mini|Zweisprachiges Ortseingangsschild von Fräesdörp Das Mittelmärkische oder Mittelbrandenburgische ist ein Dialekt des Märkischen, der zum nordniederdeutschen Zweig des Niederdeutschen gehört und in Teilen von Brandenburg und Sachsen-Anhalt gesprochen wird.

Wichtige Teilgebiete des Mittelmärkischen enthalten: Flämingisch (Brandenburg: Belzig-Jüterbog-Luckenwalde, Sachsen-Anhalt: Burg-Zerbst-Gebiete nördlich von Wittenberg) Havelland (Brandenburg: Rathenow-Premnitz-Nauen) Barnim (Brandenburg: Eberswalde-Bernau) Oderland (Brandenburg: Bad Freienwalde)

Historisch enthielt das Mittelmärkische weitere Teilgebiete: Berlin (bis in die frühe Neuzeit) (westliche) Neumark (östlich der Oder, bis zum Zweiten Weltkrieg)

Nach Osten wird das Dialektgebiet heute durch das Polnische begrenzt, vor dem Zweiten Weltkrieg durch die Dialekte der östlichen Neumark begrenzt, für die auch die Bezeichnung „ostmärkisch“ vorgeschlagen wurde, die aber eher den Mundarten der hinterpommerschen Kreise Dramburg und Schievelbein nahesteht,Wilhelm Seelmann: Die Mundart der hinteren Neumark oder das Ostmärkische. In: Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung, 1913, XXXIX, S. 142; . die zum Ostpommerschen gerechnet werden können.

Nach Süden wird das Mittelmärkische durch ostmitteldeutsche Dialekte begrenzt, nach Westen durch das Elbostfälische und nach Norden durch das nah verwandte Nordmärkisch. Die ursprünglich mittelmärkische Umgangssprache von Berlin hat seit dem 15. Jh. zunehmend mitteldeutsche Züge angenommen, so dass das Berlinische heute klar vom Mittelmärkischen unterschieden und als Varietät des Ostmitteldeutschen angesehen wird. Ursprünglich eine mitteldeutsche Sprachinsel innerhalb des Mittelmärkischen, hat das Berlinische den Dialekt im Alltag weitgehend verdrängt.

Innerhalb des Mittelmärkischen trennt die Linie Görzke-Brandenburg-Potsdam ein südöstliches Gebiet, in dem mnd. ê und ô diphthongiert sind (Schnai, Schnei, Schnäi „Schnee“, Strau „Stroh“) von einem nördlichen und westlichen, in dem sie (wie im Nordmärkischen) erhalten geblieben sind (Schnee, Stroh).Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Pädagogischen Hochschule Potsdam [WZ PH Potsdam], Heft 2, Potsdam 1989, S. 239

Das Mittelmärkische ist ein sterbender Dialekt und im Alltag durch das Berlinische ersetzt. Bereits in den 1950er Jahren, im Zuge der Datenerhebung für das Berlinisch-Brandenburgische Wörterbuch war es teilweise schwer, kompetente Sprecher zu gewinnen (vgl. Berlinisch-Brandenburgisches Wörterbuch).

Sofern das Mittelmärkische im Kontext des Niederdeutschen beschrieben wird, wird dafür vereinzelt auch die Bezeichnung „Südmärkisch“ oder „Südbrandenburgisch“ verwendet, das dann dem Nordmärkischen gegenübergestellt wird (so bei Schröder, 2004, S. 50).I. Schröder: Niederdeutsch in der Gegenwart. Sprachgebiet – Grammatisches – Binnendifferenzierung. In: D. Stellmacher (Hrsg.): Niederdeutsche Sprache und Literatur der Gegenwart. Olms, Hildesheim 2004. Da dies jedoch gleichzeitig die Bezeichnung der (jetzt) mitteldeutschen (aber historisch niederdeutschen) Dialekte Südbrandenburgs ist, führt das zu Ambiguitäten. Analog gilt das für die Bezeichnung des mittelmärkischen Diphthongierungsgebietes als „südmärkisch“ (so bei Stellmacher 1980, S. 465 f.).D. Stellmacher: 48. Ostniederdeutsch. In Lexikon der Germanistischen Linguistik. Max Niemeyer Verlag, 2011, S. 464–468.

Abkürzungen in diesem Artikel bln. = berlinisch germ. = (ur-)germanisch hd. = hochdeutsch mmk. = mittelmärkisch mnd. = mittelniederdeutsch mnl. = mittelniederländisch mvp. = mecklenburgisch-vorpommersch nd. = niederdeutsch nl. = niederländisch nmk. = nordmärkisch slaw. = slawisch wnd. = westniederdeutsch

Definierende Merkmale Das Märkische weist eine teilweise starke niederländisch-niederfränkische Prägung auf, die im Mittelmärkischen z. T. deutlicher als im Nordmärkischen ausgeprägt ist.

Zu den allgemeinen Merkmalen der märkischen Dialekte siehe deren Wikipedia-Seite. Spezifische Merkmale des Mittelmärkischen, die es von verwandten und benachbarten Mundarten abgrenzen, enthalten: Ausbleiben der zweiten germanischen Lautverschiebung (daher moaken „machen“). Das definiert das Mittelmärkische als niederdeutschen Dialekt und grenzt es vom Berlinischen und dem Südbrandenburgischen ab. Einheitsplural auf -en im Gegensatz zum westniederdeutschen Einheitsplural auf -t. Dies definiert das Mittelmärkische als ostniederdeutschen Dialekt. mmk. wei moaken „wir machen“, wnd. wei maketRolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam, Heft 2. Potsdam 1989, S. 236 mmk. jei moaken „ihr macht“, wnd. ji maket mmk. sei (die) moaken „sie machen“, wnd. sei maket niederfränkisches/niederländisches Substrat (im Gegensatz zum Mecklenburgisch-Vorpommerschen und zum Ostpommerschen). Neben der geographischen Verbreitung definiert das das Mittelmärkische als märkischen Dialekt. typische Leitworte oftmals niederländischer Herkunft, z. B. leech, leeg „niedrig“, Molle „kleiner Trog“ (bln. „Glas Bier“), Kossät „Bauer“, Kumm „Gefäß“, Spind „Schrank“, Tiene „Holzgefäßaschfass“, Schüppe (mnl. scoppe „Spaten“), Spade (mnl. spade), Hinne „Henne“ (mnl. hinne), Stulle (nl. stull „Kloß Butter, Brocken, Stück, Lappen“) und Buchte (nl. bocht „Biegung, Bucht, Verschlag“). Inlautendes -nd- wird -ng- /ŋ/ (hingen „hinten“, Enge „Ende“; vgl. nmk. hinnen, Enn). Von Teuchert (1944) auf niederländische Einflüsse zurückgeführt. mmk. det, dät „das“ gegenüber sonst niederdeutsch dat. Berlinisch bewahrt als det. Auch hierfür wurde Einfluss aus dem Niederländischen (dort het) vermutet. mmk. Diphthonge für nmk. Monophthonge. Das grenzt das Mittelmärkische vom Nordmärkischen und Mecklenburgisch-Vorpommerschen ab. Langdiphthonge ue, ie, üe (mmk. Kueken „Kuchen“, lief „lieb“, süet „süß“) statt nmk oo, ee, öö (Kooken, leef, sööt) und mvp. au, ei, äu (Kauken, leiw, säut). Diphthong oa für mnd. langes â (moaken „machen“, Woater „Wasser“). Dem gegenüber nmk. Langvokal å (måken, Wåter), im mvp. auch a geschrieben (maken, Water). Ausbleiben der Apokopierung (im Gegensatz zum nmk. und mvp.) Bewahrung des auslautenden -e (Jänse „Gänse“, Müse „Mäuse“, Lüde „Leute“, hingene „hinten“, Dörpere „Dorfbewohner (dat.)“). Entfällt im Nordmärkischen (Gäns/Jäns, Müüs, Lüüd usw.)Joachim Wiese: Kleines Brandenburger-Berliner Wörterbuch. Reclam Verlag, Leipzig 1996, S. 7

Sprachgeschichte Im Raum Berlin haben sich die ursprünglich mittelmärkischen Dialekte seit dem 15. Jahrhundert derart mit ostmitteldeutschen Dialekten gemischt, dass dort nur noch relativ wenige der historischen Verbindungen mit dem Ostniederdeutschen sichtbar sind. Dies spiegelt einerseits den ökonomischen und kulturellen Einfluss des wettinisch-meißnischen Raumes, u. a. im Zuge der Reformation, v. a. aber die Einführung der hochdeutschen Kanzleisprache nach Regierungsübernahme der Hohenzollern (1415) sowie die darauf folgende Festlegung auf Berlin als Residenzort wider.Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam, Heft 2. Potsdam 1989, S. 132 f.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden die märkischen Dialekte zunehmend durch die berlinische Umgangssprache bedrängt und sind im allgemeinen Sprachgebrauch weitgehend dadurch ersetzt worden. Dies spiegelt sozioökonomische Umstrukturierungen im Zuge der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Industrialisierung wider,Rolf Bock, Helmut Langner: Zur Geschichte, Gliederung und zu wichtigen Merkmalen der märkischen Dialekte. In: WZ PH Potsdam, Heft 2. Potsdam 1989, S. 233. die sich im 20. Jh. fortgesetzt haben und sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Zuzug von Neubauern und der Kollektivierung der Landwirtschaft nochmals intensivierten.

Bereits für das frühe 20. Jh. belegt Siewert (1907, S. 24, für Besten/Teltow) eine zunehmende Durchdringung mit hochdeutschen Ausdrücken: "[S]ie sind auch im Verkehr der Einwohner unter sich -- besonders bei der jüngeren Generation -- recht oft zu hören und sind wohl auf den Einfluss des Berliner Dialektes zurückzuführen", z. B. kofen "kaufen", verkofen, ick weß "weiss", zwe "zwei", zwete "zweite", ooch "auch", damals noch selten auch druf "drauf", lofen "laufen", jloben "glauben", drocken "trocken", zwelwe "12", et heßt "heißt". Dieser Trend hat sich seither intensiviert.

Für die späte DDR-Zeit belegen Bock und Langner (1989), dass „[t]rotzdem … die märkischen Dialekte bis ins 20. Jahrhundert hinein für viele Menschen ein wichtiges Mittel der Kommunikation [bleiben]“. Aufgrund neuerlicher ökonomischer Umbrüche seit den 90er Jahren und der damit verbundenen Landflucht gilt das heute nur noch sehr einschränkt, so dass der Dialekt im Alltag durch Varietäten des Berlinischen, wie z. B. das sog. „Kanaldeutsch“ ersetzt wurde, insbesondere auch in seiner identitätsstiftenden Funktion.

Sprachbeschreibung

Phonologie Die Phonologie ist für die Neumark beschrieben bei Teuchert (1907), für den Niederbarnim bei Seelman (1908),E. Seelmann: Die Mundart von Prenden (Kr. Niederbarnim). In: Nd. Jb.,1908, Band 34. für den Teltow bei Siewert (1907)M. Siewert: Die Mundart von Besten (Kreis Teltow, Provinz Brandenburg). In: Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, 1907, 33, S. 9–26; . und Teuchert (1964), und für den Oberbarnim bei Teuchert (1964).Hermann Teuchert: Die Mundarten der brandenburgischen Mittelmark und ihres südlichen Vorlandes. De Gruyter, Berlin / Boston 2022; doi:10.1515/9783112597064 Die Phonologie der mittelniederdeutschen Schriftsprache Berlins, die teilweise regionale (d. h. mittelmärkische) Dialektmerkmale zeigt, wurde von Lasch (1910) beschrieben.

Vokale Langdiphthonge ue, üe, ië in denen der erste Vokal jeweils lang gesprochen wird (mmk. Kueken „Kuchen“, liëf „lieb“, süet „süß“). Dem gegenüber nmk. Langvokale (Kooken, leef, sööt). Mittelmärkisch-nordmärkische Gegensatzpaare sind damit z. B. Bluome/Blueme: Bloom „Blume“, Kuo/Kue: Koh „Kuh“, jrüen: jröön „grün“, lief: leef „lieb“, Priester: Preester „Priester“. Teuchert (1964, S. 31) vermutet, dass diese Diphthonge auf die niederländischen Diphthonge uo (oe), dessen Umlaut sowie auf ie zurückgehen. Mittelniederdeutsch ê² (germ. ai) als ee bewahrt (reene „rein“). Nordmärkisch ei. Innerhalb des Mittelmärkischen trennt die Linie Görzke-Brandenburg-Potsdam ein südöstliches Gebiet, in dem mnd. ê und ô diphthongiert sind (Schnai, Schnei, Schnäi „Schnee“, Strau „Stroh“) von einem nördlichen und westlichen, in dem sie (wie im Nordmärkischen) erhalten geblieben sind (Schnee, Stroh). In einem Teilgebiet tritt Hebung von mnd. ê1, ê2, ô2 und dessen Umlaut vor r zu i, u und ü auf, daher z. B. ierscht „erst“ (Teltow). Dies tritt ähnlich im Mecklenburgisch-Vorpommerschen auf, zu dem hier auch ein räumlicher Zusammenhang besteht, betrifft dort jedoch auch mnd. ê4 und ô1 (Teuchert 1964, S. 45, Wiesinger 1983, S. 882 f.) Senkung von vor r gedehnten mnd. Kurzvokalen e (Bääre „Beere, Birne“, Äre „Erde“, Färse f. „Färse“, Twärne „Zwirn“, Täär „Teer“), und o (regional Dar „Tor“, allerdings wohl eher historisch [Berlin 1475, Spandau 1501, Ruppin 1654, Havelberg 1522]). Die Entwicklung entspricht dem Niederländischen (aarde, mnl. aerde „Erde“) (Teuchert 1964, S. 46). Bildung neuer Langvokale durch Ausfall von -w- und -g- zwischen Vokalen: Aand „Abend“, Schnaal „Schnabel“, Vaal „Vogel“, klaan „klagen“, Flee „Fliege“.Joachim Wiese (1996), Kleines Brandenburger-Berliner Wörterbuch. Reclam Verlag, Leipzig, S. 8 Das Mittelmärkische bildet dadurch neue Langvokale aus ursprünglichen Diphthongen (Teuchert 1964, S. 33): ee (Flee „Fliege“ < *Fliëge, fleen „fliegen“ < *fliëgen) oo (Roh „Ruhe“ < *Ruoge, Hoon f.Pl. „Hufen“ < *huove) öö (Möh „Mühe“ < *Müöge, plöön „pflügen“ < *plüögen, Vierhöhner m. „Vierhüfener“ < *Vierhüövener)