mini|H. Radzig-Radzyk: Der Kirchberg in Schreiberhau mit dem Reifträger, im Vordergrund das Tal der sieben Häuser Die Künstlerkolonie Schreiberhau () in Schreiberhau, Landkreis Hirschberg, Provinz Schlesien (seit 1945 Szklarska Poręba in der Woiwodschaft Niederschlesien, Polen) ging aus dem Kreis der Intellektuellen um die Brüder Carl Hauptmann und Gerhart Hauptmann hervor, die sich 1890 in Schreiberhau niedergelassen hatten. Ihr Haus wurde zu einer Begegnungsstätte für zahlreiche Schriftsteller und Maler. Die eigentliche Künstlerkolonie im „Tal der sieben Häuser“ entstand um 1900, als sich zahlreiche Künstler hier ansiedelten.

Geschichte Das Interesse der Künstler am Riesengebirge hatte bereits in der Zeit des Klassizismus eingesetzt, als Künstler wie Christoph Nathe (1753–1806) und Sebastian Carl Christoph Reinhardt (1738–1827) ihre Ansichten in kolorierten Stichen vorlegten. Unter den Malern des 19. Jahrhunderts waren insbesondere die Maler der Romantik Caspar David Friedrich (1774–1840), Carl Gustav Carus (1789–1869), Johan Christian Clausen Dahl (1788–1857) und Ludwig Richter (1803–1884) von der Landschaft fasziniert. Die Riesengebirgs-Ansichten der spätromantischen Landschaftsmaler Adelbert Wölfl (1823–1896), Albrecht Bräuer (1830–1897) und Adolf Dressler (1833–1881), der ab 1867 als Freilichtmaler im Hirschberger Tal wirkte und als Begründer der Schlesischen Landschaftsmalerei gilt, sind meist im Stil einer Paysage intime gehalten.Anna Jezierska: Das Riesengebirge. Die Künstlerkolonie Schreiberhau - Ausstellung der Gemäldegalerie Dachau, 2008/09. In Bd. 11 Nr. 1 (2009): Quart. The Quarterly of the Institute of Art History at the University of Wrocław, S. 93–98 (poln.) (abgerufen am 12. Mai 2023)

mini|Ehemaliges Wohnhaus der Brüder Carl und Gerhart Hauptmann in Schreiberhau Am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Schreiberhau eine Künstlerkolonie. Im Jahr 1890 beschlossen die beiden Brüder Carl Hauptmann (1858–1921) und Gerhart Hauptmann (1862–1946), in Schreiberhau zu wohnen und wählten ein altes Bauernhaus (heute Museum Carl-und-Gerhart-Hauptmann-Haus) im Ortsteil „Tal der sieben Häuser“ (poln. Dolina Siedmiu Domów) zum Ort ihrer kreativen Arbeit. Das Haus der Hauptmanns zog viele Künstler an, darunter auch die Schriftsteller Wilhelm Bölsche (1861–1939), Bruno Wille (1860–1928), den Soziologen Werner Sombart (1863–1941), die Maler Hermann Hendrich (1854–1931) und Fritz Rumpf (1856–1927) und den Bildhauer Franz Metzner (1870–1919). Im Hause wohnten u. a. Otto Mueller (1874–1930), Max Wislicenus (1861–1957) und Fritz Erler (1868–1940), Professoren an der „Königlichen Kunst- und Kunstgewerbeschule“ in Breslau sowie Paula Modersohn-Becker (1876–1907) und Otto Modersohn (1885–1943) von der Künstlerkolonie Worpswede. Häufiger Gast war aber auch die Komponistin und Pianistin Anna Teichmüller (1861–1940), die zahlreiche Gedichte und Sonette Carl Hauptmanns vertonte.

Um 1900 ließen sich viele Maler und Schriftsteller sowie die Musikerin Anna Teichmüller in Mittel-Schreiberhau im Tal der sieben Häuser nieder und das Haus der Hauptmann-Brüder wurde zum Treffpunkt und zur Begegnungsstätte dieser örtlichen Künstlerkolonie. Sie einte vor allem die Liebe zur Natur, zu den Bergen und Landschaften und zum Landleben im Riesengebirge. Bei den in Schreiberhau und Umgebung ansässigen Künstlern war in ihren Werken kein einheitlicher Stil erkennbar, sie betonten ihre künstlerische Freiheit zwischen Jugendstil und Expressionismus, Neoromantik und Heimatkunst. Die Künstlerkolonie wurde erstmals im Schreiberhauer Wochenblatt vom 8. August 1906 erwähnt, obwohl sie damals schon einige Jahre existierte. Nachdem Gerhart Hauptmann 1901 Schreiberhau verlassen und sein „Haus Wiesenstein“ im benachbarten Agnetendorf bezogen hatte, blieb Carl Hauptmann der Mittelpunkt der Künstlerkolonie.

mini|Die Lukasmühle – Gründungsort er Künstlervereinigung St. Lukas mini|Georg Wichmann: Blick zum Reifträger (1923) mini|Hans Emil Oberländer: Reifträger (1925) Nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich die Landschaftsmaler Alfred Nickisch (1872–1948), Hans Emil Oberländer (1885–1944), Georg Wichmann (1876–1944), Paul Aust (1866–1934), Franz von Jackowski (1885–1974) und der Glasdesigner Alexander Pfohl (1894–1953) dauerhaft in Schreiberhau und Umgebung niedergelassen. Zusammen mit den Malern Arnold Busch (1876–1951), Arthur Wasner (1887–1939), Hans Zimbal (1889–1961), Fritz Rumpf (1856–1927) und Werner Fechner (1892–1973) und dem Bildhauer Cirillo Dell’Antonio (1876–1971) gründeten diese im Sommer 1922 die Künstlervereinigung St. Lukas in Schreiberhau. Angeregt wurde die Bildung dieses Vereins, in dem 14 Maler und 2 Bildhauer Mitglied waren, durch den erblindeten Künstler Hanns Fechner (1860–1931). Zunächst planten die Künstler in der ehemaligen Sägemühle, die in „Lukasmühle“ Przemysław Wiater: Die St. Lukas Mühle in Szklarska Poręba (Schreiberhau) (abgerufen am 12. Mai 2023) umbenannt wurde (heute Restaurant „Złota Jama“, ul. 1 Maja 16 ), eine Art Bruderschaft bzw. künstlerische Kommune zu gründen. Sie waren von der Riesengebirgslandschaft verzaubert und wollten zusammen leben und gemeinsam ihre Werke schaffen und ausstellen. Diese Idee konnte aber auf Grund finanzieller Probleme und der hohen Nachkriegsinflation nicht umgesetzt werden. Die Künstler der „Vereinigung bildender Künstler St. Lukas“ A. Nickisch, F. Jackowski, C. del'Antonio und W. Oltmanns zeigt ein Foto aus den 1920er Jahren. Przemysław Wiater: Malarze ze młyna (4) aus Głos Szklarskiej Poręby, Mai 2019 (poln.) (abgerufen am 5. Juni 2023) Ziel des Vereins war die Pflege der einheimischen schlesischen Volkskunst und die Unterstützung von Künstlern, die im Riesengebirge tätig waren. Przemysław Wiater: Młyn św. Łukasza w Szklarskiej Porębie (Lukasmühle in Schreiberhau) (poln.) (abgerufen am 10. Juni 2023)

Der Maler Hermann Radzig-Radzyk (1879-um 1945) hat in den 1920er Jahren ebenfalls Bilder in Schreiberhau gemalt, vermutlich gehörte er zeitweilig auch zur Künstlervereinigung.

Im Jahr 1935 wurde den herausragendsten Mitgliedern der Künstlerkolonie Hermann Stehr (1864–1940), Wilhelm Bölsche und Hermann Hendrich von der Gemeindeverwaltung der Titel „Ehrenbürger von Schreiberhau“ verliehen. Einige örtliche Straßen wurden nach den Künstlern Carl Hauptmann (jetzt ul. Obrońców Pokoju), Wilhelm Bölsche (jetzt ul. Siedmiórki, jetzt ul. Wlastimil Hofman), Hermann Hendrich (jetzt ul. Muzealna), Hanns Fechner (jetzt ul. Dolna) und Hermann Stehr (jetzt ul. 1 Maja) benannt. Nach Wilhelm Bölsche wurde die Touristenstraße („Stara Droga“) im Ortsteil Marienthal (Marysin) benannt. Das Andenken an die in Schreiberhau wohnenden Künstler, insbesondere an die Gründer der Künstlerkolonie Hanns Fechner und Carl Hauptmann, wurde besonders gepflegt.

Der Lebensunterhalt war für die Künstler nicht einfach, oft mussten sie nach zusätzlichen Einnahmequellen suchen, lebten „auf Kredit“ und litten unter Armut, insbesondere während der Hyperinflation 1923 und in der Wirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre.

Das künstlerische Milieu von Schreiberhau war weltanschaulich und ideologisch nicht einheitlich. Die Künstler waren durch erhebliche politische Meinungsunterschiede gespalten. Einige von ihnen, wie H. Stehr, A. Ressel und zeitweise auch W. Bölsche, waren Anhänger des Nationalsozialismus, während andere, wie W. Fechner, W. Oltmanns, M. Uhlig und H. v. Hülsen diese Ideologie ablehnten. Letztere waren vom Verbot öffentlicher Gemäldeausstellungen durch das NS-Regime betroffen. Die „Vereinigung bildender Künstler St. Lukas“ bestand in Schreiberhau bis zum Jahr 1944.Przemysław Wiater: Kolonia artystyczna w Szklarskiej Porębie do 1945 r. (Künstlerkolonie Schreiberhau) (poln.) (abgerufen am 12. Mai 2023)

Ausstellungen der Künstlervereinigung St. Lukas Die erste Ausstellung der „Künstlervereinigung St. Lukas“ fand bereits im Oktober 1922 in der Lukasmühle statt, aber unter schlechten räumlichen Bedingungen. Gezeigt wurden Arbeiten von Paul Aust, Hans Oberländer, Alfred Nickisch, Georg Wichmann, Franz von Jackowski, Hanns Fechner und Cirillo Dell’Antonio. Die Ausstellung stand im Zeichen des Impressionismus in der Berglandschafts-Malerei und bezog sich vor allem auf die Tradition der Breslauer Landschaftsschule von Carl Ernst Morgenstern. In späteren Jahren kamen unter anderem Herbert Martin Hübner (1902–1991), Friedrich Iwan (1889–1967), Artur Ressel (1896–1966) und Michael Uhlig hinzu. Die weiteren Ausstellungen fanden alle in der Lukasmühle statt. Lediglich die Ausstellung im Jahr 1931 wurde in einem helleren und größeren Saal im heute nicht mehr existierenden Hotel „Zum Zackenfall“ in der ul. Franciszkańska durchgeführt. Die letzte Ausstellung der Künstlervereinigung fand 1932 zum 10. Jahrestag der Gründung mit Werken von Alfred Nickisch statt.

Nach 1945 Nach dem Kriegsende 1945 wurden die deutschen Künstler und Schriftsteller – soweit sie nicht schon vorher geflohen waren – aus Schreiberhau vertrieben. Damit war die Künstlerkolonie Schreiberhau zu Ende und es kamen neue Bewohner ins Tal. Von 1947 bis 1970 lebte der polnische Maler Wlastimil Hofman (1881–1970) hier in Szklarska Poręba. Nach der Politischen Wende von 1989 wurde das Carl-und-Gerhart-Hauptmann-Haus (Dom Carla i Gerharta Hauptmannów) zu einem öffentlichen Museum umgebaut. Es ist eine Zweigstelle des Muzeum Karkonoskie in Jelenia Góra (Hirschberg).

Die Künstlerkolonie (1900 bis 1944) mini| Carl Ernst Morgenstern: Schneegruben und Veilchenspitze (1910 in Schreiberhau entstanden) mini|Paul Aust: Die Schneekoppe vom Großen Teich Zur älteren Gruppe von Landschaftsmalern, die noch vor dem Ersten Weltkrieg nach Schreiberhau gekommen war, gehörte Carl Ernst Morgenstern (1847–1928), der sich der Freilichtmalerei verschrieben hatte. Er ist insbesondere durch seine „Künstlerpostkarten“ bekannt geworden. Viele der späteren Schreiberhauer Maler waren seine Schüler. Zu diesem Kreis gehörten auch Alfred Nickisch, Georg Wichmann und Franz von Jackowski. Die Bilder von Hans Oberländer markieren den Übergang zum Expressionismus. Zu den jüngeren Schreiberhauer Künstlern gehören die Maler Herbert Martin Hübner (1902–1991) und Willi Oltmanns (1905–1979), die unter dem Eindruck von Ernst-Ludwig Kirchner und Otto Mueller standen. Der Bauhausschüler Werner Fechner war nach dem Tod seines Vaters Hanns Fechner 1931 nach Schreiberhau gekommen, sein Vorbild war Lyonel Feininger. Michael Uhlig (1896–1966) näherte sich der abstrakten Malerei an, während Alexander Pfohl das Dekorative betonte. Mehr zum Surrealismus neigte der Maler Artur Ressel (1896–1966). Der Graphiker Erich Fuchs (1890–1983), der Maler Paul Aust (1866–1934) und der Bildhauer Cirillo Dell’Antonio von der Holzschnitzschule Bad Warmbrunn gehörten ebenfalls zur Künstlerkolonie. Der Expressionist Otto Mueller war auch bei Gerhart Hauptmann im „Haus Wiesenstein“ in Agnetendorf zu Gast. Der Zusammenhalt der ansässigen 14 Maler und zwei Bildhauer wurde durch den erblindeten Künstler Hanns Fechner hergestellt, der 1922 die Gründung der „Vereinigung bildender Künstler St. Lukas“ initiiert hatte. Hauptmann und sein Kreis hatte auf die Künstler in Schreiberhau einen starken Einfluss, so z. B. auf Hermann Hendrich und seinen „Rübezahl-Wotan-Zyklus“ in der Sagenhalle, der die jüngere Generation aber damit nicht mehr beeindrucken konnte.Kettererkunst - Künstlerkolonie Schreiberhau (abgerufen am 12. Mai 2023)

Bewohner der ehemaligen Künstlerkolonie Schreiberhau Oberhalb des Tals der Sieben Häuser in der Nähe des Carl-und-Gerhart-Hauptmann-Hauses, ul. 11 Listopada 23 und des Bahnhofs Mittel-Schreiberhau, jetzt ul. Muzealna, entstanden am Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Villen, die als Sommerhäuser von Persönlichkeiten des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens (Hermann Hendrich, Werner Sombart, Alfred Koeppen, Bruno Wille, Felix Deutsch oder Georg Reicke) genutzt wurden.