mini|Eine Schlacht, die so nicht stattfand: Die Türkenschlacht auf der Votivtafel von Sankt Lambrecht wurde als Sieg Herzog Ernsts bei Radkersburg fehlgedeutetOthmar Wonisch: Die vorbarocke Kunstentwicklung der Mariazeller Gnadenkirche – dargestellt im Lichte der Geschichte, der Legenden und Mirakel. In: Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark, Band 19. Verlag der Historischen Landeskommission, Graz 1960, S. 12 und 93. (Darstellung um 1430) In einer Schlacht bei Radkersburg sollen ein innerösterreichisches Aufgebot, niederösterreichische Truppen und kroatische Hilfstruppen am 5. OktoberJoseph von Hormayr: Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst, Fünfter Band, Seite 353–356. Härter, Wien 1814Die Datumsangabe 5. Oktober geht wohl auf Hormayr zurück. Muchar gab nur allgemein einen Zeitraum zwischen dem 22. September und dem 25. Oktober an. 1418 osmanische Streiftrupps besiegt haben. Die Historizität der Schlacht ist nicht belegt. Belegt sind für jene Zeit stattdessen ungarische Angriffe auf die Steiermark.
Angebliche Türkeneinfälle in Steiermark
mini|Valvasors Annahme, Sigismund habe 1409 bei Golubac gegen Musa gekämpft, beruht auf einem Fehler in einer alten Landkarte Ungarns.Die schon von Cuspinianus und Tannstetter in die Tabula Hungariae (1528) eingetragene falsche Jahreszahl für die Schlacht bei Golubac (1409 statt 1428) wurde auch in der Nova totius Ungariae desciptio (1567) und Nova et recens emendata totius Regni Ungariæ (1620) übernommen. Historisch zweifelsfrei belegt sind sogenannte Türkeneinfälle in Krain (Slowenien), Steiermark und Kärnten nicht vor 1469Franz Ilwof: Die Einfälle der Osmanen in die Steiermark, Teil II, In: Historischer Verein für Steiermark (Hrsg.): Mittheilungen des Historischen Vereins für Steiermark, Heft 10, Graz 1861, S. 207–264.Erich Zöllner: Geschichte Österreichs von den Anfängen bis zur Gegenwart. Oldenbourg, München 1961, S. 150., dennoch hielten sich lange Zeit auch Überlieferungen vermeintlich früherer Angriffe osmanischer Türken auf österreichisches bzw. Reichsgebiet.Hans Pirchegger: Die ersten Türkeneinfälle (1396, 1415, 1418). In: Historischer Verein für Steiermark (Hrsg.): Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark. Jahrgang 18, Graz 1922, S. 67–73 (historischerverein-stmk.at). Unmittelbar nach ihrem Sieg über ein ungarisch-französisches Kreuzfahrerheer bei Nikopolis sollen osmanisch-türkische Vorausabteilungen schon 1396 bei Gegenangriffen durch Serbien und das damals zu Ungarn gehörende Kroatien hindurch bis nach „Petau“ vorgestoßen sein, die Stadt niedergebrannt und die Einwohner verschleppt haben. Das behauptete allerdings allein Johannes Schiltberger.Franz Ilwof: Die Einfälle der Osmanen in die Steiermark. In: Mittheilungen des Historischen Vereins für Steiermark, Heft 9, Graz 1859, S. 179–205.Klaus Schwarz: Vom Krieg zum Frieden – Berlin, das Kurfürstentum Brandenburg, das Reich und die Türken. In: Georeon Sievernich (Hrsg.): Europa und der Orient 800-1900. Bertelsmann Lexikon Verlag, Berlin 1989, S. 245–248. (Anderen Chronisten zufolge seien die Osmanen stattdessen bis vor die ungarische Hauptstadt Buda gestreift bzw. ihr Sultan habe das angedroht.Wilhelm Baum: Kaiser Sigismund, Hus, Konstanz und Türkenkriege. Styria Verlag, Graz 1993, S. 39f, 59–62, 70, 81, 85–89, 142f, 146–149, 202–208, 213f, 223, 228, 272 und 316f.Donald Edgar Pitcher: An Historical Geography of the Ottoman Empire From Earliest Times to the End of the Sixteenth Century. Brill, Leiden 1972, S. 49, 57ff und 73.) Obwohl es für einen solchen Angriff keine anderen deutschen, österreichischen, ungarischen, südosteuropäischen oder türkischen Belege jener Zeit gibt, identifizierte Joseph von Hammer-Purgstall „Petau“ später mit Pettau in der Untersteiermark (heute Ptuj, Slowenien).Joseph von Hammer-Purgstall: Geschichte des Osmanischen Reiches, grossentheils aus bisher unbenützten Handschriften und Archiven, Band 1. Hartleben, Pest 1827, S. 245, 348, 371ff und 634.Joseph von Hammer-Purgstall: Über die Einfälle der Türken in die Steiermark. In: Leseverein am Joanneum: Steiermärkische Zeitschrift, VI. Heft, Damian und Sorge, Graz 1825 Vermutlich war nur Peterwardein in Ungarn (heute Novi Sad, Serbien) oder Požega in Kroatien gemeint, denn nur so weit waren Osmanen 1396 tatsächlich vorgedrungen, ehe sie bei Požega zunächst abgewehrt wurden.William C. Brice (Hrsg.): An Historical Atlas of Islam. Brill, Leiden 1981, S. 30. Den Tiefpunkt der ungarischen Macht nutzten auch bosnische Herzöge aus und bemächtigten sich weiter Teile Dalmatiens. Nur wenige Jahre später brach auch das Reich der Osmanen nach ihrer Niederlage gegen die Mongolen 1402 bei Ankara zwischenzeitlich zusammen; der neue Sultan Mehmed I. musste sich zunächst in Thronfolgekämpfen gegen vier Brüder behaupten.Josef Matuz: Das Osmanische Reich – Grundlinien seiner Geschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, S. 43f und 46–54.Ernst Werner, Walter Markov: Geschichte der Türken – von den Anfängen bis zur Gegenwart. Akademie-Verlag, Berlin 1978, S. 33–53. Dennoch sollen eigenmächtig agierende Streiftrupps aus dem Heer von Mehmeds Bruder Süleyman 1408 erstmals auch bis Möttling in Krain vorgestoßen sein.Johann Weichard von Valvasor: Die Ehre des Herzogtums Krain, IV. Band, Buch XV. Endter, Nürnberg 1689, S. 329–334 (Nachdruck bei Krajec, Laibach 1877).Johann Weichard von Valvasor: Deß Hochlöbichen Hertzogthums Crain Topographisch-Historischer Beschreibung, III. Band, Buch XI. Laibach 1689, S. 389. (Obwohl dies allein Johann Valvasor behauptete und es auch dafür keinen Beweis gibt, wurde Valvasors Behauptung vor allem von der slowenischen Geschichtsschreibung übernommen.August Dimitz: Geschichte Krains von der ältesten Zeit bis auf das Jahr 1813, Erster Theil. I.v. Kleinmayr & F. Bamberg, Laibach 1876, S. 252f und 261ff.Fran Levec: Die Einfälle der Türken in Krain und Istrien, in: Jahresbericht der k.k. Staats-Oberrealschule in Laibach... Verlag der k.k. Staats-Oberrealschule, Laibach 1891, S. 9–58.Peter Štih, Vasko Simoniti, Peter Vodopivec: Slowenische Geschichte – Gesellschaft, Politik, Kultur. Leykam, Graz 2008, S. 182.) Im Gegenzug fiel König Sigismund von Ungarn in Bosnien und Dalmatien ein. (Valvasor zufolge fiel Sigismund 1409 auch in Serbien ein, sei aber bei Golubac von Mehmeds Bruder Musa besiegt worden. Dabei handelt es sich um eine Fehldeutung.Dagmar Unverhau (Hrsg.): Geschichtsdeutung auf alten Karten. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2003, S. 195.Lectori Salutem – Üdvözlet az Olvasónak) (Andere Chroniken, die diese Niederlage stattdessen auf 1411 oder 1412 datieren und bei Smederevo verorten, werden ebenfalls angezweifelt.) Der bosnische König Tvrtko II. rief ebenso wie Herzog Hrvoje von Split die osmanischen Türken zu HilfeOliver Jens Schmitt: Handbuch zur Geschichte Südosteuropas, Band 2 (Herrschaft und Politik in Südosteuropa von 1300 bis 1800). De Gruyter, Berlin 2021, S. 120–126. (zunächst MusaCarl von Martens: Allgemeine Geschichte der Türken-Kriege in Europa von 1356 bis 1812, Erster Band. Löflund, Stuttgart 1829, S. 18ff und 23ff.Johann Christian Engel: Geschichte des Ungrischen Reiches und seiner Nebenländer, Band 2, Gebauer, Halle 1797, S. 268–273, 286 und 296., dann den Sandschakbey von ÜskübOsmanischer Sandschakbey von Üsküb (Skopje) war bis 1415 Saruhanli Pasha Yiğit Bey, danach Yiğits Sohn (oder Adoptivsohn) Ishak Bey. (Keiner von beiden trug den Zweitnamen Ahmed.) Ishak blieb Sandschakbey bis 1439, kann also weder 1418 bei Radkersburg noch 1419 im Banat getötet worden sein.) und gemeinsam stießen Bosnier und Türken nach Ungarn, Kroatien und Dalmatien vor.Tamás Pálosfalvi: The New Enemy – Hungary and the Ottomans, 1389–1428. In: From Nicopolis to Mohács. Brill, Leiden 2018, S. 51–76.Albert von Muchar: Geschichte des Herzogthums Steiermark, Siebenter Teil. Damian und Sorge, Graz 1864, S. 151f und 412f.Leopold Kupelwieser: Die Kämpfe Ungarns mit den Osmanen bis zur Schlacht bei Mohács, 1526. Braumüller, Wien 1895, S. 33–42.
Ab 1409 hatte auch die Republik Venedig begonnen, sich in Dalmatien festzusetzen. Mit Sigismund, der (seit 1410) auch römisch-deutscher König war, rivalisierten die Venezianer außerdem um das (formal zum Heiligen Römischen Reich gehörende) Patriarchat von Aquileia in Friaul und Istrien. Im Kampf gegen Venedig zogen Sigismunds ungarische Truppen 1411 und 1412 durch Krain nach Friaul und Venetien.Arthur Steinwenter: Beiträge zur Geschichte der Leopoldiner. In: Archiv für österreichische Geschichte, Band 58. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1879, S. 404–409 und 461–469.Kristina Odenweller: Diplomatie und Pergament – Karriere und Selbstbild des gelehrten Juristen Giovan Francesco Capodilista. Mohr Siebeck, Tübingen 2019, S. 40–43.Heinrich Hermann: Handbuch der Geschichte des Herzogthumes Kärnten, Zweiter Teil, Erstes Heft. Leon, Klagenfurt 1843, S. 116f, 123f, 307.Wilhelm Altmann: Erberhard Windeckes Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Zeitalters Kaiser Sigmunds, Band 1. Gaertner, Berlin 1893, S. 10f und 17.Joseph Aschbach: Geschichte Kaiser Sigmund’s, Zweiter Band. Perthes, Hamburg 1839, S. 337–346 und 404–412. Krain stand seit 1411 unter der Herrschaft des habsburgischen Herzogs Ernst I. von Steier(mark) und Kärnten. Ebenso wie Mehmed hatte sich auch Ernst zunächst in einem Bürgerkrieg gegen seine Brüder und die habsburgische Nebenlinie Herzog Albrechts behaupten müssen sowie gegen König Sigismund und den mit Sigismund verschwägerten Grafen von Cilli.Werner Tscherne: Die frühen Habsburger in der Steiermark. In: Gerhard Pferschy (Hrsg.): Die Steiermark im Spätmittelalter, Band 4. Böhlau-Verlag, Wien 2018, S. 17–42, hier S. 36–40. Sowohl Ernst als auch sein Bruder Friedrich von Tirol verbündeten sich mit Venedig, und auch die von den Bosniern gerufenen Türken sollen zunächst von den Venezianern unterstützt worden sein. Die Venezianer schlugen Sigismunds Ungarn im August 1412 bei Motta zurück; nach weiteren Rückschlägen schloss Sigismund im April 1413 Waffenstillstand mit den Venezianern. Im Juli 1413 besiegte Mehmed seinen Bruder Musa und vereinte das Osmanische Reich wieder.Alfons Huber: Geschichte Österreichs, Zweiter Band. Perthes, Gotha 1885, S. 526–533. Im März 1415 sollen osmanische Streiftrupps in Ungarn eingefallen und bis ans Südufer des Balaton vorgestoßen sein.Emir O. Filipović: The Key to the Gate of Christendom? The Strategic Importance of Bosnia in the Struggle against the Ottomans. In: Norman Housley (Hrsg.): The Crusade in the Fifteenth Century, Subsidia 8. Routledge, New York 2017, S. 151–168. Einige dieser Streiftrupps hätten sich von der Hauptstreitmacht gelöst und seien Richtung Innerösterreich abgebogen.Wladimir Levec: Die ersten Türkeneinfälle in Krain und Steiermark. In: Mitteilungen des Musealvereins für Krain. Band 16, Verlag des Musealvereins für Krain, Laibach 1903, S. 169–194 ().
mini|Kampf zwischen Ungarn und Bosniern 1415 in der Schlacht bei Doboj (Darstellung von 1488) Angeblich mit venezianischer Hilfe stießen im Mai 1415 osmanisch-türkische Vorausabteilungen (erneut) bis Dalmatien, Istrien und Krain vor. Auf dem Karst lagerten sie nahe der Grenze des Patriarchats von Aquileia. Die zum Patriarchat gehörende Stadt Udine in Friaul beriet daraufhin Verteidigungsmaßnahmen gegen einen möglichen Einfall der Türken und suchte militärische Unterstützung bei Patriarch Ludwig, Herzog Ernst und König Sigismund. Von Ungarn aus unternahmen Sigismunds Truppen eine Gegenoffensive gegen Bosnien, doch Anfang August 1415 besiegten Bosnier und Türken die Ungarn bei Doboj (Schlacht an der Lašva). Türkische Streiftrupps bedrohten daraufhin noch im selben Monat erneut Krain, Istrien und Friaul; die Steiermark erreichten sie nicht.