Ständige Erreichbarkeit im Beruf meint, dass Arbeitnehmer auch nach offiziellem Ende ihrer Dienstzeit für den Arbeitgeber, Kollegen bzw. Kunden hinsichtlich dienstlicher Belange und mittels moderner Informations- und Kommunikationsmittel erreichbar sind.

Definition Es existieren unterschiedliche Begriffe, die das Phänomen der ständigen Erreichbarkeit im Beruf beschreiben. Trinczek bezeichnet es als „Verfügbarkeit für arbeitsbezogene Belange auch jenseits der Arbeitszeit“, für Pfeifer ist es „ununterbrochene Erreichbarkeit“, Turkle nennt es „permanente Kontaktbereitschaft“, Dettmers und Bamberg sprechen von „erweiterte Verfügbarkeit“ und Pangert und Schüpbach bezeichnen es als „permanente Verfügbarkeit“. Tendenziell scheint sich der Begriff der erweiterten Erreichbarkeit (zurückzuführen auf: „arbeitsbezogene erweiterter Erreichbarkeit“ nach Menz) durchzusetzen. Strobel konstatiert, dass dieser Begriff mit aktuellen Realitäten im Berufsleben am ehesten in Einklang zu bringen ist, da dieser fehlgeleitete Assoziationen vermeide, die permanente Erreichbarkeiten im Sinne von 24 Stunden täglich und jeden Tag des Jahres suggeriere. Zwar wachsen die Zeiten der Erreichbarkeit von Beschäftigten kontinuierlich, dennoch sind weniger Beschäftigte immer und überall erreichbar, als dies die öffentliche Debatte nahelegt.

Von ungeregelten Formen der Verfügbarkeit wird gesprochen, wenn Beschäftigte nicht durch vertragliche oder tarifliche Regelungen zur Erreichbarkeit verpflichtet sind, sondern durch Betriebskultur oder aus eigenem Antrieb jenseits geregelter Arbeitszeiten, an Wochenenden oder im Urlaub erreichbar sind.

Grundannahmen mini|Mobile Endgeräte als Katalysator für erweiterte Erreichbarkeit Als Voraussetzung der erweiterten berufsbezogenen Erreichbarkeit sind einerseits die rasanten Entwicklungen moderner Informations- und Kommunikationsmittel und deren technischen Dienste, andererseits generelle Veränderungen der Arbeitswelt zu betrachten. Mobile Endgeräte insbesondere Smartphones werden häufig im Zusammenhang mit erweiterter berufsbezogener Erreichbarkeit genannt. Im Kontext der sich stetig verändernden Arbeitswelt tragen vorwiegend Flexibilisierungsmodelle der Arbeitszeit zur Erweiterung der Erreichbarkeit bei.

Kommunikationstechnik Technische Dienste wie Telefonie, SMS, E-Mails, Voice-over-IP-Dienste wie Skype und Zoom oder Messanger-Dienste wie Whatsapp, Signal, Telegram oder auch soziale Netzwerke (Facebook, Twitter, Instagram, TikTok o. ä.) ermöglichen erst eine Kontaktaufnahme abseits physischer Anwesenheiten zweier oder mehrerer Kommunikationspartner.

Veränderungen der Arbeitswelt Spätestens seit den 1990er-Jahren ist der Trend zu beobachten, wonach Arbeitsverhältnisse mit zeitlichen und räumlichen Regulierungen immer weiter aufbrechen. Dieser Wandel vollzieht sich als Folge der Globalisierung, Beschleunigung, Flexibilisierung aber auch veränderten Präferenzen von Arbeitnehmern. Arbeitszeitmodelle reichen von Gleitzeit über Arbeitszeitkonten bis Vertrauensarbeitszeit wie etwa Telearbeit. Konventionelle Arbeitszeiten eignen sich etwa dann nicht, wenn international agierende Unternehmen Kunden oder Kontakte in anderweitigen Zeitzonen erreichen wollen oder Kooperationen eingegangen werden. Auch Organisationsstrukturen öffnen sich ob verkürzter Produktionszyklen und steigendem Marktdruck immer häufiger hin zu ergebnisorientierten Arbeiten, etwa Projektarbeiten, die selbstgesteuerte Arbeitszeiten erfordern.

Problematik und Chancen In arbeits- und organisationspsychologischen sowie arbeitsrechtlichen Überlegungen werden Auswirkungen und Umgang der erweiterten berufsbezogenen Erreichbarkeit besprochen. Die meisten Darstellungen thematisieren einen Konflikt zwischen Rechten und Pflichten von Arbeitnehmern. Ungeregelte Kontaktaufnahmen dienstlicher Belange außerhalb vereinbarter Dienstzeiten werden im Kontext der Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben (Work-Life-Balance) häufig mit negativen Folgen auf Befindlichkeit und Gesundheit der betroffenen Arbeitnehmer beschrieben.

Arbeiten, die nach Zielvereinbarungen stattfinden, benötigen ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Organisation. Erbrachte Arbeitszeiten haben in derartigen Verhältnissen keinen Einfluss auf die Vergütung von Dienstnehmern und verlieren so an Bedeutung. Gesteigerte Verantwortung führt dazu, dass Arbeitnehmer ihre Arbeit oftmals in ihre Freizeit mitnehmen. Potenziert wird dieser Effekt mitunter durch erfolgsabhängige Prämien oder Bonuszahlungen. Eine permanente Erreichbarkeit im Privaten lässt auch hinsichtlich beruflicher Belange die Erwartung entstehen, grundsätzlich erreichbar zu sein und beispielsweise E-Mails zeitnah zur Kenntnis zu nehmen oder zu beantworten.

Flexible Arbeitszeiten ermöglichen andererseits die Freiheiten wie private Termine zu klassischen Bürozeiten, verbesserte Kinderbetreuung oder freie Arbeitsplatzwahl.

Ständige Erreichbarkeit als Arbeitsmerkmal Im Zusammenhang mit erweiterter berufsbezogener Erreichbarkeit werden besonders zwei psychologische Modelle bemüht, um mögliche Auswirkungen auf das Wohlergehen von Arbeitnehmern besser einzuschätzen. Karaseks Job-Demand-Control-Modell unterscheidet Arbeitsmerkmale in beanspruchende Arbeitsanforderungen und unterstützende Arbeitsressourcen bzw. Handlungsspielräume. Das Effort-Recovery-Modell von Meijman und Mulder bespricht die Neutralisierung von Gesundheitsrisiken durch ausreichende Erholung nach Arbeitsbelastungen. Gemein ist beiden Modellen, dass ständige Erreichbarkeit als Arbeitsmerkmal nicht eindeutig klassifizierbar scheint und hinsichtlich eines gesundheitlichen Wohlergehens für Arbeitnehmer ambivalent, bzw. individuell betrachtet werden muss. Gemäß dem Job-Demand-Control-Modell stellt erweiterte Erreichbarkeit sowohl eine Arbeitsanforderung dar, indem diese Arbeitnehmer über reguläre Arbeitszeiten hinaus beruflich beansprucht, ebenso aber eine Ressource darstelle, da erweiterte Erreichbarkeit dabei hilft Arbeits- oder Karriereziele zu erreichen. Nach dem Effort-Recovery-Modell erweitert sich einerseits ein Beanspruchungszeitraum, den es mit ausreichenden Erholungsmöglichkeiten und damit verbundener Nicht-Erreichbarkeit entgegenzuwirken gelte, andererseits vermindern erweiterte Erreichbarkeiten andere Arbeitsbelastungen wie beispielsweise Arbeitszeiten im Büro. Maier schreibt dazu, dass die Wirkrichtung der erweiterten Erreichbarkeit maßgeblich davon abhängt, inwieweit es Arbeitnehmer selbst in der Hand hätten, ob- und in welchem Ausmaß erweiterte berufsbezogene Erreichbarkeit zugelassen wird, oder ob diese darauf keinen Einfluss haben.

Gesundheitliche Folgen ständiger Erreichbarkeit Speziell die Arbeits- und Organisationspsychologie interessiert sich schwerpunktmäßig für gesundheitliche Risiken, die mit erweiterter Erreichbarkeit einhergehen. Ständige Erreichbarkeit gilt dabei als neue Belastungsform im Arbeitsleben. Mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit von ständig erreichbaren Beschäftigten besprechen die Arbeiten von Dettmers, Paridon, Menz sowie der iga-Report. Erweiterte Erreichbarkeit wird in Hinblick auf gesundheitliche Folgen ambivalent bewertet. Negative Folgen für die Gesundheit können sich aus einer Verkürzung oder Unterbrechung der Ruhe- und Erholungszeiten ergeben. Ständige Erreichbarkeit wird mit psychischen Belastungen wie Stress und Unruhe aber auch physischen Beschwerden wie Rücken- und Magenschmerzen oder Tinnitus in Verbindung gebracht. Der DAK-Gesundheitsbericht bescheinigt, dass sich das Risiko an Depression zu erkranken mit zunehmendem Ausmaß erweiterter berufsbezogener Erreichbarkeit erhöht. Während der Anteil jener Beschäftigten mit Depressionserscheinungen, die in ihrer Freizeit kaum bis gar nicht erreichbar sind, bei 11,3 % liegt, verdoppelt sich der Wert bei Beschäftigten, die in hohem Maße erreichbar sind auf 24 %.

Es mangelt an belastbaren Studienergebnissen, die ständige Erreichbarkeit als Ursache psychischer und physischer Belastungen identifizieren. Befragungen, die der iga-Report 2013 zusammenfasst, fragen lediglich subjektiv empfundene Auswirkungen von ständiger Erreichbarkeit ab. Demnach wird „Stress“ als häufigste, negative Begleiterscheinung erweiterter Erreichbarkeit genannt. Als schwer einzuordnendes Phänomen wird zudem ein innerer „Stand-by-Modus“ genannt; eine Art Bereitschaft, die die Aufhebung der Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben bedeutet.

Chancen durch erweiterte Erreichbarkeit Gegenüber den gesundheitlichen Risiken stehen auch positive Folgen der erweiterten Erreichbarkeit. Erweiterte Erreichbarkeit stellt nicht nur eine Belastung, sondern ebenfalls eine Entlastungsmöglichkeit für Beschäftigte dar. Vorrangig die Nutzung von Flexibilitäts- und Mobilitätsgewinnen zur besseren Erholung. Durch erweiterte Erreichbarkeit könnten etwa Bereitschaftszeiten, Nachtschichten und Feiertagsarbeit reduziert werden. Eine Alltagsgestaltung kann flexibler gestaltet-, Arbeitswege reduziert werden. Insgesamt sei die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben durch die gewonnene, höhere Zeitsouveränität besser gegeben. Hinsichtlich der sich aus verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten ergebenden Karrierechancen kann die flexiblere Möglichkeit der Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte als entlastend wahrgenommen werden. Hinweise gibt es zudem auf Identitäts- und Statusgewinne, die mit erweiterter berufsbezogener Erreichbarkeit einhergehen, da besonders Betroffene häufig auch mit interessanten Aufgaben betreut seien und daraus resultierendes Prestige genießen.

Umfang und Verbreitung ständiger berufsbezogener Erreichbarkeit Studien, die ständige Erreichbarkeit im Beruf untersuchen, unterscheiden häufig nicht zwischen nur potenzieller oder tatsächlicher Interaktion zwischen Arbeitnehmern und Vorgesetzten, Kollegen und Kunden. Hervorzuheben ist jene Studie der DAK-Gesundheit, die 2013 im Zuge des jährlichen Gesundheitsreports differenzierte, ob Beschäftigte nur prinzipiell erreichbar wären oder ob von dieser Erreichbarkeit auch Gebrauch gemacht würde.

Die größte Befragung zum Thema wird zyklisch (alle fünf Jahre) von der European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions (Eurofound) durchgeführt. 2015 wurden dabei 35 765 persönliche Interviews in 35 verschiedenen Ländern geführt. Demnach arbeiteten 3 % der Befragten täglich, 7 % mehrmals pro Woche und 13 % mehrmals pro Monat in den vergangenen zwölf Monaten in ihrer Freizeit. Arbeit in eigentlicher Freizeit lässt aber nur bedingt auf unregulierte berufsbezogene Erreichbarkeit schließen. Konkrete Daten zur Erreichbarkeit von Arbeitnehmern gibt die Befragung von 2005. Dabei wurden 22 836 Interviews in 31 Ländern vorgenommen. 18 % der Befragten gaben dabei an, in den vergangenen zwölf Monaten außerhalb der regulären Arbeitszeiten manchmal kontaktiert zu werden, 21 % gaben an oft kontaktiert zu werden.

Deutschland Telefonische Kontaktaufnahme: Die Beschäftigtenbefragung der DAK-Gesundheit ergab, dass 51,7 Prozent der Arbeitnehmer nie oder fast nie von Kollegen oder Vorgesetzten außerhalb der Arbeitszeit angerufen würden, obwohl eine grundsätzliche Kontaktmöglichkeit (d. h. die Dienstnehmer gaben ihre privaten, telefonischen Kontaktdaten an Arbeitgeber, Kollegen und Kunden weiter) in 87,3 % aller Fälle gegeben wäre. Dem gegenüber stehen 15,4 %, die mindestens einmal wöchentlich sowie 6,8 %, die mehrmals wöchentlich außerhalb der Arbeitszeit von Kollegen oder Vorgesetzten telefonisch kontaktiert würden.

Seitens jener 48,3 % der Dienstnehmer, die in ihrer Freizeit aus beruflichen Gründen telefonisch kontaktiert würden, gaben 32,9 % an, gelegentlich, aber seltener als einmal pro Woche; 6,6 % zumindest einmal pro Woche; 6,8 % mehrmals die Woche und 2 % täglich kontaktiert zu werden.

Schriftliche Kontaktaufnahme: