mini|hochkant=1.5|Moshe Maimon: Die Marranen (1893). Dargestellt ist ein geheimes Seder-Mahl.
Marranen oder Marranos, auch Conversos oder Neuchristen (, ), sind iberische Juden und deren Nachkommen, die unter Zwang oder schwerem Druck zum Übertritt zum Christentum gezwungen wurden. Oft wurde ihnen vorgeworfen, als Kryptojuden weiterhin jüdische Riten zu praktizieren. Der Begriff tauchte erstmals im spätmittelalterlichen Spanien auf.Erste schriftliche Erwähnung um 1380. Norman Roth 2002. S. 3 f.
Eine prägnante und viel zitierte Definition der Marranen stammt vom Philosophen Carl Gebhardt (1922): „Der Marrane ist ein Katholik ohne Glauben und ein Jude ohne Wissen, doch Jude im Willen.“Carl Gebhardt: Die Schriften des Uriel da Costa, (Bibliotheca Spinozana, 1, Band II), Amsterdam 1922, S. xix.
Einige Forscher, so Révah und Yerushalmi, beschränken den Begriff Marrane auf Conversos, die im Geheimen „judaisieren“ und die Absicht hegen, zum Judentum zurückzukehren. Andere Forscher, wie Benzion Netanjahu, Yirmiyahu Yovel, Cecil Roth, N. Wachtel und die französische Schule, verwenden das Wort als Oberbegriff für alle judeoconversos iberischer Abstammung.Vgl. Vorwort in: Yirmiyahu Yovel 2009. Nicht wenige Historiker vermeiden den Ausdruck wegen seiner Unbestimmtheit und seiner Herkunft aus der judenfeindlichen Vulgärsprache, siehe unten.
Etymologie Im Spanischen und Portugiesischen bedeutet marrano bzw. marrão „Schwein“. Abgeleitet vom spanischen Verb marrar (irren, verfehlen, vom rechten Weg abweichen) kann es aber auch im Sinne von Abtrünniger, Renegat interpretiert werden. Diese begriffliche Unschärfe führte dazu, dass die Bezeichnung Marrane in Bezug auf getaufte Juden meist als Schmähwort gilt.Zur Vielfalt der etymologischen Deutungsversuche vgl. Davíd Conzálo Maeso: Sobre la etimología de la voz „marrano“ (criptojudío). In. Sefarad, 15/2 (1955), S. 373–385.
In anderen Erklärungen wird der Begriff aus dem Arabischen hergeleitet. So bezieht sich die Real Academia Española auf das Adjektiv muharram, das auf religiöse Verbote verweist und im konkreten Kontext in der anathematischen Bedeutung von „(von Gott) verflucht, exkommuniziert“ interpretiert wird.DRAE Andere Deutungen verweisen auf das spätarabische Wort barrānī für „Fremder, Außenseiter“Vgl. Yakov Malkiel: Hispano-Arabic marrano and Its Hispano-Latin Homophone. In: Journal of the American Oriental Society, (68) 1948. oder das arabische Verb marana (biegsam, anpassungsfähig sein).Norman Roth 2002. S. 3 f.
Einige führen Marrane auf das hebräische Wort mar’it ayin (Augenschein, Trugbild) zurück, da die Marranen augenscheinlich Christen waren, doch im Geheimen Juden blieben, oder auf Hebräisch mochoram (verbannt, verboten), das mit dem oben genannten arabischen muḥarram verwandt ist.Vgl. MA Cohen: Marrano. In: Encyclopaedia Judaica 1972, Bd. 11. Sp. 1018. Nach einer anderen Deutung stammt der Begriff vom aramäischen maran atha (Unser Herr ist gekommen) oder mar anus und bar anus (gezwungener Herr oder Mann bzw. Sohn eines Gezwungenen).
Auf den Balearischen Inseln setzte sich eine andere Bezeichnung der Nachkommen zwangsgetaufter Juden durch: Xuetes (mallorquinisch) bzw. Chuetas (spanisch). Auch in diesem Fall ist die Herkunft ungesichert. Das Wort scheint mit dem katalanischen xulla (Speck) verwandt zu sein, was darauf zurückzuführen ist, dass der freiwillige oder erzwungene öffentliche Verzehr von Schweinefleisch angeblich als Beweis der Zugehörigkeit zur christlichen Glaubensgemeinschaft galt. Nach anderer Deutung stammt es von juetó, einer Verkleinerungsform von jueu (Jude).Zur etymologischen Deutung vergleiche Dictionary of Jewish Usage: A Guide to the Use of Jewish Terms. Maryland 2005. S. 104 f.
Marrane und Converso sind in der heutigen Forschung die gängigen Bezeichnungen für Judeoconversos iberischer Herkunft und deren Nachkommen.Yirmiyahu Yovel 2009. Im Hebräischen werden zwangsgetaufte Juden als anussim (Gezwungene) bezeichnet.
Geschichte Die Geschichte der Marranen ist Teil der Geschichte der Juden der Iberischen Halbinsel, der Sephardim, und spiegelt in verschiedenen Zwangsbekehrungswellen und Verfolgungen der Inquisition in Spanien, Portugal und Übersee den Antijudaismus der christlichen Bevölkerungen und Herrscher wider. Weitere historische Ereignisse für die Marranen sind deren weltweite Emigration, die Vertreibung der Juden aus Spanien durch das Alhambra-Edikt im Jahr 1492 und die Massentaufe in Portugal im Jahr 1497.
Zwangsbekehrung unter den Westgoten mini|hochkant|Westgotische Münze des Sisebut
Auf der Iberischen Halbinsel gab es bereits früh jüdische Niederlassungen. Archäologisch belegt ist die Präsenz von Juden seit den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Die Zeit unter römischer und unter westgotischer Herrschaft war anfänglich geprägt durch Toleranz. Dies änderte sich, als die Westgoten vom arianischen zum katholischen Glauben übertraten. Nachdem im 3. Konzil von Toledo antijüdische Beschlüsse erlassen worden waren, setzten erste Judenverfolgungen ein. Der Westgotenkönig Sisebut führte im Jahr 613 zum ersten Mal Zwangstaufen durch. Unter seinen Nachfolgern wurden die Verfolgungen weitergeführt. Viele der zwangsbekehrten Juden übten ihre Religion weiter im Geheimen aus. Bevor es den Begriff Marrane gab, begann ein erstes Jahrhundert des Kryptojudentums.
Siehe auch: Sisebut → Maßnahmen gegen die Juden Geschichte der Juden (Mittelalter) → Vorgeschichte unter den Westgoten
Unter islamischer Herrschaft Als die Mauren im Jahr 711 bei der Schlacht am Río Guadalete das Reich der Westgoten vernichteten, änderte sich die Lage der zwangsgetauften Juden entscheidend. Unter der islamischen Herrschaft durften sie ihren angestammten Glauben wieder ausüben. Zudem setzte eine jüdische Einwanderungswelle aus Nordafrika und dem Nahen Osten ein. Das neu erstandene spanische Judentum erlebte bis zum 10. Jahrhundert eine eigentliche Blüte. Die Beziehung zur islamischen Bevölkerung war jedoch nicht immer ungetrübt. So kam es 1066 zum Massaker von Granada, bei dem mehrere tausend Juden ihr Leben verloren.Das Massaker von Granada gilt als erstes Pogrom auf europäischem Boden. Als die Almohaden im 12. Jahrhundert die Macht in Al-Andalus übernahmen, änderte sich die Situation der Juden schlagartig. Die neuen Herrscher vertraten einen intoleranten Islam. Den Juden wurde die Wahl gestellt, zum Islam überzutreten oder auszuwandern. Die zweite große Zwangsbekehrung setzte ein. Eine große Zahl von Juden nahm vorübergehend den islamischen Glauben an. Das prominenteste Opfer war der Religionsphilosoph Maimonides. Viele fanden Zuflucht in Nordafrika und vor allem im christlichen Teil Spaniens.
Siehe auch: Maimonides → Werk Al-Andalus → Gesellschaft → Christen und Juden
Bekehrungswellen im katholischen Spanien hochkant|mini|Paul von Burgos, alias Pablo de Santa Maria, alias Shlomo Halevi hochkant|mini|José de Anchieta, ein katholischer Heiliger, der durch die mütterliche Linie von jüdischen Konvertiten abstammt.
Convivencia In den ersten Jahrhunderten der Reconquista (12. und 13. Jahrhundert) herrschte in Spanien ein Klima der religiösen Toleranz. Das Nebeneinander der drei abrahamitischen Religionen wird zuweilen als Convivencia bezeichnet. Die vor allem von Américo Castro vertretene These der convivencia wurde allerdings von dem auf Andalusien spezialisierten Historiker Eduardo Manzano Moreno infrage gestellt.
Juden und Christen waren stets auf eine klare Trennung bedacht. Die Juden wohnten in eigenen Vierteln, den Aljamas oder Judérias, wo ihnen eine eigene Gerichtsbarkeit zustand und sie direkt der Krone unterstanden. Einige der Juden erlangten angesehene Stellungen am Hofe, vor allem im Finanzbereich als Steuereinzieher, Geldverleiher oder Finanzaufseher.
Pogrome von 1391 Die Situation der Juden verschlechterte sich im 14. Jahrhundert zusehends. Infolge innerspanischer Wirren kam es zu einer Aushöhlung der rechtlichen und sozialen Lage der Juden.Vgl. Sephardisches Judentum zwischen Kreuz und Halbmond, Yerushalmi 1993. Die antijüdische Stimmung in der Bevölkerung stieg zunehmend, bis es 1391 zur Katastrophe kam. Unter dem Einfluss der antisemitischen Hasspredigten des Archidiakons Ferran Martinez kam es im Juni 1391 in Sevilla zu Pogromen, die sich schon bald auf ganz Spanien und die Balearen ausweiteten. Unzählige Judenviertel wurden geplündert und zerstört, tausende Juden getötet und zehntausende zur christlichen Taufe gezwungen. Die Historiker sprechen von den größten antijüdischen Ausschreitungen des ganzen Mittelalters.Vgl. Baruque 2004. Es war ein Schlag, von dem sich das spanische Judentum nie mehr ganz erholten konnte.
Paul von Burgos und Vinzenz Ferrer Zu weiteren Bekehrungswellen kam es zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Der Bischof von Burgos Pablo de Santa Maria, der sich als Rabbi Shlomo Halevi im Jahr 1391 (freiwillig?) taufen ließ, tat sich hervor, indem er Druck auf die jüdischen Gemeinden ausübte und sie zur Konversion aufrief. Mit weit mehr Erfolg trat der Dominikaner Vinzenz Ferrer auf. In den Jahren 1412–1414 zog er predigend von Stadt zu Stadt und rief Juden und Muslime zur Bekehrung auf. Ferrer, der die Zwangsbekehrungen von 1391 noch verurteilt hatte, drang als eschatologischer Bußprediger mit dem Kreuz in der Hand in Synagogen und Moscheen ein und forderte die Anwesenden zur Umkehr auf. Mit seinen Predigten vom nahen Weltende hatte er einigen Erfolg und war gleichzeitig Auslöser für weitere Judenverfolgungen.
Disputation von Tortosa Krönung der Bekehrungsversuche war die Disputation von Tortosa (1413–1414). Die Religionsgespräche von Tortosa zwischen Juden und Christen wurden vom damaligen Gegenpapst Benedikt XIII (vormals Pedro de Luna) veranlasst. Hauptvertreter der christlichen Seite war der Converso Gerónimo de Santa Fe (Josua ben Josef Lorki); für die jüdische Seite hatte er Rabbis aus ganz Aragonien nach Tortosa berufen. Hauptgegenstand war die Messianität Jesu. Die jüdischen Vertreter hatten keinerlei Redefreiheit und durften nur die Anschuldigungen Gerónimos beantworten. Somit war von vornherein klar, wer als Sieger aus der Disputation hervorging. Die Auswirkungen der Niederlage waren für die Juden einschneidend. Tausende ließen sich taufen und die Demoralisierung im jüdischen Lager war groß.Vgl. Theologische Realenzyklopädie. Bd. 28 (1997), S. 652 ff.
Die Aktivitäten von Paul von Burgos, Ferrer, Gerónimo und Benedikt XIII. hatten zusätzlich den Effekt, dass weiter antijüdische Gesetze erlassen wurden. So wurde die Segregation verschärft und die Juden weiter sozial ausgegrenzt. Wie viele Juden sich halb freiwillig, halb gezwungen in den Jahren zwischen 1412 und 1415 taufen ließen, ist schwer zu schätzen; es werden einige zehntausende gewesen sein.Y. Yowel vermutet, dass die jüdischen Gemeinden 50.000 oder mehr Mitglieder verloren hatten. Yowel 2009. S. 53.
Siehe auch: Geschichte der Juden (Mittelalter) → Spanien
Converso-Problem mini|Inquisitionsgericht. Francisco de Goya 1812–1819
Im letzten Jahrhundert der jüdischen Geschichte (von 1391 bis 1492) war das spanische Judentum gespalten in altgläubige Juden und in Marranos. Die Conversos traten allerdings nicht als kohärente Gruppe auf. Das Spektrum der Auffassungen war breit; es reichte von den Judaizantes, die im Geheimen nach wie vor den mosaischen Glauben ausübten bis zu strengkatholischen Judenhassern. Gemein war ihnen, dass sie keine Möglichkeit mehr hatten ins Judentum zurückzukehren, ohne dann von der damaligen christlichen Kirche als Häretiker verfolgt zu werden.