Heinrich Schlüter, auch Heinz Schlüter und Heinz Schlüter KaiserManuel Paz Placencia: A compases marciales, desarrollo y vinculación social de las bandas militares del Ejécito chileno 1960-1989. Universidad Católica de la Santísima Concepción, Concepción 2019, S. 33 (abgerufen am 19. Juni 2022). (* 7. Dezember 1917 als Heinrich August Dietrich Schlüter in Herford;Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945. CD-ROM-Lexikon, Kiel 2009, 2. Auflage, S. 6578 f. online † 12. August 2012 in KoblenzTraueranzeige, Rhein-Zeitung, 17. August 2012 (abgerufen am 19. Juni 2022).), war ein deutscher Dirigent und Musikoffizier der Bundeswehr. Außerdem war er u. a. musikalischer Leiter der deutschen Auslandssekte Colonia Dignidad in Chile.
Leben Der 1936 in die Wehrmacht eingetretene Schlüter absolvierte von 1941 bis 1944 die Musikmeisterausbildung an der Staatlichen Akademische Hochschule für Musik in Berlin. Nach der Kriegsgefangenschaft lebte Schlüter wieder in Herford, wo er von 1947 bis 1950 das von ihm gegründete Herforder Sinfonische Orchester leitete und bis 1954 als Dirigent der aus dem Orchester hervorgegangenen Nordwestdeutsche Philharmonie wirkte. 1956 trat er in den Musikdienst der Bundeswehr ein. Seit 1957 leitete Schlüter im Rang eines Oberstleutnants das Heeresmusikkorps 5 der Bundeswehr in Koblenz.Heeresmusikkorps 300, Koblenz. rundel.de (abgerufen am 22. Juni 2022). In dieser Zeit entstanden zahlreiche Tonaufnahmen, darunter für den rechtsextremistischen Munin-Verlag die Schallplatte Deutsche Präsentier- und Parademärsche mit Stücken, die im Dritten Reich eigens für die SS komponiert worden waren. 1974 bis 1979 leitete Schlüter die Kreismusikschule Montabaur.
Nach seiner Pensionierung reiste er nach Chile und traf dort Vertreter der Colonia Dignidad, um diese um Vermittlung eines Termins beim Machthaber Augusto Pinochet zu bittenDieter Maier, Luis Narváez: Kartei des Terrors. Notizen zum Innenleben der chilenischen Diktatur (1973–1990) aus der Colonia Dignidad. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-89657-045-1, S. 283. und um von nun an die Leitung von Orchester und Chor der von Deutschen gegründeten Sekte zu übernehmen.Heike Rittel, Jürgen Karwelat: Lasst uns reden : Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-89657-159-5, S. 269.Dieter Maier: Anmerkungen zu Edeltraud Bohnau, Mein Leben in der Sekte, S. 87. Colonia Dignidad – Public History Forschungsblog, 14. Januar 2020 (abgerufen am 19. 2020). Hartmut Hopp leitete sein Ersuchen an Pinochet weiter. Seit 1981 leitete Schlüter im Auftrag Pinochets in Santiago de Chile das neugegründete Orchester der chilenischen Armee und war Professor für die Ausbildung der Militärkapellmeister an der dortigen Escuela Militar. Schlüter reiste jährlich im chilenischen Sommer zwei Monate in die Colonia Dignidad.Gero Gemballa: Colonia Dignidad. Ein Reporter auf den Spuren eines deutschen Skandals. Campus Verlag, Frankfurt a. M./New York 1998, ISBN 3-593-35922-7, S. 38.Con 31 años de trayectoria, vuelve a Valdivia la banda de conciertos del Ejército de Chile (abgerufen am 19. Juni 2022). Schlüter bekam während seiner Tätigkeit für die Sekte einerseits mit, wie der Sektenführer Paul Schäfer die Sektenangehörigen schikanierte.Colonia Dignidad – Ein chilenisch-deutsches Oral-History-Archiv: Interview mit Werner S. (ab Minute 1:26:37), 20. November 2019 (abgerufen am 19. Juni 2022). Andererseits beschwerte er sich bei Schäfer über dessen Praxis, Fische durch Strom zu töten, während sich Sektenangehörige im Wasser befanden.Friedrich Paul Heller: Lederhosen, Dutt und Giftgas : die Hintergründe der Colonia Dignidad Schmetterling Verlag, Stuttgart 2006. ISBN 978-3-89657-093-2, S. 37. „Onkel Heinrich“ bildete aus Sicht der Sektenangehörigen, für die das Musizieren mit Schlüter einen Freiraum im streng reglementierten Alltag darstellte, ein „emotionales Gegengewicht“ zum Sektenführer Schäfer. Die Colonia-Dignidad-Experten Dieter Maier und Luis Narváez beschreiben das Agieren Schlüters so: „Sensibel war auch er nicht. Es gibt Videoaufnahmen von ihm, wie er Chor und Orchester mit starrem Blick in die Noten dirigiert. Die Musizierenden durften keinen Blickkontakt untereinander haben. ... Die Musik der Colonia Dignidad war Herrschafts- und Propagandamittel und ein Wechselbad sich widerstreitender Gefühle.“
Zum Jahreswechsel 1995/1996 besuchte Schlüter die Sektensiedlung das letzte Mal. Mit dem Orchester trat er 1996 vor Pinochet auf.Steffen Hoss, Michael Passon: Hartmut Hopp – Erstmals redet der frühere Sektenarzt von Colonia Dignidad, Westdeutsche Zeitung, 28. Januar 2017 (abgerufen am 19. Juni 2022). Nach einem unangekündigten Besuch von Pinochet und Schlüter in dem von der Sekte betriebenen Restaurant in Bulnes endete Schlüters Tätigkeit für die Sekte.Colonia Dignidad – Ein chilenisch-deutsches Oral-History-Archiv: Interview mit Manfred S. (ab Minute 1:25:17), 14. März 2021 (abgerufen am 19. Juni 2022).
Schlüter unterrichtete zudem private chilenische Musikschüler.Musikschule „rhythm matters“, Krefeld (abgerufen am 1. Februar 2023).
Privat Schlüter war verheiratet mit Klara Schlüter (1914–2020),Traueranzeige Klara Schlüter, Rhein-Zeitung, 4. April 2020 (abgerufen am 19. Juni 2022). die ihn auch in die Colonia Dignidad begleitete. In den 1940er Jahren lebte Schlüter in Berlin, ab 1956 in Koblenz, seit 2011 in Rothenklempenow.Stephanus-Stiftung: Zwei Mal über Hundert: Hohe Geburtstage im Haus am See in Brüssow, 18. Juli 2019 (abgerufen am 22. Juni 2022). Er wurde auf See bestattet.
Werke Ehrenbreitstein-Marsch
Tonträger Zwischen Rhein und Mosel. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter. 1973 Deutsche Heeresmärsche aus der preußischen Armeemarschsammlung. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter Deutsche Heeresmärsche aus der preußischen Armeemarschsammlung – Folge 2. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter Deutsche Heeresmärsche aus der preußischen Armeemarschsammlung – Folge 3. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter Deutsche Heeresmärsche aus der preußischen Armeemarschsammlung – Folge 4. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter Deutsche Heeresmärsche aus der preußischen Armeemarschsammlung – Folge 5. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter Deutsche Heeresmärsche aus der sächsischen Armeemarschsammlung. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter Deutsche Heeresmärsche aus der bayerischen Armeemarschsammlung. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter Deutsche Heeresmärsche aus Hannover und Hessen. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter Königlich preussische Armeemärsche. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter Deutsche Armeemärsche und Der große Zapfenstreich. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter. Bauer Studio, 1979 Deutsche Parademärsche. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter Der Große Zapfenstreich. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter Deutsche Präsentier- und Parademärsche. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter Freudenklänge. Dirigent: Oberstleutnant Heinrich Schlüter
Literatur Dieter Maier, Luis Narváez: Kartei des Terrors. Notizen zum Innenleben der chilenischen Diktatur (1973–1990) aus der Colonia Dignidad. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-89657-045-1, S. 283 Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945. CD-ROM-Lexikon, Kiel 2009, 2. Auflage, S. 6578 f. online
Weblinks Aufnahmen Heinrich Schlüters bei Discogs. Colonia Dignidad – Ein chilenisch-deutsches Oral-History-Archiv: Neujahrskonzert 1996 in Villa Baviera (Ouvertüre aus Vincenzo Bellini, Norma) (ab Minute 2:24:15), 22. Februar 2020 (abgerufen am 19. Juni 2022).
Einzelnachweise
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