mini|Frauenstreik 2019 auf dem Berner Bundesplatz: Bundesrätin Viola Amherd (Bildmitte, mit heller Jacke), rechts neben ihr Nationalratspräsidentin Marina Carobbio Guscetti, links neben ihr Nationalratsvizepräsidentin Isabelle Moret und die roten Boxhandschuhe von Margret Kiener Nellen sowie weitere Bundesparlamentarierinnen und Streikende während eines Sitzungsunterbruchs mini|Der Bieler Zentralplatz, 2019 Die landesweiten Frauenstreiks 1991, 2019 und 2023 waren die «grössten öffentlichen Mobilisierungen» in der Schweiz seit 1918. Jeweils am 14. Juni beteiligten sich Hunderttausende Frauen an Protest- und Streikaktionen für ihre Rechte. Die Frauenstreiks machten auf systematische oder strukturelle Probleme aufmerksam und mahnten die Beseitigung von Defiziten in der Gleichstellung an.
Geschichte Arbeiterinnen der Arnold B. Heine & Co. in Arbon, seit 1904 weltgrösste Stickerei, streikten 1906 und 1907 mehrfach gegen die Arbeitsbedingungen. Im Jahr 1908 kam es zum fünf Monate dauernden «Arboner Krieg», bei dem nach den Männern auch Scherlerinnen und Ausrüsterinnen in den Ausstand traten.Kathrin Ueltschi: «Die Heissglut der Südländerinnen». Frauenstreik in Arbon 1907. In: bodenständig und grenzenlos. 200 Jahre Thurgauer Frauengeschichte(n). Huber, Frauenfeld 1998, ISBN 3-7193-1159-7, S. 54–56.
Der Landesstreik war ein dreitägiger Generalstreik im November 1918. Es waren rund 250'000 Arbeiter und Gewerkschafter beteiligt. Drei junge Männer wurden durch Ordnungstruppen getötet. Frauen galten als «entscheidende Kraft» im Landesstreik und ihr Stimmrecht war die zweite von neun Forderungen der Streikenden. In einigen Kantonen wurde zwischen 1919 und 1921 die Einführung des Frauenstimmrechts auf kantonaler Ebene mit grossen Mehrheiten abgelehnt. Beim Umzug zur Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) im Sommer 1928 wurde der Wagen mit einer Schnecke namens «Frauenstimmrecht» stark kritisiert. Kritik erhielten auch die Frauen, die 1948 beim Bundesrat protestierten, als das Land das 100-jährige Bestehen der Bundesverfassung feierte. Sie hatten das Motto «Schweiz, ein Volk von Brüdern» um den Zusatz «ohne Schwestern» erweitert und symbolisch eine Europakarte mit einem schwarzen Fleck in der Mitte überreicht.
mini|Erinnerung an den Lehrerinnenstreik in Basel Die erste Volksabstimmung über das eidgenössische Frauenstimmrecht am 1. Februar 1959 scheiterte am Volks- (33 Prozent zu 67 Prozent) und Ständemehr (3 zu 16 + 6/2 Kantonen). Protestaktionen und Frauenstreiks in der ganzen Schweiz waren die Folge. Nur in den welschen Kantonen Waadt, Neuenburg und Genf sprach sich eine Mehrheit für das Frauenstimmrecht aus. Als Protest legten am 3. Februar beim «Basler Lehrerinnenstreik» 50 Frauen ihre Arbeit nieder.Der erste Frauenstreik der Schweiz In: Schweizer Radio und Fernsehen vom 29. Juli 2023 Aufgerufen hatte Rut Keiser vom Mädchengymnasium am Kohlenberg.Ursa Krattiger (Hrsg.): «Randalierende Lehrerinnen». Der Basler Lehrerinnenstreik vom 3. Februar 1959. 2. Auflage. Schwabe, Basel 2011.Elfi Belleville Wiss: Der Lehrerinnenstreik vom 3. Februar 1959: Frauenrechte und Schule in Basel-Stadt. In: Basler Schulblatt. Ausgabe Nr. 2, Februar 2009. S. 4–8.
Nach Waadt im Februar 1959 nahmen die Kantone Neuenburg und Genf im September 1959 und März 1960 das Frauenstimm- und Wahlrecht auf kantonaler Ebene an. Es folgten Basel-Stadt (Juni 1966) und Basel-Landschaft (Juni 1968), Tessin (Oktober 1969), Wallis (April 1970), Luzern (Oktober 1970) und Zürich (November 1970). Beim Marsch auf Bern demonstrierten 5000 Frauen und Männer am 1. März 1969 vor dem Bundeshaus in Bern. Unterstützung kam auch von konservativen Frauenorganisationen.Als Frauen auf die Männer pfiffen: «Marsch auf Bern» vor 50 Jahren In: Berner Zeitung vom 27. Februar 2019Adi Kälin: Emilie Lieberherr rief die Frauen zum Kampf auf: «Ihr seid nicht nur zum Milchreiskochen auf der Welt» In: Neue Zürcher Zeitung vom 23. Februar 2019. Emilie Lieberherr forderte die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter «als wichtige Voraussetzung für die Verwirklichung der Menschenrechte». Vorbehalte stellten «die Glaubwürdigkeit unseres Landes als Rechtsstaat und Demokratie in Frage».
Am 7. Februar 1971 gewährte das männliche Stimmvolk den Frauen aktives und passives Wahl- und Stimmrecht mit 621'109 gegen 323'882 Stimmen (65,7 Prozent Zustimmung) und von 15 ½ Ständen gegen 6 ½ Stände. Bei den Wahlen vom 31. Oktober 1971 wurden elf Frauen in den Nationalrat gewählt, entsprechend einem Frauenanteil von 5,5 Prozent. Die anderen Kantone ausser Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden folgten bis 1972. Später als die Schweiz waren in Europa Portugal 1974 sowie das Fürstentum Liechtenstein 1984.
Gleichberechtigungsartikel am 14. Juni 1981 Bei der eidgenössischen Abstimmung vom 14. Juni 1981 wurde der bundesrätliche Vorschlag zur Gleichberechtigungsinitiative angenommen und der Grundsatz der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Verfassung des Landes verankert. Vorangegangen waren Diskussionen des Nationalrats über die Einbindung der Frauen in die Schweizer Gesamtverteidigung. Viertausend Frauen demonstrierten am 6. März auf dem Bundesplatz dagegen.
Frauenstreik 1991 mini|Frauenstreik 1991 in Zürich Der Frauenstreik vom 14. Juni 1991 erregte internationales Aufsehen. Hunderttausende von Schweizer Frauen beteiligten sich an den Streik- und Protestaktionen unter dem Motto «Wenn Frau will, steht alles still». Anlass war das zehnjährige Jubiläum der Annahme des Verfassungsartikels «Gleiche Rechte für Mann und Frau».Christian Koller: Vor 25 Jahren: Der Frauenstreiktag vom 14. Juni 1991. In: Schweizerisches Sozialarchiv, 1. Juni 2016. Die Veranstaltungen informierten über die zögerliche Umsetzung des Artikels durch die Bundesregierung und drückten den Unmut der Schweizerinnen über die Verzögerungstaktik des Bundesrates bei Gleichberechtigungsthemen aus. Der Streik war bis 1991 die grösste politische Mobilisation der Schweiz seit dem Landesstreik von 1918. Neben Aktionen in den grossen Städten fanden auch in anderen Gemeinden politische Kundgebungen statt.Luzia Knobel: Frauenstreik 1991. In: Gemeinde Lexikon Riehen.
Vorgeschichte Die Arbeiterinnen der Uhrenindustrie im abgelegenen Vallée de Joux hatten unter einem ungewöhnlich hohen Lohngefälle zu leiden. Die Initiantinnen gewannen Christiane Brunner vom Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverband (Smuv), die Idee eines Streiks dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) zu unterbreiten. Der Vorstand des SGB sprach sich mit knapper Mehrheit am 29. August 1990 für den Streikantrag aus. Der SGB-Kongress stimmte im Oktober dagegen, jedoch geschlossen für einen Aktionstag. Der SGB gründete im Dezember ein nationales Streikkomitee, trotz anfänglicher Widerstände seitens männlicher Gewerkschafter. In den kantonalen und lokalen Koordinationskomitees beteiligten sich auch Vertreterinnen der Frauenbewegung, der Parteien und anderer Organisationen. Der Bund Schweizerischer Frauenvereine äusserte sich öffentlich gegen das Vorhaben.
mini|Die Frauensession 1991 im Nationalratssaal An einer Frauensession im Nationalratssaal nahmen im Februar 1991 rund 250 Frauen aus verschiedenen Organisationen und Bereichen teil. Anlass waren die 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft, das 20-jährige Bestehen des Frauenstimmrechts und das 10-jährige des Gleichberechtigungsartikels in der Verfassung. Der vorbereitete Resolutionsentwurf wurde mit grosser Mehrheit als zu wenig konkret abgelehnt. Der im Anschluss publizierte Forderungskatalog enthielt die in Arbeitsgruppen erarbeiteten frauenpolitischen Forderungen: vom Zivilstand unabhängige Altersvorsorge, Betreuungsgutschriften in der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV), gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, Zulässigkeit der Verbandsklage in Lohngleichheitsfragen, Mutterschaftsversicherung, bessere Vertretung von Frauen in politischen Gremien, Ganztagesschulen und ausserschulische Kinderbetreuung, Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper.Monika Stocker, Edith Bachmann: Frauensession 1991. eFeF Verlag, Zürich 1991. ISBN 3-905493-23-3. S. 160–163.
Auswirkungen Am 3. März 1993 wählte die Bundesversammlung statt der nominierten Kandidatin Christiane Brunner einen Mann in den Bundesrat. Die Frauen griffen auf die Netzwerke der Streikorganisation zurück und lösten schnell eine schweizweite Protestbewegung aus. Der gewählte Francis Matthey gab nach und verzichtete auf seine Wahl. Die Bundesversammlung wählte dann die Gewerkschafterin Ruth Dreifuss. Bei allen folgenden Wahlen wurden die Frauenanteile in den kantonalen und kommunalen Parlamenten sichtbar erhöht. Diese Ereignisse wurden als «Brunner-Effekt» bezeichnet. Eine längerfristige Folge war die verstärkte Kooperation von engagierten Frauen über Parteigrenzen hinweg.
Zu den langfristigen Erfolgen gehören ebenso die Verabschiedung des Gleichstellungsgesetzes 1995, die Einführung der Fristenlösung 2002 und die Institutionalisierung einer Mutterschaftsversicherung 2005. Die Angleichung der Löhne wurde im Allgemeinen nicht erfüllt.
Frauenaktionstag 2011 Der «Frauenaktionstag» vom 14. Juni 2011 wurde von etwa 50 Organisationen getragen, erstmals beteiligte sich der Bäuerinnen- und Landfrauenverband. Der Tag erinnerte daran, dass einige der Anliegen des Frauenstreiks von 1991, insbesondere die Angleichung der Löhne, nach zwanzig Jahren noch nicht erfüllt waren.
Frauenstreik 2019 mini|Frauenstreik 2019 in Biel mini|hochkant|Protestierende in Basel mini|hochkant|Frauenstreik, Basel 2019, Cellistin Mara Miribung in Richard Serras Skulptur «Intersections» vor dem Theater Basel Am 14. Juni 2019, 28 Jahre nach dem ersten grossen Frauenstreik, demonstrierten schweizweit ein weiteres Mal 500'000 Menschen für die Gleichstellung. Im Forderungskatalog des zweiten Frauenstreiks war die Lohngleichheit eine zentrale Forderung, 43 Prozent der Lohnungleichheiten zwischen Frauen und Männern galten als unerklärt. Daneben waren höhere gesellschaftliche Anerkennung von Frauenarbeit, mehr Zeit und Geld für Betreuungsarbeit («Care-Arbeit»), Bekämpfung von Sexismus und sexueller Belästigung. Sein Motto war «Lohn. Zeit. Respekt.» Die in Eigendarstellung Frauen*streik ( grève des femmes*, donne* in sciopero) genannten Aktionen sollten um 11 Uhr Aktionen am Arbeitsplatz und um 15.30 Uhr eine Arbeitsniederlegung zu regionalen Kundgebungen umfassen. Die Frauen im Parlament legten um 10.50 Uhr eine Protestpause ein, auf dem Bundesplatz kam es um 15.24 Uhr zum «Freeze» in Bern und in Biel zum Pfeifkonzert. Im Vergleich zu den Löhnen der Männer arbeiteten Frauen ab diesem Zeitpunkt «umsonst» (siehe: Equal Pay Day).
An Teilnehmenden gezählt wurden 160'000 Personen in Zürich, 50'000 in Bern, 40'000 in Basel, 30'000 in Lausanne, mindestens 20'000 in Genf, jeweils 12'000 in Freiburg und Sitten, in Bellinzona, Luzern, Neuenburg und Winterthur jeweils 5 bis 10'000, 4'000 in Delsberg und St. Gallen, 3'000 in Aarau und Biel sowie 1'000 in Chur. Beachtung erfuhren auch Gruppen von mehr als 30 Frauen in Dörfern sowie streikende Lehrerinnen an der Schweizerschule in Mexiko-Stadt. In Schaffhausen verursachte die Munotwächterin Karola Lüthi grosse Aufregung, da das Glöcklein des Munot zum ersten und einzigen Mal seit Hunderten von Jahren ungeschlagen blieb.
In der Schweiz riefen kirchlich engagierte Frauen mit Unterstützung von Verbänden, wie dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund (SKF) und der Interessengemeinschaft Feministischer Theologinnen, ebenfalls zu einem «Kirchenfrauenstreik» am 15. und 16. Juni sowie zur Beteiligung am 14. Juni auf.
Die Zeitung Bote der Urschweiz erschien am Streiktag als Botin der Urschweiz, der Freie Schweizer (Amtliches Publikationsorgan für den Bezirk Küssnacht) als Freie Schweizerin.Vgl. die jeweiligen Ausgaben vom 14. Juni 2019.
Vorgeschichte