Adolf Moritz Steinschneider (* 20. Juni 1894 in Berlin; † 11. Juni 1944 ermordet in der Nähe von Bellac) war ein Rechtsanwalt, der sich vor der nationalsozialistischen Machtübernahme für Personen und Organisationen aus dem linken politischen Spektrum engagierte. 1933 erhielt er Berufsverbot und emigrierte zunächst in die Schweiz, später nach Frankreich. Am 11. Juni 1944 wurde er von Soldaten der SS-Division „Das Reich“, die am Vortag das Massaker von Oradour verübt hatten, verschleppt und ermordet.
Jugend und Ausbildung Adolf Moritz SteinschneiderEs gibt drei nahezu deckungsgleiche Darstellungen von Adolf Moritz Steinschneiders Leben: a) AMSTA: Adolf Moritz Steinschneider – Biographische Daten; b) In Frankreich ermordet. Adolf Moritz Steinschneider; c) Heinz-Jürgen Schneider et al.: Die Rechtsanwälte der Roten Hilfe Deutschlands. Die nachfolgende Darstellung folgt weitgehend der Quelle „a“; Einzelnachweise erfolgen nur bei Abweichungen oder direkten Zitaten. ist der älteste Sohn des Rechtsanwaltes Max Steinschneider (1853–1915) und dessen Ehefrau Leopoldine (1855–1931) und ein Enkel von Moritz Steinschneider, des Begründers der wissenschaftlichen hebräischen Bibliografie. Seine Brüder waren Gustav Steinschneider (1899–1981) und Karl Steinschneider (1900–1979).
Steinschneider wuchs in Berlin und in der von seinem Vater gegründeten Villenkolonie Neu-Döberitz westlich von Berlin-Spandau auf. Über seine Kindheit dort berichtete er später:
Adolf Moritz Steinschneider besuchte das Französische Gymnasium in Berlin und war seit dieser Zeit mit Adrien Turel befreundet.Adrien Turel: Bilanz eines erfolglosen Lebens Nach dem Abitur studierte er in Berlin und München Rechts- und Wirtschaftswissenschaften.
1917 wurde Steinschneider zum Kriegsdienst einberufen und 1918 ins Pressearchiv des Auswärtigen Amtes abkommandiert. Nach Kriegsende beteiligte er sich am Spartakusaufstand und zusammen mit seinem Freund Turel an den Besetzungen des Vorwärts-Gebäudes und des Mosse-Verlags. Nach dem Scheitern des Aufstandes wurde Steinschneider im Januar 1919 verhaftet und am 5. Februar 1919 zu einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Sein Verteidiger war der frühere Partner seines Vaters, der Rechtsanwalt Max Tucholski, der Onkel von Kurt Tucholsky.Siehe hierzu auch: Hermann Weber: Kurt Tucholsky als Jurist, in: Uwe Blaurock, Joachim Bornkamm, Christian Kirchberg (Hrsg.): Festschrift für Achim Krämer zum 70. Geburtstag am 19. September 2009, De Gruyter, Berlin/Boston 2009, ISBN 978-3-11-173210-7, S. 702 f.) Tucholskys Gedicht Spartacus in Moabit (geschrieben unter dem Pseudonym Kaspar Hauser) bezog sich auf diesen Prozess, in dem neben Steinschneider auch noch zwei Arbeiter angeklagt waren.
Steinschneider saß seine Haft in der Justizvollzugsanstalt Plötzensee ab und konnte nach der Haftentlassung seine juristische Ausbildung fortsetzen. Er absolvierte sein Referendariat unter anderem am Kammergericht Berlin und in der von seinem Vater gegründeten Anwaltskanzlei von Max Tucholski und Felix WolffDer am 15. Oktober 1877 in Köthen (Anhalt) geborene Felix Wolff war 1902 in Göttingen promoviert worden. 1906 wurde er Assessor im Bezirk des Kammergerichts und erhielt im Februar 1907 die Zulassung als Rechtsanwalt am Berliner Landgericht I. Im gleichen Jahr trat er in die Kanzlei von Max Steinschneider ein. (Steinschneider, Max, in: Reinhard Hillebrand: Im Strom der freien Concurrenz, epubli, Berlin 2018, Fußnote 5490) Felix Wolff wurde am 18. Oktober 1941 von Berlin aus ins Ghetto Litzmannstadt deportiert, wo er am 5. Februar 1942 zu Tode kam. (Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 - 1945: Felix Wolff) weitergeführt wurde. mini|Haus Untermainkai 20 1923 bestand Steinschneider das Assessorenexamen und wurde im Oktober 1925 als Rechtsanwalt beim Berliner Landgericht I zugelassen.In Frankreich ermordet. Adolf Moritz Steinschneider Nach einem kurzen Zwischenspiel in Celle zog er 1926 nach Frankfurt am Main, erhielt im Mai die Zulassung beim dortigen LandgerichtHessisches Hauptstaatsarchiv: Wiedergutmachungsakte Adolf Moritz Steinschneider. Mitteilung der Rechtsanwaltskammer Frankfurt vom 15. November 1949 und Bescheinigung des Landgerichts Frankfurt vom 26. September 1957 und übernahm die Kanzlei des verstorbenen Rechtsanwalts Hugo Seckel. In einer von dem ehemaligen Oberlandgerichtsrat Dr. Schlesinger abgegebenen Versicherung an Eides statt, in der er die Übernahme der Kanzlei von Hugo Seckel durch Steinschneider bezeugte, hieß es, Steinschneider sei wie Hugo Seckel von der Kommunistischen Partei als ihr Rechtsberater „eingestellt“ worden. Seine Haupttätigkeit habe darin bestanden, „Kommunisten in politischen Strafprozessen zu verteidigen oder als Nebenkläger zu vertreten. Herr RA Steinschneider war sehr energisch und mutig.“Hessisches Hauptstaatsarchiv: Wiedergutmachungsakte Adolf Moritz Steinschneider. Eidesstattliche Versicherung des ehemaligen Oberlandgerichtsrats Dr. Schlesinger vom 30. Januar 1950
Frankfurter Jahre Steinschneider residierte in seinen ersten beiden Frankfurter Jahren in der Kanzlei von Seckel in der Goethestraße, bevor er 1927/28 Wohnung und Kanzlei an den Untermainkai 20 verlegte (), wo seit dem 15. Oktober 2004 ein Stolperstein an sein Schicksal erinnert. Tatsächlich befanden sich Wohnung und Kanzlei aber seit 1931/32 im benachbarten Haus Untermainkai 26.Anschriften gemäß den Amtlichen Frankfurter Adressbüchern 1925–1939 Nach Steinschneiders Flucht 1933 wurde seine dortige Wohnungs- und Kanzleieinrichtung vom Hausherrn wegen angeblicher Mietschulden einbehalten und verkauft. Steinscheiders Bibliothek kam zunächst bei Familie Hillmann in Frankfurt-Eschersheim unter, den Eltern seiner Lebensgefährtin Eva, wurde dann aber von der Gestapo beschlagnahmt.Hessisches Hauptstaatsarchiv: Wiedergutmachungsakte Adolf Moritz Steinschneider. Antrag von Marie-Louise Feigenbaum vom 29. Januar 1955 nach dem Bundesentschädigungsgesetz vom 18. September 1953 und Antrag wegen Schaden an Eigentum und Vermögen Nach einer Mitteilung des Frankfurter Polizeipräsidenten vom 26. September 1962 wurde das Haus Untermainkai 26 durch Kriegseinwirkung stark beschädigt und später abgerissen.Hessisches Hauptstaatsarchiv: Wiedergutmachungsakte Adolf Moritz Steinschneider. Mitteilung des Frankfurter Polizeipräsidenten vom 26. September 1962
Steinschneiders anwaltliche Tätigkeit in Frankfurt erschöpfte sich nicht ausschließlich in der Rechtsberatung für die KPD. Nach eigenen Worten hatte er es vielmehr „mit Politik, wirtschaftlich zusammengebrochenem Bürger- und Hochstaplertum, Proletariern, Ehescheidungen, Alimenten und Künstlerhonoraren, schließlich auch mit Strafsachen“ zu tun.Zitiert nach AMSTA: Adolf Moritz Steinschneider – Biographische Daten
Die berufliche Etablierung ging einher mit privaten Veränderungen. Steinschneider hatte wahrscheinlich 1926 Frieda Kätzler (* 12. April 1898 in Berlin; † 24. August 1956 in Zürich) geheiratet.Frieda (Friederike) Kätzler, genannt Fite oder Pütt, war die ein Jahr ältere Schwester von Luise Kätzler. Diese war in erster ehe mit dem Schriftsteller Max Barthel verheiratet, in zweiter Ehe mit Alexander Abusch. Luise Kätzler lebte 1924/25 zusammen mit ihrem Sohn Thomas Sylvester Barthel vorübergehend bei Adolf und Eva Reichwein in Jena. (Horst Olbrich und Ullrich Amlung: Adolf Moritz Steinschneider, S. 6) Die Ehe wurde 1927 bald nach der Geburt des Sohnes Stefan (* 18. September 1927 in Frankfurt) geschieden, doch brach der Kontakt zu den beiden auch während des späteren Exils nie ab, und Steinschneider bemühte sich immer auch, zu deren Lebensunterhalt beizutragen. Frieda Kätzler, die mit ihrem Sohn nach 1933 in der Schweiz lebte, war während des Zweiten Weltkriegs eine wichtige Umschlagstation für Briefe an und von Steinschneider an Adressaten in und Absendern aus Palästina und den USA, da ein direkter Briefverkehr mit diesen Ländern, anders als in die neutrale Schweiz, aus dem besetzten Frankreich nicht mehr möglich war.
Im selben Jahr wie Sohn Stefan wurde auch Tochter Marie-Louise (* 7. Juni 1927; † 17. Mai 2010), genannt Musch, geboren.Das Adolf Moritz Steinschneider Archiv wie auch der gesammelte und im Deutschen Exilarchiv aufbewahrte Nachlass ihres Onkels Gustav (Nachlass Gustav Steinschneider) wurden von ihr zusammengetragen. Deren Mutter, die spätere Eva Steinschneider (1899–1968), war die damals noch mit Adolf Reichwein verheiratete Eva Hillmann.Frankfurter Personenlexikon: Eva Steinschneider
Beide Kinder setzte Adolf Moritz Steinschneider 1935 in seinem Testament als seine gleichberechtigten Erben ein und bestimmte bis zu deren Volljährigkeit deren Mütter zu Verwalterinnen und Nutznießerinnen des Erbes.Hessisches Hauptstaatsarchiv: Wiedergutmachungsakte Adolf Moritz Steinschneider. Abschrift des Testaments vom am 17. Juni 1935 in Zürich abgefassten Testaments
Etwa von etwa 1927 bis 1930 wohnte auch Adrien Turel am Untermainkai 20 und wirkte dort „als eine Art von Bürovorsteher in der Anwaltspraxis Adolf Steinschneiders, ungefähr so, wie Karl Marx als Berater in der Geschäftsführung seines Freundes Friedrich Engels hätte wirken können“. An anderer Stelle behauptete Turel, dass es auch Teil des Plans gewesen sei, „meine, unsere Soziologie zu publizieren und zur Geltung zu bringen“., was aber nur durch Turels in Frankfurt entstandene und hier 1928 im Selbstverlag erschienene Schrift Keinen Gott als nur die Menschheit! Einfügung der Diagonalkategorie des Werdens in das Sein und in die Arbeit realisiert wurde.Adrien Turel: Keinen Gott als nur die Menschheit! im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Deren komplizierte Drucklegung durch einen Druckereibesitzer, der Steinschneider Geld schuldete, und schließlich eine kommunistische Druckerei, hat Turel in seiner Autobiographie ausführlich beschrieben.
Auch Adolf Steinschneiders Bruder Gustav, der ebenfalls mit Turel befreundet war und einen ausgiebigen Schriftwechsel mit diesem pflegteDokumentiert im Nachlass Gustav Steinschneiders im Deutschen Exilarchiv, lebte für einige Zeit in der Wohnung am Untermainkai, die zugleich ein intellektueller Treffpunkt war.
In diesem „Experimentierfeld für neue Formen menschlichen Zusammenlebens“ entstand auch die Idee für die Gründung der in Berlin ansässigen Arbeitsgemeinschaft für bionergetische PsychologieSiehe dazu: Bioenergetische Analyse und DER PSYCHOLOGIE: Bioenergetik, zu deren Gründungsmitgliedern neben Turel auch Adolf Moritz Steinschneider gehörte.
Steinschneider, der an der Gründung der Roten Hilfe beteiligt war, sich als Rechtsberater der Deutschen Friedensgesellschaft betätigte und sich auch in der von seinem Vater mitgegründeten Deutschen Liga für Menschenrechte engagierte sowie als anwaltlicher Vertreter der sowjetischen Handelsmission in Deutschland fungierte, erregte 1928 reichsweites Aufsehen „mit seiner politisch und sozial akzentuierten Verteidigung des wegen Mordes angeklagten Arbeitslosen Friedrich Wiechmann, der aus sozialer Not seine Frau und seine drei Kinder umgebracht hatte“.Horst Olbrich und Ullrich Amlung: Adolf Moritz Steinschneider
Der Fall Friedrich Wiechmann Der Anlass des Prozesses war ein Familiensuizid in Frankfurt.