Eva Steinschneider (geborene Hillmann, * 11. August 1899 in Hamburg; † 27. Dezember 1968 in Frankfurt am Main) war eine Gegnerin des Nazi-Regimes, Emigrantin und Kommunalpolitikerin. Nach einer ersten Ehe mit dem Pädagogen Adolf Reichwein lebte sie lange mit Adolf Moritz Steinschneider zusammen, dem sie im März 1938 ins französische Exil folgte und mit dem sie seit Sommer 1942 verheiratet war.
Familiärer Hintergrund Eva Hillmann war die Tochter des zum damaligen Zeitpunktes hamburgischen Pastors Johannes Hillmann (1863–1951) und dessen Ehefrau Luise (1864–1941), einer Absolventin eines Lehrerinnenseminars. Zur Familie gehörten die ältere Schwester Dorothea Hillmann (1893–1973),Das von Scharffenberg genannte Geburtsjahr 1892 wurde nach den Unterlagen im Hessischen Hauptstaatsarchiv auf 1893 geändert. die Brüder Hans und Kurt und die Schwester Ilse (* 1901).Renate Scharffenberg: Nachruf auf Dorothea Hillmann. Johannes Hillmann gehörte zum Kreis um Friedrich Naumann und hatte erst 1899 – nach Pfarrämtern in Wesel und Braunschweig – seine Stelle an der evangelisch-reformierten Gemeinde in Hamburg angetreten. Bereits im Jahr 1900 kam es aber zum „Fall Hillmann“,Siehe hierzu: Dorothea Hillmann: Die Sünden der Väter & Paul Göhre: Die Fälle Weingart und Hillmann. der gravierende berufliche und private Veränderungen für die Familie mit sich brachte.
Da sich in der Folge für Johannes Hillmann Hoffnungen auf andere Pfarrstellen zerschlugen, entschloss er sich, den Pfarrerberuf ganz aufzugeben. Die Familie zog – nach einer Zwischenstation in Bremen – nach Marburg, wo Johannes Hillmann im Wintersemester 1901/02 „zum Erwerb einer weiteren Lehrbefähigung neben Religion (die das Recht zum Deutschunterricht einschloss)“ ein Studium der Philosophie und Geschichte aufnahm. Am Anfang des Sommersemesters 1902 legte er das Staatsexamen ab und nahm unmittelbar darauf eine Stelle als Hilfslehrer in Elberfeld an, „die in die eines Oberlehrers umgewandelt wurde, nachdem ihm durch Ministerialerlaß vom 4.11.1902 die Ableistung von Seminar- und Probejahr erlassen war. Damit war der Weg in den neuen Beruf geöffnet.“Dorothea Hillmann: Die Sünden der Väter. S. 522–523.
Am 12. November 1906 war der Oberlehrer Lic. Hillmann vom Kuratorium der Schule „von Ostern 1907 ab zum Oberlehrer an die Klinger-Oberrealschule gewählt“ worden, die in diesem Jahr ihr fünfzigjähriges Bestehen feierte.Jahres Bericht der Klinger-Oberrealschule zu Frankfurt am Main, Ostern 1907, S. 27. Die Schule befand sich im Hermesweg im Frankfurter Stadtteil Nordend. Die Familie Hillmann lebte von da an in Frankfurt-Eschersheim, wo sie ab 1912 ein eigenes Haus bewohnte. Johannes Hillmann wirkte nach seiner Pensionierung noch „im Frankfurter Volksbildungsheim. Durch sein Engagement in der Bildungsarbeit mit jungen Menschen hat er sich auch in der Frankfurter Arbeiterbewegung einen Namen gemacht.“Ullrich Amlung: Eva Hillmann (1899–1968) die erste Ehefrau Adolf Reichweins
Eva Hillmanns Jugend Für Eva Hillmann war Frankfurt die vierte Station in ihrem erst achtjährigen Leben. Ihre Schwester Dorothea berichtete von einem liberal gesinnten Elternhaus, geprägt von des Vaters politischer Nähe zu Friedrich Naumann und Mutters Nähe zu einer „Herrenhutisch geprägten Erziehung“. Die beiden Schwestern besuchten die Schillerschule in Frankfurt-Sachsenhausen, seit 1908 das erste Mädchengymnasium der Stadt. Während ihrer Schulzeit schloss sich Eva Hillmann der Wandervogel-Bewegung an und war Mitglied in der Gruppe Sachsenhausen.
Auch Adolf Reichwein kam aus der Wandervogel-Bewegung.Der Wandervogel gegen Hitler, Frankfurter Rundschau, 22. Oktober 2014, aktualisiert am 13. Januar 2019. Dieser kam Anfang 1918 wegen einer Kriegsverwundung in ein Frankfurter Lazarett und lernte während dieser Zeit und über den Wandervogel Eva Hillmann kennen. Reichwein, der zum Sommersemester 1918 sein Studium in Frankfurt aufnahm, und Eva, die noch das Gymnasium besuchte, verlobten sich – offenbar zum Missfallen von Vater Johannes Hillmann, denn als Eva nach ihrem Abitur im Jahre 1919 Medizin studieren wollte, verweigerte der Vater die Finanzierung dieses Studiums und Eva musste stattdessen das Lehrerinnenseminar in Frankfurt besuchen. Sie bestand an Ostern 1920 ihr Abschlussexamen als Volksschullehrerin, übte aber diesen Beruf nie aus.
Ehe mit Adolf Reichwein Reichwein und Hillmann heirateten 1920, und das Paar zog im August dieses Jahres nach Marburg, wo Reichwein sein Studium fortsetzte und 1921 mit einer Promotion abschloss. Über Eva Reichweins eigenes Leben in dieser Zeit ist wenig bekannt. Sie unterstützte „die sozial- und bildungspolitischen Aktivitaten ihres Mannes“, heißt es dazu bei Amlung nur. An dessen Seite lebte sie zwei Jahre in Berlin und ab Spätsommer 1923 dann in Jena. Hier wird am 9. Oktober 1923 ihr Sohn Gert geboren, und ab 1. April 1924 bezieht die Familie ein eigenes Haus mit Garten.
Aus finanziellen Gründen sah sich das Paar offenbar gezwungen, zwei Zimmer des Hauses zu vermieten. Mieterin war Luise Kätzler die hier zusammen mit ihrem Sohn Thomas aus ihrer Ehe mit dem Schriftsteller Max Barthel und ihrer Mutter Gabriele einzog.Horst Olbrich und Ullrich Amlung: Adolf Moritz Steinschneider Luise Kätzlers Schwester Frieda heiratete 1926 Adolf Moritz Steinschneider, den späteren Ehemann von Eva Reichwein, während Luise Kätzler später in zweiter Ehe mit Alexander Abusch verheiratet war.Die Darstellungen von Amlung in seinem Aufsatz über Eva Hillmann und der gemeinsam mit Horst Olbrich verfasste über Adolf Moritz Steinschneider sind in der Darstellung des Mietverhältnisses der Kätzlers nicht deckungsgleich. Amlung geht offenbar davon aus, dass zunächst einmal der Kätzler-Barthel-Sohn als Pensionsgast bei den Reichweins einquartiert wurde, und Luise und Gabriele Kätzler erst später dazu stießen.
Am 18. September 1925 ertrank der zweijährige Sohn von Adolf und Eva Reichwein in einer Regentonne im elterlichen Garten. Dieser Unglücksfall führte zu einer Zuspitzung einer schon länger schwelenden Ehekrise, die im Februar 1926 zur Trennung und am 24. November 1927 zur Scheidung führte. Auf der Webseite des ehemaligen Adolf-Reichwein-Vereins ist davon die Rede, dass Eva Reichwein „angeblich schon während ihrer Ehe mit Reichwein kommunistischen Ideen nahe[stand], zu denen aber Reichwein keinen Zugang fand“; die „durch die ideologischen Verschiedenheiten offenbar belastete Ehe [sei] wohl nicht mehr tragfähig“ gewesen, und durch den Tod des Kindes sei „die stärkste Bindung einer sehr früh geschlossenen Studentenehe [entfallen], die durch Inkompatibilitäten in Charakter und Lebensstil der beiden jungen Leute nicht mehr tragfähig war“.
Nach der Trennung begab sich Adolf Reichwein auf eine Weltreise, während Eva zurück nach Frankfurt ging und der KPD beitrat. Sie trat am 1. April 1926 eine Stelle als Sekretärin im Anwaltsbüro von Adolf Moritz Steinschneider an, dem Schwager ihrer Jenaer Mieterin.
Die Jahre mit Adolf Moritz Steinschneider Die Frankfurter Jahre Die Beziehung von Eva Reichwein und Adolf Moritz Steinschneider war wohl von Beginn an keine rein berufliche. Während der noch mit Frieda Kätzler verheiratet war und noch vor der Scheidung der Reichweins, brachte Eva im Juni 1927 die gemeinsame Tochter Marie-Louise (* 7. Juni 1927; † 17. Mai 2010), genannt Musch, zur Welt.
Zum Sommersemester 1928 begann Eva Reichwein ein Jura-Studium an der Frankfurter Universitat. Mitte Juni 1932 beteiligte sie sich an handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen nationalsozialistischen Studenten und der Roten Studentengruppe (RSG).Michael Maaser: Die Frankfurter Studenten im »Dritten Reich«. In: Jörn Kobes und Jan-Otmar Hesse (Hrsg.): Frankfurter Wissenschaftler zwischen 1933 und 1945, Wallstein Verlag, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0258-7. Diese RSG, der auch Eva Reichwein angehörte, war ein Zusammenschluss vor allem von Mitgliedern der Studentengruppen der KPD, der KPO und der SAP, und Angehörige von ihr setzten sich bei dem erwähnten Anlass (Kampf im Lichthof) gegen Provokationen uniformierter Nazi-Studenten zur Wehr. Der Senat der Universität verhandelte am 25. Juli 1932 über diesen Konflikt und verwies ein RSG-Mitglied von der Universität. Weitere RSG-Mitglieder traf der Bann erst nach der Gleichschaltung. Der Senat der Goethe-Universität erließ am 11. Juli 1933 unter Berufung auf einen Erlass des Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 29. Juni 1933 ein Urteil, durch das Eva Reichwein, Peter von Haselberg und Erich Gerlach vom weiteren Universitätsstudium ausgeschlossen wurden, „weil die Angeschuldigten sich in den letzten Jahren während ihrer Zugehörigkeit zur Universität im kommunistischen Sinne betätigt haben“.Einen Abdruck dieses Urteils veröffentlichte Gerda Stuchlik in ihrem Buch Goethe im Braunhemd auf S. 84. Michael Maaser, der sich in seinem Aufsatz Die Frankfurter Studenten im »Dritten Reich«. S. 242, auch auf die Senatssitzung vom 11. Juli 1933 bezieht, spricht von 7 Personen, die wegen kommunistischer Betätigung vom Studium ausgeschlossen worden seien. Das bei Stuchkik abgedruckte Urteil enthält aber nur die bereits erwähnten drei Namen. Eva Reichwein stand zu diesem Zeitpunkt unmittelbar vor dem ersten Examen.
Zum Zeitpunkt dieser Relegation war Adolf Moritz Steinschneider bereits in die Schweiz emigriert. Eva Reichwein folgte ihm im Sommer 1933 mit Tochter Marie-Louise, und Anfang November stieß auch noch Fite Kätzler mit ihrem Sohn Stefan dazu.Deutsches Exilarchiv: Nachlass Adolf Moritz Steinschneider – Brief von Adolf an Gustav Steinschneider; Zürich, 25. November 1933. Eva war da bereits ohne ihre Tochter nach Deutschland zurückgekehrt, um die sich in der Folge Frieda Kätzler kümmerte. Zur Rückkehr Evas nach Deutschland berichtete Adolf seinem Bruder Gustav: „Sie war […] schon drei Monate hier, ernährte uns alle, denn es ging ihr sehr gut, als plötzlich die Nachricht eintraf, dass alle ‚Eschersheimer‘, die alten Hillmanns, Ille, ihr Mann und die brave Lene Engelhardt im Gefängnis säßen. Geiselhaft.“ Als Grund für diese Geiselhaft von Evas Familienmitgliedern nannte Steinschneider die Aussage eines Studenten, der mit Eva zusammen illegale Flugblätter hergestellt hatte. Als dieser wegen dieser Flugblätter verhaftet worden war, gab er, weil er meinte, sie befände sich im sicheren Ausland, Eva als Verantwortliche für die Flugblätter an. Um Evas habhaft zu werden, erfolgte die behördliche Geiselnahme, die auch nicht dadurch außer Kraft gesetzt wurde, dass Eva noch aus der Schweiz einen anderen Verantwortlichen für die Flugblätter benannte, dem tatsächlich keine Gefahr durch die deutschen Behörden drohte. Diese bestand auf der Rückkehr Evas nach Frankfurt.
Anfang Oktober 1933 reiste Eva Reichwein zurück nach Deutschland und begab sich im Austausch für ihre Mutter ins Gefängnis. In einem Prozess am 5. April 1934 vor dem Oberlandesgericht in Kassel wurde sie wegen „Beihilfe zur Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu einer Gefängnisstrafe von fünf Monaten verurteilt. Da ihr die Untersuchungshaft auf die Strafe angerechnet wurde, konnte Eva nach ihrer Entlassung im Sommer 1934 erneut in die Schweiz reisen und ihre Tochter mit nach Frankfurt zurücknehmen. Sie wohnte bei ihren Eltern und arbeitete als Stenotypistin bei verschiedenen Unternehmen. Welche persönlichen Kontakte danach noch zu dem seit Juni 1935 in Paris lebenden Adolf Steinschneider bestanden, ist unklar. Dieser behauptete Anfang 1938 in einem Brief an seinen Bruder Gustav, dass er Eva und Tochter Marie-Louise seit zwei Jahren nicht mehr gesehen habe, machte aber keine Angaben darüber, wann und wo ein letztes Treffen Ende 1935 oder Anfang 1936 stattfand. Mitte Februar 1938 aber konnte Steinschneider Bruder Gustav freudig mitteilen: