Das Lager Heuberg ist der älteste Teil der militärischen Anlagen des heutigen Bundeswehr-Standortes Stetten am kalten Markt südlich des Truppenübungsplatzes Heuberg (Baden-Württemberg). Es liegt auf dem Großen Heuberg, einer Hochfläche der Schwäbischen Alb, und dient in erster Linie der Unterbringung übender Truppen. Direkt westlich angrenzend wurde 1966 die damals neuerbaute Alb-Kaserne angegliedert.
Im Lager Heuberg wurde am 20. März 1933 das Konzentrationslager Heuberg als frühes Konzentrationslager der Nationalsozialisten eingerichtet.
Der Truppenübungsplatz und das Lager Heuberg bei Stetten am kalten Markt waren seit ihrer Errichtung im wilhelminischen Kaiserreich stets ein Spiegelbild der deutschen Geschichte.Gerd Feuerstein: Die Opfer nicht vergessen. SPD-Bundestagskandidatin legt Blumen am Mahnmal beim Truppenübungsplatz nieder. In: Südkurier vom 19. November 2008. So waren vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg Einheiten der Badischen Armee und der Reichswehr im Lager Heuberg stationiert. Während der NS-Zeit waren neben dem eingerichteten Konzentrationslager und einem Reichsarbeitsdienstlager Einheiten der Sturmabteilung (SA) und der Schutzstaffel (SS) sowie während des Zweiten Weltkriegs Einheiten der Wehrmacht, der Waffen-SS und verbündeter Länder (Italien, französisches Vichy-Regime) vor Ort. In der Nachkriegszeit und der späteren Bundesrepublik Deutschland folgten Einheiten der Französischen Armee und der Bundeswehr. Zudem waren US-Atomwaffen in der Nähe stationiert.
Die Kasernenanlagen, der Standort- sowie der Truppenübungsplatz Heuberg umfassen 4780 Hektar, wovon 1620 Hektar auf die Gemarkung Stetten am kalten Markt entfallen.Standortprofil Stetten a.k.M. (PDF; 3,2 MB), Mai 2007 Auf die beiden Liegenschaften des Standortes Stetten am kalten Markt – Alb-Kaserne und Lager Heuberg – entfallen 141,8 HektarGesamtfläche 1.417.564 m².
Geschichte Vorgeschichte
Bereits 1885 forderte das XIV. Badische Armee-Korps Manöverraum nach den neuen Anforderungen militärtaktischer Grundsätze. Ab 1908 wurden Kaufverhandlungen für die Gemarkungen, die auf badischem, württembergischen und hohenzollerisch-preußischen Gemarkungen lagen, aufgenommen. 1909 wurden baureife Pläne für drei Standorte angefertigt. Ein ausgearbeiteter Plan sah das Lager des Truppenübungsplatzes bei Heinstetten mit Eisenbahnanschluss über die Heubergbahn vor. Erörtert wurden auch das Hirschhölzle bei Straßberg mit Anschluss an die Bahnstrecke Tübingen–Sigmaringen und ein Gelände bei Stetten am kalten Markt mit Anschluss über die Standseilbahn Kaiseringen.
1910 fanden die ersten Truppenübungen auf dem Gefechtsschießplatz Heuberg statt. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine festen Truppenunterkünfte, weshalb die Soldaten in Zelten und Quartieren der umliegenden Gemeinden untergebracht wurden.
Bauzeit und Erster Weltkrieg (1912–1918) Die Gemeinden Stetten am kalten Markt und Ebingen lieferten sich ab 1910 einen harten Kampf um den Standort des neu zu bauenden Lagers. Konzipiert war es für die Aufnahme von 6400 Soldaten übender Truppe und 2000 Pferden. Am 1. September 1910 wurde durch das Preußische Kriegsministerium entschieden, das Lager auf einem Gelände bei Stetten am kalten Markt zu bauen. Am 1. Mai 1912 begannen die Arbeiten, die bis in das Jahr 1916 andauerten sollten. Die Einweihung fand am 14. Mai 1914 statt. Zur Einweihung standen fast 150 massive Steinbauten sowie 500 Meter nordwestlich des Lagers ein Lazarett mit mehreren Gebäuden. Das letzte fertiggestellte Gebäude im Lager Heuberg war die Offizierspeiseanstalt, die heute das einzige Gebäude im Lager ist, das unter Denkmalschutz steht und die militärhistorische Sammlung beherbergt. Im Lager waren Einheiten der Artillerie, Infanterie, Jäger und Pioniere sowie die neu aufgestellten Maschinengewehrkompanien stationiert.
Mit dem Bau des Lagers und dessen Belegung setzte in der Gemeinde Stetten am kalten Markt ein wirtschaftlicher Aufschwung ein, der sich mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 zu einer Hochkonjunktur entwickelte. Es kamen nun Truppen aus allen Teilen Deutschlands auf den Heuberg, um von dort an die Fronten in Ost und West abzurücken. Als erste wurde unter anderem im August 1914 die 25. Reserve-Division auf dem Heuberg aufgestellt und mit 116 Zügen ab dem 30. August 1914 an die Westfront verlegt. Dominik Richert absolvierte dort im Juli 1914 mit der IR 1/112 eine Truppenübung vor dem Krieg.Die Beste Gelegenheit zum Sterben, S. 11.
Kriegsgefangenenlager (1914–1918) Am 17. Oktober 1914 wurde nordwestlich des Lagers mit dem Bau eines Kriegsgefangenenlagers für 3000 Soldaten begonnen. Am 25. November 1914 trafen die ersten 29 Gefangenen ein. Fünf Tage später waren es bereits 189 Gefangene. Der Bereich des Kriegsgefangenenlagers wurde ständig erweitert, so dass es zum Jahresende 1917 zu den rund 5.000 im Truppenlager stationierten Soldaten noch rund 15.000 Kriegsgefangene – meist russischer oder französischer Herkunft – kamen. Es zählte somit zu den größten Lagern Deutschlands. In der Anfangszeit wurden die Gefangenen zu Arbeiten auf dem Truppenübungsplatz und im Lager sowie in der Landwirtschaft herangezogen, jedoch erfolgte bald schon ihr Einsatz in der Industrie der Umgebung, wo ihre Arbeitskraft die der an den Fronten befindlichen Arbeitern ersetzen und die wirtschaftliche Stabilität sichern sollte.
Die Verstorbenen des Lagers wurden auf dem am Eingang des Stettener Tals gelegenen, heute noch sogenannten „Russenfriedhof“, bestattet. Der Friedhof des Lazaretts wurde 1915 auf Initiative der Gefangenen eingerichtet.Gabriele Loges (gl): Eine junge Russin sucht in Stetten nach Spuren ihrer Herkunft. Aigul Bachtijarowa besucht den Soldatenfriedhof – UNESCO organisiert die Reise nach Deutschland. In: Schwäbische Zeitung vom 16. Februar 2011. Das dort während der Zeit des Gefangenenlagers errichtete Ehrenmal nennt 67 russische und 43 französische Namen. Auf einem weiteren Stein, hier handelt es sich um ein Kameradengrab, sind zudem noch 17 russische Namen eingemeißelt. Die Zahl der Toten stieg im letzten Kriegsjahr wegen der allgemein schlechten Ernährungslage, unter der auch die deutsche Bevölkerung furchtbar zu leiden hatte, stark an. In der Zeit von März 1915 bis Januar 1919 wurden 181 Kriegsgefangene dort beerdigt. Franzosen, Italiener und Engländer wurden nach Ende des Weltkrieges vom Russenfriedhof auf dem Heuberg in ihre Heimatländer überführt. 119 Einzelgräber sowie das Kameradengrab sind heute noch vorhanden.
Der Friedhof ist unter Kulturdenkmalschutz gestellt und wird von der Bundeswehr gepflegt. Eine Tafel am Eingang des Friedhofs erinnert daran, dass auf dem Heuberg 15.000 Russen, Franzosen, Engländer und Soldaten anderer Nationen ihre toten Soldaten nach dem Krieg umgebettet haben. Die Gräber tragen je nach Religion verschiedene Steine: orthodoxe Christen mit Doppelkreuz, einfache Kreuze für die anderen Christen, eine Art Blume für Muslime. Es gab auch russische Gräber mit Davidstern, diese sind jedoch im Dritten Reich verschwunden. Ein Obelisk erinnert an die toten Soldaten. Auch die Namen der umgebetteten Soldaten sind eingemeißelt. Die russischen Soldaten sind in kyrillischer Schrift eingetragen. Ein weiterer Stein erinnert an die russischen Soldaten, die noch zu Beginn des Ersten Weltkrieges auf dem Ortsfriedhof beerdigt worden waren.
Nachkriegszeit und Weimarer Republik (1918–1933) Das Kriegsende 1918 bedeutete für Stetten am kalten Markt den nahezu völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch, denn aufgrund des Vertrags von Versailles und gemäß Entscheidung des Reichswehrministeriums in Berlin wurde der Truppenübungsplatz Heuberg mit seinem Lager nicht mehr durch die Truppenteile des Wehrbereichs V militärisch genutzt. Aus diesem Grund wurde das gesamte Lager und der Platz 1920 dem Karlsruher Verein „Kinderheilfürsorge Heuberg e. V.“ übergeben, dessen neu gegründetes Kindererholungsheim verwaltungsmäßig dem württembergischen Landesfinanzamt in Stuttgart unterstellt wurde. Es wurde nach 1924 von Alexander Dominicus geleitet.
Die Kinder lebten auf dem Heuberg in einer Art „Familien“, welche jeweils 15 bis 20 Kinder bis zum Alter von 14 Jahren unter der Leitung einer Kindergärtnerin umfassten. Die Älteren waren in den ehemaligen Offiziershäusern in Zwei- bis Vierbettzimmern untergebracht. Es konnten bis zu 3000 Kinder, in 150 „Familien“ eingeteilt, untergebracht werden. Zum Kindererholungsheim gehörte die Kinderheilstätte, die im früheren Lazarett untergebracht war. Die Landesversicherungsanstalt Württemberg betrieb es bis 1973 als Heilstätte.
Ab 1926 wurde noch eine ganzjährige Haushaltungsschule für Kriegswaisen eingerichtet. Es handelte sich um eine einjährige Vollschule, die neben der Fachausbildung noch auf das Erwerbsleben vorbereitete, dabei aber immer auf die Erholung achtete. Auch bestand für Stadtschulen die Möglichkeit, für vier Wochen einen Schullandheimaufenthalt auf dem Heuberg zu machen. 1928 wurde innerhalb des Lagers ein Polizeierholungsheim eröffnet. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden die Erholungsheime und Schulen geschlossen.
NS-Diktatur (1933–1945) Im Zuge der sofort nach der Machtübernahme der NSDAP einsetzenden Aufrüstung der Wehrmacht verlangte die Reichswehr (ab 16. März 1935 als Wehrmacht bezeichnet) bald das alleinige Verfügungsrecht über den gesamten Truppenübungsplatz und seine Anlagen. Die provisorische Übernahme des Platzes erfolgte bereits am 1. August 1933, was zur Folge hatte, dass das im Lager Heuberg von März 1933 bis Dezember 1933 eingerichtete Konzentrations- und Schutzhaftlager geschlossen wurde. Die endgültige Übernahme des Platzes und des Lager Heuberg durch das Militär erfolgte am 1. April 1934. Zudem errichtete die Sturmabteilung (SA) eine Winterschule.
Das Ereignis des nun wieder vollständig militärisch genutzten Truppenübungsplatzes feierte Stetten am kalten Markt mit einem großen Volksfest. Im Anschluss daran wurden Lager und Übungsplatz auf den neuesten Stand gebracht. Damit verbunden waren erneute Gebietsabtretungen der anliegenden Gemeinde, unter anderem für die heute noch vorhandenen Außenfeuerstellungen, von denen auch Stetten nicht verschont blieb. Im Bereich der heutigen Alb-Kaserne wurde ab 1940 ein ausgedehntes Barackenlager mit etwa 400 Baracken, geplant für den Reichsarbeitsdienst (RAD), und Nebengebäuden gebaut. Genutzt wurde die Anlage von der Wehrmacht.
Mit diesen und anderen umfassenden Baumaßnahmen begann für die Garnisonsgemeinde Stetten am kalten Markt ein zweiter wirtschaftlicher Aufschwung. Die Zahl der im Zusammenhang mit dem Truppenübungsplatz Beschäftigten nahm zu, auch das Bauhandwerk hatte viel zu tun. Ein emsiges Wirtschaftsleben entwickelte sich und die Gewerbebetriebe richteten ihre Produktion erneut gänzlich auf den Truppenübungsplatz aus, eine Blüte, die der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht lange wachsen ließ.
Konzentrationslager Heuberg (1933)
mini|Hermann Wißmann, Mitglied der KPD, starb schon 1933 im Konzentrationslager Heuberg; die Stadt Hannover ehrte Wißmann mit der Umwidmung der Wißmannstraße. (Zuvor war selbige nach dem Kolonialverbrecher Hermann von Wissmann benannt gewesen.)