mini|Bieler Stadtwappen mit zwei Kriegern am Zunfthaus zu Waldleuten, Ring 8 (1565)
Das Jahrhundert der Reformation in Biel war eine Blütezeit der heute zehntgrössten Schweizer Stadt Biel (). Als Reformator von Biel gilt der 1526 verstorbene Thomas Wyttenbach, der als Lehrer Huldrych Zwinglis bekannt ist. Allerdings wurde das kirchliche Leben in Biel erst infolge der Berner Disputation von 1528 nach reformatorischen Kriterien umgestaltet.
Biel hatte in der Eidgenossenschaft den Status eines Zugewandten Ortes und strebte den Beitritt an; dieser scheiterte allerdings daran, dass Biel durch ungeschicktes politisches Agieren seine Rechte in der Herrschaft Erguel weitgehend einbüsste und somit kein eigenes Herrschaftsgebiet besass. Einen Endpunkt der lokalen Reformationsgeschichte bildet der Badener Vertrag von 1610, in dem die Bieler ihrem Stadtherrn, dem Basler Fürstbischof, wesentliche Zugeständnisse machen mussten.
Biel im ausgehenden 15. Jahrhundert mini|Biel gehörte zum weltlichen Machtbereich (rot) des Basler Bischofs, nicht aber zum Bistum Basel (violett). Kirchlich gehörte Biel zum Bistum Lausanne
Die Bevölkerungszahl von Biel Anfang des 15. Jahrhunderts wird auf 500 Menschen geschätzt. Sie wurde durch Einbürgerungen gezielt vermehrt, wobei Biel mit anderen Städten um Neubürger konkurrierte. Biel war keine Ackerbürgerstadt, vielmehr bildeten der Weinbau und die Fischerei im Bielersee die Grundlage des Wirtschaftslebens. Die Bedeutung des Handwerks stieg, jedoch ist die Entwicklung der Zünfte im spätmittelalterlichen Biel aus den Quellen nur umrisshaft erkennbar. Demnach gab es seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert sechs Handwerksgesellschaften:Margrit Wick-Werder: Reformation und kulturelle Blüte, Baden 2013, S. 124–126.
Pfauen (Adlige, freie Berufe), Waldleute (alle Holz, Stein oder Metall verarbeitenden Berufe), Metzger und Gerber, Pfister (Müller und Bäcker), Fischer und Rebleute, Schuhmacher.
Der Stadtherr Biels war das Fürstbistum Basel. Dieses durchlief im 14. Jahrhundert eine Periode des Niedergangs, was Biel eine eigenständige Entwicklung ermöglichte. Es gab zwei Burgermeister. Der Kleine Rat der Stadt bestand aus 24 Personen, je zur Hälfte Mitglieder des Alten und des Jungen Rats. Hinzu kam seit etwa 1450 der Grosse Rat, der etwa 30 bis 40 Personen umfasste. Sie wurden vom Kleinen Rat aus Mitgliedern der Handwerksgesellschaften gewählt. In den Quellen wird der Grosse Rat als die Burger bezeichnet. Kleiner und Grosser Rat (= Rät und Burger) waren nur gemeinsam handlungsfähig.Margrit Wick-Werder: Ketzerstadt zwischen Bischof und Bern, Delsberg 2006, S. 269.
Der von einem Ratsausschuss vorgeschlagene, von der Bürgergemeinde auf Lebenszeit gewählte Venner hatte militärische Aufgaben und vertrat Biel als Gesandter nach aussen. Als Vertreter des Basler Bischofs nahm der Meier die hohe Gerichtsbarkeit wahr; das Meieramt war ursprünglich adligen Ministerialen vorbehalten, konnte aber im ausgehenden 15. Jahrhundert auch von einem Mitglied des Kleinen Rats bekleidet werden.Margrit Wick-Werder: Reformation und kulturelle Blüte, Baden 2013, S. 128–130. Das war eine ambivalente Entwicklung, einerseits stand nun einem Bürger das höchste Richteramt offen, andererseits war dieser aus dem Kleinen Rat stammende Meier damit zum direkten Interessenvertreter des Bischofs geworden.Margrit Wick-Werder: Reformation und kulturelle Blüte, Baden 2013, S. 140.
Das militärische Aufgebot der Stadt Biel konnte vom Basler Bischof einfach angefordert werden und bestand aus Landleuten des Bieler Umlands, die die Stadt kraft ihres Bannerrechts ausheben durfte, sowie Kriegsknechten, die von den Zünften gestellt wurden. Biel hatte ausserdem verschiedene Bündnispartner, voran die Stadt Bern. Die wechselseitigen Unterstützungsverpflichtungen waren vertraglich geregelt. Bern forderte die militärische Unterstützung aus Biel mehrfach an, teils im eigenen Namen und teils in dem der Eidgenossenschaft. Biels Beteiligung an den Burgunderkriegen brachte die Stadt auch der Eidgenossenschaft näher. Doch stand einem von Biel erwünschten Beitritt der Rechtsanspruch des Fürstbistums Basel auf die Stadt entgegen. Er wurde respektiert. So blieb es im 16. Jahrhundert bei dem Status eines Zugewandten Ortes.Margrit Wick-Werder: Reformation und kulturelle Blüte, Baden 2013, S. 132–136.
Grosse Bauprojekte, die das Stadtbild Biels im 15. Jahrhundert veränderten, waren die von 1451 bis 1470 errichtete Benediktskirche (heute: Stadtkirche Biel) und die Johanniterkommende ganz im Südosten der Neustadt. Das Konventsgebäude wurde 1456 erbaut, die Johanniterkirche von 1460 bis 1466.Margrit Wick-Werder: Reformation und kulturelle Blüte, Baden 2013, S. 144–148. Die mittelalterliche Bischofsburg war nach dem Stadtbrand von 1367 Ruine geblieben. 1489 schenkte der Basler Bischof das Areal der Bürgerschaft, die somit über das gesamte von der Stadtmauer umschlossene Gebiet verfügte.Margrit Wick-Werder: Ketzerstadt zwischen Bischof und Bern, Delsberg 2006, S. 269.
Inhaber des Patronatsrechts über die Bieler Kirchen war das Kloster Erlach. Jeder neue Pfarrer, den der Bieler Rat gewählt hatte, musste sich dem Abt von Erlach vorstellen, der ihn dem Bischof von Lausanne präsentierte.Margrit Wick-Werder: Ketzerstadt zwischen Bischof und Bern, Delsberg 2006, S. 270.
Die frühe reformatorische Bewegung in Biel Thomas Wyttenbach Im Jahr 1507 trat der aus einer Bieler Oberschichtfamilie stammende Thomas Wyttenbach eine Stelle als Stadtpfarrer an der Benediktskirche an. Das bedeutete in vorreformatorischer Zeit, dass er die Gottesdienste an den neun Kapellen und 13 Altären in dieser Kirche koordinierte und das Personal beaufsichtigte. Für die Seelsorge und die normalen Gottesdienste waren Kapläne zuständig.Hans Rudolf Lavater-Briner: Thomas Wyttenbach (um 148/1482-1526), ein unbekannter Bekannter, 2017, S. 126. Diese Arbeitsverteilung ermöglichte es Wyttenbach, weiterhin viel Zeit ausserhalb von Biel zu verbringen. Er setzte seine Studien an der Universität Basel fort, wo er 1515 zum Doktor promoviert wurde. Wie im mittelalterlichen Universitätsbetrieb üblich, war er zugleich Lernender und Lehrender. In Basel unterrichtete er das klassische theologische Lehrbuch jener Zeit, den Sentenzenkommentar des Petrus Lombardus. Huldrych Zwingli und Leo Jud gehörten zu Wyttenbachs Schülern. Zwingli stand mit ihm im Briefwechsel. Im Jahr seiner Promotion trat Wyttenbach in das Chorherrenstift St. Vinzenz in Bern ein. Er sollte sich hier um den Kirchenraum und die Stiftsbibliothek kümmern und ausserdem predigen. Dass er oft abwesend war, sah ihm das Stift nach. Aber 1518 reichte Wyttenbach in Bern seinen Rücktritt ein. Der Berner Rat akzeptierte diesen erst 1520.Hans Rudolf Lavater-Briner: Thomas Wyttenbach (um 148/1482-1526), ein unbekannter Bekannter, 2017, S. 127. Seine Verpflichtungen in Basel und Bern hatten seine häufige Abwesenheit aus Biel zur Folge. In den darüber entstandenen Konflikten mit dem Rat stützte ihn seine einflussreiche Verwandtschaft.
Wyttenbachs theologische Positionen sind mangels eigener Schriften nicht genau erkennbar. Aufgrund seines Bildungswegs an den Universitäten Tübingen und Basel lässt sich vermuten, dass er radikal zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre unterschied und von einem Bibelhumanismus geprägt war, der eine Rückkehr zur Lehre des Urchristentums und das Studium der Bibel im hebräischen und griechischen Original anstrebte.Irena Backus: Auf den Spuren des Denkers und Theologen Wyttenbach, Delsberg 2006, S. 293 f. Ab 1522 befasste sich Wyttenbach mit Messopfer- und Papstkritik sowie dem Priesteramt; Zwingli rechnete ihn zum Kreis Gleichgesinnter im Raum Bern. In Biel sorgte Wyttenbachs Infragestellung von Fegefeuerlehre, Heiligenkult, Fasten und Zölibat für Unruhe.Hans Rudolf Lavater-Briner: Thomas Wyttenbach (um 148/1482-1526), ein unbekannter Bekannter, 2017, S. 128.
Als Wyttenbach im Frühsommer 1524 ebenso wie sieben Kapläne heiratete, eskalierte die Situation. Der Meier Simon von Römerstal und der Stadtschreiber Ludwig Sterner forderten die Absetzung verheirateter oder im Konkubinat lebender Priester nach dem Vorbild der Stadt Bern. Der konservative Kleine Rat hielt also am Zölibat fest. Wyttenbachs Unterstützer im Grossen Rat konnten sich dagegen zunächst nicht durchsetzen. Wyttenbach predigte nun in der Johanniterkommende, in Zunftstuben und auf öffentlichen Plätzen und gewann so grössere Unterstützung in der Bevölkerung Biels. Der Stadtschreiber Sterner musste vorübergehend aus Biel fliehen, weil er in der Öffentlichkeit als verantwortlich für Wyttenbachs Absetzung galt.Margrit Wick-Werder: Reformation und kulturelle Blüte, Baden 2013, S. 157–159 und S. 162; Hans-Rudolf Guggisberg: Jakob Würben von Biel, ein besonnener Mahner wider Ludwig Hätzer und die Täufer, 1969, S. 576.
Wyttenbach hatte seine Einkünfte verloren und versuchte vergeblich, vom Rat eine finanzielle Entschädigung für seine Bauarbeiten am Pfarrhaus und seine langjährigen Dienste als Stadtpfarrer zu erhalten. Er erstritt sich lediglich eine lebenslängliche Leibrente. 1526 starb er.Margrit Wick-Werder: Reformation und kulturelle Blüte, Baden 2013, S. 157–159 und S. 162.
Biel im Bauernkriegsjahr 1525 hochkant|mini|Vennerfigur auf dem Steinbrunnen im Ring (1557)
Der Venner Nikolaus WyttenbachNikolaus Wyttenbach, der wohl zu einem anderen Zweig der Patrizierfamilie Wyttenbach gehörte als der Reformator, war 1523–1525 und 1541–1548 Venner in Biel, zog 1548 nach Basel und bürgerte sich dort ein. Vgl. Werner und Markus Bouquin: Biel, stadtgeschichtliches Lexikon. Büro Cortesi, Biel 1999, S. 499. gehörte zu den Unterstützern des Pfarrers Thomas Wyttenbach. Am 28. Mai 1525 legte er im Namen der Bürgergemeinde dem Rat einen Forderungskatalog vor, der politische und religiöse Veränderungen in zeittypischer Weise kombinierte. Die Bibel sollte unverfälscht gepredigt werden. Geistliche sollten gewählt und im Fall ihres Fehlverhaltens von der Gemeinde auch wieder abgesetzt werden können. Thomas Wyttenbach sollte wieder an der Benediktskirche predigen. Ein Schulmeister sollte für den Unterricht der Kinder eingestellt werden. Gotteslästerung, Zutrinken, Spielen und Tanzen am Sonntag sollten der Bevölkerung verboten werden. Aus dem Spitalgut sollte die Armenfürsorge finanziert werden. Der Kleine Rat sollte abgeschafft werden; Repräsentanten der Handwerksgesellschaften sollten einen Rat der 24 wählen; in diesem Rat sollten nur Personen von untadeligem Lebenswandel sitzen. Der Rat lehnte alle wesentlichen Reformvorschläge ab, da er seine Macht in Frage gestellt sah. Offenbar vom Bieler Rat zur Hilfe gerufen, befasste sich die eidgenössische Tagsatzung im November 1525 in Luzern mit dem „lutherischen Leben“ in Biel und beauftragte Bern damit, auf die Bieler einzuwirken, damit sie von der Häresie abliessen. Der Basler Bischof war durch die Bauernkriegsunruhen im Laufental, der Ajoie, dem Münstertal und den Freibergen in Anspruch genommen und konnte sich daher nicht mit den „lutherischen“ Lehren in Biel befassen, ja noch mehr: das Bieler Aufgebot verteidigte sein Schloss Pruntrut gegen aufständische Bauern, und insofern hatte er Grund, der Stadt Biel dankbar zu sein.Margrit Wick-Werder: Reformation und kulturelle Blüte, Baden 2013, S. 160–162.