mini|Schrein von Frøslev
Der Schrein von Frøslev (; alternative deutsche Bezeichnungen Frøslevschrein und Frösleeschrein) ist ein kunstvoll ausgeführtes Behältnis im romanischen Stil, das möglicherweise als Reliquienschrein oder Tragaltar gedient hat. Es wurde 1872 in einem Moorgebiet nahe der Ortschaft Frøslev im heutigen deutsch-dänischen Grenzgebiet unweit der Stadt Flensburg gefunden. Die Forschung datiert den Schrein überwiegend auf Ende des 11. oder Anfang des 12. Jahrhunderts. Der Herkunftsort des 19,5 cm langen, 13,8 cm breiten und 7,8 cm hohen Kästchens konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden. Die größte Wahrscheinlichkeit spricht für eine Werkstatt in Dänemark oder Norddeutschland. Der Schrein von Frøslev gehört zur Sammlung des Dänischen Nationalmuseums in Kopenhagen.
Fundgeschichte Gemäß den meisten Darstellungen wurde der Schrein von Frøslev im Jahr 1872 von Hans Jørgensen aus Ellund beim Torfstechen entdeckt.Karsten Krambs: Frøslevskrinet fra år 1100–1150. In: skalman.nu, 28. Dezember 2016, abgerufen am 16. Juni 2022. Der Fundort in einem großen Moorgebiet befindet sich in unmittelbarer Nähe der heutigen deutsch-dänischen Grenze, westlich des Ortes Frøslev (Fröslee), der seit 2007 als Stadtteil von Padborg zur Aabenraa Kommune gehört. Die Stadt Flensburg liegt etwa acht Kilometer südöstlich des Fundorts, den heute ein Obelisk aus Eiche markiert. Da die Stelle recht weit vom historischen Ochsenweg (dänisch Hærvejen) entfernt ist, wird vermutet, dass der Besitzer des Schreins sich im Moor verlaufen haben könnte; die genauen Umstände, wie das Kästchen dorthin gelangte, sind aber unbekannt.Poul Svensson: Frøslevskrinet. Flensburg 1981, S. 23.
1872 befanden sich Frøslev und der Fundort auf dem Gebiet des deutschen Kaiserreichs. Der Schrein wurde unter großer Geheimhaltung von Dänen über die damalige Grenze an der Kongeå nach Kopenhagen geschmuggelt, wo ihn der Lehrer Jens Madsen dem Oldnordisk Museum (Altnordischen Museum) überließ. Als Finderlohn erhielten Hans Jørgensen oder Jens Madsen – je nach Quelle – 10 Reichstaler sowie vier Fachbücher aus dem Bereich der Altertumswissenschaft.
In Veröffentlichungen über den Schrein, unter anderem in einer 1981 veröffentlichten Monografie, behauptete der dänische Gymnasiallehrer Poul Svensson mit Hinweis auf die mündliche Überlieferung vor Ort, der eigentliche Finder des Kästchens sei nicht Hans Jørgensen gewesen, sondern dessen Sohn Rasmus Jørgensen, der es in der Moorparzelle seines Vaters entdeckt habe. Die Darstellung, Hans Jørgensen habe beim Graben im Moor den Schrein auf seiner Schaufel gehabt, sei „falsch“.„forkert“ – Poul Svensson: Frøslevskrinet. Flensburg 1981, S. 20.Poul Svensson: Frøslevskrinets fundsted. In: Sønderjysk månedsskrift. 1980, H. 8, S. 210–214, hier: S. 211.
Schrein Maße, Material und Technik Der romanische Schrein von Frøslev war ursprünglich ein Holzkästchen mit den Maßen 19,5 cm (Länge) mal 13,8 cm (Breite) mal 7,8 cm (Höhe).Poul Svensson: Frøslevskrinet, Flensburg 1981, S. 14. Der Deckel und die vier Seitenflächen wurden mit Platten aus Kupfer verkleidet, die mit Emaille vor allem in expressiven Blautönen (Ultramarin, Pariserblau, Hellblau und Lapislazuli) und in WeißPeter Springer: Kreuzfüße. Ikonographie und Typologie eines hochmittelalterlichen Gerätes, Berlin 1981, S. 97–99, hier: S. 97. aufgefüllt waren. Der originale Holzkern hat sich nicht erhalten. Sämtliche Platten waren einst von vergoldeten Kugeln umrahmt, doch ist ein Teil von ihnen verloren gegangen. Die noch vorhandenen Löcher lassen erkennen, dass es 200 Kugeln gewesen sein müssen. Auf dem hinteren Deckelrand wird die Kugelreihe von einem Kreuzmedaillon unterbrochen. In dem Medaillon ist ein Lamm Gottes (Agnus Dei) dargestellt.Poul Svensson: Frøslevskrinet, Flensburg 1981, S. 51 f. Als Rarität erhalten geblieben ist ein stark beschädigtes, etwa 4,5 Zentimeter hohes Kruzifix aus Kupfer, das hinter dem Medaillon in einen Schlitz an der rückwärtigen Kante der Deckplatte eingesteckt werden kann.Daniel Cremer: Tragaltarförmige Reliquiare des Mittelalters, Düsseldorf 2017, S. 159 und 245.
Nach landläufig verbreiteter Ansicht wurde die prachtvoll gefärbte Emaille mit der Technik des Grubenschmelzes angebracht. In die Metallplatte werden hierbei durch Schaben oder Ätzen sogenannte „Gruben“ (Vertiefungen) eingelassen, in die die Emaille eingegossen wird. Nachdem das Dänische Nationalmuseum in Kopenhagen um 1980 eine technische Analyse des Frøslevschreins vorgenommen hatte, stellte Poul Svensson eine alternative Hypothese auf. Seiner Meinung nach war der Beweis erbracht worden, dass die Kupferplatten des Schreins gegossen worden waren – und zwar mitsamt der Gruben für die Emaille. Eine mikroskopische Analyse habe ergeben, dass auf den Platten jedwede Werkzeugspuren fehlten, die auf den Einsatz eines Grabstichels oder Meißels hätten hindeuten können.Poul Svensson: Frøslevskrinet, Flensburg 1981, S. 76 f. Dieser Ansicht ist jedoch energisch widersprochen worden. Das Kästchen habe lange im Moor gelegen, so dass das Kupfer korrodiert sei, was auch Auswirkungen auf die Oberflächenstruktur haben müsse. Möglicherweise würden detailliertere Untersuchungen an den Platten des Frøslevschreins Werkzeugspuren sichtbar machen.Vgl. Neil Stratford, Northern Romanesque Enamel. London 1993, S. 114.
Bildprogramm In starker Vereinfachung ist auf dem Deckel des Kästchens die Herrlichkeit des Herrn (Majestas Domini) dargestellt. Christus thront auf einem Regenbogen, und die Welt dient ihm als Fußschemel. Umgeben ist er von einer Mandorla, während in den vier Ecken die Evangelistensymbole (Mensch, Adler, Löwe, Ochse) abgebildet sind.Poul Svensson: Frøslevskrinet, Flensburg 1981, S. 38.Hans Ole Matthiesen / Jørgen Smidt-Jensen: Frøslevskrinet – er rejsen nu endt? In: Sønderjydske Årbøger, 105, H. 1, 1993, S. 5–28, hier: S. 7. Auf der Vorderseite des Schreins ist die Golgathaszene mit den römischen Soldaten Stephaton und Longinus dargestellt. Links und rechts vom Kreuz stehen jeweils unter einer Rundbogenarkade Johannes und Maria.Poul Svensson: Frøslevskrinet, Flensburg 1981, S. 47 f. Ausgehend vom toten Christus am Kreuz über das siegreiche Lamm mit Kreuzfahne im Medaillon (Agnus Dei) als Sinnbild der Auferstehung bis hin zum thronenden Christus in der Mandorla mit den Evangelistensymbolen als Zeichen für die Wiederkunft Christi ergebe sich „eine ikonografische Achse“.Daniel Cremer: Tragaltarförmige Reliquiare des Mittelalters, Düsseldorf 2017, S. 245.
Auf den beiden Schmalseiten des Kästchens sind jeweils drei Personen mit Heiligenschein, ebenfalls unter einer Arkade, zu sehen. Auf der Rückseite sind in derselben Weise fünf weitere Personen platziert. Der Kleiderstil der Personen ist auffallend uneinheitlich. Die Heiligen wurden mit einiger Zurückhaltung als elf Jünger Christi interpretiert; der zwölfte Jünger (Johannes) sei auf der Vorderseite dargestellt.Poul Svensson: Frøslevskrinet, Flensburg 1981, S. 49 f. Nach anderer Auffassung repräsentiert nur die Rückseite das Apostelkollegium, das als Zeichen der Einsetzung der Eucharistie und Begründung der Kirche gern auf Antependien und auf den Seitenverkleidungen von Altären erscheint, hier aber auf fünf disputierende, einander zugewandte Apostel reduziert sei. Die Seitenflächen des Kästchens werden nach diesem Verständnis von unbekannten Heiligen eingenommen.Peter Springer: Kreuzfüße. Ikonographie und Typologie eines hochmittelalterlichen Gerätes, Berlin 1981, S. 97–99, hier: S. 98. Eine weitere Deutung identifiziert die Figuren an den Seitenflächen mit Bischöfen und heiligen Frauen.Joseph Braun: Ein Portatile im Nationalmuseum zu Kopenhagen. In: Zeitschrift für christliche Kunst, Bde. 23–24, 1910, Sp. 249–254, hier: Sp. 252.
Die auf Medaillon und Emailleplatten ausgeführte Überwindung des Todes durch Christus erhält durch die Farbsymbolik Unterstützung: Dem Mittelalter galt Blau als himmlische und sieghafte Farbe; das reine, lichtgleiche Weiß war Attribut der göttlichen Erscheinung.Peter Springer: Kreuzfüße. Ikonographie und Typologie eines hochmittelalterlichen Gerätes. Berlin 1981, S. 97–99, hier: S. 99.
Funktion Es ist häufig diskutiert oder behauptet worden, dass das Frøslevkästchen als Reliquienschrein gedient haben könnte, in ihm also Reliquien eines oder mehrerer Heiliger aufbewahrt wurden.Else Roesdahl: Frøslevskrinet . In: Den Store Danske Encyklopædi, 5. Februar 2009.Vgl. Poul Svensson: Frøslevskrinet. Flensburg 1981, S. 64 und 121. Im Inventar des Dänischen Nationalmuseums wird das Kästchen als Tragaltar bezeichnet. Dass der Schrein diese Funktion gehabt haben könnte, halten mehrere Forscher für möglich. Die Zuschreibung als Tragaltar ist insofern bemerkenswert, als diese Form der Altäre nach einem Beschluss der Synode von Epaone im Jahr 517 eigentlich zwingend mit einem Altarstein ausgestattet sein musste.Berthold Riehl: Ueber einen neuaufgefundenen romanischen Tragaltar. In: Sitzungsberichte der philosophisch-philologischen und historischen Classe der k. b. Akademie der Wissenschaften. Jg. 1886, München 1887, S. 72–82, hier: S. 73. Dies räumt etwa Joseph Braun auch ein, der aber gleichzeitig ausführt, dass ein Stein bei den Tragaltären kaum „ausnahmslos […] in Gebrauch“ gewesen sein dürfte. Auch deute das Kruzifix an der Rückseite des Schreins auf dessen Funktion als Trag- oder Reisealtar hin.Joseph Braun: Ein Portatile im Nationalmuseum zu Kopenhagen. In: Zeitschrift für christliche Kunst, Bde. 23–24, 1910, Sp. 249–254, hier: Sp. 253 f.
Der deutsche Kunsthistoriker Daniel Cremer hält eine Nutzung des Schreins von Frøslev „als Ersatzaltar“ grundsätzlich ebenfalls für denkbar. Der fehlende Altarstein spreche allerdings gegen eine solche Primärfunktion, vor allem wenn man die Entstehung des Schreins im norddeutschen Raum annehme (vgl. hierzu Abschnitt Herkunft und Entstehungszeit), wo die Überzeugung, ein Altar müsse aus Stein bestehen, „fest verwurzelt“ gewesen sei.Daniel Cremer: Tragaltarförmige Reliquiare des Mittelalters, Düsseldorf 2017, S. 252. Poul Svensson deutet an, dass die stabile Emaille als „hinreichender Ersatz“ für die Steinplatte aufgefasst worden sein könnte. Möglicherweise sei dem Auftraggeber oder Besitzer des Kästchens die Majestas-Domini-Darstellung wichtiger gewesen, zumal diese Motivik unverzichtbarer Bestandteil von Altarräumen und heiligen Messen gewesen sei.Poul Svensson: Frøslevskrinet, Flensburg 1981, S. 65 f.
Svensson schlägt als weitere mögliche Funktion des Schreins vor, für den Transport von Bleikapseln zur Verfügung gestanden zu haben, in denen die Reliquien lagen. Die Bischöfe, die Altäre weihten, hätten die Reliquien selbst überbracht. Der Frøslevschrein könnte ein würdiges Behältnis für Bleikapseln auf der Reise gewesen sein.
Herkunft und Entstehungszeit