Die Bob-Europameisterschaft 1992 wurde am 25. und 26. Januar im Zweierbob und am 1. und 2. Februar 1992 im Viererbob zum zweiten Mal auf der Kunsteisbahn im deutschen Königssee ausgetragen. Da es durch die Olympischen Spiele in Albertville keine Bob-Weltmeisterschaften gab, wurde die Europameisterschaft zu einer eigenständigen Veranstaltung außerhalb des Bob-Weltcups klassifiziert. Dementsprechend wurden bei der EM vier Läufe ausgetragen.

Weil die Europameisterschaft der letzte größere Bob-Wettbewerb vor den Olympischen Spielen war, kollidierte sie zwangsläufig mit den Trainingsplänen nicht weniger Athleten. So nahmen die Bobs aus den USA und Kanada, die bekannten Bobpiloten Zintis Ekmanis und Jānis Ķipurs, die nunmehr für Lettland starteten, sowie der Italiener Günther Huber an der EM nicht teil. Bei den Zweierbobs ging allerdings Titelverteidiger Gustav Weder aus der Schweiz an den Start, die Viererbob-Konkurrenz ließ er wegen der zeitlichen Nähe zu den Olympischen Bobwettbewerben aber weg.

Ein besonderes Comeback gab der Rumäne Paul Neagu. Bereits 1976 für Rumänien bei Olympia startend, war er 1979 nach einem Wettkampf in der Bundesrepublik Deutschland geblieben und wirkte fortan als Trainer in Winterberg. Dort hatte er Anteil an den Leistungen von Dirk Wiese. Nach dem politischen Umbruch in seinem Heimatland startete der bereits 37-Jährige erneut für Rumänien, mit dem Ziel, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren.

Ins deutsche Bobteam war durch den Wechsel von Christoph Langen auf den Pilotensitz Bewegung geraten. Langen erzielte sofort Spitzenergebnisse und meldete Ansprüche für einen Startplatz bei Olympia an. Darüber hinaus hatte sich Altmeister Wolfgang Hoppe bei einem Olympia-Qualifikationsrennen in Altenberg einen Muskelfaserriss zugezogen und ließ somit die EM aus. Nach den deutschen Meisterschaften, die eine Woche vor der EM ebenfalls in Königssee stattfanden, wurden Christoph Langen mit Anschieber Günther Eger und Rudi Lochner mit Anschieber Markus Zimmermann im Zweierbob sowie Harald Czudaj und Wolfgang Hoppe mit ihren Crews für den Viererbob-Wettbewerb von Bundestrainer Raimund Bethge für Olympia nominiert.Berliner Zeitung vom 20. Januar 1992 S. 19 Da sowohl Lochner, immerhin Weltmeister von 1991, als auch Langen im Zweierbob bei der EM starten würden, war die Konkurrenz für Titelverteidiger Weder durchaus ansprechend.

Zweierbob Nach dem ersten Wettkampftag sah es so aus, als würde Titelverteidiger Gustav Weder mühelos seinen vierten Europameistertitel im Zweierbob feiern können. Doch speziell Christoph Langen, bei einer EM erstmals an den Lenkseilen, machte es dem Schweizer schwer und ließ sich auch von einem Chassisbruch, den sein Bob im zweiten Lauf erlitt, nicht beirren. Betrug der Vorsprung zwischen Werder und Langen nach dem ersten Tag noch fast zwei Zehntel, schmolz er nach dem dritten Lauf auf fünf Hundertstel zusammen. Langen fuhr mit dem Bob von Harald Czudaj die mit Abstand schnellste Zeit und gestaltete so das Rennen um den Titel völlig offen. Im letzten Lauf leistete sich Langen allerdings einige Unsauberkeiten und fuhr um einiges langsamer als Weder. Der Schweizer konnte letztlich mit 14 Hundertstel Vorsprung seinen vierten EM-Titel im Zweierbob feiern. Entgegen den Erwartungen gewann nicht der Lokalmatador und Altmeister Rudi Lochner Bronze, sondern der nicht für Olympia nominierte Sepp Dostthaler. Für eine Überraschung sorgte der Monegasse Gilbert Bessi, der den neunten Rang unter 32 startenden Bobs belegte.Freiburger Nachrichten vom 27. Januar 1992 S. 11Berliner Zeitung vom 27. Januar 1992 S. 17 RangBob Lauf 1 Lauf 2Lauf 3 Lauf 4 Gesamtzeit Rückstand 1 I Gustav WederDonat Acklin49,3049,7949,62 49,643:18,35 min 2 II Christoph LangenGünther Eger 49,5449,7449,48 49,753:18,49 min+0.14 3 I Sepp DostthalerMike Sehr 49,6549,8249,62 49,893:18,98 min+0.63 4 II Christian MeiliChristian Reich 49,9350,2749,51 49,893:19,60 min+1.25 5 III Rudi LochnerMarkus Zimmermann 50,1150,1249,78 50,013:20,02 min+1.67 6 I Mark ToutLenny Paul 49,9550,2049,93 50,103:20,18 min+1.83 7 II Ingo AppeltThomas Schroll 3:20,25 min+1.90 8 III Martin WildhaberGerry Löffler 3:20,66 min+2.319 I Gilbert BessiMichel Vatrican 3:20,90 min+2.55 10 I Hubert SchösserMartin Riedl 3:21,05 min+2.70

Viererbob Nachdem die Zweierbob-EM durch Titelverteidiger Gustav Weder und die leistungsstarken deutschen Olympiastarter noch eine ansehnliche Konkurrenz aufwies, dünnte sich das Feld bei den großen Schlitten weiter aus, es gingen nur 19 Teams an den Start. Aus der Schweiz nahm kein Olympiastarter teil, mit Marty, Götschi und Wildhaber ging die sogenannte zweite Reihe an den Start. Im Training stürzte zudem einer der Mitfavoriten, der Österreicher Ingo Appelt. Im Hinblick auf Olympia verzichtete er anschließend auf einen EM-Start.Bieler Tagblatt vom 30. Januar 1992 S. 30 Somit war letztlich der Altenberger Harald Czudaj der einzig verbliebene Top-Athlet und zwangsläufig Titelfavorit. Dieser Erwartungshaltung wurde der Sachse gerecht, wenngleich im ersten Lauf der Österreicher Hubert Schösser ein Achtungszeichen setzte. Der nicht für Olympia nominierte Tiroler fuhr Laufbestzeit und war drei Hundertstel schneller als Czudaj. Dieser korrigierte diesen Zwischenstand aber bereits im zweiten Lauf und vergrößerte den Abstand auf Schösser zunehmend. Bereits nach dem dritten Lauf hatte Czudaj sieben Zehntel Vorsprung vor Schösser, der EM-Titel war ihm faktisch nicht mehr zu nehmen. Allerdings entwickelte sich am zweiten Wettkampftag ein spannender Kampf um die weiteren Medaillen. Zum einen überraschte der Rumäne Neagu mit Laufbestzeit im dritten Lauf die Konkurrenz und war damit zumindest für Bronze ein ernstzunehmender Kandidat. Zum anderen lag der Schweizer Marty nach drei Läufen nur neun Hundertstel hinter dem Silberrang. Doch im letzten Lauf versagten ihm die Nerven, mit Mühe konnte er einen Sturz verhindern. Da der Rumäne Neagu die zweitbeste Laufzeit fuhr, fiel Marty sogar noch aus den Medaillenrängen. Für Rumänien war es seit 1973 die erste internationale Medaille. Der Schweizer Martin Wildhaber wurden wegen erhöhter Temperatur seiner Kufen disqualifiziert, er lag zur Halbzeit auf dem 5. Platz.Thuner Tagblatt vom 3. Februar 1992 S. 10Neue Zeit vom 4. Februar 1992 S. 16Sports (Latvijas PSR Sporta biedrību izdevums), Nr. 19 vom 4. Februar 1992 RangBob Lauf 1 Lauf 2Lauf 3 Lauf 4 Gesamtzeit Rückstand 1 I Harald CzudajTino BonkAxel JangAlexander Szelig48,6148,4648,43 48,353:13,85 min 2 I Hubert SchösserHannes ContiMartin RiedlGerhard Haidacher 48,5848,9848,68 48,743:14,98 min+1.13 3 I Paul NeaguLaurentiu BudurLaszlo ModosCostel Petrariu 49,0349,2748,42 48,733:15,45 min+1.60 4 I Stefan MartyThomas MeierDominik KellerRobert Grau 48,6848,9148,74 49,143:15,47 min+1.62 5 III Dirk WieseThorsten WölmMatthias ZieschangOlaf Hampel 48,92 48,9148,7148,99 3:15,53 min+1.68 6 III Volker DietrichSven RührFrank BartholomäusThomas Rex 49,9849,0148,80 48,893:15,68 min+1.83 7 I Jiří DžmuraPavel PuškárKarel DostalRoman Hrabaň 3:16,37 min+2.52 8 III Reto GötschiRoland BernhardRené HitzDaniel Scarlata 3:16,79 min+2.94 9 I Roberto D’AmicoAndrea MeneghinBruno LeonardiSergio Chianella 3:17,03 min+3.18 10 II Claudio CavosiFabrizio TosiniDanilo MatteiPaolo Bonatti 3:17,93 min+4.08

Medaillenspiegel Platz Nation Gold Silber Bronze 1 1 1 1 2 1 0 0 3 0 1 0 4 0 0 1

Einzelnachweise

#1992 Kategorie:Sportveranstaltung 1992 Europameisterschaft 1992 Kategorie:Sportveranstaltung in Schönau am Königssee Kategorie:Kunsteisbahn Königssee