Das 1903 gegründete Gymnasium St. Michael ist ein staatlich anerkanntes katholisches Gymnasium in Ahlen im westfälischen Münsterland in Trägerschaft des Bistums Münster.

Geschichte

Gründung der Schule im Kaiserreich Auf Initiative des Sägereibesitzers Küper und des Ahlener Bürgermeisters Eduard Corneli kamen Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals die Nonnen der Schwestern Unserer Lieben Frau aus Mülhausen im Rheinland nach Ahlen. Die Stadt Ahlen schenkte 1902 der Ordenskongregation ein sechs Hektar großes Grundstück zur Errichtung einer Schule. Da die Koedukation, also die gemeinsame Beschulung von Jungen und Mädchen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht gestattet war und die Stadt Ahlen bereits über eine weiterführende Rektoratsschule für Jungen verfügte, strebte die Stadtverwaltung die Gründung einer Lehranstalt für Mädchen an. Der Orden kam dem Wunsch der Stadtverwaltung nach und richtete zunächst ein wissenschaftliches und ein Haushaltungspensionat ein, zu dem alle Mädchen der Stadt gegen ein Pensionsgeld von 400–500 Mark pro Jahr zugelassen wurden. Die Ordenskongregation verfolgte wohl bereits 1902 das Interesse, nicht nur eine einzelne weiterführende Schule für Mädchen in Ahlen zu eröffnen, sondern unterschiedliche Schulformen auf dem Gelände zu vereinen.

Unter der Leitung von Schwester Maria Seraphia Schmitz wurde Ostern 1903 eine höhere Mädchenschule und damit auch das erste Schulgebäude eröffnet. In dieser frühen Phase besuchten 158 Schülerinnen die Schule, von denen die meisten im schuleigenen Internat wohnten. Da sich das backsteinrote Schulgebäude an die Olfeteiche angliederte, wurde die neue Mädchenschule im Volksmund das „Schloss am Meer“ genannt.

Die strikte Trennung von Mädchen und Jungen im Schulwesen hatte Konsequenzen für den schulischen Alltag und die Abschlussmöglichkeiten der Schülerinnen. Während Jungen in dieser Zeit die weiterführenden Schulen wie das humanistische Gymnasium, das Realgymnasium oder die Oberrealschule besuchen durften, an denen sie die mittlere Reife oder das Abitur erwerben konnten, war dies den Mädchen nicht erlaubt. Sie durften lediglich das sogenannte Oberlyzeum besuchen. Schwester Seraphia bemühte sich demgemäß verstärkt darum, die Kriterien zur Erlangung einer Zulassung als „Oberlyzeum“ zu erfüllen. Am 18. Februar 1912 wurde es der Ordensschule St. Michael von der zuständigen Bezirksregierung in Münster gestattet, den Titel „Lyzeum der Schwestern Unserer Lieben Frau zu Ahlen i. Westf.“ zu tragen. Aus Dankbarkeit für die Bewilligung des Antrages stifteten die Ordensschwestern eine Mariengrotte auf dem Schulgelände. Die so entstandene Lourdesgrotte ist noch heute ein fest verankerter Teil des Schulgeländes.

Der gute Ruf der noch jungen Ordensschule führte zu einer raschen Expansion der Schülerinnenzahlen. Schon 1912 wurde ein Erweiterungsbau nötig, der Platz schaffte für weitere Internats-, Physik- und Naturwissenschaftsräume und vor allem eine große Turnhalle.

In der Kaiserzeit war die Schulkultur stark durch die Lebensweise und das christliche Leitbild des Ordens der „Schwestern unserer Lieben Frau“ geprägt. Die Erziehung zielte auf ein tugendhaftes Leben gemäß christlicher Sitten- und Moralvorstellungen ab. Parallel zur sittenorientierten Bildung und Erziehung zeichnete sich die Ordensschule durch hervorragende sportliche Bildungsmöglichkeiten aus. So gab es zwei Spielplätze, einen Sportplatz, einen Tennisplatz und zwei Teiche, die im Sommer für Kahnpartien, im Winter zum Eislaufen genutzt wurden. Zusätzlich stand den Schülerinnen die bereits erwähnte große Turnhalle zur Leibesertüchtigung zur Verfügung.

Im Zuge der Professionalisierung der Mädchenschulen im Kaiserreich und verstärkt durch die voranschreitende Emanzipation während des Ersten Weltkrieges wurde 1916 neben der höheren Mädchenschule auch eine höhere Handelsschule für Mädchen auf dem Schulgelände eröffnet. Die Ordenskongregation konnte mit der Eröffnung der Handelsschule ihr Bestreben verwirklichen, mehrere Schulformen auf dem sechs Hektar großen Gelände zu vereinen.

Ansonsten waren die Kriegsjahre durch den verstärkten Einzug sogenannter patriotischer Elemente in den Schulalltag geprägt. Exemplarisch sind in diesem Zusammenhang die jährlich stattfindenden „Kaiser-Geburtstagsfeiern“ zu nennen. Seit Kriegsbeginn gab es zudem an „Siegestagen“ einen schulfreien Tag. Die Verwirklichung eines vom Krieg unbeeinflussten Schulalltages wurde jedoch mit der Zeit schwieriger. So strickten oder flickten die Mädchen Kleidungsstücke für Soldaten oder sammelten Spenden und Materialien für die Armee. Die Entbehrungen der Kriegszeit spiegelten sich auch zunehmend im Gesundheitszustand des Lehrpersonals und der Schülerinnen wider. Im letzten Kriegsjahr 1918 musste der Unterrichtsbetrieb zeitweilig gänzlich eingestellt werden, da die fatale Versorgungslage des Reiches einen geregelten Schulalltag unmöglich machte und eine Grippewelle das verbliebene Lehrpersonal stark beeinträchtigte.

Die Weimarer Jahre Die Folgen des Ersten Weltkrieges waren auch in den frühen Weimarer Jahren an der Schule zu spüren. Im Zuge der politischen Auseinandersetzungen zwischen rechts- und linksgerichteten Arbeiterwehren kam es am 27. März 1919 zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung auf dem Schulgelände, bei der aber niemand ernsthaft verletzt wurde.

Die Stabilisierung der Demokratie in der Weimarer Republik führte in den Folgejahren jedoch zu einer politischen und gesellschaftlichen Entspannung, die auch das Schulleben positiv beeinflusste. Als Schwester Maria Ludgera Bils im Jahre 1922 den Posten der Schulleitung übernahm, konnte der Unterricht im Regelbetrieb ohne größere Störungen erteilt werden. Erst die Wirtschaftskrise 1923 und die damit einhergehende Hyperinflation führte zu größeren Umwälzungen innerhalb des Schulbetriebs. Um den Familien einen Schulbesuch auch während der finanziell angespannten Situation zu ermöglichen, wurde das Schul- und Internatsgeld drastisch herabgesetzt und an die geltenden Währungsverhältnisse angepasst.

Die Weimarer Zeit brachte jedoch auch positive Neuerungen für die Ordensschule mit sich. Frauen hatten nach dem Krieg mehr und neue Optionen für ihre persönliche Lebensführung. Dazu zählte nicht nur der Bereich der Politik, sondern auch der Sport, die Freizeitgestaltung, Berufsausbildungsangebote und überhaupt der öffentliche Raum. Die Weimarer Demokratie brachte somit auch in der Mädchenbildung neue Möglichkeiten und Chancen. Frauen konnten von nun an auch qualifizierte Schulabschlüsse ablegen, zu denen die mittlere Reife und das Abitur zählten.

Mit der zunehmenden Qualifizierung der Mädchenbildung wurde der Besuch der höheren Mädchenschule St. Michael jedoch auch an neue Bedingungen gekoppelt. Fortan wurden nur noch Schülerinnen, die in der Primarbildung als begabt ausgewiesen wurden, an der Schule angenommen. Das Ziel der Ordenskongregation war es, St. Michael zu einer der führenden schulischen Vollanstalten zu entwickeln. Die Mädchen sollten am St. Michael nicht nur die mittlere Reife erlangen können, sondern auch das Abitur. Dieses Ziel konnte jedoch innerhalb der Weimarer Jahre nicht gänzlich umgesetzt werden. Anträge zur Errichtung einer gymnasialen Oberstufe wurden von der zuständigen Bezirksregierung abgelehnt.

Zeit des Nationalsozialismus Die Zeit des Nationalsozialismus beeinflusste den Schulalltag bzw. das Schulleben am St. Michael maßgeblich. Mit der Absicht, eine nationalsozialistische Lehrerinnen-Bildungsanstalt einzurichten, kam es bereits im Jahr 1935 zur Schließung der Vorschulklassen durch das NS-Regime. Im Jahr 1942 wurde die Schließung der Oberschule angeordnet und im darauffolgenden Jahr die Schließung der Handels- und höheren Handelsschule, womit St. Michael als Schule faktisch nicht mehr existierte. Verhindert werden konnte die Errichtung einer Lehrerinnen-Bildungsanstalt durch Paul Rosenbaum, der das Gebäude von St. Michael zu einem Militärlazarett umwandelte.

Rosenbaum, damals tätig als Oberfeldarzt in Ahlen, war verantwortlich für die Versorgung der kriegsverwundeten Soldaten im Militärlazarett St. Michael. Im Rahmen seiner Tätigkeit geriet Rosenbaum mehrfach in Auseinandersetzungen mit der örtlichen Parteiführung. Durch sein Wirken konnte unter anderem verhindert werden, dass verwundete Soldaten aus dem Lazarett erneut für Kampfhandlungen im Ahlener Raum aufgestellt wurden. Auch einen Befehl von oberer Verwaltungsebene, das Lazarett im St. Michael aufzulösen und zurück nach Minden zu verlegen, nahm Rosenbaum nicht hin und legte Beschwerde ein. Um den Bestand des Lazaretts zu sichern, wurde ein sofortiger Ausbau des Lazaretts angeordnet. Mithilfe der Ahlener Bevölkerung wurde das Lazarett innerhalb kürzester Zeit erweitert.

Den wohl nachhaltigsten Einfluss auf die Stadtgeschichte Ahlens hatte Rosenbaum durch seine Rolle bei der Kapitulation der Stadt im Jahre 1945. Gegen den Befehl der Parteiführung übergab Rosenbaum die Stadt Ahlen den Alliierten kampflos und vermied damit die vollständige Zerstörung der Stadt.

Mit der Genehmigung der britischen Besatzungsbehörde kam es im Dezember 1945 zur Wiedereröffnung der Schule St. Michael. Es fehlte der Schule jedoch an Heizmaterial, Büchern und Heften, was einen geregelten Schulbetrieb zunächst unmöglich machte. Trotz miserabler Ausgangsbedingungen wuchs die Schulgemeinschaft durch die Folgen des Krieges und die großen Entbehrungen enger zusammen, sodass sich sowohl das Lehrpersonal als auch die Ahlener Bevölkerung bereit erklärten, die Schule mit dem Nötigsten zu versorgen.

Im Jahre 1946 erfolgte die vollständige Auflösung des Lazarettbetriebes und es erfolgte die Übernahme der Schulleitung durch Schwester Maria Gregoria Berger. Nach der Umwandlung der Schule in ein Gymnasium legte im Jahr 1947 der erste Jahrgang an St. Michael das Abitur ab.

Das Ahlener Programm von 1947 Das vom Krieg verschonte Gebäude des neuen St.-Michael-Gymnasiums wurde zu einem der Orte des politischen Neubeginns. Vom 1. bis 3. Februar 1947 trafen sich im Gebäude des Gymnasiums die Delegierten des CDU-Zonenausschusses, um eine sozial- und wirtschaftspolitische Programmschrift für die noch junge Partei zu entwerfen. Als Tagungsraum wurde der schuleigene Speiseraum genutzt. Die Teilnehmer übernachteten direkt vor Ort in den Räumen des Internats. Der bedeutendste Teilnehmer der CDU-Tagung war der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer, welcher die Gestaltung des am 3. Februar 1947 verabschiedeten Ahlener Programms maßgeblich beeinflusste.

Wenngleich das Ahlener Programm bereits zwei Jahre später durch die Düsseldorfer Leitsätze weitestgehend revidiert und weiterentwickelt wurde, zählt es zu den Ursprüngen der Sozialen Marktwirtschaft, welche den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft und den Aufstieg Deutschlands in die Reihe der führenden Wirtschaftsnationen einleitete. Konrad Adenauer selbst bezeichnete die Tagung des Zonenausschusses am 3. Februar 1947 in St. Michael als „Markstein in der Geschichte des deutschen Wirtschafts- und Soziallebens“. Denn das Programm stehe nicht nur für einen Neuanfang der deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik nach 1945, sondern auch für die legitime Interessenvielfalt der CDU als Volkspartei.

Zum 30-jährigen Jubiläum des Ahlener Programms kamen im Februar 1977 der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl (1982–1998) sowie zahlreiche weitere politische Persönlichkeiten an das St.-Michael-Gymnasium. Die Festlichkeiten fanden in der Turnhalle mit zahlreichen geladenen Gästen statt. Auch Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums und interessierte Mitglieder des Kollegiums durften an der Veranstaltung teilnehmen. Ähnliche Veranstaltungen finden bis in die Gegenwart an der Schule statt. Zuletzt waren am 3. Februar 2022 Ministerpräsident Hendrik Wüst sowie Landwirtschaftsminister Karl-Josef Laumann am Gymnasium St. Michael, um des 75-jährigen Jubiläums des Ahlener Programms zu gedenken und mit den Schülerinnen und Schülern zu diskutieren.