Das Messingwerk Niederauerbach, 1919–1926 Werk der Vogtländische Metallwerke AG in Rodewisch, war ein Messingwerk im Rodewischer Ortsteil Niederauerbach, das aus einem 1593 gegründeten Eisenhammer hervorgegangen war. 1603 und 1622 erhielten die Besitzer die Privilegien zum alleinigen Messingbrennen, Rohrschmieden und Stahlfertigen im Kurfürstentum Sachsen. Fortan entwickelte sich das Werk zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. 1839 war der Betrieb mindestens in Norddeutschland das größte Messingwerk.Albert Schiffner: Handbuch der Geographie, Statistik und Topographie des Königreiches Sachsen. Erste Lieferung. Fleischer, Leipzig 1839, S. 397 Infolge der Hyperinflation war ein Weiterbetrieb der Anlagen nicht mehr möglich und das Werk wurde 1924 oder 1925 stillgelegt und 1926 liquidiert. Heute erinnern zwei Tafeln an die lange Industriegeschichte in Niederauerbach.

Geschichte Vom Eisenhammer zum Messingwerk Im Erzgebirge und Vogtland gab es unter anderem Bergbau auf Eisen- und Zinnerze. Zur Verarbeitung der abgebauten Erze wurden Eisenhämmer angelegt. In Niederauerbach wurde erstmals 1473 ein damals bereits bestehender Hammer in einer Lehnsurkunde der Burggrafen von Dohna für Nicolaus Züßler und dessen beide Söhne Wenzel und Andreas Züßler genannt, die auf dem Hammer bereits längere Zeit sesshaft waren. Es wird vermutet, dass die Gründung des Hammers mit dem Entstehen der Ortschaft Niederauerbach um 1450 zusammenfiel. (Kapitel 2: Vom Eisenhammer zum Messingwerk in Niederauerbach) In der Lehnsurkunde wurden den Züßlers und deren „rechten Erben, Erbnehmern unndt Nachkommen“ besondere Freiheiten verliehen. (Kapitel 2: Die Ortsteile von Rodewisch) Im 16. Jahrhundert wechselte das Werk häufig den Besitzer. 1593 war der damalige Eigentümer Caspar Herrmann nicht mehr in der Lage, seine Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen, wodurch es am 28. August 1593 zum Verkauf des im Verfall befindlichen Werks nebst Hammergut für 730 Gulden an Peter Ficker kam, den kursächsischen Floßmeister der Elbe- und Saale-Flößerei aus Zwickau. Dieser übernahm den Hammer in desolatem Zustand. Im Kaufbrief heißt es wörtlich:

Aufstieg des Hüttenwerks Ficker war im Gegensatz zu seinen Vorgängern vermögend und geschäftstüchtig, so dass der Hammer bereits 1598 abbezahlt war. 1599 kaufte er auch das Vorwerk Niederauerbach von Sebastian Metzsch zum Preis von 5000 Gulden. Unter Ficker wurde die Lehnsabhängigkeit Niederauerbachs von den Herren von der Planitz beendet, und Niederauerbach wurde eigener Gerichtsbezirk, Ficker damit Lehnsherr. Dieser Zustand wurde bis Mitte des 19. Jahrhunderts aufrechterhalten. Bereits 1603 beantragte Peter Ficker eine staatliche Begünstigung für sein neu gegründetes und noch im Aufbau befindliches Werk, das neben der Messingherstellung weiterhin die Eisenverarbeitung betrieb. Am 27. Mai 1603 wurde ein auf 15 Jahre befristetes Privileg durch Kurfürst Christian ausgestellt, das es dem Begünstigten ermöglichte, Messingbrennen, Rohrschmieden und Stahlfertigen 15 Jahre lang allein in Kursachsen ohne gleichartige Konkurrenzunternehmen auf seinem Hammerwerk Niederauerbach ausüben zu dürfen.

Bis 1610 baute Ficker das Messingwerk auf, nachdem der weitere Ausbau des Hammers nicht möglich war.Museum Göltzsch Rodewisch. private Abschrift aus Messingwerk-Zimmer; Archivunterlagen Zwischen 1611 und 1618 wurden insgesamt 1089 Zentner Messing gefertigt. Aufgrund des Kupfermangels, der die Messingproduktion erschwerte, und der erforderlichen hohen Investitionen entschied sich Peter Ficker 1610, mit drei Konsorten zusammenzuarbeiten. Dabei handelte es sich um den kaiserlichen Rat und Reichspfennigmeister Joachim von Loß auf Pillnitz, Kraupa und Schönfeld, den kursächsischen Oberkämmerer Rudolf Vitzthum von Apolda, der ein enger Freund der späteren Kurfürsten Christian II. und Johann Georg I. war, und den Geheimen Kommerzienrat Christoph Felgenhauer aus Riesa. In dieser Zeit wurde Mathias Gnaspe als Produktionsleiter vor Ort eingestellt.

Die Geschäftslage war 1614 nicht gut. Von 65 produzierten Zentnern Messing wurden nur 38 verkauft; um das Werk rentabel zu betreiben, wären etwa 500 Zentner nötig gewesen. Nach Beginn des Dreißigjährigen Kriegs 1618 wurden die Probleme bei der Kupferbeschaffung noch größer. In dieser Zeit wurden viele Facharbeiter aus den Nachbarländern angeworben. Drahtzieher, Kesselschlager, Messingbrenner, Drahtschneider und Schaber wurden insbesondere aus Ilsenburg (Grafschaft Wernigerode, nachweislich 15 Personen), Neubrunn (Herzogtum Coburg, nachweislich 4 Personen), Bündheim (Herzogtum Braunschweig), Lübeck und Hamburg (je 1 Person) rekrutiert. Erster namentlich bekannter Arbeiter war der Ilsenburger Drahtzieher Kilian Koch, der mindestens von 1599 bis 1613 in Niederauerbach arbeitete.Gericke. S. 45 Während der privilegienfreien Zeit von 1618 bis 1622 verlegte Gnaspe einen Teil der Produktion in sein eigenes Werk in Ellefeld.

Am 18. März 1622 gewährte Kurfürst Johann Georg I. das zweite Privileg. Durch den Einfluss der neben Peter Ficker nun mit drei Viertel am Werk beteiligten Vertrauten des Kurfürsten fielen die Begünstigungen noch stärker aus als 1603. Es musste sogar ein 215 Jahre eher gegründetes Freiberger Unternehmen aufgeben. Das neue Privileg umfasste: das Recht „auf ewige Zeit in ganz Sachsen die alleinige Messingherstellung durchführen“ zu können, das freie Backen, Brauen, Schenken und Schlachten in Niederauerbach, um die Werksarbeiter ernähren zu können, die Möglichkeit, das Werk an einen anderen Ort zu verlegen, ohne dass das Privileg erlischt, die Zusicherung, dass das Privileg ohne zeitliche Begrenzung auch für die Erben und Erbnehmer des Kurfürsten seine Gültigkeit behält.Gericke. S. 56–71. Kapitel 3: Mehrfache Verpachtung des Messingwerkes im Verlaufe des 17. Jahrhunderts

Nach diesem Privileg musste auch Gnaspe in Ellefeld nach Gerichtsverhandlungen wieder aufgeben. Die allgemeinen Verschlechterungen infolge des Dreißigjährigen Kriegs waren auch in Rodewisch spürbar. 1632/1633 und 1640 herrschten jeweils schreckliche Zustände im Göltzschtal; die Einheimischen hausten im Wald, um der Drangsalierung durch die Soldaten zu entgehen. Auch das Messingwerk litt, und zwei der vier Teilhaber schieden aus der Gesellschaft aus. 1641 gaben die Erben Felgenhauers ihr Erbe an den Sohn Peter Fickers, Georg Abel Ficker, ab; 1642 zogen die Erben des Joachim von Loß zu Pillnitz nach. Erst 1662 folgten die Nachfolger Vizthums von Apolda. Ab diesem Jahr lagen alle Anteile wieder bei der Familie Ficker, die nunmehr durch Georg Abel Fickers Witwe Magdalena Ficker vertreten war. Nachfolgend wurde eine Zersplitterung der Anteile verhindert. Ab 1640 wurde das Werk an frühkapitalistische Unternehmer verpachtet. Die Hauptbeteiligten waren ab 1641 nach einem Vertrag vom 12. Oktober 1640 Melchior Haugk und Jacob Körber, die zuvor Schreiber im Werk waren und mit den Fickers verschwägert gewesen sein sollen, sowie Nicolaus Pezold, über den nichts bekannt ist außer seinem Namen. Bis 1644 wurden von jedem Gesellschafter 3000 Taler eingezahlt. Weitere 3.500 Taler wurden durch Nicolaus Pezold und Egidius Böhme aus Dresden beigesteuert. Die Pacht betrug 500 Gulden (300 für das Messingwerk und 200 für das Hammerwerk). In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nahm das Werk eine positive Entwicklung. Mit dem allgemeinen Wirtschaftsaufschwung kam auch das Messingwerk zu größeren Produktionsmengen (bis zu 800 Zentner pro Jahr), die es ermöglichten, etwa 20 Personen kontinuierlich zu beschäftigen. Die Pachtverträge wurden bis 1677 mehrmals verlängert, zuletzt mit einer Laufzeit von 15 Jahren. 1660 war das Gesellschaftskapital auf 48.000 Taler erhöht worden. Erst ab diesem Zeitpunkt erfolgten jährliche Ausschüttungen an die Gesellschafter. 1675/1676 wurde das Privileg auf Betreiben von Gnaspes Schwiegersohn Hermann Hütten angefochten und aufgeweicht. Das Ius prohibendi wurde gelockert und es konnte ein zweites Werk im benachbarten Ellefeld entstehen, das zwar nie zur Blüte kam, das Niederauerbacher Werk allerdings behinderte.

In der gleichen Zeit entstand auch ein neues Werk in Graslitz, mit dem zwar die Vereinbarung getroffen wurde, dass es sich nicht auf dem sächsischen Markt betätigen werde, das aber trotzdem zum Konkurrenten wurde, da es sich nicht an die Abmachungen hielt. Körber und Haugk hatten ungeschickt agiert, was zur Trennung der Geschäftspartner 1679 führte. Haugk, der Körber seine Anteile auszahlen musste und zudem die Pacht nicht gezahlt hatte, geriet in finanzielle Schwierigkeiten und wurde durch die Fickers aus dem Betrieb getrieben. Zwar erstritt er vor Gericht, weiterwirtschaften zu dürfen und erhielt das Werk 1690 wieder, konnte wegen des schon zwei Jahre später endenden Vertrags aber nicht wieder arbeiten. Viele Arbeiter verarmten in dieser Zeit und wanderten nach Graslitz oder zusammen mit Körber nach Leutenberg ab, der dort ein neues Werk aufbaute. Am 16. Dezember 1695 ging das Werk an Marie Sophie Horn geb. Ficker über, die es am gleichen Tag an den Freiberger Bürgermeister Martin Albert verkaufte.

Die Messinghandels-Sozietät Im 18. Jahrhundert war das Werk zunächst im Besitz der Ehefrau von Georg Andreas Conradi (1698 bis 1721) aus Dresden. Am 14. Oktober 1721 ging es an Johann Christoph Zeumer über, dessen Sohn Johann Friedrich es bis 1774 weiterbetrieb. Danach hielten „Frau Kanzleidirektor Schmidt, Frau Dr. Müller und Frau Amtsverwalter Kuhn“ Beteiligungen. Die Eigner hatten weder Interesse am Werk noch große Fachkenntnis, sondern sahen sich hauptsächlich als Nutznießer am Erlös. Das zeigt sich auch an den Wohnorten der Beteiligten, die von Zeitz bis Freiberg reichten und somit einen engen Bezug zum Werk kaum möglich machten.

Am 10. November 1696 wurde eine Sozietätsvereinbarung getroffen, an der Eigner Martin Albert mit seinem Stiefschwiegersohn Conradi und Johann Schwabe aus Leipzig beteiligt waren. Mit den Verträgen von 1700 kannten sich spätere Sozien kaum aus; eine Anpassung an aktuelle Gegebenheiten wurde erst 1825 durchgeführt. Diese mitunter schwerfällige Art zu wirtschaften erlaubte zwar im 18. Jahrhundert noch ein rentables Geschäft, erschwerte aber die Entwicklung im 19. Jahrhundert beträchtlich. Um den Betrieb weiter zu ermöglichen, wurden im Stile merkantilistischer Wirtschaftspolitik auf ausländische Waren Schutzzölle erhoben, die die Konkurrenz aus Graslitz und Leutenberg ausschaltete. Die Aufrechterhaltung des Privilegs war für die Eigner allerdings ein immerwährender Kampf, der insbesondere vor den kurfürstlichen Reskripten von 1700/1701 und deren Erneuerung 1714 und 1745 geführt wurde.Gericke. S. 72–126. Kapitel 4: Die Gründung der Messinghandels-Sozietät und deren Entwicklung bis zum Ausbruch des Siebenjährigen Krieges Die Niederauerbacher Sozietät konnte sich ab den 1720er Jahren somit endgültig durchsetzen. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es zu einer beträchtlichen Produktionssteigerung. Lag die Messingerzeugung 1696 beispielsweise noch bei 144,5 Zentnern, so erreichte sie 1704 bereits rund 752 Zentner. Der Warenabsatz an Stückmessing, Tafel- und Rollmessing, grobem Schwarzdraht und geschabtem Nadeldraht stieg von 800 Stk. (1704) auf 1888 Stk. (1754). Aufgrund des guten Absatzes wurde die Gesellschaft bis 1756 erheblich ausgeweitet. Der schon im Besitz Peter Fickers befindliche Muldenhammer bei Jägersgrün wurde umgestaltet, die neue Messingbrennhütte wurde 1708/1709 errichtet, 1724 folgte die Elisabethhütte, später die Obere Messinghütte und die alte, untere sowie die neue Drahthütte. Auch in Ellefeld wurde erweitert, dort wurden die Alte Messingschlaghütte und die Vordere Drahthütte errichtet. Letztere wurde nach einem Brand 1785 sofort wiederaufgebaut. +Entwicklung der ArbeitskräfteGruppe1699170517301755Meister?151113Gesellen?192238Lehrlinge?1 -5Gesamt4870> 66> 112