Die Gopala-Tapani-Upanishad ist eine der späteren Upanishaden des Atharvaveda. Sie entstand frühestens ab dem 8. Jahrhundert vor Christus in Indien, wahrscheinlich jedoch wesentlich später.
Etymologie mini|hochkant=1.6|Bildgestalt des göttlichen Paares Radha-Krishna in Vrindavan
Die Gopala-Tapani-Upanishad, in Sanskrit गोपालतापिन्युपनिषत् - Gopāla-tāpanī Upaniṣad oder agglutiniert gopālatāpinyupaniṣat, ist nach dem göttlichen Schutzherrn Gopala (Sanskrit गोपाल – gopāla) benannt.
Gopāla – wörtlich der Beschützer der Kühe – ist niemand anders als Krishna (कृष्ण – Kṛṣṇa).
Tāpanī, auch in den Formen tapanīya, tāpanīya, tāpinī leitet sich letztlich ab von tapas तपस् mit der Bedeutung Hitze, von tap तप् heiß. Hitze erzeugt Licht – was hier gemeint ist.
Upanishad (उपनिषद् - upaniṣad) bedeutet wörtlich das Sich-in-der-Nähe-Niedersetzen – somit das Sich-Niederlassen in der Ausstrahlung Gopālas.
Stellung Im Muktika bildet die Gopāla-tāpanī die 95. unter den 108 Upanishaden. Sie ist ein Bestandteil des Atharvavedas und fungiert als Upanishade der Vaishnava, den Verehrern Vishnus. Sie wird insbesondere von den Gaudiya Vaishnavas geschätzt, den Anhängern von Chaitanya.
Die Gopāla-tāpanī-Upaniṣad ist eine der vier Tāpinī Upanishaden des Atharvaveda. Die anderen drei sind die Nrisimha-Tapani-Upanishad, die Rama-Tapani-Upanishad und die Tripuratapanopanishad.
Bedeutung Die Gopāla-tāpanī-Upaniṣad ist somit eine esoterische Doktrin, die Licht auf den Kuhhirten Krischna wirft. Sie lädt ein, sich im Licht Gottes niederzulassen. Wie anderweitig auch im Bhagavatapurana bestätigt wird, enthält der Kuhhirte Krishna eine unvorstellbare Shakti. Um ein Verständnis für ihn entwickeln zu können, müssen wir die Überzeugung gewinnen, dass unser tiefes inneres Wesen von dem, was sinnlich, mental oder verstandesmäßig erfahrbar ist, vollkommen verschieden ist.
Das Wort Upanishade impliziert ein Heranrücken, ein Näherkommen und aufmerksames Zuhören. Monier Williams definiert eine Upanishade als eine esoterische Abhandlung die Unwissenheit zur Ruhe setzt, indem sie Kenntnis von Gott offenbart. Unterhalb unseres gewöhnlichen Erlebens verbirgt sich ein Mysterium, das die Welt um uns, unser eigenes Selbst und letztlich auch das Überselbst mit Leben erfüllt.
Aufbau Die Gopāla-tāpanī Upaniṣad gliedert sich in zwei Abschnitte – in eine pūrva-tāpanī und eine uttara-tāpanī. Die pūrva-tāpanī kann in 5 Sektionen unterteilt werden und besteht insgesamt aus 48 Versen. Die uttara-tāpanī enthält insgesamt 99 Verse.
Pūrva-tāpanī Die erste Sektion des pūrva-tāpanī umfasst die Verse 1 bis 11.
Vers 1 bildet ein maṅgalācaraṇa, eine glückverheißende Einführung:
Im maṅgalācaraṇa (मङ्गलाचरण – wörtlich verheißungsvolle Praxis) erweist Śruti-devī, die Göttin der mündlich tradierten Veden (Shruti), Krishna ihre achtungsvollen Ehrerbietungen. Als Erstes preist sie ihn in seiner Gestalt als Sat-Chit-Ananda – als unendliches Sein, dessen Wesen Bewusstsein ist und dessen Wesen wiederum Glückseligkeit ist. Seine Handlungen sind makellos (frei von den fünf Kleśas – क्लेश). Sie erkennt Krischna als Guru – wie dies auch im Vedanta bestätigt wird –, der als Zeuge (sākṣin – साक्षिन्) innerhalb der intuitiven Intelligenz (Buddhi – बुद्धि) weilt.
Ab Vers 2 erscheinen die Vier Kumaras (kumāra – कुमार). Die Weisen stellen ihrem Vater Brahma (brahmā – ब्रह्मा) vier Fragen. Dieser erklärt im weiteren Verlauf das fünfteilige pañca-padī mantra. Ferner unterweist Brahma seine Söhne in den drei Tätigkeiten Meditation (dhyāna), im Rezitieren des Mantras (rasana) und in der hingebungsvollen Andacht (bhajana). Der erste Abschnitt endet in den Versen 8 bis 11 mit einer Meditation über die Gestalt Gopālas.
mini|hochkant=1.6|Radha-Krishna mit Om̐
Dem Vers 2 stellt Śruti-devī als Beginn ihrer Erzählung zur weiteren Glücksverheißung die heilige Silbe Om voraus – der Urquelle jeden Klangs. In der Bhagavad Gita (Vers 7.8) identifiziert sich Krischna mit dem Praṇava Oṁkāra (प्रणव ओंकार). Zu Beginn der Schöpfung war es das erste Wort, das dem Mund Brahmas entfuhr. Die folgenden Fragen der Weisen dienen dazu, Krischna als allein Anbetungswürdigen hervorzuheben und sind so gestellt, dass sie Brahma veranlassen, implizit mit dem achtzehnsilbigen Gopāla-Mantra zu antworten.
In Vers 3 beantwortet Brahma die Fragen seiner vier Söhne:
Brahma stellt hierbei das Gopāla-Mantra den Kumaras vor – jedoch noch ohne dessen erste Silbe, dem kāma-bīja (कामबीज) klīṁ (क्लीं). Dieses Mantra, in dem Brahma die Kumaras indirekt initiiert, hebt den Allmächtigen hervor, beendet den Tod und offenbart sämtliches, in höchster Liebe endendes Wissen. Die Namen Krishna, Govinda und Gopī-jana-vallabha zeigen eine aufsteigende Progression von dem allanziehenden Krishna zum Kuhhirten Govinda (गोविन्द) in Vrindavan (वृन्दावन) hin zum Gopī-jana-vallabha – demselben Kuhhirten, der aber durch die Liebesbande der Gopīs festgezurrt wurde. Das am Ende des Mantras stehende und dessen Auflösung bedeutende Wort Svaha (Svāhā) begleitet Gaben an das Opferfeuer. Opfern ist ein Vorgang, der uns zufrieden in dieser Welt leben lässt und sie gleichzeitig transzendiert. Wir wachsen nur, wenn wir geben. Geben wir von unseren Besitztümern, so wachsen wir im Materiellen. Geben wir aber von unserer Essenz, so erlangen wir gleichzeitig ein Verständnis unseres Selbsts.
In Vers 4 fragen die Vier Kumaras genauer nach:
mini|hochkant=1.6|Opfer (Yajnas) werden von Svāhā begleitet bzw. beendet
Brahma antwortet sodann in Vers 5:
Brahma beschreibt hier Krishna als Zerstörer sämtlicher Sünden (pāpa – पाप), die im Wesentlichen auf Unwahrheiten, Gewissenlosigkeiten und Miseren fußen und folglich durch den Sat-Chit-Ananda-Aspekt Gottes ihre Daseinsberechtigung verlieren. Govinda (wörtlich Kuhhalter) ist derjenige, der durch das Wesen der Kühe (Friedfertigkeit), der Erde (Ruhe) und der Veden (Wissen) verstanden werden kann. Ferner definiert er Gopī-jana-vallabha als gopī-jana-vidyā-kalā-prerakas. Alle Gopīs sind Teil (kalā – कला) des perfekten Wissens (vidyā – विद्या), das sich in ihrer liebenden Hingabe mit einer ureigenen Stimmungslage manifestiert. Krishna ist ihr Liebling (vallabha – वल्लभ), der sie in ihrem Zeitvertreib inspiriert (prerakaḥ – प्रेरकः). Mit den Worten tan-māyā erklärt Brahma, dass Svāhā zur Maya des Gopī-jana-vallabha gehört. Unter ihrem Einfluss führt er seine Spiele aus. Diese Yogamāyā ist seine transzendentale Energie und gleichzeitig Ausdruck seiner Barmherzigkeit. Svāhā (Opfer) ist sodann das Herzstück des Lebens, das die Illusion gewöhnlichen Lebens auflöst.
In Vers 6 verweist Brahma auf das Erlangen von Unsterblichkeit:
In Vers 7 fragen die Kumaras erneut nach:
In Vers 8 führt der Goldene (Brahma) weiter aus:
Krishna's Hauttönung ist so dunkel (श्याम - śyāma) wie eine Regenwolke. Seine Jugendhaftigkeit manifestiert sich als ewiger Jüngling in Vrindavan, wo er in den typischen Gewändern eines Kuhhirten (गोपवे॒श - gopa-veśa) erscheint. Mit कल्पद्रुमाश्रितम् − kalpa-drumāśritam ist der legendäre Wunschbaum in Vrindavan gemeint, unter dem sich Krishna oft aufhält. Dieser Baum (द्रुम – druma) steht stellvertretend für die Veden und ihre Allwissenheit.
mini|hochkant=1.6|Krishna in the making
Mit den Versen 9 bis 11 endet die erste Sektion des pūrva-tāpanī. Sie sind als Begleitung des achtzehnsilbigen Mantras gedacht.
Entstehungsdatum Das Entstehungsdatum der Gopāla-tāpanī Upaniṣad liegt vollkommen im Dunkeln. Vermutungen belaufen sich auf das 8. Jahrhundert v. Chr. bis 7. Jahrhundert n. Chr. Sicher ist, dass die Upanishade noch vor dem 16. Jahrhundert entstand – dem Jahrhundert, in dem die ersten Kommentare erscheinen. Unter Gelehrten scheint sich mittlerweile das 13. bis 14. Jahrhundert als Entstehungsdatum herauszukristallisieren.
Kommentatoren Die Gopāla-tāpanī Upaniṣad ist vielfach kommentiert worden. Zu den Kommentatoren gehören vor allem Jiva Goswami (1513 bis 1598) mit dem Gopāla-tāpanī-ṭīkā und dem Kṛṣṇa-sandarbha. Weitere Kommentatoren sind Gopala Bhatta Goswami (1503 bis 1578) mit Hari Bhakti Vilasa und Visvanatha Chakravarti (1626 bis 1708). Unter den modernen Kommentatoren ist vor allem B. V. Tripurari (2004) zu erwähnen.
Siehe auch Bhagavatapurana Bhagavad Gita Brahma Gopala Govinda (Gottheit) Krishna Upanishaden
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Upanishaden