Das Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Gebiet Kalkklippen der Gobert im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis besteht aus den zwei Naturschutzgebieten „Hessische Schweiz bei Meinhard“ und „Kalkklippen südlich des Iberges“, die im Jahr 1999 vom Land Hessen für das länderübergreifende System besonderer Schutzgebiete „Natura 2000“ gemeldet wurden, das die Erhaltung der biologischen Vielfalt in Europa zum Ziel hat. Die Gründe für den Vorschlag waren der großflächige Laubwaldkomplex mit seiner bundesweiten Bedeutung als Lebensraum für seltene und bestandsgefährdete Arten, die Vorkommen von Eiben und Blaugrashalden sowie die natürlichen Bergstürze.Regierungspräsidium Kassel: Standard-Datenbogen für besondere Schutzgebiete, erstellt im März 1998 und im März 2015 aktualisiert. Große Teile der Wälder werden seit 1989 nicht mehr forstlich genutzt und bleiben prozessgeschützt in dem Naturwaldreservat Hohestein oder als „Wald außer regelmäßigem Betrieb“ in dem Bereich südlich des Ibergs sich selbst überlassen. Hier sollen künftig Naturwälder entstehen, in denen alle Entwicklungsstufen von der Verjüngung bis zur Zerfallsphase nebeneinander zu finden sind. Ein Bereich des FFH-Gebiets gehört auch zu dem dreigeteilten Vogelschutzgebiet „Felsklippen im Werra-Meißner-Kreis“.Steckbrief des FFH-Gebiets 4726-350 „Kalkklippen der Gobert“ auf der Website des Bundesamtes für Naturschutz (BfN); abgerufen am 24. Juni 2022.
Lage Das FFH-Gebiet befindet sich auf dem hessischen Teil der Gobert und erstreckt sich entlang der Landesgrenze zu Thüringen. Landschaftsprägend sind die Erhebungen Hohestein, mit 569 Metern nach dem Hohen Meißner der höchste Berg im nordöstlichen Hessen, Hörne (522,7 m), Hohe Bahn (509,6 m) und Uhlenkopf (etwa 520 m) sowie die Felshänge an der „Salzfrau“, am „Pferdeloch“, „Wolfstisch“, „Weißen Graben“, an der „Schönen Aussicht“ und an der „Hörne“. Administrativ gehört das Schutzgebiet zu den Gemarkungen von Hitzelrode und Motzenrode der Gemeinde Meinhard und der Stadt Bad Sooden-Allendorf.FFH-Gebiet „Kalkklippen der Gobert“. In: Weltdatenbank für Schutzgebiete; abgerufen am 24. Juni 2022.
Das Schutzgebiet liegt im „Geo-Naturpark Frau-Holle-Land“ und sein Kernbereich wird in der naturräumlichen Gliederung Deutschlands des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg der Teileinheit „Gobert“ (483.10) im „Allendorfer Wald“ (483.1) zugeordnet. Als Teile des „Oberen Eichsfelds“ (483.1-3) gehören sie zu der Haupteinheitengruppe der „Nordwestlichen Randplatten des Thüringer Beckens“ (483). Nach Osten geht die Landschaft in das „Rosoppe-Frieda-Hügelland“ (358.50) und nach Westen in die „Allendorfer Weitung“ (358.31) sowie das „Südliche Gobertvorland“ (358.52) über. Sie sind dem „Unteren Werrabergland“ (358) in der Haupteinheitengruppe des „Osthessischen Berglands“ zugehörig. Der Kalkquellsumpf nördlich von Motzenrode, in dem kleinen separaten Bereich des Naturschutzgebiets „Hessische Schweiz“, befindet sich in der Teileinheit des „Südlichen Gobertvorlands“.Hans-Jürgen Klink: Blatt 112 Kassel. In: Naturräumliche Gliederung nach der Geographischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg.
Geschichtlicher Überblick mini|links|Der Brandwall zwischen dem Wanderweg und der westlichen Abrisskante des Hohesteins Die Wallanlage auf dem Hohestein, die in die ältere Eisenzeit datiert wird, bestätigt, dass Menschen von etwa 800 v. Chr. bis um die Zeitenwende hier gelebt haben. Der sogenannte Brandwall ist ein rund 650 Meter langer, bis zu zehn Meter breiter und bis zu drei Meter hoher Wall mit einem vorgelagerten Doppelgraben. Den Namen erhielt das Holz-Stein-Erde-Werk von einer Schicht gebrannten Lehms, die an der Walloberseite zutage tritt und darauf hindeuten könnte, dass die Befestigung durch Feuer zerstört wurde. Über seine Funktion wird unterschiedlich vermutet: Er könnte als germanische Kultstätte, als Teil einer Fliehburg, als Schutzwall der Kelten gegen die vordringenden Germanen oder als Wall einer eisenzeitlichen Höhensiedlung gedient haben.In der Liste der Naturdenkmale des Werra-Meißner-Kreises hat der Brandwall im Höhenholz die Nummer ND 636.617 und wurde als ein anthropogen aufgeschütteter Wall als flächenhaftes Kulturdenkmal ausgewiesen. Auch schon in der Jungsteinzeit haben sich Menschen auf dem Gobertplateau aufgehalten, wie ein 2007 an einem Wurzelteller gefundener Klingenkratzer aus Feuerstein belegt.
Über die Geschichte des Gebiets ist nur sehr wenig bekannt. Möglicherweise entstanden in den Rodungsphasen des frühen Mittelalters im Bereich des Hohesteins Dörfer, die später alle wüst fielen. Noch erkennbare Ackerterrassen im Wald und Lesesteinhaufen zeugen von einer ehemaligen landwirtschaftlichen Nutzung. Auch das große Vorkommen des Kleinen Immergrüns auf der Gobert kann mit einer früheren Zeit in Verbindung stehen. Ursprünglich von den Römern eingeführt, erfolgte seine Ausbreitung fast ausschließlich über den Menschen und als Kulturreliktpflanze zeigen ihre Wuchsorte noch heute die Lage ehemaliger Burgen und Siedlungen an.
Seit dem 16. Jahrhundert gehörten die Waldungen verschiedenen Adelsgeschlechtern. Im Jahr 1596 wurde die Burg Fürstenstein und mit ihr die Ländereien auf dem Hohestein Alleinbesitz der Diede zum Fürstenstein. Die Einwohner von Hitzelrode waren zu Hand- und Spanndiensten, Fruchtzins und Abgaben in Naturalien aller Art für den Lehnsherren verpflichtet. Nach dem Aussterben der Diede zum Fürstenstein in 1807 wechselte das Gebiet im 19. Jahrhundert mehrfach den Besitzer, bevor es ab 1910 dem Großindustriellen Baron von Knoop gehörte. Als Textilfabrikant in Manchester zu enormem Reichtum gekommen, wandelte er das Gebiet mit aus Ungarn eingeführtem Rotwild in ein Wildgehege um. Die durch die Überhege bedingten Schälschäden sind noch heute an älteren Bäumen zu erkennen.
Im Jahr 1928 gelangte der Wald in den Besitz der Familie von Lüninck, die in dem Bereich des späteren Grenzstreifens ein Sägewerk errichteten, das mit von Pferden gezogenen Wagen über Feldbahngleise aus den Wäldern mit Langholz beliefert wurde. Von dem, im Zusammenhang mit der innerdeutschen Grenze 1945 eingestellten Betrieb, sind nur noch die Fundamente erhalten. Das Land Hessen erwarb 1985 den Teil des Lüninckschen Waldbesitzes, in dem das Naturwaldreservat ausgewiesen wurde.Büro für angewandte Ökologie und Forstplanung (BÖF): Grunddatenerfassung zum FFH-Gebiet Nr. 4726-350 „Kalkklippen der Gobert“.Dirk Schreiber, Walter Keitel und Wolfgang Schmidt: Historischer Überblick. In: Hohestein. Waldkundliche Untersuchungen, S. 21 f.Hohestein. In: Hessische Naturwaldreservate im Portrait. Herausgeber: Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt Göttingen und Landesbetrieb Hessen-Forst Kassel. 2007 und 2012; abgerufen am 24. Juni 2022.
Geologische Bedeutung mini|Der Felsen der „Salzfrau“ mini|Blick vom Aussichtspunkt Hohestein über die Hörne auf Hohen Meißner und Kaufunger Wald Die Gobert ist einer der westlichsten Ausläufer der Muschelkalkplatten, die das Thüringer Becken umranden. Der von dem Leinetalgraben abzweigende Eichenberg-Gotha-Graben trennte die Gobert einst von ihrem ursprünglichen Gesteinsverband der Randplatten des Obereichsfelds und schuf mit ihr einen über 500 Meter hohen Zeugenberg-Komplex. Die heutige Oberflächengestalt, der durch Buchten und tief eingeschnittene Täler stark gegliederte Schichtstufenlandschaft, formten Massenverlagerungen und Erosion.
Der Bergstock ist aus Unterem Muschelkalk aufgebaut. Das Gestein wurde in der Trias, vor rund 200 Millionen Jahren, in einem Flachmeer abgelagert und durch quartären Löss, in unterschiedlicher Mächtigkeit überdeckt. Die verhältnismäßig verwitterungsbeständige Kalkschicht wird von der Röt-Formation des Oberen Buntsandsteins unterlagert. An dieser geologischen Schichtgrenze können sich besonders in niederschlagsreichen Zeiten Massenverlagerungen ereignen, wenn Regenwasser in den Klüften und Spalten des Muschelkalks versickert und auf den tonigen Röt trifft, der aufquillt und fließfähig wird. Dadurch gerät der über dem Röt befindliche Muschelkalk in Bewegung und wird instabil. Die Felsbereiche, die sich dabei ablösen, bewegen sich auf dem breiartig gewordenen Röt allmählich talabwärts und lassen Schluchten entstehen. Diese ermöglichen ein verstärktes Versickern von Niederschlägen, die den Massenverlagerungsprozess beschleunigen. Von den steilen Abbruchkanten können Muschelkalk-Schollen als Bergsturz herunter kippen oder auf dem wasserundurchlässigen Untergrund als Bergrutsch den Hang hinab gleiten.
Als geologisch bedeutsam gelten die Kalkfelsabbrüche in dem Gebiet. Felshänge, die durch Bergrutsche und bergsturzartige Abbrüche des Muschelkalks entstanden sind, sollen in Deutschland nirgends so häufig vorkommen wie in dem Bereich der westlichen Umrandung des Thüringer Beckens, zu der neben der Gobert auch der Ringgau und die Wanfrieder Werrahöhen zählen. Sie gelten als die größten aktiven Bergsturzgebiete Hessens. Denn nicht nur in der Vergangenheit, auch im 20. Jahrhundert ereigneten sich im Jahr 1956 mit dem Bergsturz am Schickeberg im südlicher liegenden Naturschutzgebiet „Boyneburg und Schickeberg bei Breitau“ und zuletzt 1985 am Nordhang der Hörne, zwei solcher Verlagerungen von Gesteinsmassen. Künftige weitere Abbrüche deuten sich durch tiefe Bodenspalten bereits an.Marcus Schmidt: Lebensräume und Arten. In: Naturschutzgebiete in Hessen, Band 3. S. 23 f.
FFH-Lebensraumtypen mit ihrer Vegetation Charakteristische Kennzeichen des Gebiets sind die durch Bergstürze entstandenen steilen und offenen Felshänge, deren obere Bereiche Blaugras-Rasen besiedeln. Unterhalb der Felswände sind Schutthalden mit Ahorn-Linden-Wäldern zu finden. Den größten Flächenanteil besitzen die forstlich nicht oder nur wenig genutzten Buchenwälder, die wegen ihres Reichtums an Edellaubhölzern und Orchideen als Laubwaldkomplexe von bundesweiter Bedeutung gelten. Zu den floristischen Besonderheiten gehören die Vorkommen der Orchideen Frauenschuh, Weißes, Rotes und Schwertblättriges Waldvöglein, Fliegen-Ragwurz, Stattliches und Purpur-Knabenkraut, Müllers Stendelwurz, Rotbraune und Breitblättrige StendelwurzRote Liste der Farn- und Samenpflanzen Hessens. In: Naturschutzinformationssystem des Landes Hessen „Natureg-Viewer“; abgerufen am 24. Juni 2022.