Dieser Artikel hat den FC Winterthur in der Saison 2022/23 zum Thema. Der FC Winterthur spielte in dieser Saison das erste Mal seit 37 Jahren wieder in der Super League und konnte sich mit dem 9. Platz, der aufgrund der kommenden Ligaerweiterung für den direkten Klassenerhalt reichte, entgegen den allgemeinen Erwartungen den direkten Klassenerhalt sichern. Im Schweizer Cup schied er im Achtelfinale gegen den FC Lugano aus dem Wettbewerb aus.

Saisonverlauf Vorbereitung mini|Der neu verpflichtete Trainer Bruno Berner 2009 bei seiner letzten Station als aktiver Fussballspieler (Leicester City) Da gleich nach dem Aufstieg der Abgang von Trainer Alex Frei sowie dem Assistenzen Davide Callà zum FC Basel klar war, galt der erste Fokus Winterthurs der Trainersuche. Diese Suche war mit der Wahl Bruno Berner, der von 2017 bis 2021 Trainer beim SC Kriens war und zuletzt die Schweizer U19-Nationalmannschaft trainierte, relativ schnell beendet. Berner erhielt in Winterthur einen Zweijahresvertrag – vom Landboten wurde Berner als eine «gute Wahl» bezeichnet.

Abseits des Sportlichen musste die Stadt unter anderem auch bauliche Sofortmassnahmen an der Schützenwiese vornehmen, wofür das Winterthurer Parlament bereits Ende Januar einen Kredit über 1,5 Mio. Franken bewilligt hatte. Darin waren unter anderem eine Erhöhung der Leuchtkraft auf 800 Lux, eine Sektorentrennung sowie Fangnetze im ganzen Stadion enthalten. Weiter wurde zunächst erwarten, dass die Stadionkapazität aus feuerpolizeilichen Gründen auf rund 8'000 Zuschauer reduziert werden würde, letztendlich lag die Stadionkapazität bei 8'400 Zuschauern.

Weiter ging es nach dem Aufstieg auch an die Bildung eines Kaders für die nächste Saison. Gemäss Trainer Bruno Berner wollte man dabei auch den bisherigen Spielern die Chance geben, sich eine Liga höher zu beweisen. Mit Remo Arnold, Gezim Pepsi, Jozef Pukaj, Samir Ramizi, Thibault Corbaz, Neftali Manzambi, Kevin Costinha und Souleymane Diaby konnten die Verträge bereits früh verlängert bzw. Optionen gezogen werden, während andererseits die Abgänge von Sayfallah Ltaief (zum FC Basel) und Roberto Alves zu verkraften waren. Im Fall von Alves waren dessen Lohnforderungen für den Verein wohl zu hoch und er musste den FCW daher verlassen. Auf der anderen Seite wurde der bisherige Leihspieler Samuel Ballet fix verpflichtet. Weiter wurden aus der Challenge League der offensive Mittelfeldspieler Francísco Rodríguez vom FC Schaffhausen und der Offensivspieler Matteo Di Giusto vom FC Vaduz verpflichtet, wobei Letzterer in Winterthur gleich einen Vertrag über vier Jahre unterschrieb. Von St. Gallen wurde mit Mittelstürmer Florian Kamberi zudem eine weitere Offensivkraft verpflichtet, von dem sich Sportchef Kaiser die nötige Physis für die Offensive in der Super League versprach. Da sich der bisherige Stammgoalie Raphael Spiegel, dessen Vertrag auslief und der auf seiner Position nicht mehr unbestritten war, für einen Wechsel zum FC Lausanne-Sport entschied, wurde vom FC Sion Timothy Fayulu leihweise für eine Saison verpflichtet. Fayulu war von Dezember 2020 bis März 2021 bereits einmal die Nummer 1 im Tor der Waadtländer. Nach Saisonstart wurde als Alternative zu Granit Lekaj und Roy Gelmi in der Innenverteidigung Yannick Schmid vom FC Vaduz verpflichtet. Anfangs August stiess der zuletzt vereinslose defensive Mittelfeldspieler Hekuran Kryeziu zum Kader. Kurz vor Transferschluss Ende August verpflichtete Winterthur als letzte Verpflichtungen noch Stephan Seiler auf Leihbasis vom FCZ sowie den Stürmer Nishan Burkhart vom SC Freiburg. Auf der anderen Seite verliess Gezim Pepsi den FCW in Richtung Vaduz, auch weil ihm im zentralen Mittelfeld mit Stephan Seiler weitere Konkurrenz erwuchs und mit Innenverteidiger Marin Cavar wurde ein weiterer Spieler für eine Saison an den SC Brühl ausgeliehen.

Hinrunde Als Aufsteiger und Aussenseiter mit dem klar kleinsten Budget war für den FCW das Saisonziel Klassenerhalt so klar, dass es im Vorfeld nicht einmal angesprochen wurde. Trainer Berner sprach in einer Medienkonferenz vor dem ersten Spiel davon, dass man die vor dem 10. Platz liegenden Teams «nervös machen und ärgern» will, da für den FCW als Aufsteiger ja bereits der 10. Platz vorgesehen wäre. Gemäss Sportchef Kaiser sollte das Ziel «die Arbeit an der Entwicklung sein».

In seinem ersten Spiel in der höchsten Liga seit 37 Jahren konnte Winterthur zum Einstand dem FC Basel dank «einer starken Leistung» und eines frühen Tors durch Samir Ramizi ein 1:1 abringen. In den darauffolgenden Spielen musste der FC Winterthur jedoch Lehrgeld zahlen, insbesondere gegen Lugano (1:4 in der 3. Runde), YB (1:5 in der 6. Runde) und Luzern (0:6 in der 8. Runde) setzte es gerade auch auf der Schützenwiese Niederlagen in empfindlicher Höhe ab. Nur gegen den bis dahin torlos gestarteten Meister FCZ konnte man in der 5. Runde mit einem 1:1 nochmals einen Punkt erringen. So stand der FCW Mitte September nach 8. Runden mit einem Torverhältnis von 4:23 Toren auf dem letzten Platz. So stellte sich nach der Hälfte der gespielten Partien bis zur WM-Pause in der Presse auch die Frage nach der Super-League-Tauglichkeit der Mannschaft. Seitens des Vereins wurde während dieser Zeit Trainer Bruno Berner vom sportlichen Leiter Oliver Kaiser explizit gestützt, da dies ein Szenario war, mit dem der Verein bereits zu Beginn hätte rechnen müssen. Es wurde bekräftigt, dass Bruno Berner der richtige Mann für Verein wäre.

Am 2. Oktober, im 9. Saisonspiel, konnte der FCW auswärts gegen Sion schliesslich mit einem 3:1 seinen ersten Saisonsieg erringen. Dieser Sieg war im Herbst ein resultatetechnischer Wendepunkt und auch gleichbedeutend mit der Abgabe der roten Laterne an den amtierenden Meister FC Zürich, der genauso schlecht in die Saison gestartet war. Die gute Leistung konnte der FC Winterthur dann auch in den folgenden Spielen bestätigen: Zuerst konnte der 9. Platz mit einem 0:0 gegen den FCZ verteidigt werden und danach konnten zuhause gegen GC sowie Sion zwei weitere Siege gefeiert werden. Diese beiden Siege markierten auch der Beginn der bemerkenswerten Serie, in der Winterthur von der 11. Runde bis zur 25. Runde in jedem Spiel genau ein Tor schoss. Mit 14 gewonnenen Punkten konnte der FCW schliesslich mit einem wesentlich besseren zweiten Teil der Herbstrunde in die WM- und Winterpause gehen.

Nicht zuletzt aufgrund der zweiten Hälfte der Herbstrunde urteilte auch Der Landbote, dass der FCW «in der Liga angekommen» sei. Die Gründe für die Wandlung waren in einem besseren Defensivspiel des FC Winterthur zu suchen, die Mannschaft stellte auf eine Viererkette um und stand in den Spielen defensiver und kassierte dadurch weniger Tore. Auch eine Rolle spielte die bessere Form von Timothy Fayulu, der sich im Tor gegen Jozef Pukaj durchsetzen konnte, jedoch Anfang November durch einen Muskelabriss am Oberschenkel in den letzten zwei Spielen ausfiel.

Rückrunde mini|Markus Kuster als Stammtorhüter des damaligen österreichischen Bundesligisten SV Mattersburg (2015) Bereits vor Weihnachten war an der Transferfront klar, dass der Mittelfeldspieler Florian Kamberi (Vertragsauflösung) und der Stürmer Stephan Seiler (Leihende, da vom FCZ zurückgefordert) Winterthur verlassen würden.Da aufgrund der WM 2022 die Winterpause bereits Mitte November nach absolvieren der 16. Runde begann, gehörten die ersten beiden Spiele nach der Winterpause noch zur Hinrunde Dafür kam Ltaief auf Leihbasis zurück auf die Schützenwiese und mit dem zuvor vereinslosen Markus Kuster, der zuvor Ersatztorhüter beim Karlsruher SC in der 2. Bundesliga engagiert war, wurde ein Ersatz für den verletzten Fayulu verpflichtet. Bereits nach Wiederaufnahme des Spielbetriebs wurde Anfang Februar noch der Stürmer Joaquín Ardaiz vom FC Luzern für die restliche Rückrunde ausgeliehen. Die Testspielbilanz gestaltete sich mit fünf Siegen gegen den FC Málaga, die U23 des SC Freiburg, den FC Dornbirn, den FC Rapperswil-Jona sowie Flora Tallinn und einer Niederlage gegen Real Balompédica Linense durchaus erfolgreich. Jedoch gab es beim Testspiel gegen Flora Tallinn den Zusammenstoss Jozef Pukaj mit dem estnischen Stürmer (mit FCW-Vergangenheit) Mark Lepik zu beklagen, wodurch Pukajs Nase «zertrümmert» wurde und dadurch beim FCW noch vor Rückrundenbeginn bereits der zweite Torhüter ausfiel.

Die letzten beiden Spiele der Hinrunde gegen den klaren Leader YB sowie Servette Genf verlor Winterthur und rutschte dadurch wieder auf den letzten Platz. Danach konnte der FCW jedoch mit einem Sieg gegen Lugano und vier 1:1-Unentschiedens Punkte sammeln, die ihn zwar nicht die rote Laterne abgeben liessen, aber den Anschluss an die restliche Liga halten liess. Der Rückstand auf den 9. Platz betrug nie mehr als zwei Punkte und vielfach verhinderte lediglich das schlechtere Torverhältnis das Abgeben der roten Laterne. Am 15. Februar musste der Verein den Hinschied seines langjährigen Präsidenten und Mäzen, Hannes W. Keller, vermelden, der den Verein 2001 vor dem Konkurs gerettet hatte und dessen Söhne die Führung des Vereins übernommen hatten. In der Meisterschaft kam der FCW Mitte März nach einem 1:0-Sieg gegen St. Gallen durch das erste Super-League-Tor Noe Holensteins erstmals für eine Runde wieder auf den 9. Platz, auch wenn in der nächsten Runde Sion punktgleich wieder an Winterthur vorbeizog. Insgesamt konnte der FCW im dritten Meisterschaftsviertel bis Mitte März mit einem Torverhältnis von 8:10 insgesamt zehn Punkte holen. Trainer Berner sah den Verein so vor Beginn des letzten Meisterschaftsviertels dann auch «auf der Spur». Gemäss seiner Einschätzung war keiner der Niederlagen im Jahr 2023 abgesehen von jener gegen YB zwingend gewesen.

In der zweiten Hälfte des Aprils wurde der Rücktritt der beiden jungen Spieler Pascal Hammer, zuletzt an den FC Biel verliehen, und Kevin Costinha vom Profifussball vermeldet. Im letzten Meisterschaftsviertel zeichnete sich gegen Ende immer mehr ein Zweikampf zwischen Winterthur und Sion um den 9. Platz ab. Für Winterthur war in der 28. Runde wiederum St. Gallen ein willkommener Punktelieferant, als es dem FCW beim 3:2-Auswärtssieg im Kybunpark das einzige Mal in der Saison gelang, ein Spiel nach Rücklage noch zu kehren. Danach setzte es gab es mit einem 1:3 respektive 1:4 gegen Luzern und Basel zwei klarere Niederlagen ab. Fünf Runden vor Schluss kam es dam rückblickend zum vorentscheidenden Auswärtsspiel gegen den direkten Konkurrenten FC Sion, das Winterthur mit einem 1:0-Sieg für sich entscheiden konnte und dadurch die rote Laterne wieder an die Walliser abgab. Zwar holte Winterthur in den verbleibenden vier Runden keine Punkte mehr und verpasste in der 35. Runde gegen den FCZ mit einer 1:2-Niederlage den vorzeitigen Ligaerhalt, da es jedoch Sion gleich erging, konnte sich Winterthur Ende Saison in einem von der Winterthurer Zeitung als «Schneckenrennen» bezeichnenden Endphase, in dem er die Null nicht mehr halten konnte, auf den 9. Platz retten. Währenddessen musste Sion in die Relegation und dort nach zwei Niederlagen gegen den Challenge-League-Dritten Stade Lausanne-Ouchy den Abstieg in Kauf nehmen.