Kitty Marx-Steinschneider, geborene Kitty Marx (* 3. Januar 1905 in Königsberg; † 15. November 2002 in Jerusalem), war eine deutsche Literaturwissenschaftlerin, die 1933 nach Palästina emigrierte. Sie war eine enge Vertraute von Gershom Scholem und Walter Benjamin und die Nichte von Samuel Agnon, mit dessen Übersetzer, Karl Steinschneider, sie seit 1933 verheiratet war. In Palästina und später Israel arbeitete sie als Übersetzerin und in verschiedenen Ministerien.Biographische Anmerkungen zum Kitty Steinschneider Archive in der National Library of Israel (ARC. 4* 1832, Kitty Steinschneider archive). Die 2007 der NLI übereigneten und 2014 und 2015 aufgestockten Archivbestände sind nicht digitalisiert und deshalb nur vor Ort nutzbar.

Leben

Familie Kitty Marx war eine Tochter des Bankdirektors Hermann Marx (1873–1959) und der Emma Rosenblatt. Sie hatte vier Geschwister.Avner Falk: Agnon’s Story Sie besuchte in Königsberg die Königin-Luise-Schule. Ab 1924 studierte sie neue Sprachen und Griechisch, ab dem Wintersemester 1929 auch Semitische Philologie, an den Universitäten Königsberg, Heidelberg, Berlin und Freiburg. Sie wurde 1931 bei Friedrich Brie und Hanns Heiß promoviert.

Marx’ Vater war in der Nachfolge seines Vaters George Marx Direktor der von diesem gegründeten Norddeutschen Creditanstalt,Ruth Leiserowitz: Vom kleinen Lokalinstitut zur beherrschenden Bank. George Marx: Ein erfolgreicher Zuwanderer in Königsberg. In: David Feest, Aleksandra Lipińska, Agnieszka Pufelska (Hrsg.): Bankiers und Banken als Akteure im wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Netzwerk im (Nordost-)Europa des 16. – 20. Jahrhunderts. Solivagus Praeteritum, Kiel 2020, ISBN 978-3-947064-10-6, S. 51–66. die 1917 in der Deutschen Bank aufging. Seine Schwester Esther war seit 1920 mit Samuel Agnon verheiratet und sein Bruder war der Historiker, Judaist, Bibliograf und Bibliothekar Alexander Marx (1878–1953).

Beziehung zu Samuel Agnon Ein immer wiederkehrender Topos ist die auch von Avner Falk wiederholte Behauptung, Kitty Marx sei die Lieblingsnichte von Agnon gewesen. Worin sich das zeigte, wird nicht ausgeführt, doch kann als sicher unterstellt werden, dass die Beziehungen von Kitty Marx zu Agnon aufgrund der Beziehungen zwischen ihm und Kittys Tante Esther wesentlich früher eingesetzt haben, als die zu Scholem oder gar zu Benjamin. Ende Februar 1930 reiste Agnon von Palästina aus zusammen mit einem Bekannten nach Europa und traf am 3. März 1930 seine Nichte in Freiburg. Falk zitiert einen Brief Agnons an seine in Palästina verbliebene Frau, in dem er ihr mitteilte, „dass sich Kitty seit ihrem Besuch in Jerusalem verbessert habe: Sie sei sehr ausgewogen“. Offenbar fiel dieser Besuch in Freiburg zusammen mit Kittys Abschied aus ihrem letzten Studienort, denn Avner berichtete weiter, sie habe zum Ende dieses Besuchs zusammen mit Agnon und anderen den Zug in Richtung Berlin bestiegen, „wo sie künftig leben und arbeiten wollte“. Mitte Juni 1931 besuchte Agnons Frau Esther, die mittlerweile in Deutschland weilte, ihre Nichte in Berlin.

Beziehung zu Gershom Scholem und Walter Benjamin Kitty Marx lernte zuerst Gershom Scholem kennen. In einem Katalog des auf den Handel mit Autographen spezialisierten Auktionshauses J. A. StargardtSeit 1830: Das sind wir wird diese Erstbegegnung auf den 25. Juni 1927 in Oxford datiert.. Dieser Katalog war vermutlich für eine Auktion im Juni 2012 in Berlin erstellt worden. (Camilla Blechen: Autographen. Viel Geld fiir einen Walzer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Juni 2012) Dies stimmt allerdings nicht mit dem Nachruf von Thomas Sparr überein, der schrieb, dass Scholems Mutter Betty Kitty Marx bereits 1926 als „das reizend Fräulein Marx“ bezeichnet habe.Thomas Sparr: Das reizende Fräulein Marx Da Scholem bereits 1923 nach Palästina ausgewandert war, bleibt offen, wo und wann sich die beiden kennengelernt haben.In Scholems Buch Von Berlin nach Jerusalem, seinen Jugenderinnerungen, kommen Kitty Marx und Karl Steinschneider nicht vor, wohl aber Kittys später Schwager Gustav Steinschneider. Ebenso unbekannt ist, wo eine Begegnung der beiden am 11./12. Oktober 1932 stattgefunden hat. Auf sie verweist eine Widmung Scholems in einem für Kitty Marx bestimmten Buch.

Über die aus den Begegnungen zwischen Marx und Scholem erwachsene Beziehung hieß es in einem FAZ-Artikel von Friedrich Niewöhner aus Anlass von Kittys Tod, „daß die Beziehung Scholems zu Frau Steinschneider die „größte Leidenschaft“ in Scholems Leben war“.Friedrich Niewöhner: Wahrstes Gefühl. Kitty Steinschneider und Gershom Scholem. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 22. November 2002, S. 39. Erst in einem Tagebucheintrag vom 25. November 1934, so Niewöhner, habe Scholem sich eingestanden, dass diese Beziehung für ihn keine Zukunft mehr habe. Zu diesem Zeitpunkt war Kitty Marx bereits seit etwa eineinhalb Jahren mit Karl Steinschneider verheiratet und lebte mit ihm in Rechovot – in einer Einbahnstraße, wie sich Scholems Hochzeitsgeschenk für „Karl und Kitty bei ihrer Einfahrt“ interpretieren lässt: ein Exemplar von Benjamins 1928 erschienenem Buch Einbahnstraße, versehen mit einem dem Paar gewidmeten Gedicht, dessen erste Zeilen lauten: „Ob dies das Landschaftsbild der Einbahnstraße ist,//die Ihr durchlaufen wollt?//Ich darf es wohl bezweifeln; Aber wißt//wohin Ihr sollt.“

Doch auch wenn Scholem in dem von Niewöhner zitierten Tagebucheintrag schrieb „Und es war das wahrste Gefühl, das ich gehabt habe. Aber es ist tot, und nichts hat Liebe hier in Freundschaft verwandeln können.“, so entstand mit der Zeit doch noch eine lang anhaltende Freundschaft zwischen den beiden, die auch zu gemeinsamen Projekten führte. 1970 arbeiteten sie zusammen bei der ersten Ausgabe von Walter Benjamins Berliner Chronik.Walter Benjamin: Berliner Chronik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1970. Scholem, der als Herausgeber fungierte, schrieb in seinem Nachwort:

Diese Vertrautheit mit Benjamins Schrift und Ausdrucksweise hatte Kitty Marx Scholem zu verdanken. Im Stargardt-Katalog hieß es dazu:

Diese Begegnung am 28. Februar 1933 zwischen Kitty Marx und Walter Benjamin in dessen Berliner WohnungThe Correspondence of Walter Benjamin fand jedoch nicht nur kurz vor Benjamins Emigration statt, sondern auch vor der von Kitty Marx. Sie schiffte sich am 16. März 1933 zusammen mit ihrem künftigen Ehemann und dessen Bruder von Brindisi aus in Richtung Palästina ein.Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: Briefe von Karl Steinschneider an seinen Bruder Gustav vom 23. Januar 1933 und 8. März 1933. Die Beziehung zu Benjamin riss dadurch aber nicht ab.

Für Benjamin, der sich 1933 für einige Monate nach Ibiza begeben hatte, gehörte Kitty Marx-Steinschneider in dieser Zeit neben Scholem und Gretel Karplus, der späteren Gretel Adorno, zu seinen wenigen regelmäßigen Korrespondenzpartnerinnen.Howard Eiland und Michael W. Jennings: Walter Benjamin. Eine Biographie Sie hatte in dieser Zeit Benjamin auch zu einem Besuch bei ihr und ihrem Mann in Rechovot eingeladen, wollte gar einen Teil der Reisekosten beisteuern. Benjamin aber kam der Einladung nicht nach, vermutlich deshalb nicht, weil er sich für sich keine Arbeitsmöglichkeiten in Palästina vorstellen konnte.

Auf der Rückreise von einem Aufenthalt in den USA traf sich im Spätsommer 1935 das Ehepaar Steinschneider in Paris mit Walter Benjamin, was unmittelbare Folgen für die Vollendung von dessen Schrift Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit hatte.Walter Benjamin: Briefe I. herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Gershom Scholem und Theodor W. Adorno, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1978 (edition suhrkamp 930), S. 697. Ausführlicher hierzu: Besuch der Steinschneiders bei Benjamin in Paris

In den beiden unten aufgeführten Editionen von Benjamins Briefen stammt der letzte Brief von ihm an Kitty Marx-Steinschneider vom 20. Juli 1938. Benjamin befand sich zu diesem Zeitpunkt in Dänemark und wohnte in direkter Nachbarschaft von Bertolt Brecht. Der vorhergegangene Brief von Kitty an Benjamin, auf den Benjamin Bezug nahm, ist nicht dokumentiert. In der englischen Ausgabe ist ein Brief Benjamins an Scholem vom 8. April 1939 enthalten, geschrieben aus Paris. Darin erörtert Benjamin erneut die Möglichkeit, nach Palästina zu übersiedeln und geht dabei auch auf ein früheres Angebot von Kitty Marx-Steinschneider ein.

Warum Kitty Marx-Steinschneider, wie von Benjamin behauptet, den Briefkontakt zu ihm eingestellt hat, ist nicht überliefert.

Ehe mit Karl Steinschneider Kitty Marx wurde am 5. Juli 1930 erstmals von ihrem späteren Ehemann in einer Karte aus den USA an seinen Bruder Gustav erwähntNachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: Brief an Gustav Steinschneider vom 5. Juli 1930. und ebenso in einem undatierten Brief von Karl an Gustav, in dem er auf die bevorstehende und oben schon zitierten Abreise Kittys aus Freiburg anspielt. In diesem Brief lässt Karl seinen Bruder Gustav hinsichtlich des Plans, seinen USA-Aufenthalt für einen Berlin-Besuch zu unterbrechen, wissen:

Weder diese Erwähnungen noch die wenigen folgenden in der Korrespondenz der Brüder geben Aufschluss darüber, wie die Beziehung zwischen Karl und Kitty entstanden war und wie sie sich bis zur gemeinsamen Dieser Besuch kam nicht zustande, und offenbar blieb auch die Verbindung zwischen Karl und Kitty recht locker, denn knapp ein Jahr später, am 7. Mai 1931, wandte sich Kitty Marx an Gustav Steinschneider und bat ihn, ihr die aktuelle Adresse von Karl Steinschneider mitzuteilen.Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: Karte von Gustav Steinschneider an Kitty Marx vom 7. Mai 1931. Wie es zwischen dem weiter in den USA lebenden Karl, der immer nur mit Gustav gemeinsame Palästina-Pläne erörterte, und der in Deutschland lebenden Kitty Marx zu einer Verständigung über eine gemeinsame Zukunft in Palästina kam, ist nicht bekannt. Merkwürdiger ist in diesem Zusammenhang allerdings ein Brief von Kitty Marx an Gustav Steinschneider vom 14. Februar 1933, geschrieben also nur kurze Zeit vor der Ausreise nach Palästina. In dem auf einem Briefbogen des „Hilfsverein der Deutschen Juden“ in Königsberg verfassten Brief (dessen Briefkopf durchgestrichenen war, nicht aber die handschriftlich geänderte Absenderadresse) hieß es Karl betreffend:

Die Formulierung, dass sie in ihrer „Dispositionen nicht ganz frei [sei], weil ich sehr wahrscheinlich mit jemand zusammenfahren werde, nach dem ich mich ev. extra richten muss“, legt die Vermutung nahe, dass Kitty zu diesem Zeitpunkt keine gemeinsame Überfahrt nach Palästina zusammen mit den Steinschneider-Brüdern geplant hatte. Doch nur wenige Tage später, am 8. März 1933, teilte Karl seinem bereits in Richtung Süden abgereisten Bruder Gustav mit, dass er und Kitty sich mit Gustav in Brindisi treffen würden. Das Schiff für die gemeinsame Überfahrt nach Palästina werde am 16. März 1933 ablegen.Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: Briefe von Karl Steinschneider an seinen Bruder Gustav vom 23. Januar 1933 und 8. März 1933. Am 25. Juni 1933 fand in Jerusalem die Heirat zwischen Kitty Marx und Karl Steinschneider statt. Im Juli 1934 kam ihr Sohn Assaf zur Welt.David Biale: Gershom Scholem. Master of the Kabbalah. Yale University Press, 2018, eBook- ISBN 978-0-300-23515-9, S. 120.