Anne Nassauer (* 19. Mai 1982 in Berlin) ist eine deutsche Soziologin, deren Forschung sich vor allem mit den Bedingungen sozialen Handelns beschäftigt. Nassauer ist Professorin für Soziologie, insbesondere politische Soziologie, an der Universität Erfurt.
Ihre Forschung befasst sich mit menschlicher Interaktion, sozialem Handeln und den Dynamiken durch die soziale Prozesse entstehen, stabil bleiben oder eskalieren. Charakteristisch für ihre Arbeiten ist ein situativer und interaktionistischer Ansatz, der soziale Phänomene als dynamische, sequenzielle und relationale Prozesse analysiert. Methodisch ist ihre Forschung durch Mixed-Methods-Designs sowie durch die Entwicklung der Video Data Analysis (VDA) geprägt.
Leben Nassauer ist in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen. Nach der Promotion 2013 an der Humboldt-Universität zu Berlin war sie von 2016 bis 2022 Juniorprofessorin für Soziologie an der FU Berlin. Seit 2022 ist sie Professorin für Soziologie, insbesondere politische Soziologie an der Universität Erfurt. Im Rahmen ihrer Promotion verbrachte sie ein Jahr an der Columbia University und im Rahmen ihrer Juniorprofessur war sie ein Jahr lang als Gastforscherin an der Yale University tätig. Sie verbrachte längere Forschungsaufenthalte unter anderem an der New York University (NYU) und dem Karisoke Research Center in Rwanda.
Forschung
Situationaler Interaktionismus und dynamische Erklärungsansätze sozialen Handelns Nassauers Arbeiten sind durch einen interaktionistischen Ansatz geprägt, der an den symbolischen Interaktionismus anschließt und soziale Prozesse als in konkreten Situationen hervorgebracht versteht. Soziales Handeln und soziale Ordnung werden in diesem Verständnis nicht als direkte Folge individueller Eigenschaften oder übergeordneter Strukturen verstanden, sondern als dynamische prozessuale Ergebnisse interaktionaler Verläufe.
Dabei verbindet Nassauer mikro- und makro-soziologische Ansätze, indem sie Kontextfaktoren, die zeitlich vor einer Situation liegen – etwa strukturelle Bedingungen, organisationale Rahmen, biografische Hintergründe oder Motivationen – systematisch in ihre Erklärungsmodelle integriert. Diese Faktoren werden jedoch nicht als unmittelbare Ursachen sozialer Ereignisse, sondern als Risikofaktoren verstanden. Risikofaktoren können beeinflussen, wie Situationen verlaufen, welche Erwartungen Personen mitbringen und welche Interpretationen wahrscheinlich werden. Den analytischen Kern bilden jedoch die situativen Interaktionsdynamiken selbst. Nassauer zeigt, dass Eskalationen und andere soziale Ereignisse auch ohne entsprechende vorgelagerte Kontextfaktoren entstehen können, etwa durch Eigendynamiken der Interaktion, wechselseitige Interpretationen, emotionale Dynamiken oder situative Missverständnisse zwischen Beteiligten. Ihre Forschung, wie der von ihr entwickelte Erweiterte Symbolische Interaktionismus, leistet so Beiträge zur theoretischen Weiterentwicklung interaktionistischer Erklärungsansätze. In ihrer empirischen Forschung entwickelt sie interaktionistische Ansätze für verschiedene soziale Phänomene wie polizeilichen Schusswaffengebrauch, Proteste, Raubüberfälle, und Amok-Gewalt und zeigt, wie sich diese Ereignisse aus situativen Interaktionsdynamiken heraus erklären lassen. So zeigt sie, dass Protestgewalt nicht systematisch durch vorherige Motivationen von Teilnehmenden oder Polizeistrategien erklärbar ist, sondern durch dynamische situative Prozesse entsteht. In versuchten Raubüberfällen bestimmen diese Interaktionsdynamiken, ob ein Raubüberfall gelingt oder nicht und in Amokläufen sind situative Dynamiken ausschlaggebend dafür, ob ein versuchter Amoklauf in einem mass shooting endet oder scheitert.
Kollektives Handeln, Gewalt-Eskalation und „Situational Breakdowns“ Ein zentrales Programm in Nassauers Forschung ist die Analyse kollektiven Verhaltens, insbesondere kollektiver Eskalations- und Deeskalationsprozesse. Sie untersucht, wie Konflikte in Gewalt umschlagen oder gewaltfrei bleiben und welche Rolle situative Bedingungen im Vergleich zu Kontextfaktoren dabei spielen.
Besondere Bedeutung kommt dem Konzept der „situational breakdowns“ zu. Darunter versteht Nassauer Situationen, in denen etablierte Routinen, geteilte Erwartungen oder Koordinationsmechanismen versagen. In solchen Momenten entstehen Unsicherheit und Interpretationsspielräume, die Eskalationen begünstigen können. Gewalt erscheint in diesem Verständnis als emergentes Ergebnis situativer Prozesse. In ihrem Buch “Situational Breakdowns” zeigt Nassauer, wie Protestgewalt systematisch durch die Kombination bestimmter Interaktionsdynamiken im Protestverlauf entsteht. Wenn diese Interaktionen in einer von drei Kombinationen auftreten führen sie zu einer Re-Interpration beteiligter Akteure, einem Wandel emotionaler Dynamiken und anschließender Gewalt.
Interaktionsordnungen, Rituale und Regelbrüche Ein weiteres zentrales Thema von Nassauers Forschung ist die Analyse von Interaktionsordnungen und sozialen Ritualen. Aufbauend auf mikrosoziologischen Theorien untersucht sie, wie Interaktionen durch implizite Regeln, Erwartungen und ritualisierte Abläufe strukturiert sind.
Insbesondere in ihren Arbeiten zu Raubüberfällen zeigt sie, angelehnt an Garfinkels Konzept des breaching, wie Regelbrüche innerhalb ritualisierter Interaktionen entscheidend für das Gelingen oder Scheitern einer sozialen Handlung sind. In ihrer Forschung zu kollektiven Regelbrüchen beschäftigt sie sich damit, wie soziale Ansteckung und zeitliche kollektive Dynamiken verschiedene Arten und Schweregrade von Regelbrüchen bedingen, sowohl wenn Personen direkt interagieren als auch wenn sie Spuren früherer Regelbrüche durch Dritte auffinden – beispielsweise im Rahmen von Ausschreitungen, oder bei Regelbrüchen im Rahmen des Naturschutzes.
Soziale Ungleichheit und Zuschreibungen in Interaktionsdynamiken In mehreren Arbeiten thematisiert Nassauer soziale Ungleichheit als interaktional wirksame Dimension von Gewalt. Sie analysiert, wie Kategorien wie Race und Geschlecht in konkreten Situationen prozessual hergestellt werden und Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungsoptionen strukturieren. Ihre Forschung zeigt, dass Zuschreibungen und Dehumanisierungsprozesse situativ aktiviert werden können und Einfluss auf Interaktionsdynamiken haben. Nassauer zeigt unter anderem, wie Geschlecht und Race in polizeilichen Interaktionen Interpretationen und Handlungen von Beamten vor dem Schusswaffeneinsatz beeinflussen oder wie diese die (wahrgenommenen) Handlungsoptionen späterer Amokläufer prägen.
Video Data Analysis, Mixed-Methods-Triangulation und Forschungsethik Ein weiterer Beitrag von Nassauer liegt in der methodologischen Weiterentwicklung der Sozialwissenschaften. Ausgehend von ihrer Promotionsforschung entwickelte sie die Video Data Analysis (VDA), einen Ansatz zur systematischen Analyse sozialer Interaktionen anhand von Videoaufnahmen, häufig in Kombination mit anderen Datentypen.
VDA ermöglicht die sequenzielle Rekonstruktion sozialer Prozesse und so die Analyse ob bestimmte Dynamiken (wie situative Interaktionen, Interpretationen oder Emotionen Beteiligter) systematisch zu einem Ereignis führen oder nicht. Der Ansatz kann sowohl für die qualitative Forschung verwendet werden als auch für die quantitative und Mixed-methods-Forschung. Er bietet einen methodischen Rahmen für ein breites Spektrum von Anwendungen in der Soziologie, Psychologie, Erziehungswissenschaften, Kriminologie, Kommunikationswissenschaften und anderen Feldern. VDA ermöglicht die systematische Analyse komplexer sozialer Prozesse und trägt zur methodischen Reflexion interaktionistischer Forschung bei.
Im Zusammenhang mit ihrer Arbeit zu visuellen und digitalen Daten befasst sich Nassauer auch mit forschungsethischen Fragen. Dieser Forschungsschwerpunkt reflektiert die Verantwortung der Sozialwissenschaften bei der Nutzung neuer Datenquellen und leistet einen Beitrag zur Diskussion ethischer Standards in der qualitativen, quantitativen und mixed-methods Forschung mit Videodaten. Zur Abwägung der Nutzung und ethischen Reflexion solcher neuerer Videodaten entwickelt sie Flussdiagrame zur Entscheidungsfindung und betont das Abwägen konkreter ethischer Gesichtspunkte auf einer Gewichtbarkeitsskala.
Auszeichnungen Nassauer erhielt mehrere Auszeichnungen für ihre Arbeiten in der Soziologie und Sozialpsychologie. Unter anderem wurde sie in der Sozialpsychologie im Jahr 2021 für ihr Buch Situational Breakdowns mit dem Outstanding Recent Contribution Award der American Sociological Association – Sektion Sozialpsychologie ausgezeichnet. Zudem erhielt sie in der Soziologie im Feld des Symbolischen Interaktionismus den Charles Horton Cooley Buchpreis 2020 der Society for the Study of Symbolic Interaction (SSSI) sowie von der Sektion Politische Soziologie der American Sociological Association die 2020 Book Award Honorable Mention.
Schriften (Auswahl) Video data analysis. How to use 21st century video in the social sciences. Mit Nicolas M. Legewie (2022). Sage Publishing: Los Angeles 2022, ISBN 978-1-5297-2246-8. Situational breakdowns. Understanding protest violence and other surprising outcomes. (2019). Oxford University Press: New York, ISBN 978-0-19-092206-1. “The only friend I had was my gun”: A mixed-methods study of gun culture in school shootings." (2025). PLOS ONE. doi:10.1371/journal.pone.0322195 "Two Processes of Dehumanisation: an in-depth study of racial biases in real-life officer-involved shootings of black citizens." (2024). Ethnic and Racial Studies. 47(1): 234-257. "Video Data Analysis: A Methodological Frame for a Novel Research Trend." Mit Nicolas M. Legewie (2021). Sociological Methods and Research, 50(1): 135-174 (online first since 2018). "Situation, Context, and Causality - On a Core Debate of Violence Research." (2022). Violence: An International Journal 3(1):40-64. "Whose Streets? Our Streets! Negotiations of Space and Collective Violence." Mit Nicolas M. Legewie (2021). Social Problems 68 (4): 852-869. "YouTube, Google, Facebook: 21st Century Online Video Research and Research Ethics." Mit Nicolas M. Legewie. (2018). Forum: Qualitative Social Research. 19:03, Art. 32. "Situational Dynamics and the Emergence of Violence During Protests." (2018). Psychology of Violence. 8(3):293-304. "How Robberies Succeed or Fail: Analysing Crime Caught on CCTV." (2018). Journal of Research in Crime and Delinquency. 55(1): 125-154.
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Einzelnachweise
Kategorie:Soziologe (21. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Universität Erfurt) Kategorie:Absolvent der Humboldt-Universität zu Berlin Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1982 Kategorie:Frau Kategorie:Hochschullehrer (Freie Universität Berlin)