Elsa Winokurow (geboren 20. April 1883 in Moskau als Elsa Rammelmeyer; gestorben am 18. März 1983 in Hannover) war eine russisch-deutsche Ärztin. Ihr Werdegang gilt im Wissensgebiet Osteuropastudien als gut dokumentiertes Beispiel migrationsbedingter Akademiker-Lebensverläufe russlanddeutscher Frauen des frühen 20. Jahrhunderts, die um die Jahrhundertwende im Ausland studierten und sich später erfolgreich in ihrer neuen Heimat beruflich etablieren konnten.
Leben Elsa Rammelmeyer wurde als Kind deutscher Eltern in Moskau geboren. Ihr Vater, Carl Rammelmeyer (1853–1935), stammte aus einer wohlhabenden Gastwirtsfamilie in Kuppenheim bei Baden-Baden.Elsa Winokurow: Erinnerungen; abgerufen am 27. August 2026. Er hatte Kommerzwissenschaften studiert und arbeitete nach dem Studium in einem Tabakgeschäft in Offenbach am Main, wo er seine spätere Frau, Elise Waller (1856–1945), kennenlernte. Beide wanderten 1871/72 nach Russland aus und stiegen in ein Tabakunternehmen in Sankt Petersburg ein. Einige Zeit nach der Heirat 1877 zogen die Eltern nach Moskau, wo Elsa 1883 als erste Tochter geboren wurde. Drei Söhne folgten. Ihr Vater betrieb die Vertretung einiger Firmen aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich in Russland.
Sie besuchte die deutsch-russische Petri-Pauli-Schule, eine zur lutherischen Kirche gehörende Mädchen-Bildungsanstalt, in der dreisprachig auf Deutsch, Russisch und Französisch unterrichtet wurde. Bald nach dem Abitur 1899 heiratete sie im Alter von 18 Jahren gegen den Willen ihrer Eltern 1901 ihren Jugendfreund Dmitri Winokurow. Da sie Medizin studieren wollte, das aber für Frauen in Moskau nicht möglich war, schrieb sie sich 1901 an der Frauenhochschule in Moskau ein, um Naturwissenschaften zu studieren und sich so auf ein Medizinstudium vorzubereiten. 1903 begann sie dann an der Universität Zürich, die bereits 1840 Frauen zum Studium zugelassen hatte, Medizin zu studieren. Da sie in Zürich ins dritte Semester eingruppiert wurde, konnte sie ihr Studium zügig beenden. Allerdings musste sie für die praktische klinische Ausbildung nach Berlin wechseln, da sie in Zürich keine Erlaubnis dafür erhalten hatte. Dort an der Charité schloss sie 1906 in ihr Studium ab. Die Möglichkeit zur Promotion bot ihr die Universität Bonn, an der sie 1908 über Einige seltenere Geschwülste bei Tieren 1908 promovierte.Ärztinnen im Kaiserreich, Website der Charité; abgerufen am 27. August 2026.
Nach Moskau zurückgekehrt arbeitete sie bis 1914 am Basmanny-Krankenhaus und parallel ab 1909 in einem wissenschaftlichen Institut, wahrscheinlich am Bakteriologischen Institut in Moskau. 1911 wurde ihre Tochter geboren.Elsa Winokurow: Autobiographie. 1914 richtete sie in einer Moskauer Schule ein Lazarett für Schwerkriegsverletzte ein, das sie bis zum Ende des Ersten Weltkriegs leitete. Als das Lazarett aufgelöst und in das Basmanny-Krankenhaus umgewandelt wurde, forschte sie in der Folgezeit an einem wissenschaftlichen Institut.
Der Beginn des Ersten Weltkriegs, die 1915 beginnenden Pogrome gegen Deutsche in Russland, in deren Zuge ihre Eltern ausgewiesen wurden und nach Deutschland zurückkehrten, und die sich verschlechternde Versorgungslage bewogen Elsa 1921 mit ihrer an Typhus erkrankten Tochter zur Auswanderung. Um das Land verlassen zu können und wieder die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, musste sie sich von ihrem Mann scheiden lassen.
In Deutschland als Ärztin Fuß zu fassen, war für Elsa Winokurow nicht leicht, denn ihre Ausbildung wurde nicht anerkannt, sodass sie 1922 ihr Staatsexamen nachholen musste und ihre Approbation erhielt, jedoch keine Anstellung. So zog sie nach Heidelberg zu ihrem Bruder. Durch Vermittlung des Chefarztes des hannoverschen Annastifts, Bruno Valentin, konnte sie im Annastift zwischen 1925 und 1930 in ihrem Spezialgebiet, der Orthopädie, arbeiten. 1928 wurde sie als Fachärztin zugelassen und konnte eine Praxis in der Georgstraße 16 in Hannover eröffnen. Als 1943 ihre Wohnung und die Praxis bei einem der Luftangriffe auf Hannover zerstört wurden, musste sie nach Goslar umziehen und arbeitete dort im Städtischen Krankenhaus. Von 1944 bis 1955 hatte sie eine orthopädische Praxis in Goslar. Erst 1955 kehrte Elsa Winokurow nach Hannover zurück. Dort eröffnete sie 1955 erneut eine orthopädische Praxis, die sie bis 1961 führte. Fast hundertjährig starb sie 1983 in Hannover.
Würdigung mini|Elsa-Winokurow-Weg in Hannover 1958 erschien aus Anlass des 50. Doktorjubiläums von Elsa Winokurow eine Würdigung ihrer Leistungen durch die Journalistin Erna Donat in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Elsa Donat: Anmerkungen zu einem goldenen Hut. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung. 25. April 1958
2003 benannte die Stadt Hannover einen Weg im Stadtbezirk Buchholz-Kleefeld nahe ihrer ehemaligen Arbeitsstätte, dem Annastift, nach ihr.Luise F. Pusch, Annette Volland: Bedeutende Frauen in Hannover. Eine Hilfe für zukünftige Benennungen nach weiblichen Persönlichkeiten. Landeshauptstadt Hannover 2013, S. 62.
2021 hat eine Gruppe Magister-Studierender der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie der Universität Regensburg ihre Biografie aus Quellen der Familie Rammelmeyer erarbeitet und online gestellt. Das Material wurde von der Bayerischen Staatsbibliothek 2024 archiviert.Elsa Winokurow, Studentin, Migrantin, Ärztin: ein bemerkenswertes Leben um die Jahrhundertwende. Der Nachlass der Familie Rammelmeyer wird in der Bayerischen Staatsbibliothek in München verwahrt.abgerufen am 12. Juni 2022.
Werke Einige seltenere Geschwülste bei Tieren. Aus dem pathologischen Institut der Universität Bonn. E. Eisele, Bonn 1908.
Weblinks Elsa Winokurow – Studentin, Migrantin, Ärztin. Ein bemerkenswertes Leben um die Jahrhundertwende. Elsa Winokurow: Autobiographie Elsa Winokurow: Erinnerungen
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