiert in ihrem Artikel „Mind-brain reduction: New light from philosophy of science“ (1982)Churchland, Pat. (1982). Mind-brain reduction: New light from the philosophy of science. Neuroscience. 7. 1041-7. . die angestrebte Zielrichtung der kognitiven Neurowissenschaften als die Reduktion von mentalen Zuständen auf ihre Gehirnzustände:„Die Diskussion über die Reduktion von mentalen Zuständen auf Gehirnzustände wird in den breiteren Kontext der Reduktion in anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie Chemie, Physik und Biologie gestellt. Dies ist wichtig, um eine Perspektive darauf zu erhalten, was für eine Art von Reduktion es ist und um zu sehen, dass Reduktionen in erster Linie Übergänge zwischen Theorien und nur derivativ Beziehungen zwischen Phänomenen sind. Es zeigt auch, dass reduzierende Theorien zwar manchmal die alte Theorie als weitgehend richtig übernehmen, dass aber häufiger die alte Theorie wesentlich modifiziert und revidiert wird, und manchmal wird sie ganz und gar ersetzt. Wie viel von der alten Theorie in der reduzierenden Theorie überlebt, hängt von ihrer empirischen Integrität ab und davon, ob ihre grundlegenden Kategorien empirisch fundiert sind. Die Reduktion der Psychologie auf die Neurowissenschaften wird unter diesem Gesichtspunkt betrachtet und es wird vorgeschlagen, dass die Psychologie durch eine Reduktion auf die Neurowissenschaften grundlegend überarbeitet oder sogar ersetzt werden kann.“Churchland, Pat. (1982). Mind-brain reduction: New light from the philosophy of science. Neuroscience. 7. 1041-7. ., p. 2; übersetzt ins Deutsche

Der Neurozentrismus sieht in der naturwissenschaftlichen Methodik der kognitiven Neurowissenschaften eine Tendenz, die auf eine „Naturalisierung des Geistes“ abziele. Durch die Methodik der Reduktion von Parametern und der anschließenden Induktion beabsichtige man in den kognitiven Neurowissenschaften zu präziseren Modellen und Theorien zur Erklärung von Bewusstsein zu gelangen. Bei diesem Vorgehen würden allerdings wesentliche Aspekte zu Bewusstseinszuständen mit qualitativem/subjektivem Erleben zu wenig berücksichtigt.

Der Fokus der neurowissenschaftlichen Forschung und Untersuchung würde aus der Sicht des Neurozentrismus rein monokausal auf dem Gehirn und seinen physiologischen Funktionen liegen. Hierbei wird angenommen, dass mentale Zustände ausschließlich auf neuronale Zustände des Gehirns reduzierbar und dadurch messbar/berechenbar wären. Ziel der Suche sei der Nachweis eines „Neuronalen Korrelat[s] des bewussten Erlebens“, um hierdurch qualitatives/subjektives Erleben, wie z. B. die „Erste-Person-Perspektive“ oder die „Qualia“ ausreichend erklären zu können.

Dieses Vorhaben wurde im vergangenen Jahrhundert durch die großen Erfolge im Bereich der Messverfahren der Neurowissenschaften sehr optimistisch eingeschätzt. Hans Berger entwickelte bereits 1924 die „Elektroenzephalografie (EEG)“, welche zur Messung der summierten elektrischen Aktivitäten des Gehirns diente. Besonders aber durch die nicht-invasiven, bildgebenden Messmethoden, wie z. B. der „funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT)“ der 80er und 90er Jahre wurden neue, entscheidende Impulse für die Hirnforschung geliefert, Die sich aus diesen Forschungsergebnissen bildende neue Teildisziplin – die kognitiven Neurowissenschaften – kann als eine Verschmelzung aus kognitiver Psychologie und Neurowissenschaften gesehen werden. Vergleichbar mit dem Apollo-Projekt der NASA wurde von dem amerikanischen Präsident George H. W. Bush am 17. Juli 1990 eine „Dekade des Gehirns“ ausgerufen, die zu einer Intensivierung der neurowissenschaftlichen Forschung anregen sollte.

Als Kritik am Fehlen neuer Erkenntnisse zum Bewusstsein Die optimistischen Ziele, welche elf der führenden Neurowissenschaftler 2004 in „Das Manifest der Hirnforschung“Das Manifest – Elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung formuliert hatten:

„Die Hirnforschung wird in absehbarer Zeit, also in den nächsten 20 bis 30 Jahren, den Zusammenhang zwischen neuroelektrischen und neurochemischen Prozessen einerseits und perzeptiven, kognitiven, psychischen und motorischen Leistungen andererseits so weit erklären können, dass Voraussagen über diese Zusammenhänge in beiden Richtungen mit einem hohen Wahrscheinlichkeitsgrad möglich sind. Dies bedeutet, man wird widerspruchsfrei Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge ansehen, denn sie beruhen auf biologischen Prozessen. [...] Dann lassen sich auch die schweren Fragen der Erkenntnistheorie angehen: nach dem Bewusstsein, der Ich-Erfahrung und dem Verhältnis von erkennendem und zu erkennenden Objekt. Denn in diesem zukünftigen Moment schickt sich unser Gehirn ernsthaft an, sich selbst zu erkennen.“

wurden mittlerweile allerdings von einigen beteiligten Forschern schon wieder etwas relativiert.

Als wesentlichen Kritikpunkt des Neurozentrismus führt dieser daher an, dass es trotz der beachtlichen Erfolge der kognitiven Neurowissenschaften auf dem Gebiet der Hirnforschung seit den prognostizierten 30 Jahren weiterhin an neuen Erkenntnissen zur Erforschung des Bewusstseins in der „Ersten-Person-Perspektive“ zu mangeln scheine. Selbst die relativ jungen Teildisziplinen wie die „Neuroinformatik“ oder die „Computational Neuroscience“ könnten mit der von ihnen gesammelten Datenmenge und ihren elaborierten Algorithmen immer noch nicht die Funktionsweise des Gehirns hinsichtlich der Bildung von Bewusstsein in der Ersten-Person-Perspektive schlüssig erklären. Eine der Ursachen für die weiterhin noch ausstehende Beschreibungsmöglichkeiten zum qualitativen/subjektiven Erleben wird in der Trennung des Bewusstseins vom Körper vermutet. Die Trennung des Bewusstseins vom Körper führe zu logischen Widersprüchen, die auch philosophisch nicht mehr auflösbar seien.

Der australische Neurobiologe Max Bennett und der englische Philosoph Peter M.S. Hacker beschreiben dieses Problem in ihrem Buch „Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften“ (2010)Max Bennett und Peter Ms. S. Hacker: Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften. Aus dem Englischen übersetzt von Axel Walter. Mit einem Vorwort von Annemarie Gethmann-Siefert. WBG, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-534-22877-5, S. 171 f.: „Den Irrtum, den sich Neurowissenschaftler zuschulden kommen lassen, wenn sie den konstituierenden Teilen eines Lebewesens Attribute zuzuschreiben, die in logischer Hinsicht nur auf das ganze Lebewesen zutreffen, werden wir den ‚mereologischen Fehlschluss‘ in den Neurowissenschaften nennen. Das Prinzip, dass die psychologischen Prädikate, die nur auf menschliche Wesen (oder andere Tiere) als Ganze zutreffen, auf ihre Teile (wie das Gehirn) nicht sinnvoll angewendet werden können, werden wir ‚das mereologische Prinzip‘ in den Neurowissenschaften nennen. Von menschlichen Wesen, nicht aber von ihren Gehirnen, kann man sagen, dass sie rücksichtsvoll oder nicht rücksichtsvoll sind; von Tieren, nicht aber von ihren Gehirnen, und schon gar nicht von deren Hemisphären, kann man sagen, dass sie etwas sehen, hören, riechen und schmecken; von Menschen, nicht aber von ihren Gehirnen, kann man sagen, dass sie Entscheidungen treffen oder unentschlossen sind."Max Bennett und Peter Ms. S. Hacker: Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften. Aus dem Englischen übersetzt von Axel Walter. Mit einem Vorwort von Annemarie Gethmann-Siefert. WBG, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-534-22877-5, S. 171 f.

Ein „mereologischer Fehlschluss“ bezeichnet allgemein einen logischen Denkfehler, bei dem eine unzulässige Übertragung der Eigenschaften des Ganzen auf seine Teile oder von einem Teil auf das Ganze stattgefunden hat. Diesen logischen Denkfehler sehen Bennett und Hacker in dem „mereologischen Prinzip“ der Neurowissenschaften in der unzulässigen Übertragung der Eigenschaften einzelner Teile des Körpers auf die Eigenschaften des Gehirns und umgekehrt in der unzulässigen Übertragung der psychologischen Prädikate des Körpers als Ganzes auf ein einzelnes Teil des Gehirns als Organ gegeben: