Die Zürcher Schule und ihr Systemtheoretisches Paradigma der Sozialen Arbeit (SPSA) wurden von Silvia Staub-Bernasconi, Werner Obrecht, Kaspar Geiser, Ruth Brack und weiteren Sozialarbeitswissenschaftlern als Theorieansatz der Sozialen Arbeit entwickelt. Man nennt dies auch die prozessual-systemische Soziale Arbeit.

Dieser systemtheoretische Ansatz versteht sich als systemische Handlungswissenschaft Sozialer ArbeitHelmut Lambers: Systemtheoretische Grundlagen Sozialer Arbeit, Abschnitt „Systemische Ontologie“, UTB, 2010, S. 34–35. und basiert auf einer Form der Systemtheorie, die auf Mario Bunge zurückgeht und im Wissenschaftsdiskurs als „emergentistischer Systemismus“ bezeichnet wird. Entsprechend wird die Systemtheorie der Zürcher Schule auch als prozessual-systemische Theorie, teils auch als ermergente Systemtheorie (oder emergentistische Systemtheorie) bezeichnet.Dieter Röh: Soziale Arbeit, Gerechtigkeit und das gute Leben. Eine Handlungstheorie zur daseinsmächtigen Lebensführung. Springer VS-Verlag, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-531-19356-4. S. 29. Sie grenzt sich von anderen Systemtheorien ab, insbesondere von der Systemtheorie nach Niklas Luhmann.

Die seitens der Zürcher Schule vertretene Theorie grenzt sich zudem gegenüber individuumszentierten Theorien einerseits sowie ausschliesslich gesellschaftsorientierten Theorien anderseits ab. Sie soll im Gegensatz hierzu „eine theoretisch begründete und gleichzeitige Betrachtung des Mikrosozialen wie auch des Makrosozialen“ erlauben.

Die Theorie entstand in ihren Anfängen an der Hochschule für Soziale Arbeit in Zürich, die 2007 in der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften aufging. Sie wird inzwischen auch außerhalb der Schweiz gelehrt – seit 1998 an der TU Berlin und seit 2002 auch am MRMA-Zentrum in Berlin.

Zürcher Schule – ein theoretisches Modell Sozialer Arbeit Systemtheoretisches Paradigma der Disziplin und der Profession der Sozialen Arbeit Die Zürcher Schule hat seit den 1980er Jahren das Systemtheoretische Paradigma der Disziplin und der Profession der Sozialen Arbeit ausgearbeitet. Die Struktur Sozialer Arbeit gliedert sich hiernach wie folgt:

I. Metawissenschaften Substantive Metawissenschaften: Geschichte, Soziologie, Ökonomie und Politikwissenschaft der Wissenschaft der Sozialen Arbeit; Metatheorie: Ontologie, Axiologie/Ethik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, philosophische Handlungstheorie.

II. Objekttheorien Biologie, Psychobiologie/Psychologie, Sozialpsychologie, Soziologie, Ökonomie, Politikwissenschaft und Ethnologie.

III. Allgemeine normative Handlungstheorie Feststellen eines praktischen Problems als Beschreibungsanlass; Beschreibung (in Termini von empirischen und theoretischen Begriffen, die Komponenten von erklärungskräftigen Theorien sind = nicht integriertes begriffliches Bild); Erklärung (mittels Theorien = erklärtes, d. h. integriertes begriffliches Bild); Prognose (mittels erklärtem Bild und Theorie = Zukunftsbild); Praktisches Problem (Vergleich Zukunftsbild mit Sollwert: Differenz = Problem); Handlungsziel (mittels Prognose, Werten und situativ mutmaßlich effektiven Regeln der Intervention = Bild eines gewünschten zukünftigen Zustandes); Handlungsplan (mittels Gegenwartsbild und Ziel, sowie Interventionsregeln); Realisation (mittels Gegenwartsbild, Ziel und Handlungsplan); Evaluation (Vergleich zwischen dem neuen Gegenwartsbild und dem Ziel, sowie Erklärung von Abweichungen mittels Theorie).

IV. Spezielle Handlungstheorien Ressourcenerschließung, Bewusstseinsbildung, Modellveränderung, Handlungskompetenztraining, soziale Vernetzung, Umgang mit Machtquellen, Kriterien- und Öffentlichkeitsarbeit und Sozialmanagement.

Gegenstand der Sozialen Arbeit Im deutschsprachigen Raum werden gegenwärtig verschiedene theoretische Ansätze Sozialer Arbeit diskutiert. Dabei gilt dieser Ansatz der Zürcher Schule, der seit Anfang der 1980er Jahre von Silvia Staub-Bernasconi, Werner Obrecht, Kaspar Geiser und Anderen ausgearbeitet wird, als konsistentes und am weitesten ausgearbeitetes theoretisches Modell (von der Metatheorie über die Objekttheorien bis zum Interventionswissen), das auch kompatibel ist mit der internationalen Definition Sozialer Arbeit. Gegenstand Sozialer Arbeit ist hiernach das Lösen, Lindern oder Verhindern praktischer sozialer Probleme, die sich aus einer unzureichenden Integration von Individuen in ihren sozialen Systemen ergibt, was gleichbedeutend ist, seine biopsychosozialen Bedürfnisse dauerhaft nicht befriedigen zu können.

Ein „soziales Problem“ ist in der Sicht des systemtheoretischen Paradigmas der Sozialen Arbeit ein praktisches Problem, das ein sozialer Akteur mit dessen interaktiven Einbindung und Position (Rollen-Status) in den sozialen Systemen hat, deren Mitglied er ist. Ein solches Problem äußert sich als Spannungszustand (Bedürfnis) innerhalb des Nervensystems als Folge des Auseinanderfallens zwischen einem im Organismus registrierten Ist-Wert in Form des Bildes oder internen Modells des Individuums in seiner Situation und einem organismisch repräsentierten Soll-Wert (Bedürfnisbefriedigung). Dieser Spannungszustand kann mit den verfügbaren internen (Motivation, Wissen und Können) und externen Ressourcen (vorderhand oder endgültig) nicht reduziert werden. Zentrale Grundlage für die Erklärung eines sozialen Problems ist die von Staub-Bernasconi in Umrissen konzipierte und von Obrecht ausformulierte Bedürfnistheorie.Werner Obrecht: (PDF; 3,0 MB) Hochschule für soziale Arbeit Zürich. Fassung vom April 2002.

Bedürfnistheorie Menschen sind im systemtheoretischen Paradigma psychobiologische Systeme, die dank ihrer psychobiologischen Ausstattung – genauer den plastischen, lernfähigen Regionen des Gehirns – wissen, dass sie wissen, fühlen, urteilen, denken und handeln und dass sie psychische, soziale und kulturelle Gegebenheiten auch dank ihrer Erkenntnis- und Handlungskompetenzen entwickeln und neu gestalten können.

Menschen haben Bedürfnisse. Das Bedürfnis ist gemäß Obrecht als interner Zustand definiert, der mehr oder weniger weit weg liegt von dem für den Organismus befriedigenden Zustand (Wohlbefinden). Dieser wird innerhalb des Nervensystems registriert und der resultierende Spannungszustand motiviert den Organismus zu einer Kompensation des entstandenen Defizits durch ein nach außen gerichtetes („overtes“) Verhalten.

Es geht folglich um die Wiederherstellung innerer „Soll-Werte“. Dieses Verhalten ist als Folge von Lernprozessen der Tendenz nach geeignet, das Defizit zu kompensieren. Wenn die Situation als hinderlich oder bedrohlich beurteilt wird, kommt es zu einer inneren Reaktion der Bedürfnisunterdrückung oder eines Bedürfnisaufschubs.

Jedes Verhalten ist in der Regel gleichzeitig von mehreren Bedürfnissen motiviert. Wünsche dagegen sind bewusst gewordene und in Begriffen des jeweiligen Individuums definierte Bedürfnisse – und zwar in Form von mehr oder weniger konkreten Zielen. In der Regel beziehen sich die Formulierungen auf äußere Situationen und Ressourcen (Bedarf), von denen sich das Individuum – bewusst oder nicht bewusst – die Befriedigung bestimmter Wünsche oder Bedürfnisse verspricht. Wünsche sind (kulturell) gelernt, Bedürfnisse sind durch die Struktur des psychobiologischen Individuums gegeben.

Da die Bedürfnisse organismischer Natur – das heißt als Soll-Werte im Organismus des Menschen verankert sind – sind sie, im Unterschied zu den Normen und Werten sowie den Ressourcen und (Sozial-)Politiken, die sich innerhalb von Gesellschaften zu ihrer Befriedigung entwickeln, universell.

Dabei ist es nicht so, dass ein Mensch genau und bewusst wahrnimmt, dass Bedürfnis X zu diesem und jenem Grad nicht befriedigt ist. Vielmehr wirken (unbefriedigte) Bedürfnisse wie Affekte als unbewusste, interne Motivatoren für den Menschen, etwas gegen den unbefriedigenden Zustand zu unternehmen. In der Folge beginnt der Mensch in irgendeiner Weise zu handeln, von der er hofft oder durch Erfahrung weiß, dass sie ihm helfen wird, den unbefriedigenden Zustand in Richtung eines besseren zu verändern. Dabei kann sich der Mensch in seiner Vorgehensweise auch irren und Handlungen vollziehen, die eine Bedürfnisbefriedigung nur vortäuschen (Gebrauch psychoaktiver Substanzen).

Aufgrund der Funktion von Bedürfnissen im Hinblick auf die Erhaltung der internen Struktur menschlicher Organismen und damit menschlichen Wohlbefindens, sind drei übergeordnete Klassen von Bedürfnissen unterscheidbar:

Biologische Bedürfnisse

Bedürfnisse im engeren Sinne, die bedingt sind durch den Umstand, dass Organismen selbstgesteuerte, autopoietische Systeme sind: nach physischer Integrität; nach den für die Autopoiese erforderlichen Austauschstoffen; nach Regenerierung; nach sexueller Aktivität und nach Fortpflanzung.

Biopsychische Bedürfnisse

Bedürfnisse, die bedingt sind durch den Umstand, dass die Steuerung durch ein komplexes und plastisches Nervensystem erfolgt, dessen angemessenes Funktionieren von einer bestimmten quantitativen und qualitativen sensorischen Grundstimulation sowie – in Bezug auf den aktuellen Bedarf des Gehirns – hinreichenden Informationen abhängt: nach wahrnehmungsgerechter sensorischer Stimulation; nach schönen Formen in spezifischen Bereichen des Erlebens; nach Abwechslung/Stimulation; nach assimilierbarer orientierungs- und handlungsrelevanter Information; nach subjektiv relevanten (affektiv besetzten) Zielen und Hoffnung auf Erfüllung; nach effektiven Fertigkeiten, Fähigkeiten, Regeln und (sozialen) Normen zur Bewältigung von (wiederkehrenden) Situationen, abhängig von den subjektiv relevanten Zielen;

Biopsychosoziale Bedürfnisse

Durch den Umstand bedingte Bedürfnisse, dass Menschen selbstwissensfähig sind und ihr Verhalten innerhalb ihrer sozialen Umgebung über emotio-kognitive Prozesse regulieren: nach emotionaler Zuwendung (Liebe, Freundschaft, aktiv oder passiv); nach spontaner Hilfe; nach sozial(kulturell)er Zugehörigkeit durch Teilnahme; nach Unverwechselbarkeit (Identität); nach Autonomie; nach sozialer Anerkennung (Funktion, Leistung, Rang); nach (Austausch-)Gerechtigkeit;

Es gibt ferner Bedürfnisse, deren Befriedigung keinen oder nur wenig Aufschub dulden, ohne dass der Organismus kollabiert, wie Ausfall von Sauerstoff, Nahrung (unelastische Bedürfnisse), und andere, die ohne größeren Schaden für den Organismus auch längere Zeit unerfüllt bleiben können (elastische Bedürfnisse), wie Anerkennung, Gerechtigkeit.

Es wäre allerdings ein Trugschluss anzunehmen, dass wenn letztere nicht befriedigt werden, dies weniger problematisch sei. Unbefriedigte Bedürfnisse können immer negative Folgen für das individuelle Wohlbefinden haben und oft auch für das soziokulturelle Umfeld des Individuums.vgl. die Langzeitstudie über die Arbeitslosen von Marienthal, sowie neuere Studien, die zeigen, dass kontinuierliche, systematische Entwürdigung, mangelnde Anerkennung in Kindheit und Jugend in überdurchschnittlichen Maß zu Gewaltkarrieren führen können; so bei B. Sutterlüthy 2002.

Austausch- und Machtbeziehungen Gemäß der Zürcher Schule treten soziale Probleme im Rahmen sozialer Interaktionen auf zwei Ebenen auf (horizontal: (idealtypisch) Austauschbeziehungen und vertikal: (idealtypisch) Machtbeziehungen).

Probleme im Bereich von Austauschbeziehungen Unfreiwilliges Alleinsein, fehlende Mitgliedschaften, letztlich soziale Isolation: Nicht erfüllt ist das Bedürfnis nach Beziehungen und Austausch. Gebundensein in letztlich belastenden Pflichtbeziehungen wie etwa starke Familienbindungen, Nicht-Ablösungen von den Eltern oder früheren Partner – solche Beziehungen nicht beeinflussen zu können: nicht erfüllt ist das Bedürfnis nach Autonomie.