Mobilitätsbildung ist ein Bildungskonzept mit dem Ziel, Menschen zu befähigen, ihre Mobilität selbstbestimmt zu gestalten und die Folgen für sich und ihre Umwelt zu reflektieren. Dem zu Grunde liegt die individuelle Erkenntnis der Notwendigkeit einer sozial- und umweltverträglichen Mobilität. Bestandteil der Mobilitätsbildung sind Strategien, Maßnahmen und Lehrinhalte, die einen Beitrag dazu leisten, sich bewusst mit dem Themenfeld Mobilität und den Auswirkungen von Mobilitätsentscheidungen auseinanderzusetzen.Schwedes, Oliver, Detlef Pech, Julia Becker et al. (2021): Discussion Paper. 2. Auflage. Berlin: Fachgebiet IVP
Das Konzept der Mobilitätsbildung ist mit vielfältigen Querschnittsthemen verzahnt. Dazu gehören unter anderem Partizipation, Umwelt, Gesundheit, Inklusion, Sicherheit, Technik, Politik, Stadt- und Verkehrsplanung, Wirtschaft und Kultur. Außerdem ist Mobilitätsbildung mit dem Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung eng verbunden.Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts (2013): Perspektivrahmen Sachunterricht. Heilbrunn: Julius Klinkhardt, S. 74
Begriffsentwicklung
Der Begriff Mobilitätsbildung hat sich aus dem Ansatz der Verkehrserziehung entwickelt. Die Idee der Verkehrserziehung entstand in den 1920er Jahren, als durch den stark ansteigenden motorisierten Straßenverkehr erzieherische Maßnahmen für notwendig erachtet wurden. Im Fokus stand das Erlernen von Verhaltensweisen und Verkehrsregeln mit dem Ziel die Verkehrsteilnehmenden an das Verkehrsgeschehen anzupassen, wodurch die Verkehrssicherheit gewährleistet werden sollte.Fack, Dietmar (2000): Automobil, Verkehr und Erziehung: Motorisierung und Sozialisation zwischen Beschleunigung und Anpassung 1885–1945. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 202.
Im Laufe der Zeit kamen weitere Aspekte, wie zum Beispiel Soziales, Umwelt und Gesundheit hinzu. Um der inhaltlichen Weiterentwicklung gerecht zu werden, wurde in den 1990er Jahren der Begriff Mobilitätserziehung eingeführt.Limbourg, Maria (2003): Zukunftsorientierte Verkehrs- und Mobilitätserziehung im Kindes- und Jugendalter. Bericht über die Tagung „Mobilität und Verkehrssicherheit für Kinder und Jugendliche“ in Köln am 16. Januar 2003. Düsseldorf. URL: https://www.uni-due.de/~qpd402/alt/texte.ml/pdf/guvv_rheinland.pdf, abgerufen am 29. März 2015, S. 2f Der Begriff wurde entweder als Ersatz für den Begriff Verkehrserziehung, als Synonym oder als in Konkurrenz stehendes Konzept gesehen.Schwedes, Oliver, Detlef Pech, Julia Becker et al. (2021): Discussion Paper. 2. Auflage. Berlin: Fachgebiet IVP, S. 21–23 Auch heute noch werden die Begriffe nicht einheitlich genutzt. Beispielsweise wird in den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz der Doppelbegriff Mobilitäts- und Verkehrserziehung verwendetSekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (2012): Empfehlung zur Mobilitäts- und Verkehrserziehung in der Schule. (Beschluss der KMK vom 7. Juli 1972 i. d. F. vom 10. Mai 2012., während in den Rahmenlehrplänen verschiedener Bundesländer ausschließlich der Begriff Verkehrserziehung (Bayern)Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München (2022): LehrplanPLUS. Online verfügbar unter: https://www.lehrplanplus.bayern.de/uebergreifende-ziele/grundschule#24773, abgerufen am 21. Juni 2022., HamburgLandesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (2011): Bildungsplan Grundschule: Aufgabengebiete. Hamburg: Behörde für Schule und Berufsbildung, SaarlandMinisterium für Bildung Saarland (2010): Kernlehrplan Sachunterricht Grundschule. Online verfügbar unter: https://www.saarland.de/mbk/DE/portale/bildungsserver/themen/unterricht-und-bildungsthemen/lehrplaenehandreichungen/lehrplaeneallgemeinbildende/Grundschule/grundschule_node.html, abgerufen am 21. Juni 2022., SachsenStaatsministerium für Kultus Freistaat Sachsen (2019): Lehrplan Grundschule Sachunterricht) genutzt wird.
Abgrenzung zur Verkehrs- und Mobilitätserziehung
Mobilitätsbildung grenzt sich zur Verkehrserziehung und Mobilitätserziehung dadurch ab, dass nicht die Vermittlung von Fertigkeiten und Kenntnissen im Vordergrund steht, sondern ein emanzipativer Charakter das Grundgerüst bildet. Das Konzept der Mobilitätsbildung ist als Weiterentwicklung und Ergänzung der Verkehrs- oder Mobilitätserziehung zu verstehen. Der Begriff kam erstmals 2002 mit dem niedersächsischen ‚Curriculum Mobilität‘Curdt, Erwin, Horst Roselieb und Christian Wiesmüller (2009): Mobilität bewegt Schule in „Mobilität bewegt Schule. Das niedersächsische Curriculum Mobilität an schulischen und außerschulischen Lernorten.“, hrsg. v. Erwin Curdt, Horst Roselieb und Christian Wiesmüller. Bielefeld: Bertelsmann in der Bildungslandschaft auf. Im Zentrum der Mobilitätsbildung steht die Befähigung und Ermächtigung zur Reflexivität, Offenheit und Zukunftsfähigkeit, wofür eine erzieherische Herangehensweise ungeeignet ist.Eisenmann, Lothar et al. (2005): Stand der Mobilitätserziehung und -beratung in deutschen Schulen und Erarbeitung eines beispielhaften Ansatzes für eine nachhaltige Mobilitätserziehung in Schulen unter Berücksichtigung von Umwelt- und Gesundheitsaspekten: Kurzfassung. Bundes Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Umweltbundesamt Heidelberg, S. 32 Mit dem Ziel, Menschen zu ermächtigen, selbstbestimmt und mündig Mobilitätsentscheidungen treffen zu können, geht die Mobilitätsbildung über bestehende Konzepte hinaus und unterscheidet sich darin von der Verkehrs- und Mobilitätserziehung. Während sich die Verkehrs- und Mobilitätserziehung stark auf Kinder, vor allem im Grundschulalter, fokussiert, steht Mobilitätsbildung im Kontext von lebenslangem Lernen und richtet sich an Menschen aller Altersstufen.Vgl. MobG § 11a
Begriffsverwendung
Der Begriff Mobilitätsbildung hat sich seit der Begriffseinführung stärker etabliert. 2018 wurde der Begriff in den Rahmenlehrplan Berlin-Brandenburg aufgenommen.LISUM (2018): Rahmenlehrplan Teil B: Fachübergreifende Kompetenzentwicklung. Online verfügbar unter: https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/verkehrserziehung, abgerufen am 21. Juni 2022. Im selben Jahr trat das bundesweit einzigartige Berliner Mobilitätsgesetz in Kraft. In diesem ist die Förderung der Mobilitätsbildung rechtsverbindlich festgehalten mit dem Ziel „[…] alle Bewohnerinnen und Bewohner Berlins durch Angebote der Mobilitätsbildung dazu zu befähigen, ihre Mobilitätsbedürfnisse sicher, verantwortungsbewusst, selbstbestimmt, stadt-, umwelt- sowie klimaverträglich ausgestalten zu können“.MobG § 11a
Im Berliner Mobilitätsgesetz ist Mobilitätsbildung in das schulische Mobilitätsmanagement eingebettet.MobG § 17a Auch in Hessen wird Mobilitätsbildung in Zusammenhang mit schulischem Mobilitätsmanagement gesetzt.Blees, Volker, Jens Vogel und Greta Wieskotten (2013): Schulisches Mobilitätsmanagement: Sichere und nachhaltige Mobilität für Kinder und Jugendliche. Handbuch für die kommunale Praxis. Schriftenreihe der ivm. Frankfurt am Main: ivm GmbH Dabei geht es darum, schulspezifische Konzepte umzusetzen, die eine sichere Infrastruktur im Schulumfeld schaffen und das individuelle Mobilitätsverhalten beeinflussen.MobG § 17a; Blees, Volker, Jens Vogel und Greta Wieskotten (2013): Schulisches Mobilitätsmanagement: Sichere und nachhaltige Mobilität für Kinder und Jugendliche. Handbuch für die kommunale Praxis. Schriftenreihe der ivm. Frankfurt am Main: ivm GmbH, S. 33 Neben der schulischen und gesetzlichen Begriffsverwendung wird Mobilitätsbildung auch von verschiedenen Verbänden und Vereinen aufgegriffen (z. B. VCD e.V.https://www.vcd.org/mobilitaetsbildung, abgerufen am 21. Juni 2022., BUND e.V.https://www.bund-berlin.de/themen/mobilitaet/sicherheit/mobilitaetsbildung/, abgerufen am 21. Juni 2022., Allianz pro Schiene e.V.https://www.allianz-pro-schiene.de/themen/forschungsprojekte/jung-und-umweltfreundlich-mobil/mobilitaetsbildung/, abgerufen am 21. Juni 2022.).
Einzelnachweise
Kategorie:Verkehrspädagogik