Max Steinschneider (* 15. Dezember 1853 in Berlin; † 8. Dezember 1915 in Berlin) war ein Berliner Rechtsanwalt und Justizrat sowie der Gründer der Villenkolonie Neu-Döberitz im heutigen Dallgow-Döberitz.
Leben Max Steinschneider war der Sohn von Moritz Steinschneider (1816–1907) und dessen Ehefrau Auguste (geborene Auerbach; * 25. Dezember 1823 in Posen; † 2. Juni 1898 in Berlin).Angaben auf dem Grabstein von Moritz und Auguste Auerbach auf dem Jüdischen Friedhof Berlin Weißensee. Das Tagesdatum ist dort als „II.“ eingraviert; Hillebrand (siehe unten) nennt unter Berufung auf einen standesamtlichen Eintrag den „11.“ als Todestag.
Steinschneider besuchte von 1866 bis zu seinem Abitur im Jahre 1871 das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin.Reinhard Hillebrand: Im Strom der freien Concurrenz. Soweit nachfolgend keine anderen Quellen benannt werden, folgt die mDarstellung von Steinschneiders Biographie diesem Text. Nach einem Jurastudium wurde er im Januar 1881 in Berlin zum Assessor am Kammergericht ernannt und Ende Januar 1881 als Rechtsanwalt am Landgericht I zugelassen.
Nach mehreren Umzügen befand sich Steinschneiders Kanzlei von 1890 bis 1913 in der Kaiser-Wilhelm-Straße 47, und ebenfalls seit 1890 betrieb er die Kanzlei zusammen mit dem Rechtsanwalt Harry Franc. Am 19. November 1892 heiratete er in Berlin Anna Leopoldine Fischlowitz (* 23. September 1855 in Brüssel; † Anfang 1931 in Berlin).Dieser Todeszeitpunkt ergibt sich aus einem Briefentwurf von Gustav Steinschneider an seinen Freund Gershom Scholem von Ende Oktober 1933. Nachlass von Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv, NL 268/Nachtrag; . Aus dieser Ehe gingen drei Söhne hervor: Adolf Moritz Steinschneider (1894–1944), Gustav Steinschneider (1899–1981) und Karl Steinschneider (1900–1979). Karl, der später als Übersetzer von Samuel Agnon bekannt wurde, und der später mit Toni Halle verheiratete Gustav konnten 1933 nach Palästina einwandern; Adolf Moritz emigrierte zunächst in die Schweiz, wo er 1935 ausgewiesen wurde und nach Paris übersiedelte. Am 11. Juni 1944 wurde er von SS-Truppen in der Nähe des Städtchens Bellac zusammen mit seinem Freund Hans Lauterbach verschleppt und erschlagen.Adolf Moritz Steinschneider – Biographische Daten. Adolf Moritz Steinschneider Archiv.
Max Steinschneider engagierte sich in zahlreichen sozialen und genossenschaftlichen Projekten.Bernard Pommaret, Michel Thébault: Adolf Moritz Steinschneider auf der Webseite Le Maitron. Dictionaire Biographique 1937 teilte Adolf Motritz Steinschneider seinem Bruder Gustav mit, dass er in der Emigration in Paris mit „Herren aus der deutschen Baugenossenschaftsbewegung“ zusammengetroffen sei und teilte seinem Bruder mit, „dass Papa in dieser Bewegung nicht nur in der Konsumgenossenschaftsbewegung eine sehr große Rolle gespielt hat. Es war sozusagen noch vor Deiner Zeit, denn ich erinnere mich daran aus meiner frühesten Jugend, noch so vor Döberitz“Deutsches Exilarchiv: Brief von Adolf Moritz Steinschneider an seinen Bruder Gustav, Paris, 19. September 1937. Nachlass Adolf Moritz Steinschneider (NL 267); Belegt wird dies unter anderem durch Max Steinschneiders Erwähnung in der Publikation Genossenschaftsgründer und Genossenschaftsgründerinnen und ihre Ideen, in der er als Mitunterzeichner des Programms des „Vereins für Soziales Genossenschaftswesen“ aus dem Jahre 1902 erwähnt wird. Weitere Mitunterzeichner dieses Programms waren unter anderem Eduard Bernstein, Heinrich Braun, Adolf von Elm und Raphael Ernst May.Heinrich-Kaufmann-Stiftung (Hrsg.): Genossenschaftsgründer und Genossenschaftsgründerinnen und ihre Ideen. Beiträge zur 2. Tagung zur Genossenschaftsgeschichte am 2. und 3. November 2007 im Warburg-Haus in Hamburg, Norderstedt 2011, ISBN 978-3-8423-2579-1, S. 62; kaufmann-stiftung.de (PDF; 3,0 MB) Das in diesem Zusammenhang erwähnte Jahr 1902 ist allerdings nicht das Gründungsjahr des Vereins, denn dieser wurde nach einer in dem Artikel über Gertrud David zitierten Publikation bereits Mitte der 1890er Jahre gegründet, was sich auch aus einer weiteren Publikation der Heinrich-Kaufmann-Stiftung ergibt: Burchard Bösche: Adolph von Elm – „Der ungekrönte König von Hamburg“. Gewerkschafter – Genossenschafter – Sozialdemokrat. Eine Biografie. Heinrich-Kaufmann-Stiftung, Norderstedt 2015, ISBN 978-3-7347-6357-1, S. 110; kaufmann-stiftung.de (PDF; 13 MB) Gertrud David bezeichnete den „Verein für Soziales Genossenschaftswesen“ in einem in den Sozialistischen Monatsheften erschienen Nachruf auf Max Steinschneider als „den geistigen Mittelpunkt der Berliner Genossenschaftsbewegung“ in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts.Gertrud David: Nachruf auf Max Steinschneider, in: Sozialistische Monatshefte, Jg. 1915, Heft 26, S. 1365 (Zugang über die Online-Edition der Friedrich-Ebert-Stiftung) Nach David half Steinschneider Anfang der 1890er Jahre in Berlin den Konsumverein Eintracht und den Radfahrverein Voran zu gründen und wirkte 1900 an der Bildung des Berliner Konsumvereins mit, einem Zusammenschluss lokaler Vereine wie dem zuvor genannten Verein Eintracht. Steinschneider selber war „bis zum Schluß seines Lebens Genossenschaftsmitglied einer Verkaufsstelle“.
Bei der von seinem Sohn Adolf erwähnten Baugenossenschaftsbewegung handelte es sich vermutlich um die Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892, die in einem ähnlichen politisch-sozialen Umfeld angesiedelt war wie der „Verein für Soziales Genossenschaftswesen“.Siehe hierzu auch den Beitrag von Claus Bernet: Bürgerlich-intellektuelle Netzwerkstrukturen innerhalb von Baugenossenschaften: Berliner Gründer Franz Oppenheimer, Julius Post und Heinrich Albrecht in der zuvor erwähnten Publikation der Heinrich-Kaufmann-Stiftung. Ein weiteres Engagement Steinschneiders galt dem 1893 von Hermann Abraham gegründeten Vereins für die Kinder-Volksküchen, dessen Aufgabe es war, in den von der ärmeren Bevölkerung bewohnten Stadtteilen Berlins bedürftigen Kindern zu einem warmen Mittagessen zu verhelfen. Steinschneider wurde im Jahre 1893 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Vereins.
Im Jahre 1903 trat der Rechtsanwalt Max Tucholski, der Onkel von Kurt Tucholsky in Steinschneiders Kanzlei ein, und im gleichen Jahr gründete Steinschneider die Villenkolonie Neu-Döberitz (siehe unten). 1904 wurde er zum Justizrat ernannt und beging Anfang 1906 sein 25-jähriges Berufsjubiläum. Während sich die Kanzlei immer in Berlin befand, lebte die Familie nach der Gründung der Villenkolonie in Neu-Döberitz. Ab 1911 aber lautete die Wohnanschrift dann aber wieder Berlin, Altonaer Straße 23. Nach dem Tod von Leopoldine Steinschneider im Jahre 1931 lebte hier auch noch Gustav Steinschneider, und es war die offizielle deutsche Meldeadresse von Karl Steinschneider, der aber in den USA lebte.Eine Notariatsurkunde vom 19. Oktober 1927 nennt für den „Landwirt Karl Steinschneider“ und den „Studenten Gustav Steinschneider“ die Altonaer Straße 23 als Anschrift. Nachlass von Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv (NL 268/7/35); Im Jahre 1932 wurde der Bäckermeister Alfred Hennig, Altonaer Straße 24, neuer Eigentümer des Hauses.
Im Jahre 1914 gehörte Max Steinschneider zu den Mitbegründern des Bund Neues Vaterland, der Vorläuferorganisation der Deutschen Liga für Menschenrechte.
Max Steinschneider starb am 8. Dezember 1915. Im Berliner Tageblatt erschienen aus diesem Anlass zwei Traueranzeigen: eine von der Witwe Leopoldine Steinschneider und eine von den verbliebenen Partnern der Anwaltskanzlei, Max Tucholski und Felix Wolff,Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung. 12. Dezember 1915, PDF-Seite 15. Der am 15. Oktober 1877 in Köthen (Anhalt) geborene Felix Wolff war 1902 in Göttingen promoviert worden. 1906 wurde er Assessor im Bezirk des Kammergerichts und erhielt im Februar 1907 die Zulassung als Rechtsanwalt am Berliner Landgericht I. Im gleichen Jahr trat er in die Kanzlei von Steinschneider ein. (Reinhard Hillebrand: Im Strom der freien Concurrenz, Fußnote 5490) Felix Wolff wurde am 18. Oktober 1941 von Berlin aus ins Ghetto Litzmannstadt deportiert, wo er am 5. Februar 1942 zu Tode kam. die die Kanzlei weiterführten; Adolf Moritz Steinschneider durchlief Anfang der 1920er Jahre bei ihnen einen Teil seines Referendariats.Heinz-Jürgen Schneider, Erika Schwarz, Josef Schwarz: Die Rechtsanwälte der Roten Hilfe Deutschlands. Politische Strafverteidiger in der Weimarer Republik. Geschichte und Biografien. Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2002, ISBN 3-89144-330-7, S. 279 In dem schon erwähnten Nachruf würdigte Gertrud David Max Steinschneider als einen „der wärmsten Freunde und Förderer der Genossenschaftssache“, der bei allen Bestrebungen zu finden gewesen sei, „die der Sache des Fortschritts, der Kultur und der Freiheit dienen wollen“.
Villenkolonie Neu-Döberitz Im Umfeld des Bahnhofs Dallgow-Döberitz entstand ab 1903 die Villenkolonie Neu-Döberitz, „die sich zum Zentrum der heutigen Gemeinde Dallgow-Döberitz entwickelte“.Gemeinde Dallgow-Döberitz: Geschichte Die Zeitschrift für Bauwesen sah 1912 die Gründung dieser Villenkolonie als Folge einer Entwicklung, die durch den aus militärischen Gründen forcierten Bau der Döberitzer Heerstraße angestoßen worden war und die sich auf die „Bautätigkeit in den südlichen Teilen des Spandauer Weichbilds und in Dallgow-Döberitz“ anregend ausgewirkt habe. Hinzu kam, dass es um die Jahrhundertwende in Mode kam, „dass Familien, die in Berlin zu Wohlstand gekommen waren, sich am Stadtrand oder im Umland Ländereien oder alte Herrenhäuser kauften und diese entweder zu Sommersitzen und Landhäusern umbauten, oder sie diese Investitionen als Geldanlagen verwalteten und vermarkteten“.Martin Conrath (Hrsg.): Zur Geschichte der Döberitzer Heide. mc-mk.de Protagonisten dieser Entwicklung in der Gegend von Döberitz waren Rudolf Mosse, der in Dyrotz 1894 ein Rittergut erwarb,Herrenhaus Dyrotz. alleburgen.de und Max Steinschneider, der ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts die Entwicklung der Villenkolonie vorantrieb.
Nach einer Anzeige im Berliner Tageblatt war die Fertigstellung der Villenkolonie wohl für die 2. Hälfte des Jahres 1910 geplant, doch nach Conrath verlief deren Entwicklung eher gemächlich und präsentierte sich 1918 als „eine eher beschauliche Siedlung mit aber durchaus repräsentativen Bauten“. Steinschneider war dort selber Eigentümer einer Villa.Ein Foto des Hauses der Familie Steinschneider in Döberitz ist zu finden auf der Webseite Adolf Moritz Steinschneider Archiv eV. Dort ist auch eine Ansicht der Villenkolonie aus dem Jahre 1911/1912 zu sehen. und lebte mit seiner Familie bis 1911 in der Kolonie. 1915 stellte er den größten Teil seines Besitzes per Schenkung dem Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands (Bodenkulturverein) zur Errichtung einer Gärtnereischule für Mädchen zur Verfügung.