Ein Frauenorchester ist ein aus Instrumentalistinnen bestehendes Orchester.Bekannt wurden bisher nur von Frauen gegründete Frauenorchester, wie das Clara Schumann Orchester oder das Weinlich Damen-Orchester. Für Instrumentalistinnen war es bis Ende des 20. Jahrhunderts schwierig, in mitteleuropäischen Kultur-Orchestern, die in der Regel aus Männern bestanden, beruflich Fuß zu fassen.Tatsachenbericht einer Posaunistin (Abbie Conant).
mini|350px|Francesco Guardi: Galakonzert der Venezianischen Ospedali 1782. Chor und Orchester, gebildet aus Schülerinnen der Venezianischen Ospedali, sind auf der Empore des Saales verteilt. Über den Anlass zu diesem Gemälde Guardis von 1782 – vermutlich ein Oratorium-Konzert – wurde bis nach München berichtet:„Münchener Stats-, gelehrte, und vermischte Nachrichten, Dienstag, den 5ten Hornung 1782, 21“. Zitiert in: Sonja Erhardt: Europäischer Musiktransfer. Russland im späten 18. Jahrhundert. Wilhelm Fink Verlag, Brill Paderborn 2019, S. 286 u. 287. „[…] von allen Zöglingen unsrer verschidenen musikalischen Konservatorien“, […] die im „filarmonischen“ Saale des Gebäudes der Prokuratien an der Piazza San Marco in Venedig für russische Staatsgäste ein „grosses und prächtiges Konzert“ gaben. Diese Konzerte gehörten damals zu den Fremdenverkehrs-Attraktionen der Inselstadt.
Begriff und Situation In Anbetracht „des langen Weges von Musikerinnen in die Berufsorchester“von dem Musikwissenschaftler Christian AhrensKommentar zu Christian Ahrens vom Sophie Drinker Institut und der vorherrschenden Konzertpraxis der bis zur Jahrtausendwende hauptsächlich aus Männern bestehenden Orchester, die Werke von Komponistinnen weitgehend zu ignorieren, gründete Elke Mascha Blankenburg 1986 ein reines Frauenorchester, das „Clara Schumann Orchester“ in Köln.ELke Mascha Brandenburg Das Deutsche Musikinformationszentrum (miz) des Deutschen Musikrates gab 2022 ein illustriertes Faltblatt heraus: „Musikleben in Zahlen. Am Pult der Zeit!? Chancengleichheit in deutschen Berufsorchestern“. Es informiert über die heute verbesserte, gegenüber der früher in Bezug auf Gleichberechtigung äußerst prekären Situation im „Land der Orchester“, womit Deutschland gemeint ist, wo es „flächendeckend“ „129 Orchester in öffentlicher Trägerschaft“ gibt.Am Pult der Zeit?
Zur Geschichte der Frauenorchester
Musizierende Frauen in Ensembles gibt es seit der Antike. Aufgeschriebene Geschichte der Frauenorchester im größeren Zusammenhang gibt es nicht. Auch ist tatsächlich zu unterscheiden zwischen den Begriffen „Frauenorchester“ und „Damenorchester“ (hier meist -„Kapelle“), die sich manchmal überlappen, letztere eingebürgert für die Unterhaltungsmusik, wobei sexistische Bezuge auffallen.Deutschlandfunk Die Geschichte der Damenkapellen Im Lexikon des Orchesters wird unter dem Stichwort Damenorchester von „misogyner“ Rezeption, nämlich „Nähe von Sexarbeit“, „Kontrollen der strengen Sittenpolizei“, „keine künstlerische Ambition“ usw. geschrieben,Lexikon des Orchesters Bd. I, S. 253–254. sodass die Abbildung des Weinlich-Orchesters an dieser Stelle des Lexikons deplatziert ist. Ein Artikel Frauenorchester fehlt aber in diesem Lexikon.
Annkatrin Babbe begründet in ihrem Buch von 2011Annkatrin Babbe 2011 „Ein Orchester, wie es bisher in Europa noch nicht gesehen und gehört worden war“ unter Forschungsstand, S. 13. konzentriert die Notwendigkeit von sich bildenden Frauenorchestern und insbesondere im knapp gehaltenen Kapitel Entwicklung der Frauenorchester im 19. Jahrhundert.Annkatrin Babbe 2011, S. 24–26. Auf S. 25 resümiert sie: „Die Berufsorchester waren den Frauen, mit Ausnahme der Harfenistinnen, verschlossen.“ Es war die Zeit, als sich die klassischen Sinfonieorchester in Europa zu monumentaler Größe mit männlicher Dominanz entwickelten.Männerorchester Berliner Philharmoniker 1946: mini|Männerorchester 1946, Berliner Philharmoniker. Dies nennt Christian Ahrens noch 2018 „Männerherrschaft im Orchester“.Christian Ahrens (online, Sophie Drinker institut), S. 6 oben.Deutschlandfunk 2018 über Christian Ahrens: Der lange Weg nach oben
Erst ab Mitte bzw. Ende des 19. Jahrhunderts wurden Frauen zum Musikstudium zugelassen. Aber
mini|links|hochkant|Anita Lasker-Wallfisch 2018 Ein Alleinstellungsmerkmal hat das 1943 gegründete Mädchenorchester von Auschwitz nicht nur von seiner tragischen Funktion her als „Häftlingsorchester“, sondern es dürfte im 20. Jahrhundert in Deutschland der erste Fall eines reinen Frauenorchesters gewesen sein. Anders, als der dafür geläufige Titel Mädchenorchester aus „Laienmusikerinnen“Lexikon des Orchesters I, S. 663. nahelegt, bestand es aus erwachsenen, zum großen Teil professionell ausgebildeten Instrumentalistinnen und u. a. der hochkünstlerischen Leiterin Alma Rosé.Anita Lasker-Wallfisch: Die Kapelle. In: Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz. S. 124–144. Seine überlebende Cellistin Anita Lasker-Wallfisch schrieb darüber das Buch Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz. Sie wurde nach dem Krieg Mitbegründerin des English Chamber Orchestra.
Ansatzpunkte international für musizierende Frauen
mini|links|hochkant|Ägyptische Musikerinnen mit Flöte, Langhalslaute und Harfe, um 1422–1411 v. Chr. Im oft „blinden“ Arbeitsfeld zum Begriff Frauenorchester gibt es international verschiedene Ansatzpunkte, oft allein bildliche Darstellungen (zumeist aus alten Zeiten), welche in der Gruppe musizierende Frauen zeigen: Der Musik-Ethnologe Curt Sachs (1881–1959) führte bereits für das zweite Jahrtausend v. Chr. eine syrische Frauenkapelle an.Curt Sachs: Vergleichende Musikwissenschaft, 1974, S. (34–)35.MGG 1, Bd. 9, Echnaton 1085. Ebenfalls aus dem Alten Orient stammt die Darstellung eines Elamitischen HoforchestersMGG 1, Bd. 9, 1081/82, mit einer Harfe spielende Frau unter Männern (2. von links, als Frau erkennbar als einzige ohne Bart dargestellt) (Bild von 650 v. Chr.).MGG 1, Bd. 9, 1081/82. Text Klang und Identität, dazu gekürztes, aber deutlicheres Bild Harems-Musikerinnen, zahlreich dargestellt in alten Bildern.Beispiele (wenn auch oft zu kleine Drucke) in Roswitha Gost: Die Geschichte des Harems, 2002. Es handelt sich dabei um musizierende Harems-Sklavinnen (Odalisken).Francesco Guardi: Zwei Odalisken (Sklavinnen) Roswitha Gost zeigt in ihrem Buch Die Geschichte des Harems eine alte undatierte Abbildung einer türkischen Handschrift von sechs Musikerinnen (Harfe, Laute und Schlagzeuge) sowie zwei Tänzerinnen mit Rhythmusinstrumenten in den Händen vor Harems-Publikum. Im 19. Jahrhundert, unter europäischem Einfluss dann, so beschreibt Gost weiter, kam es im Harem in Istanbul unter dem Sultan Abdülmecid I. (1838–61) zu einem Orchester, dem 80 Mädchen angehörten, für die man eigens Giuseppe Donizetti aus Italien als Musiklehrer engagierte.Gost 2002, S. 247.
Orchester-Beispiele weltweit Die venezianischen Ospedali waren seit dem 16. Jahrhundert karitative Einrichtungen für Waisen, in denen weibliche Zöglinge musikalisch ausgebildet wurden. Chor und Orchester wurden mit Mädchen und Frauen besetzt, die oft lebenslang im Ospedale blieben.Bedeutung der Venezianischen Ospedali mini|200px|Josephine Weinlichs Damenorchester, Holzschnitt von Vinzenz Katzler 1874 Josephine Weinlich gründete in den 1860ern in Wien das erste europäische Damenorchester (auch „Wiener Damencapelle“ genannt), das ähnlichen Orchestern als Vorbild diente und das etwa bei der Weltausstellung 1873 in Wien auftrat.Annkathrin Babbe: „Ein Orchester, wie es bisher in Europa noch nicht gesehen und gehört worden war“. Das „Erste Europäische Damenorchester“ von Josephine Amann-Weinlich, BIS-Verlag der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg 2011 (odf)Annkathrin Babbe: Weinlich, Josephine, in: Europäische Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts, Sophie Drinker Institut.
Im karibischen Havanna, der Hauptstadt Kubas wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein kubanisches Son Cubano Orchester aus Frauen unter dem Namen und in Erinnerung an die im 16. Jahrhundert ermordete Königin von Haiti Anacaona, die eine Musikerin war, bekannt. Sie machten Konzertreisen auch nach Europa.Alicia Castro mit Ingrid Kummels und Manfred Schäfer: Anacaona. The Amazing Adventures of Cuba's First All-Girl Dance Band. Atlantic, London 2007, S. 149ff. mini|200px|Frédérique Petrides und ihr Orchestrette Classique
1933 gründete die Dirigentin und Violinistin Frédérique Petrides in New York das Orchestrette Classique, ein Frauenorchester, das bis 1943 in Sälen wie der Aeolian Hall und der Carnegie Hall auftrat.FRÉDÉRIQUE PETRIDES PAPERS, nypl.org
Unter dem Namen Nüzi shier yuefang, auch Twelfe Girls BandTwelfe Girls Band, last.fm musizieren 14 namentlich genannte Chinesinnen auf chinesischen Volksinstrumenten sowohl traditionelle Chinesische Musik, als auch moderne Popmusik.Handel's Music For Royal Fireworks — Twelve Girls Band Sie treten zu zwölft auf und haben sich seit ihrem Gründungsjahr 2001 in Asien eine große Popularität erspielt. Ihre Instrumente sind: Erhu (Streichinstrument), Pipa (chinesische Laute), Guzheng (Zither), Yangqin und Dizi (Flöte). Musikbeispiel
Zwei mit Frauen besetzte Orchester in Syrien sind das 2003 von Wafaa Safar gegründete und geleitete „Orientalische Frauenorchester“ mit klassischer arabischer Musik und das 2006 gegründete „Mari-Orchester“, ein Sinfonieorchester unter der Leitung von Raad Khalaf.Mari Orchestra Channel. Youtube
Möglichst unsichtbar Guardis Darstellung eines venezianischen Ospedali-Konzertes (Bild siehe oben) ist insofern eine Besonderheit, als Mädchen und Frauen wegen des vatikanischen MusizierverbotsElisabeth Gössmann: Eva in der hebräischen Bibel und in der Deutung durch die Jahrhunderte. In: Eva Gottes Meisterwerk (Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung Band 2). iudicium München 2000. Einleitung Seite 11–45; speziell zum 1. Korintherbrief des Paulus 14.33b–36 siehe Seite 20/21. grundsätzlich dabei nicht gesehen und betrachtet werden sollten.Besonders reizvoll mag dabei der Umstand gewesen sein, dass die Musikerinnen nicht gesehen werden konnten. Sie musizierten auf den vergitterten und teils mit Samttüchern verhängten Choremporen, so dass nur Schemen ihrer Gestalt sichtbar waren – welches wohl nicht nur den Genuss an der Musik intensiviert, sondern offenkundig auch die Phantasie der Zuhörer weiter betört haben musste. (Siehe Text und Bilder aus: 2023 Gemeinsames Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena.) An ihren hauptsächlichen Auftrittsorten, den Kirchen, wurden sie deshalb von Gittern verdeckt, wie Goethe während seiner Italienreise seinen Venedig-Besuch beschreibt: „Einen zierlichen Käfig erblickte ich; hinter dem Gitter regten sich emsig und rasch Mädchen des süssen Gesangs.“Johann Wolfgang von Goethe: Epigramm. In P. Winter: Venezianische Epigramme, nach Jane L. Baldauf-Berdes: Women Musicians. 1993, S. 233, Anmerkung 1. Auch bei Guardis Gemälde eines öffentlichen (nicht Kirchen-) Konzerts sind die Musikerinnen schlecht zu beobachten, weil auf der seitlichen Empore platziert, wohin die Zuhörer ihren Hals verdrehen müssten. Allerdings sieht man auf dem Bild gegenüber den Musikerinnen Zuhörer mit freier Sicht sitzen, das dürften die russischen Gäste gewesen sein, für die das Konzert, eine Attraktion der Inselstadt, veranstaltet wurde.
Das Gemälde zeigt offenbar nur erwachsene Schülerinnen, da wäre die Bezeichnung „Frauenorchester“ statt des heute verniedlichenden „Mädchenorchester“ angebracht.Lexikon des Orchesters I, S. 663.
Klöster