mini|Karte der Waldheide nach ihrer Renaturierung Die Waldheide ist eine rund 50 Hektar große Lichtung im Heilbronner Stadtwald. Das Gelände wurde ab 1883 als Exerzierplatz eingerichtet und ab 1951 von den US-Streitkräften belegt, die die Waldheide ab 1974 zu einer Basis für nuklear bestückte Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing IA ausbauten. Durch den NATO-Doppelbeschluss wurden die Pershing IA ab 1984 durch Raketen des Typs Pershing II ersetzt.
1985 ereignete sich auf der auch Fort Redleg genannten Einrichtung durch die Explosion einer Raketenstufe ein Unfall mit drei Todesopfern. Dieser Zwischenfall lieferte in der Bundesrepublik Deutschland den Anstoß zu einer öffentlichen Debatte über die Gefahren des Pershing-Systems und gab der Friedensbewegung breiten Auftrieb.
Infolge des INF-Vertrags von 1987 zog die US-Armee bis 1991 ab. Das Gelände wurde bis 1997 renaturiert und ist heute ein Naherholungsgebiet für die Heilbronner Bevölkerung.
Geografie und Verkehr Die Waldheide befindet sich in einer Entfernung von rund vier Kilometern ostsüdöstlich des Stadtzentrums an der Markungsgrenze zu Weinsberg und zu Untergruppenbach auf einer Höhe von rund und damit rund 150 m oberhalb der Stadt. Die Ausdehnung beträgt rund einen Kilometer in Nord-Süd-Richtung und rund 500 Meter in Ost-West-Richtung.Geografische Beschreibung nach Topografischer Karte TK25 Baden-Württemberg Die Waldheide liegt sehr eben am Anstieg zum Keuperbergland der Heilbronner Berge auf der ersten, örtlich vom erosionsresistenten Schilfsandstein gebildeten Geländestufe des Keupers.
Die Waldheide wird über die Kreisstraße 9550 erschlossen. Diese führt in Verlängerung der Moltkestraße vom Heilbronner Stadtzentrum vorbei an Trappensee und Jägerhaus, tangiert die Waldheide an ihrer Westseite und verläuft weiter nach Donnbronn. Sie führt im Bereich der Waldheide den Namen Donnbronner Straße.Verkehrserschließung nach Amtlichem Stadtplan der Stadt Heilbronn, 41. Auflage von 2010 Der Militärweg, der ursprüngliche Aufstieg zum Jägerhaus, zieht als Waldweg unterhalb von ihr und erinnert mit seinem Namen an die frühere Nutzung der Waldheide.
Einzelne Fahrten der Stadtbuslinie 1 der Verkehrsbetriebe Heilbronn laufen mittwochs, samstags und sonntags von April bis Oktober über den Trappensee hinaus bis hoch auf die Waldheide.
Geschichte Nutzung vor 1945 Bis in das 19. Jahrhundert war die Waldheide, die damals als Angerweide bezeichnet wurde, eine Weide- und Ackerfläche. Im 19. Jahrhundert wurde sie teilweise wieder aufgeforstet.
mini|Der Exerzierplatz 1917 Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870–1871 wurde Heilbronn 1883 erneut zur württembergischen Garnisonsstadt, nachdem die Stadt diesen Status 1850 zunächst verloren hatte. Vom 31. März 1883 an nahm die neu erbaute Moltke-Kaserne in der Verlängerung zwischen Karls- und Jägerhausstraße die Soldaten des I. und II. Bataillons des Füsilier-Regiments „Kaiser Franz Josef von Österreich, König von Ungarn“ Nr. 122 auf. In der Trefflinsklinge wurden Schießstände errichtet. Die Wahl eines Exerzierplatzes fiel auf die Angerweide, für ihn wurde eine Fläche von 400 mal 400 Metern (16 Hektar) gerodet. Die Stadt übernahm die Abholzung und ließ die Stümpfe ausgraben; die Württembergische Armee ebnete die Fläche ein. Eine Fläche von 10 Morgen württ. Maß (3,15 Hektar) erwies sich als ausreichend fruchtbar, um darauf 1882 noch eine Haber-Ernte einfahren zu können. 1883 begann die militärische Nutzung. Für Übungen konnte neben der gerodeten Fläche zusätzlich die Klinge zur Weinsberger Gemarkungsgrenze hin mit einer Fläche von 6 Morgen württ. Maß (1,89 Hektar) genutzt werden. Im Volksmund kamen seit der Nutzung als Exerzierplatz die Bezeichnungen Exe beziehungsweise Esel auf. 1890 wurde das Gelände deutlich vergrößert, im Jahr 1907 umfasste es 32 Hektar Fläche.Informationstafel am Parkplatz Bei den drei Linden Der Platz stand, sofern gerade kein Exerzierbetrieb stattfand, auch der Bevölkerung offen.
Von 1918 an wurde die Waldheide vorerst nicht mehr militärisch genutzt. Teilweise diente sie als Schafweide, wofür am westlichen Rand ein Schuppen errichtet wurde. Das Gelände entwickelte sich zum beliebten Ausflugsziel und Naherholungsgebiet für die Heilbronner Bevölkerung. Auf dem Platz fanden Tanz- und Sportveranstaltungen statt. Die Bündische Jugend veranstaltete hier Volksfeste. In den 1920er Jahren gab es darüber hinaus Flugschauen, beispielsweise mit Ernst Udet. Der heutige Name Waldheide etablierte sich in den frühen Jahren der Weimarer Republik und geht möglicherweise auf den Heilbronner Volksbildungsausschuss zurück, den Vorläufer der Volkshochschule, der 1922 ein sommerliches „Volksfest auf der Waldheide“ veranstaltete. Später übernahm die Stadt Heilbronn dies als offiziellen Namen.
Am 8. Januar 1933 – wenige Wochen vor der Machtergreifung – marschierte die SA auf dem Platz auf. Mit der Aufrüstung der Wehrmacht wurde die Waldheide 1935 wieder zum Exerzierplatz. Zusätzlich nahm die Wehrmacht von 1934 bis 1938 Teile des Stadtwalds in Anspruch, um diesen als Truppenübungsplatz zu nutzen. Dieser „Wehrmachtswald“ umfasste mit insgesamt 416 Hektar ein Vielfaches der Waldheide und erstreckte sich bis auf die Gemarkungen von Weinsberg und Untergruppenbach.
Nutzung durch die US-Streitkräfte ab 1951 Nachdem Ende 1951 rund 2000 Infanterie-Soldaten der US-Armee Garnison in Heilbronn bezogen hatten, nutzten die US-Streitkräfte die Waldheide ab 1953 als Flugplatz. Die Start- und Landebahn wurde später befestigt. Darüber hinaus entstand am südlichen Ende ein Munitionsdepot. Das Gelände blieb in weiten Teilen offen, mitunter sorgte die neue Nutzung für Unmut unter den Heilbronnern, da sie als Naherholungsgebiet nicht mehr zur Verfügung stand. Eine großflächige Erweiterung des Truppenübungsplatzes scheiterte am Widerstand des Heilbronner Oberbürgermeisters Paul Meyle, stattdessen kam nur eine geringfügige Vergrößerung nach Osten zur A 81 hin zu Stande.
In den 1960er Jahren diente die Waldheide der Besatzungsmacht lediglich als Hubschrauberlandeplatz. Aus dieser Zeit datieren Überlegungen, die Heide zu einem zivilen Flughafen auszubauen. Ein Gutachten ergab jedoch, dass dafür der Galgenberg hätte abgeholzt werden müssen. In diesen Jahren fanden – unter Beteiligung deutscher Flugsportvereine – Flugtage auf dem Gelände statt, und bis 1976 deutsch-amerikanische Freundschaftstage.
mini|Zäune und Wachtürme um die Waldheide in den 1980er Jahren mini|Die Waldheide im Mai 1982 mini|Die Waldheide im Juni 1982
Ausbau zur Pershing-Raketenstellung Im Oktober 1974 begann die US-Armee mit der Abriegelung der Waldheide mittels Zäunen und Wachtürmen. Das Areal erhielt einen Anschluss an das kommunale Strom- und Abwassernetz. Die bisherigen Baracken wurden durch feste, zweistöckige Unterkünfte für 250 Mann und separate Wirtschaftsgebäude ersetzt. Weiterhin entstanden Werkstätten und gebunkerte Garagen. 1976 waren die Rohbauarbeiten abgeschlossen, der letzte deutsch-amerikanische Freundschaftstag mit rund 12.000 Besuchern fand am 16. Mai 1976 statt. Am 2. Februar 1977 wurde das Areal an die US-Armee übergeben. Die Kosten beliefen sich auf 18 Mio. DM. Zusätzlich investierte die US-Armee 35 Mio. DM in die Modernisierung weiterer Einrichtungen im Unterland.
Den offiziellen Verlautbarungen zufolge diente die Waldheide von nun an der US-Armee als Raketen-Ausbildungsstätte. Tatsächlich war die Anlage eine Stellung für atomar bestückte Pershing-IA-Kurzstreckenraketen. Eine Batterie und damit neun Raketen befanden sich permanent in Quick Reaction Alert, also in unmittelbarer Abschussbereitschaft, um gegebenenfalls einen atomaren Erstschlag des Ostblocks so schnell wie möglich erwidern zu können.
Die Raketen befanden sich in Obhut des 3. Bataillons des 84. Artillerieregiments, das in der Artillerie-Kaserne in Neckarsulm und der nahe gelegenen Badener-Hof-Kaserne in Heilbronn stationiert war. Ebenfalls in Neckarsulm untergebracht war eine Versorgungskompanie und in Heilbronn eine als Wachmannschaft dienende Infanteriekompanie. Zuvor hatte sich die Stellung des Bataillons auf dem Heuchelberg bei einer früheren Flugabwehrstellung befunden. Die Einheiten unterstanden, wie alle amerikanischen Pershing-Raketen in Westdeutschland, der 56th Field Artillery Brigade in Schwäbisch Gmünd.
1977 war die Waldheide einer von insgesamt fünf Pershing-Standorten in Westdeutschland. An jedem Standort befanden sich 36 Raketen, von denen sich jeweils eine Batterie in Quick Reaction Alert (QRA) befand. Zwei weitere amerikanische QRA-Stellungen befanden sich in der Lehmgrube bei Kettershausen und bei Inneringen. Die westdeutsche Luftwaffe verfügte über QRA-Stellungen bei Görisried (Bereitschaftsstellung Görisried-Ochsenhof) und am NATO-Flugplatz Geilenkirchen. Das Einsatzkonzept sah vor, dass die restlichen Raketen im Krisenfall zu ihrem Schutz die regulären Stellungen verlassen sollten. Dafür gab es in Süddeutschland 45 vorbereitete Stellungen in Wäldern, in denen die Raketen versteckt einsatzbereit gehalten werden konnten. Für diesen flexiblen Einsatz konnten die Raketen von mobilen Werfern gestartet werden. Bei Übungen hierfür waren häufig ganze Batterien im Unterland und darüber hinaus unterwegs.
mini|Karte der Waldheide als Pershing-II-Stützpunkt (um 1985)
NATO-Doppelbeschluss und Pershing-II-Stationierung mini|hochkant|Werfer und Pershing-II-Rakete der Mutlanger Einheit bei einer Übung Durch den NATO-Doppelbeschluss von 1979 rückte die Waldheide in den Blick der Öffentlichkeit. Im Falle des Scheiterns von Verhandlungen mit dem Warschauer Pakt sollten unter anderem die amerikanischen Pershing-IA-Raketen durch ebenfalls atomar bestückte Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II ersetzt werden. Auf der Waldheide würde daher wahrscheinlich auch dieser Typ stationiert werden.
Am 10. September 1981 veröffentlichte die Stadt Heilbronn einen Schutzbereichsplan für die Waldheide. In der folgenden Zeit gewann die Debatte über die Waldheide als möglichen zukünftigen Pershing-II-Standort an Fahrt, ab 1983 kam es zu Ostermärschen, Menschenketten, Blockaden und Demonstrationen. Der Ostermarsch auf die Waldheide zog 1983 30.000 Teilnehmer an und war die größte Friedenskundgebung in Heilbronn.
Die Heilbronner Stadtverwaltung gab sich zu dieser Zeit über die Nutzung der Waldheide unkundig, so äußerte sich der SPD-Oberbürgermeister Hans Hoffmann 1982: „Der Stadt Heilbronn ist nicht bekannt, in welcher Weise die US-Anlage auf der Waldheide militärisch genutzt wird und welche Waffen dort lagern“. Hoffmanns Nachfolger Manfred Weinmann gab 1984 ebenfalls an, keine Informationen über eine Raketenstellung auf der Waldheide zu besitzen. Allerdings gestand er 25 Jahre später ein, doch von der Stationierung in Kenntnis gesetzt worden zu sein. Man habe ihn aber zur Verschwiegenheit verpflichtet. In den amtlichen Topografischen Karten wurde die Waldheide in den 1980er Jahren im Zustand von 1937 dargestellt.
Am Wochenende vom 16. bis zum 18. Dezember 1983 fand die Heilbronner Begegnung statt, ein Treffen von Schriftstellern der Friedensbewegung. Nach einer Besichtigung der umzäunten Waldheide von außen trafen sich die Teilnehmer zur Auftaktveranstaltung im nahe gelegenen Waldheim der Arbeiterwohlfahrt. Die Grußworte richtete Günter Grass aus, weitere Teilnehmer waren unter anderem Peter Härtling, Dorothee Sölle, Luise Rinser, Alfred Mechtersheimer, Heinrich Albertz und Robert Jungk. Ein Empfang im Heilbronner Rathaus führte zu einem Eklat, als OB Weinmann die Thematisierung von Atomraketen abwiegelte und den Schriftstellern empfahl, sich stattdessen „einen Trollinger hinter die Binde gießen“. Nach vielen Lesungen vor Schülern und Erwachsenen endete die Begegnung am Sonntag mit einer von rund 1000 Zuhörern sehr gut besuchten Lesungs-Matinée im Stadttheater. In zwei Resolutionen riefen die Teilnehmer einerseits zur Kriegsdienstverweigerung auf und protestierten andererseits gegen Verhaftungen in der DDR.