mini|hochkant=1.2|Wilhelmplatz Gemälde von Julius Jacob dem Jüngeren, 1886
Der Wilhelmplatz war ein Platz im heutigen Berliner Ortsteil Mitte, der an die Wilhelmstraße angrenzte. An ihm lagen in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik und der NS-Diktatur die Reichskanzlei, eine Reihe von Ministerien sowie weitere markante Gebäude, die in der Mehrzahl im Zweiten Weltkrieg bei den Luftangriffen und der Schlacht um Berlin zerstört wurden.
Heute sind seine Umrisse nur noch teilweise erkennbar, da auf dem abgeräumten Areal in der Zeit der DDR neue Bauten errichtet wurden. Der ehemalige Wilhelmplatz ist Bestandteil der Geschichtsmeile Wilhelmstraße, mit der anhand von Schautafeln die Geschichte des ehemaligen Regierungsviertels im Laufe der Jahrhunderte dokumentiert wird.
Im 18. Jahrhundert
Anlage des Platzes mini|hochkant|links|Die Friedrichstadt im Plan der Königlichen Residenzstadt Berlin mit Süden = oben (1737); in der Nähe des Achtecks liegt der noch als Marckt bezeichnete Wilhelmplatz.
Wilhelmplatz und Wilhelmstraße entstanden im Zuge der nach 1721 forcierten, westlichen und südlichen Erweiterung der Friedrichstadt, die seit 1688 südlich der heutigen Straße Unter den Linden entstanden war. Die Leitung des Erweiterungsprojekts hatte der Ingenieur und Vorsitzende der städtischen Baukommission Major Christian Reinhold von Derschau. Ihm beratend zur Seite standen der Königliche Oberbaudirektor Johann Philipp Gerlach und Hofbaudirektor Johann Friedrich Grael, die für die architektonische Gestaltung verantwortlich waren. Unter ihrem Einfluss beschloss die Baukommission verbindliche und eng gefasste Richtlinien, damit sich ein harmonisches, ganzheitlich wirkendes Stadtbild ergab.Laurenz Demps: Berlin Wilhelmstraße. Eine Topographie preußisch-deutscher Macht. Links, Berlin 1994, ISBN 3-86153-080-5, S. 12–16, 18, 26–32.
Zunächst sah man ein traditionelles, kleinteiliges Rastersystem für die neu anzulegenden Straßen vor. Ab 1732 dominierten in der Planung jedoch drei zentrale Nord-Süd-Achsen, die am Südende strahlenförmig in einem kreisrunden Platz zusammenliefen, dem Rondell. Sie erhielten später die Bezeichnungen Wilhelmstraße, Friedrichstraße und Lindenstraße. Ein königliches Patent vom 29. Juli 1734 erwähnt unter den Bauvorhaben auch die Anlage eines größeren Platzes an der Wilhelmstraße.Laurenz Demps: Berlin Wilhelmstraße. S. 14–16, 33.
Ein Plan der Königlichen Residenzstadt Berlin aus dem Jahr 1737 weist erstmals einen viereckigen Platz aus, der sich im nördlichen Drittel der Wilhelmsstraße (wie man sie bis ins 19. Jahrhundert schrieb) an deren östlicher Seite öffnet. Bis 1749 war er als Wilhelms-Markt bekannt, danach trug er für genau 200 Jahre die Bezeichnung Wilhelmsplatz bzw. Wilhelmplatz. Namensgeber war der preußische „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., der Ausbau und Gestaltung der Friedrichstadt und vor allem des nördlichen Teils der Wilhelmstraße stark beeinflusst hatte.Laurenz Demps: Berlin Wilhelmstraße. S. 12–14, 18–20.
Schon nach frühen Planungen schloss an die Ostseite des Wilhelmplatzes eine breitere, leicht abgeknickte Verbindung zur Mohrenstraße an, die zunächst „Am Wilhelmplatz“, ab Mitte des 19. Jahrhunderts Zietenplatz genannt wurde. Auf manchen historischen Karten ist der Zietenplatz verkürzend als Teil des Wilhelmplatzes bzw. der Mohrenstraße ausgewiesen. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Mohrenstraße über Zietenplatz und Querachse des Wilhelmplatzes hinweg verlängert und endet seitdem an der Wilhelmstraße.„Zietenplatz“ und „Mohrenstraße“. In: Hans-Jürgen Mende (Hrsg.): Alle Berliner Straßen und Plätze.
Randbebauung mini|Wilhelms Marckt, Zeichnung von C. H. Horst (um 1733); geplante Bebauung der Westseite von links unten: Gold- und Silbermanufaktur (späteres Reichsverkehrsministerium), Palais Marschall und Palais Schulenburg. An der Nordseite das Ordenspalais (Palais Waldburg) mini|Vorderfront des Ordenspalais; im Hintergrund der linke Seitenflügel des Palais Schulenburg (Alte Reichskanzlei); Stich von Johann Georg Rosenberg, um 1785
Zurückgehend auf einen Wunsch Friedrich Wilhelms I. entstanden an der nördlichen Wilhelmstraße und am Wilhelmplatz ab den 1730er Jahren rund 30 Stadtpalais verdienter Vertreter des Hofes, der Staatsbehörden und des Militärs. Die privaten Bauherren erhielten kostenlos großzügige Grundstücke zugewiesen, der Staat trug einen Teil der Baukosten. In der Literatur herrscht jedoch Uneinigkeit, ob dies für die Betroffenen eher eine erstrebenswerte Ehre oder vor allem eine finanzielle Belastung bedeutete, der man sich lieber entzogen hätte. In jedem Fall sahen sich die Bauherren in die Pflicht genommen, ihren Teil zu einem standesgemäßen Ausbau der Friedrichstadt beizutragen.Laurenz Demps: Berlin Wilhelmstraße. S. 23–25, 32, 45–49.
Überliefert ist eine frühe Federzeichnung der Bauplanungen für den Wilhelmplatz. Sie stammt von dem Baumeister C. H. Horst und ist etwa auf das Jahr 1733 zu datieren. Darauf ist zu erkennen, dass für die Randbebauung des Wilhelmplatzes von Beginn an besonders prächtige Stadtpaläste vorgesehen waren. Mit Ausnahme eines ursprünglich für die Nordostseite des Platzes geplanten Palais wurden die erstmals von Horst skizzierten Gebäude tatsächlich errichtet. Sie entstanden etwa zeitgleich ab Mitte der 1730er Jahre.Laurenz Demps: Berlin Wilhelmstraße. S. 21–23.
Das wahrscheinlich von Johann Philipp Gerlach und C. H. Horst entworfene Palais Marschall an der Westseite der Wilhelmstraße (Nr. 78) dominierte die neue Platzanlage. Es lag als Blickpunkt auf der Sichtachse der alten Mohrenstraße. Die Aufweitung der Verbindungsstraße zum Wilhelmplatz – der spätere Zietenplatz – war dabei offenbar bewusst so konzipiert, dass weit von Osten her ein umfassender Blick auf das prachtvolle Palais ermöglicht wurde.Martin Engel: Das Forum Fridricianum und die monumentalen Residenzplätze des 18. Jahrhunderts. Kunsthistorische Dissertation, Freie Universität Berlin 2001, S. 42–43; diss.fu-berlin.de (PDF).Laurenz Demps: Berlin Wilhelmstraße. S. 21–23, 42.
Auf dem Grundstück Wilhelmstraße 77 errichtete der Architekt Carl Friedrich Richter das Palais Schulenburg. Während die Friedrichstadt sonst von einer durchgehenden Häuserfront gekennzeichnet war, durfte dem Hauptgebäude hier ein von Seitenflügeln flankierter Ehrenhof vorgesetzt werden. Allerdings nahm man durch die Ausrichtung des benachbarten Palais Marschall auf die Mohrenstraße in Kauf, dass das Palais Schulenburg an die Nordwestecke des Wilhelmplatzes gedrängt wurde und sein Ehrenhof so ohne Bezug zur Platzanlage blieb. Das Palais Schulenburg sollte ab 1878 als Reichskanzlei Amtssitz der deutschen Reichskanzler werden.Laurenz Demps: Berlin Wilhelmstraße. S. 20, 42.
Wie fast alle Grundstücke an der Westseite der Wilhelmstraße zwischen Unter den Linden und Leipziger Straße besaßen auch das Palais Schulenburg und das Palais Marschall ausgedehnte Gartenanlagen, die westlich bis zur Höhe der heutigen Ebertstraße reichten. Sie waren teils als barocke Schmuckgärten gestaltet, man baute in ihnen aber auch Obst oder Gemüse zum Verkauf auf den Berliner Märkten an. Diese Anlagen wurden nach Umwandlung der meisten Palais in Regierungsgebäude im 19. Jahrhundert als „Ministergärten“ bezeichnet.Laurenz Demps: Berlin Wilhelmstraße. S. 25, 45.
Das erste direkt am Wilhelmplatz gelegene Gebäude war das ab 1737 für den Generalmajor Karl Ludwig Truchsess von Waldburg errichtete Palais Waldburg. Es trug zunächst die Hausnummer Wilhelmplatz 7/8 (später 8/9) und lag an der Nordseite des Platzes. Auf Order des Königs hin übernahm der Johanniterorden das Gebäude nach dem vorzeitigen Tod des Bauherren und ließ es fertigstellen. Möglicherweise lagen dem ebenfalls von Richter erbauten Palais Pläne des königlichen Hofbaumeisters Jean de Bodt zu Grunde.Laurenz Demps: Berlin Wilhelmstraße. S. 30, 42, 49–50.
mini| Reichsverkehrsministerium an der Südwestecke des Wilhelmplatzes (Wilhelmstraße 79–80), 1937
Es zeichnete sich bald ab, dass für die Grundstücke an der nördlichen Wilhelmstraße nicht genügend private Bauherren zu finden waren. Daher musste Friedrich Wilhelm I. akzeptieren, dass sich auch Korporationen, Gilden, Vereinigungen und Staatseinrichtungen dort ansiedelten, die sonst eher den südlichen Teil der Wilhelmstraße nutzten.Laurenz Demps: Berlin Wilhelmstraße. S. 23–25, 32. So ließ sich an der Südwestecke des Wilhelmplatzes (Wilhelmstraße 79) eine Gold- und Silbermanufaktur nieder, die von 1735 bis 1737 nach Plänen von Gerlach entstand. Die Manufaktur war im Besitz des Potsdamer Militärwaisenhauses, das sich aus den Erträgen finanzieren sollte. Zu ihr gehörte ein weiteres Gebäude an der Südseite des Wilhelmplatzes (Nr. 2).Laurenz Demps: Berlin Wilhelmstraße. S. 19, 23–25. Das Gebäude Wilhelmstraße 79 wurde in den Jahren 1869 bis 1876 zum Nachbargrundstück (Hausnr. 80) sowie zur Voßstraße (Hausnr. 35) hin erweitert. In dem Gebäudekomplex residierten der preußische Handelsminister und (ab 1878) zusätzlich der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten. In der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus waren dort das Reichsverkehrsministerium und ein Teil der Reichsbahn-Verwaltung untergebracht.
Den Juden Berlins war es seit 1727 untersagt, Häuser in der Stadt zu erwerben. Trotzdem wurde der Jüdischen Gemeinde 1735 das südliche Eckgrundstück zur Wilhelmstraße (Wilhelmplatz 1) mit der Auflage zugewiesen, ein Gebäude darauf zu errichten. Aus Finanznot war die Gemeinde in den folgenden drei Jahrzehnten dazu jedoch nicht in der Lage. Zwischen 1761 und 1764 erwarb dann mit Sondererlaubnissen von König Friedrich II. Veitel Heine Ephraim, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, den Manufakturbau Wilhelmplatz 2 an der Südseite und das erwähnte Eckgrundstück als Privateigentum sowie die Gold- und Silbermanufaktur zur Erbpacht.Laurenz Demps: Berlin-Wilhelmstraße. S. 32, 56–60.
Generalsdenkmäler Nach Ende des Siebenjährigen Kriegs im Jahr 1763 entwickelte sich der Plan, auf dem Wilhelmplatz Statuen der im Krieg gefallenen preußischen Generale zu errichten. So entstanden zunächst vier freistehende, in Marmor ausgeführte Einzelfiguren von Generalfeldmarschall Kurt Christoph Graf von Schwerin (Bildhauer: François Gaspard Adam und Sigisbert François Michel, aufgestellt 1769), Generalfeldmarschall Hans Karl von Winterfeldt (Johann David Räntz und Johann Lorenz Wilhelm Räntz, 1777), General Friedrich Wilhelm von Seydlitz (Jean-Pierre Antoine Tassaert, 1781) und Generalfeldmarschall James Keith (Jean-Pierre Antoine Tassaert, 1786). Sie bildeten die Militärs in eher konventioneller Form ab. Schwerin und Winterfeldt waren in antikisierender Manier mit römischen Kleidern und Waffen dargestellt, Seydlitz und Keith in zeitgenössischen Uniformen.Laurenz Demps: Berlin-Wilhelmstraße. S. 66–68.
In den Jahren 1794 und 1828 wurden zwei weitere Statuen am Wilhelmplatz aufgestellt, die ursprünglich für andere Berliner Stadtplätze bestimmt gewesen waren. Sie stammten von dem bedeutenden Berliner Bildhauer Johann Gottfried Schadow. Bei den Skulpturen handelte es sich um Darstellungen von Hans Joachim von Zieten und von Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau, genannt „Alter Dessauer“. Das Standbild Zietens war für den ebenfalls in Berlin-Mitte gelegenen, heute nicht mehr existierenden Dönhoffplatz vorgesehen gewesen, das Denkmal Anhalt-Dessaus hatte seit 1800 zunächst an der Südwestecke des Lustgarten gestanden und wurde dann gemäß der Planung von Karl Friedrich Schinkel (der beide Stadtplätze neu gestaltete) umgesetzt. Zusammen prägten die sechs Skulpturen den Wilhelmplatz bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.Laurenz Demps: Berlin-Wilhelmstraße. S. 68–70.