Der Heidelberger Stadtteil Weststadt entstand weitgehend im 19. Jahrhundert mit der Gründung der Großherzoglichen Badischen Staatseisenbahn und der Errichtung des Badischen Bahnhofs 1840 an der Rohrbacher Straße 4–8, am westlichen Rand der Altstadt.Heidelberger Geschichtsverein Bahnhöfe, Haltestellen und andere Einrichtungen der Eisenbahn/Straßenbahn in Heidelberg, abgerufen am 12. Juli 2023 Mit der Vorlage eines Bebauungsplans 1872 wurde der sog. „Rohrbacher Baubezirk“ offiziell als Baugelände durch den Heidelberger Stadtrat genehmigt.leo bw, abgerufen am 10. Juli 2023 Zu den wenigen bereits existierenden Straßen gehörten die Römerstraße, die Rohrbacher Straße und die Gaisbergstraße. Begünstigt durch die Nähe zum Badischen Bahnhof entwickelte ab 1870 sowohl ein expansives Wohngebiet als auch ein wichtiges Industriequartier, wie z. B. die Waggonfabrik FuchsBernhard König: Die Waggonfabrik Heinrich Fuchs in Heidelberg. In: Jahrbuch des Bundesverbands Deutscher Eisenbahnfreunde e. V. 1990., S. 126–137.. Durch die Ansiedelung mehrerer luxuriöser Hotels (Grand Hotel Schrieder, Heidelberger Hof, Baierischer Hof Heidelberg) an der Rohrbacher Straße wuchs zudem der Fremdenverkehr sprunghaft an.

Ein reicher Bestand an denkmalgeschützten Villen, begrünten Innenhöfen und altem Baumbestand machen die Weststadt im Kernbereich bis heute zu einem der begehrtesten Wohnviertel Heidelbergs.Melanie Mertens, Landesamt für Denkmalpflege (Herausgeber): Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmale in Baden-Württemberg, Bd. II.5.1, Stadtkreis Heidelberg. Thorbecke-Verlag, Ostfildern, 2013. Bewohnt wird der Stadtteil heute von rund 12.600 Menschen. Er umfasst etwa 110 Hektar, davon sind 82 Prozent überbaut.Webseite HD, abgerufen am 20. Juli 2023

Von der Bahn geprägt Die Weststadt ist von ihren Anfängen an bis heute ein vom Eisenbahnwesen geprägter Stadtteil, der mit Errichtung des Badischen Bahnhofs 1840 an der Rohrbacher Straße 10 begann und mit der Ansiedelung der Waggonfabrik Fuchs zwischen Bahnhof- und Blumenstrasse im April 1862 einen ersten bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung erfuhr.HGV, abgerufen am 14. Juli 2023 Gründer des Unternehmens war der Kutschenbauer Heinrich Fuchs (1820–1884), ein gebürtiger Hoffenheimer. Sowohl Eisenbahnwaggons als auch Brückenkonstruktionen umfassten anfangs das Lieferprogramm, später auch Triebwagen.Peter Blum (Hrsg.): Pioniere aus Technik und Wirtschaft in Heidelberg. Shaker-Verlag Aachen, 2000, S. 26 ff. Mit das bekannteste Produkt aus dem Hause Fuchs war der Gläserne Zug (DR-Baureihe ET 91) aus dem Jahr 1935. Bekannt und beliebt waren darüber hinaus die von der Firma Fuchs produzierten Verbandswagen, die auch bei der Heidelberger Straßenbahn in größerer Stückzahl zum Einsatz kamen.

In den 1890er Jahren prosperierte das Unternehmen unter seinem Sohn Carl Heinrich Fuchs (1849–1905). Auf dem Werksgelände beiderseits der heutigen Goethestraße und südlich der Blumenstraße entstanden Jahr um Jahr neue Werkshallen. 1895 verlegte die Badische Staatsbahn auf eigene Kosten eine handbetriebene Drehscheibe, über die die Waggons aus dem Werk quer über die Bahnhofstraße auf die Anschlussgleise am Bahnhof aufgesetzt wurden.Wolfgang von Hippel, Joachim Stephan, Peter Gleber, H.-J. Enzweiler: Eisenbahnfieber - Badens Aufbruch ins Eisenbahnzeitalter. Landesmuseum für Technik und Arbeit Mannheim (Hrsg.), Verlag regionalkultur, 1990, 328 S. Im Juli 1897 genehmigte der Heidelberger Stadtrat weitere Wagenhallen an der Häusserstraße sowie im Oktober in der Landhausstraße.Hans-Martin Mumm: Heidelberg als Industriestandort um 1900. Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 1996. Heidelberger Geschichtsverein hgv (Hrsg.), Kurpfälzischer Verlag Heidelberg, Heft 1/1996, 250 S.

Der fortschreitende Ausbau des alten Kopfbahnhofs und seines Gleisvorfelds veränderte auch die Weststadter Straßennamen. So wurde die Kleine Speyerer Straße zwischen Belfortstraße und Ringstraße ab 1904 in Kaiserstraße umbenannt. Zeitgleich wurde die Kronprinzenstrasse zur Dantestrasse.

Heidelberg als Verkehrsknotenpunkt für die Strecken in den Süden des Rheintals, in nördlicher Richtung nach Frankfurt a. M. (Main-Neckar-Bahn) sowie nach Osten in den Odenwald (Odenwaldbahn), ermöglichten ab 1895 große Verkehrsströme sowohl für Güter als auch Menschen. So zog der Bahnhof in der neu gegründeten Weststadt zahlreiche wohlhabende Bürger an, die entweder als Touristen kamen oder je nach Gefallen sich einen eigenen Wohnsitz im Rohrbacher Baubezirk gönnten. Mit der weiteren Zunahme des Bahnverkehrs und seiner technischen Fortentwicklung schlug die anfängliche Euphorie für den Stadtteil ins Gegenteil um. Bereits 1901 wurde versucht, den innerstädtischen Bahnhof und seine angegliederte Industrie aus dem Stadtteil zu verdrängen. Somit entstanden schon damals erste Überlegungen zur Bahnhofsverlegung an die Lessingstraße (heute: Willy-Brandt-Platz).Timo Hagen, Daniel Keller: Gesamtanlage "Weststadt-Heidelberg". Ein exemplarisches Beispiel gründerzeitlicher Stadterweiterung. Denkmalpflege Baden-Württemberg, Heft 4, 2012, S. 200–206. Die beiden Weltkriege in der nachfolgenden Zeit verhinderten jedoch deren Umsetzung.

Somit eröffnete erst am 5. Mai 1955 der neue Hauptbahnhof der damaligen Deutschen Bundesbahn im Westen der Stadt. Bis heute ist diese Einrichtung der wichtigste strukturelle Beitrag des Stadtteils zur Gesamtstadt. Zur Einweihung erschien Bundespräsident Theodor Heuss (1949 bis 1959) persönlich. Als ehemaliger Einwohner Heidelbergs und Mitbegründer der Rhein-Neckar-Zeitung kannte der liberale Politiker die langwierige Entstehungsgeschichte des neuen Bauwerks nur allzu gut.

Die öffentliche Meinung zur Architektur des neuen Bahnhofs war gespalten. Vom „Glaskasten der Unnahbarkeit“ bis zu „Eleganz und Leichtigkeit“ reichte das Meinungsbild der Heidelberger. Die Einwohnerschaft der Weststadt war für die Verlegung des Bahnhofs dankbar. Waren doch die Lärm- und Luftemissionen durch den gestiegenen Zugverkehr mit den lauten Dampf- und Diesellokomotiven in den Nachkriegsjahren massiv angestiegen, insbesondere bei den Rangierarbeiten in den späten Abendstunden. Nach Stilllegung des Badischen Bahnhofs 1955 wurden die innerstädtischen Bahngleise mit ihren komplexen Weichen- und Signalanlagen sowie der „Eiserne Steg“ (Fußgängerbrücke) am Römerkreisel rasch entfernt. Nach einjähriger Bauzeit konnten die Flächen 1956 am Römerkreis und der Kurfürstenanlage für den Straßenverkehr frei gegeben werden. Verkehrstechnisch war dies ein wichtiger Schritt für die aufstrebende Weststadt der 1960er Jahre. Der Abriss der alten, soliden Bahnhofsgebäude dagegen sind aus heutiger Sicht des Denkmalschutzes ein Unding.

Bis 1989 begrenzte den südlichen Rand der Weststadt eine weitere Gleistrasse, die als Abzweig vor dem Königstuhl-Tunnel zum ehemaligen Bahnbetriebswerk am Ochsenkopf führte. Hier fielen am 19. März 1945 zum Ende des Zweiten Weltkriegs Bomben alliierter Streitkräfte auf Heidelberg. Die Sprengkörper verfehlten die Bahnanlagen und stürzen dafür in Wohngebäude der Mittermaierstraße 27 und der Alten-Eppelheimer-Straße 48. Insgesamt kamen sieben Menschen ums Leben.

1989 wurde das Bahnbetriebswerk sowie die Gleisanlagen des Rangier- und Güterbahnhofs stillgelegt und anschließend rückgebaut (heutiges Gelände der Heidelberger Bahnstadt). Unter der Rohrbacher Straße, am angrenzenden Bergfriedhof, verläuft seit 1912 die Neckartalbahn, die zwischen Steigerweg und Karlstor in den ca. 2,5 km langen Königstuhltunnel weiterführt. Der 1911 erbaute Tunnel ist heute noch in Betrieb (Stand: 2023). 2015 wurde das Bauwerk für 28 Mio. € saniert.

Auch beim Nahverkehr war die Weststadt schon früh gut aufgestellt. So verkehrte ab 1886 eine Pferdebahnlinie mit der Spurweite von 100 cm vom Vorplatz des Badischen Bahnhofs durch die Rohrbacher Straße bis zur damaligen Endhaltestelle Alois-Link-Platz am Bergfriedhof. Im Juli 1901 folgte die Eröffnung der von der Deutschen Eisenbahngesellschaft AG in Frankfurt erbauten elektrischen Straßenbahnlinie. Sie verkehrte von der Weststadt über Rohrbach-Leimen-Nußloch bis nach Wiesloch (Offizieller Baubeginn am 1. August 1900; Streckenlänge 13 km). Zwischen dem Badischen Bahnhof und dem Bergfriedhof wurden anfangs die Gleise der Pferdebahn noch mitbenutzt.HGV, abgerufen am 14. Juli 2023 Ihren ersten spektakulären Unfall erlebte die neue Straßenbahn am 1. Oktober 1901. Dabei stieß ein elektrischer Triebwagen auf Höhe des Bergfriedhofs mit einem Leichenwagen zusammen.

Bebauung, Historie Die Entwicklung der Weststadt zu einem repräsentativen, gründerzeitlichen Vorstadtquartier steht in engem Zusammenhang mit der städtebaulichen Ausdehnung Heidelbergs entlang der damaligen Rohrbacher Straße (syn. Rohrbacher Chaussee).Wolf Deiseroth: Die Weststadt von Heidelberg. Ein Beispiel gründerzeitlicher Stadtentwicklung. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. 9. Jg. 1980, Heft 2, S. 37–50. Die Rohrbacher Straße schneidet hier in Nord-Süd-Richtung den bergwärtigen Teil der Hangbebauung des Gaisbergs, mit den Straßen Gaisbergstraße, Bunsenstraße (ehemals Kriegstraße)Melanie Mertens, Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmale in Baden-Württemberg, Bd. II.5.1, Stadtkreis Heidelberg. Thorbecke-Verlag, Ostfildern, 2013., Steigerweg, Hutzelwaldweg und Oberer Gaisbergweg, von der übrigen topografisch tieferliegenden Weststadt ab.

Aufgrund der geringen Kriegsschäden besteht die Bausubstanz der historischen Weststadt bis heute aus großzügigen Villen im Landhaus-Stil sowie aus zahlreichen denkmalgeschützten drei- bis fünfstöckigen Mehrfamilienhäusern. Die meisten Gebäude sind vor 1910 erbaut und in gutem, gepflegten Zustand.

Über die Hälfte aller Wohnhäuser um die 1900 wurden von Privatleuten errichtet bzw. in Auftrag gegeben. Die meisten Häuser der Weststadt entwarf in dieser Zeit das bekannte Heidelberger Architekturbüro Henkenhaf & Friedrich Ebert. Überwiegend nutzten die Bauherren nach Fertigstellung die Anwesen als persönlichen Wohnsitz.

Die 1920er Jahre brachten mit genossenschaftlichen Wohnanlagen von größeren Ausmaßen neue Aufgaben mit sich. Somit erschuf man im Westen und entlang der Schiller- und Römerstraße (Verbindung Römerkreis-Christuskirche) mehrstöckige Blockbebauung, teilweise mit Geschäftsräumen im Erdgeschoss. Nordwestlich der Römerstraße sowie an der Ringstraße finden sich entsprechend auch modernere Bebauungslinien mit vier- bis fünfstöckigen Mehrfamilienhäusern aus den 1950ern bis 1970er Jahren.

Die innerstädtische Verkehrsachse Kurfürstenanlage trennt die Weststadt im Norden von Bergheim (siehe auch Nahverkehr in Heidelberg). Auf dieser ehemaligen Bahnanlage (alter Hauptbahnhof und Vorfeld) entstanden in den 1960er Jahren mehrere einheitlich gestaltete Justizgebäude (LG, OLG) und das Heidelberger Finanzamt. Alle Behördengebäude mussten aufgrund von asbestbelastender Baumaterialien 2014 abgerissen werden.

Die Weststadt besitzt zwei christliche Kirchengebäude, die aus der Gründerzeit stammen. Neben der katholischen Bonifatius-Kirche findet sich die von dem Baurat Hermann Behaghel errichtete evangelische Christuskirche, die mit ihrem 65 Meter hohen Turm das Wahrzeichen des Heidelberger Westens geworden ist.

Nach der Zerstörung der Alten Synagoge 1938 in der Heidelberger Altstadt, verfügt auch die jüdische Gemeinde 1994 mit der Errichtung der Neuen Synagoge durch Alfred Jacoby in der Häusserstraße 10 über ein eigenes Gebetshaus.Hans Gercke: Kirchen in Heidelberg. 1. Auflage. Schnell und Steiner, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7954-2413-8.

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