Müslümantepe Höyük ist ein Tell (türkisch: Höyük) am Südufer des Tigris im Landkreis Bismil der Provinz Diyarbakır. Der Tell liegt nur wenige hundert Meter westlich des Dorfes Şahintepe und 22 km östlich von Bismil. Müslümantepe war in der Bronzezeit eine große und wichtige hurritische Siedlung mit einem prominenten Tempel.
Lage
Die archäologische Fundstätte Müslümantepe ist heute ein Doppelhügel, der aus zwei topografisch unterscheidbaren Gipfeln besteht: dem eigentlichen Haupthügel Müslümantepe und der unmittelbar angrenzenden Erhebung Hıristiyantepe. Die erste Siedlung hier wurde auf einem natürlichen Terrassensystem am Flussufer errichtet, das auf holozänen Sedimenten bis zum Flussbett reicht. Über die Zeit wuchs auf dieser Erhebung der Tell weiter in die Höhe. Die ehemalige Stadtmauer umfasste den gesamten Hügel, und die beiden Gipfel bzw. die Öffnung zwischen beiden kam erst später dazu. Die Bezeichnungen Müslümantepe und Hıristiyantepe indes stammen wahrscheinlich von dem muslimischen und christlichen Wohnvierteln des Ortes im Mittelalter ab.
Ausgrabungen
Der Hügel wurde von Guillermo Algaze und seinem Team während des „Upper Dicle Archaeological Research Project“ (UTARP) entdeckt. Da die gesamte Region hier vom Ilısu-Staudamm betroffen werden sollte, wurde nach dem Survey mit Rettungsgrabungen begonnen. Eine erste Untersuchung wurde von einem Team unter der Leitung von Eyyüp Ay von der ODTÜ in Ankara zwischen 1999 und 2000 durchgeführt und veröffentlicht. Die eigentlichen Ausgrabungen fanden dann zwischen 2000 und 2018 - mit einer Unterbrechung in den Jahren 2003 und 2004 - statt und konzentrierten sich auf drei Bereiche: Müslümantepe selber, Hıristiyantepe weiter nordwestlich und ein Friedhof südlich des Hügels. Neben der ODTÜ war auch das Museum Diyarbakır an den Ausgrabungen beteiligt. Nach den Abschluss der Ausgrabungen 2018 wurde die Stätte konserviert und wieder zugeschüttet. Das Dorf Şahintepe ist mittlerweile umgesiedelt worden.
Stratigrafie
Müslümantepe weist eine komplexe Stratigraphie auf, die die verschiedenen archäologischen Perioden von der Halaf-Zeit bis zur assyrischen Zeit (d. h. ca. 5500 – 600 v. Chr.) umfasst. Es wird davon ausgegangen, dass der Hügel seit der Kupfersteinzeit bewohnt war. Es wurden Spuren aus der späten Uruk-Zeit, der frühen Bronzezeit, der mittleren Bronzezeit, der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit gefunden. Die Ausgrabungen erreichten nicht den natürlichen Felsgrun. Die Abfolge der Perioden ist wie folgt:
Mittelalter (11.–13. Jh. n. Chr.) – Friedhof, vereinzelte Kleinfunde Eisenzeit (900–600 v. Chr.) – Neuassyrische Gebäude, Verwaltungszentrum Mittlere/Späte Bronzezeit (2000–1200 v. Chr.) – Hurritisch-Mitanni Tempel, Ritualobjekte Frühbronzezeit (3000–2000 v. Chr.) – Befestigte Stadt, Palastanlage Kupfersteinzeit (5000–3000 v. Chr.) – Uruk-Einfluss, Halaf/Obed-Keramik
Funde Müslümantepe mini|Wahrscheinlich ein Trankopfergefäß aus der Mitannizeit Die Ausgrabungen in Müslümantepe wurden an den Nord- und Südhängen und der Hügelregion durchgeführt. Hier konzentrieren sich die monumentalen Bauten wie Palast und Tempel. Bei den Ausgrabungen am Nordhang konnten aufgrund der Steilheit des Geländes und der Zerstörungen aus späteren Perioden keine ausreichenden Informationen gewonnen werden. Am Südhang stieß man auf Steinfundamente und Wände aus Lehmziegeln. Die freigelegte Keramik stammt aus verschiedenen Epochen wie zum Beispiel eine mittelassyrische Schale, ein Mittani-Becher und eine Nuzi-Schüssel. Aufgrund dieser Funde wird vermutet, dass der Südhang vom ersten Viertel des 2. Jahrtausends v. Chr. bis zum letzten Viertel durchgehend besiedelt gewesen war.
Bei den Ausgrabungen oben auf dem Hügel wurde auch ein Friedhof aus der islamischen Zeit freigelegt. Es ist ersichtlich, dass die zum 2. Jahrtausend v. Chr. gehörenden Siedlungsschichten durch mittelalterliche Silos und Müllgruben zerstört worden sind. Der bemerkenswerteste Fund auf dem Hügel aber sind zwei aneinander angrenzenden Gebäude mit Lehmziegelwänden und das darin gefundene Material. In dem vermutlich zweistöckigen Gebäude wurden zahlreiche Ritualgefäße in situ, hufeisenförmige tragbare Herde und verkohlte Weizenkörner gefunden, die wahrscheinlich für Zeremonien verwendet wurden. Diese Funde wurden auf das 17. und 18. Jahrhundert v. Chr. datiert. Man geht davon aus, dass dieses Gebäude in der mittleren Bronzezeit ein hurritischer Tempel war.
Hıristiyantepe Bei den Ausgrabungen auf Hıristiyantepe wurden miteinander verbundene Lehmziegelstrukturen freigelegt, die von einer steinernen Stützmauer umgeben waren. Dieser Teil des Hügels umfasste die Wohnquartiere der Stadt. Aus den Keramikfunde der Ninive-5-Zeit (2900–2360 v. Chr.) geht hervor, dass die Strukturen im 3. Jahrtausend v. Chr. bewohnt waren. Tiefere Ausgrabungen hier zeigten, dass diese Strukturen auf einer Schicht aus der späten Kupfersteinzeit errichtet wurden. Einige Gebäude im westlichen Teil von Hıristiyantepe ruhen auf dieser Stützmauer. Darüber hinaus wurden bei den Ausgrabungen von 2008 die Kulturschicht der Obed-Zeit erreicht und eine große Anzahl von bemalten Töpferwaren aus der Kupfersteinzeit gefunden.
Friedhof Bei den Ausgrabungen auf dem Friedhof 150 Meter südlich von Müslümantepe wurden viele Gräber aus dem 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. (sumerisch-akkadischen Zeit) gefunden. Die Menschen waren auf unterschiedlichen Art und Weise begraben, unter anderem in Pithosgefäßen, in einem Hypogäum, in Steinkisten und auch einfachen Gruben. Ein kleines Gefäß aus dem Hypogäum zeigte eine schwarze Substanz, die sich als eine Mischung aus Pyrolusit (70 %), Calcit (20 %) und Quarz (7 %) herausstellte. Es wird vermutet, dass es sich hier um Kosmetika handelt, was dies zum ältesten Fund (c. 2750 – 2500 v. Chr.) in Ostanatolien machen würde.
Als Grabbeigaben wurden metallische, dunkelgeränderte orangefarbene und rotbraune Keramik aus der Ninive-5-Zeit gefunden, die in Zusammenhang mit den Hurritern gebracht werden. Eine beträchtliche Anzahl von Ornamenten wurde ebenfalls geborgen, wie Bronzearmbänder, spiralförmige Silberhalsketten und Armbänder mit Perlen. Weitere Ausgrabungen zeigten, dass dieses Gebiet seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. bewohnt war, und die zylindrischen Siegelfunde aus der späten Uruk-Zeit und Dschemdet-Nasr-Zeit mit geometrischen Motiven stützen diese Bestimmung. Weitere Spuren zeigten, dass die Gräber schon im Altertum teilweise geplündert worden sind.
Neben diesen bronzezeitlichen Gräbern gab es auch viele Bestattungen aus dem Mittelalter, genauer gesagt aus dem 9.–12. Jahrhundert (spätbyzantinisch-frühseldschukisch). Insgesamt wurden aus dieser Periode Knochen von 459 Individuen gefunden, von denen 60 % Erwachsene und 40 % Kinder und Babys waren. Unter den Erwachsenen waren die Frauen mit 1:1,4 in der Mehrheit, was eventuell damit erklärt werden könnte, dass die Männer in Kämpfen und Kriegen außerhalb des Ortes ums Leben kamen und dort beerdigt worden sind. Das Durchschnittsalter der Erwachsenen war etwas über 33 Jahre.
Der Tempel Der in Müslümantepe ausgegrabene Tempel war ein bedeutendes hurritisches Heiligtum aus der Mittleren Bronzezeit, dessen Geschichte sich in zwei Hauptphasen gliederte. Die erste Nutzungsphase endete vermutlich im 18. Jahrhundert v. Chr. durch ein Erdbeben. Spuren dieses Erdbebens finden sich auch an anderen Orten wie Salat Tepe. Die zweite Phase des Tempels reichte nach Reparaturen bis zu einem verheerenden Brand im frühen 17. Jahrhundert v. Chr. Die Radiokarbondatierung von Getreideproben aus der Brandschicht bestätigte diese Datierung in das 18. bis 17. Jahrhundert v. Chr. Der Tempel befand sich auf dem höchsten Punkt Müslümantepes, auf einer aus verdichtetem Lehm erbauten, erhöhten Plattform. Das Gebäude selbst war annähernd quadratisch mit einer Grundfläche von 8,70 × 9,25 Metern und besaß zwei Stockwerke. Es wurde auf Steinfundamenten mit 1,28 Meter dicken Lehmziegelmauern errichtet. Architektonisch war die Hauptstruktur des Tempels durch eine zentrale Wand in zwei rechteckige Räume unterteilt, die ein sogenanntes Ante-Cella-Cella-Layout bildeten. Der Eingang in südöstlicher Richtung war nur 90 cm breit und über eine dreistufige, erhöhte Treppe zugänglich. Der gesamte Kultbezirk war von einer eigenen Umfassungsmauer umgeben, wobei der Zugang zum Heiligtum durch einen Wachraum an der Treppe gesichert war. Im östlichen Flügel, gegenüber dem Haupteingang, befand sich zudem ein Innenhof, der mit Koch- und Lagerbereichen sowie einem Backofen ausgestattet war, die der Versorgung des Tempels dienten.
Im Tempel wurde eine Vielzahl von Kultobjekten in situ entdeckt, die Einblicke in die religiösen Zeremonien der Hurriter ermöglichen. Die Funde aus dem Obergeschoss des Tempels deuten auf Rituale im Innenbereich hin und umfassen eine Reihe faszinierender Artefakte: Dazu zählen ein Terrakotta-Podest, das als ein Omphalos (Nabel der Welt) interpretiert wird, sowie ein zylindrischer Stein, der vertikal darauf stand und als „Glücksrad-Schaft“ gedeutet wird. Diese Objekte, zusammen mit einer speziell präparierten Schale, dienten vermutlich Orakelritualen. Des Weiteren wurden tragbare Kultgegenstände wie zwei hufeisenförmige Karaz-Typ-Herdstellen, eine vielseitige Anbetungsvase, ein massiver Altar, ein Bronzeschaber und eine bemalte Vase, die karbonisierte Pflanzenreste enthielt, geborgen.
Das Untergeschoss des Tempels diente hingegen der Lagerung von Opfergaben und der rituellen Vorbereitung. Hier entdeckten die Archäologen verschiedene Vorrats- und Ritualgefäße, darunter sogenannte Mitanni-Tassen mit Aschenresten, eine große rot-polierte Kanne, eine Öllampe und eine einzigartige Brotkuchenform mit tiefen Rillen, die für die Herstellung von Opferbroten genutzt wurde. Ergänzt wurden diese Funde durch eine Bulla (Tonklumpen) mit einem Zylindersiegelabdruck und einem Terrakotta-Zylindersiegel aus der frühen Mitanni-Zeit. Allgemeine archäozoologische Analysen von Tierknochen belegen zudem die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung, während karbonisierte Pflanzenreste die landwirtschaftliche Grundlage der Siedlung, etwa den Anbau von Weizen, Gerste, Linsen und Oliven, untermauern.
Der Archäologe Eyyüp Ay sieht zwischen den gefundenen Kultobjekten und den Ritualen des Frühlingsfests AN.TAḪ.ŠUM der Hethiter einen Zusammenhang und stellt einen hurritischen Ursprung fest.
Sonstiges
Die Analysen der Tierknochen vor Ort belegen, dass die Ernährung der Ureinwohner neben Haustieren wie Schafen, Ziegen und Rindern auch Wildtiere wie Rothirsche und Wildschweine umfasste. Die verkohlten Weizen- und Gerstenreste zeugen von fortgeschrittenen landwirtschaftlichen Aktivitäten. Untersuchungen der Abfälle aus den Mittelbronzeschichten zeigten Getreide wie Gerste, Hartweizen, Brotweizen und Einkorn, Hülsenfrüchte wie Linsen, Wicken sowie Reste von Früchten wie Oliven und Weinreben. Außerdem wurden Wildfrüchte und Pflanzensamen gefunden, die als Tierfutter verwendet wurden.
Siedlungsgeschichte
Die Siedlungsgeschichte Müslümantepes erstreckt sich über einen Zeitraum von Jahrtausenden. Die erste Siedlung wurde im Neolithikum auf der natürlichen, halbinselartigen Flussterrasse gegründet und expandierte mit der Zeit, so dass sie sich während des späten Kupfersteinzeit über die gesamte natürliche Halbinsel erstreckte und etwa 50 Hektar groß wurde. Am Anfang der Frühen Bronzezeit entwickelte sich Müslümantepe zu einer Stadt mit einem Palast und Nebengebäuden weiter. Die Siedlung war von einer Stadtmauer umgeben, die sie von Süden her schützte, während der Tigris im Norden eine natürliche Barriere bildete. Gräberfelder aus dieser Zeit, die größtenteils in die sumerisch-akkadische Periode datieren, enthielten unter anderem Ninive-5-Keramik.