Karl Steinschneider (* 18. Juni 1900 in Berlin-Pankow;Die Angaben zu Geburtsdatum und Geburtsort von Karl Steinschneider sowie weiter unten die Angaben zu seinem Aufenthalt in den USA stammen aus US-amerikanischen Datenbanken und konnten über den Wikipedia-Library-Account bei Ancestry.com recherchiert werden. † 12. Dezember 1979 in Jerusalem) war zu Beginn der 1920er Jahre einer der frühesten zionistischen Pioniere in Palästina und wurde in den 1960er Jahren bekannt für seine Übersetzungen der Bücher von Samuel Agnon.
Kindheit und Jugend Karl Steinschneider war der jüngste Sohn des Rechtsanwaltes Max Steinschneider (1853–1915) und dessen Ehefrau Leopoldine (1855–1931) und der Enkel von Moritz Steinschneider, des Begründers der wissenschaftlichen hebräischen Bibliografie. Seine Brüder waren Adolf Moritz Steinschneider (1894–1944) und Gustav Steinschneider (1899–1981).
Biographisches Material über Karl Steinschneider gibt es wenig. Es ist davon auszugehen, dass er zusammen mit seinen Eltern bis 1911 in der von seinem Vater gegründeten Villenkolonie Neu-Döberitz und in deren Berliner Stadtwohnung in der Altonaer Straße 23 aufwuchs. Über seine Schulausbildung und ein eventuell aufgenommenes StudiumIn den Personal- und Studierendenverzeichnissen der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin aus den Jahren 1917/18 ist sein Name nicht aufgeführt; Verzeichnisse für WS 1918/19, SS 1920, SS 1921 sind nicht erschienen. ist nichts bekannt. Knut Bergbauer konnte allerdings Steinschneiders Mitgliedschaft im jüdischen Wanderbund Blau-Weiß aufzeigen, und so ergeben sich einige Hinweise auf sein frühes zionistisches Engagement. In einem Bericht der Berliner Blau-Weiß-Gruppe aus dem Jahr 1917 wurde erwähnt, dass der „Wanderer Carl Steinschneider“ zum „Schülerführer“ ernannt worden sei.Blau-Weiss-Blätter, Jahrgang 5, Heft 1, Mai 1917, S. 36–37. Im Februar-Heft 1918 war dann zu lesen, dass er zusammen mit der neuen starken Führungsfigur des Bundes, Walter Moses, der Leipziger Ortsgruppe einen Besuch abgestattet habe.Blau-Weiss-Blätter, Jahrgang 5, Heft 2, August 1917, S. 203. und im Juni 1918 meldete er sich in den Blau-Weiß-Blättern mit einem eigenen Aufsatz zu Wort, in dem er von seinen Hachschara-Erfahrungen auf einem Gut bei Glogau berichtete.Bericht vom Unkraut, Blau-Weiss-Blätter, Jahrgang 5, Heft 6, Juni 1918, S. 153–158.
Bergbauer, der vorangegangene landwirtschaftliche Erfahrungen Steinschneiders im Jahre 1918 erwähnt, wertet Steinschneiders Aufsatz als eines „der ersten Zeugnisse der landwirtschaftlichen Umschichtung junger Jüdinnen und Juden in Schlesien“, und schreibt zusammenfassend über Steinschneiders Erfahrungen:
Erster Palästina-Aufenthalt Zu Beginn der 1920er Jahre taucht Steinschneiders Name im Zusammenhang mit dem Hachschara-Lehrgut auf dem Landwerk Halbe auf. Hier bereiteten sich 1921 Praktikanten aus dem Umfeld des Blau-Weiß und des Kartells Jüdischer Verbindungen auf eine landwirtschaftliche Tätigkeit in Palästina vor.
Steinschneider hatte, bevor er nach Halbe kam, bei Bauern bei Meran gearbeitetSiegfried Hirsch: Alija eines Agronomen (1922). In: Eli Rothschild (Hrsg.): Meilensteine. Vom Wege des Kartells Jüdischer Verbindungen (K.J.V.) in der zionistischen Bewegung, eine Sammelschrift im Auftrag des Präsidiums des K.J.V., Tel Aviv 1972. und ging zusammen mit der sich in Halbe formierenden Gruppe 1921 nach Palästina, um dort die Kwuza Zwi zu gründen. Aus dem Briefwechsel der Brüder Karl und Gustav Steinschneider geht hervor, dass Karls Pläne 1920 zumindest seinem Bruder bekannt waren, er aber am 12. Februar 1921 noch nicht, und am 7. September 1921 bereits in Palästina war.Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: a) Brief von Gustav Steinschneider an Karl vom 7. Juni 1920, in dem Gustav auf Karls Auswanderungspläne nach Palästina anspielt; b) Brief von Gustav an Karl vom 12. Februar 1921, aus dem hervorgeht, dass Karl noch nicht in Palästina ist; c) Brief von Karl an Gustav vom 7. September 1921 aus Palästina.
Möglicherweise gab es für Steinschneider auch noch eine andere Station in Palästina, bevor er sich den Leuten der Kwuza Zwi anschloss. Avner Falk schreibt, Steinschneider sei 1921 nach Palästina gekommen und habe auf einer Farm von Agnons Schwager, Wilhelm Brünn (er nannte sich später Ze’ev Bryn), in Chadera gearbeitet.Avner Falk (2020): Agnon’s Story; Leiden: Brill Wie lange Steinschneider auf dieser Farm beschäftigt war, wird von Falk nicht berichtet. Steinschneider selber schrieb seinem Bruder Gustav am 1. Juli 1922 von seinen Bemühungen, sich stärker mit der Landwirtschaft zu beschäftigen: Der Ort, an dem ich bin mit arbeite, die „Holl. Kwuzah“ in [unleserlich], ist dafür ein guter Ort. Er erwähnte zugleich ein gegenüber früher anderes Verhältnis zum Blau-Weiß und lobt die Idee der Kwuzah: „Die Kwuzah ist ehrlich, und das ist das Wichtigste; nicht sehr eng, nicht sehr leidenschaftlich verbunden, aber zuverlässig.“Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: Brief von Karl Steinschneider an Gustav vom 1. Juli 1922.
Im Kontext der Kwuza Zwi berichtete Siegfried Hirsch von Steinschneiders Anwesenheit in Gewa, wo er an den Vorbereitungen für die Gründung des Kibbuz Beit Alfa beteiligt gewesen sei. Dort habe er dann anderen Chawerim das Mähen beigebracht und habe sich zu einem guten Bäcker entwickelt. Darüber, dass er in Beit Alfa lebe, berichtete Steinschneider auch in einem Brief vom 11. Dezember 1923 an seinen Bruder Gustav. Die Rede ist aber auch davon, dass er bereits auf der Suche nach einem anderen Platz für die Ansiedlung seiner Gruppe war. Er sprach von 12 Leuten, die ein Kwuzah gründen wollten, aber ohne Hoffnung auf Unterstützung vom Blau-Weiß in Deutschland seien. Es gäbe zudem Schwierigkeiten, Unterstützung von den Zionistischen Organisationen zu erhalten, die selber knapp bei Kasse seien, was sich auf deren Ansiedelungspolitik auswirke. „Während früher Gruppen von Arbeitern angesiedelt wurden, aus Mitteln der zion. Org., im Rahmen der Arbeiterorganisation (auf genossenschaftlichen Grundlagen, ohne Ausbeutung durch Lohnarbeit), wird heute Land möglichst an Leute mit Kapital, Privatunternehmer, abgegeben. Es ist auch kein Geld für öffentliche Kolonisation mehr da; auch die ganz dürftig schon begründeten älteren Betriebe, die noch Kapital zum Ausbau dringend brauchen, um lebensfähig zu werden, werden höchst mangelhaft unterstützt.“ Zu diesem Zeitpunkt hofften er und seine Gruppe auf einen Platz in der Nähe von Haifa zur Gründung ihrer Kwuzah, und Steinschneider selber stand auch in Kontakt zu Gershom Scholem: „Scholem ist zu mir speziell ausserordentlich liebenswürdig, wir haben uns eine ganze Menge unterhalten und ich denke, daß unsere Beziehungen, das die Verhältnisse gestatten, und vielleicht auch seine Beziehungen zur ganzen Kwuzah dauernde, und recht gute sein werden.“Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: Brief von Karl an Gustav Steinschneider vom 11. Dezember 1923.
Das Projekt der Kwuzah Zwi scheiterte im Herbst 1924, und Hirsch erwähnte Karl Steinschneider letztmals anlässlich seines Besuchs bei Theodor Zlocisti in Tel Aviv. Am Bau von Zlocistis neuem Haus habe auch Karl Steinschneider mitgearbeitet. Einige der Pioniere waren bereits vorher schon nach Deutschland zurückgekehrt, andere schlossen sich anderen Pioniergruppen in Palästina an. Zu Karl Steinschneider hieß es bei Hirsch nur noch, er sei nach Kalifornien gegangen, um dort Obstbau zu erlernen. Das geschah allerdings erst 1927.
Was Karl Steinschneider nach dem Scheitern der Kwuzah Zwi noch in Palästina gehalten hat, lässt sich nicht eindeutig klären. Im Briefwechsel der beiden Brüder wurde über die Rückkehr nach Deutschland ebenso diskutiert, wie über einen Besuch Gustavs in Palästina. Parallel dazu erwog Karl Steinschneider auch seine Einbürgerung in Palästina und verfolgte Möglichkeiten, für einen USA-Aufenthalt. Dabei ging es vor allem auch darum, ob es für ihn einfacher sei, als palästinensischer Bürger oder als Deutscher ein Visum für die USA zu erhalten. Im März 1926 hielt er sich zwei Wochen in der Mikwe Israel auf, besuchte im Anschluss daran Scholem in Jerusalem und war inzwischen zu der Ansicht gelangt, dass die Chance für eine Einreise in die USA für einen Deutschen besser stünden als für einen Palästinenser. Sein Plan sah nun vor, vor der Reise in die USA noch ein Jahr in Deutschland zu verbringen.Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: Brief von Karl an Gustav Steinschneider vom 19. März 1926.
Steinschneider war in diesen letzten Wochen und Monaten seines Palästina-Aufenthalts viel unterwegs. Als Postadressen nannte er mal Beit Alfa, mal Tel Aviv, und dann auch eine Landwirtschaftsschule im Moschaw Nahalal. In einem Brief vom 31. März 1926 kündigte er schließlich an, dass er sein Visum-Verfahren von Deutschland aus weiter betreiben und am 15. April von Jaffa aus die Heimreise antreten wolle.Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: Brief von Karl an Gustav Steinschneider vom 31. März 1926.
Was Karl Steinschneider nach seiner Rückkehr machte, ist nicht eindeutig belegt, und auch ein Eintrag im Berliner Adressbuch für das Jahr 1927 existiert für ihn nicht. Seine Briefe nach der Rückkehr sind durchweg durchzogen von seiner Perspektivlosigkeit in Berlin, enormen finanziellen Problemen, für die er keine Lösung sah, und von unterschiedlichen Auffassungen mit Bruder Adolf (auch wegen des Verkaufs des Elternhauses). Bereits in einem Brief vom 1. Juni 1926 an Bruder Gustav, der derweil zur Kur in Cuxhaven weilt, finden sich lange Ausführungen über Adolf und dessen aus Karls Sicht zögerliche und knausrige Art, zur finanziellen Unterstützung beizutragen. Er sorgte sich um die eigene Möglichkeit, Geld zu verdienen, traute sich nicht, im Berliner Umland nach einer landwirtschaftlichen Tätigkeit Ausschau zu halten, und ging „2x zu einem pflanzenzüchterischen Praktikum nach Dahlem“.Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: Brief von Karl an Gustav Steinschneider vom 1. Juni 1926. Dass er noch einmal studiert hat, wie es spätere Briefe nahelegen, ist nicht verifizierbar, auch wenn ihm Gustav ihm einem Brief vom 11. Juli 1928 mitteilte, dass das „Zeugnis der landwirtschaftlichen Hochschule“ möglicherweise auf dem Postweg abhandengekommen sei.Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: Brief von Gustav Steinschneider an seinen Bruder Karl vom 11. Juli 1928. Einer seiner letzten in Deutschland geschriebenen Briefe an Bruder Gustav enthielt dann aber doch noch den Hinweis auf ein Arbeitsverhältnis, und zwar in Ketzin.Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: Brief von Karl Steinschneider an seinen Bruder Gustav vom 2. Juni 1927. Es ist vermutlich kein Zufall, dass sich in Ketzin eine Zweigniederlassung der Baumschule Späth befand.
Die Jahre in den USA Die Datenbank von Ellis Island verzeichnet Karl Steinscheiders Einreise in die USA am 29. Juni 1927, und als Zweck seiner Einreise ist Farmarbeit vermerkt, als letzter deutscher Wohnsitz Berlin. Möglicherweise kehrte er danach noch einmal zurück, denn eine am 19. Oktober 1927 ausgefertigte Notariatsurkunde bestimmte, dass der „Landwirt Karl Steinschneider, wohnhaft in Berlin NW., Altonaer Straße 23“, den „Studenten Gustav Steinschneider“ (gleiche Anschrift) bevollmächtigt, ihn bei allen Rechtshandlungen und Rechtsgeschäften zu vertreten.Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv: Notariatsurkunde vom 19. Oktober 1927.
Bereits am 3. November 1927 unterschrieb Karl Steinschneider die Absichtserklärung („Declaration of Intention“), US-amerikanischer Staatsbürger zu werden, verbunden mit folgender Erklärung: