Die Hydrierwerke Pölitz AG war ein Joint Venture der IG Farben, Royal Dutch Shell und Standard Oil of New Jersey. Das börsennotierte Unternehmen betrieb von 1940 bis 1945 in Pölitz bei Stettin das größte deutsche Hydrierwerk. Hergestellt wurden aus Erdöl und Steinkohle konventionelle sowie synthetische Ölfertig- und Halbprodukte, insbesondere Flugbenzin, Fahrbenzin, Dieselkraftstoff, Schmierstoffe und Paraffine.
Ab seiner Inbetriebnahme war das Werk ein Hauptziel systematischer Luftangriffe der Alliierten. In der Folge entstand eine „Hydrierfestung“, die geschützt von massiver Flak, zahlreichen Sperrballons, unterirdischen Bunkersystemen, mehreren Vernebelungs- und Scheinanlagen, trotz zunehmender Schäden weiter produzierte und selbst noch bei der Schlacht um Berlin die Heeresgruppe Weichsel mit Treibstoff versorgte.
Auf Befehl der SMAD erfolgte von Oktober 1945 bis September 1946 die Demontage der Hydrieranlagen. Nach dem vollständigen Abtransport wurde das im Stettiner Zipfel gelegene Pölitz der Verwaltung der Volksrepublik Polen unterstellt und die Stadt in Police umbenannt. In direkter Nachbarschaft zu den zahlreich noch vorhandenen Ruinen der ehemaligen Fabrik befindet sich heute das Chemiewerk Zakłady Chemiczne Police.
Gründung mini|Pölitz im Stettiner Zipfel vor 1939 mini|Bericht über den Aufbau der Pölitzer Hydrierwerke im Völkischen Beobachter vom 15. August 1939Völkischer Beobachter vom 15. August 1939, Brücke vom Reich zum Ostseeraum, S. 3–4. ANNO, abgerufen am 19. Mai 2022.
Bis zur Kriegserklärung Deutschlands an die Vereinigten Staaten, und teilweise sehr weit darüber hinaus, bestanden intensive wirtschaftliche Verflechtungen der IG Farben zu allen großen damaligen Erdölproduzenten, insbesondere zu den sogenannten Sieben Schwestern. Dazu zählten ferner Royal Dutch Shell und Standard Oil of New Jersey nebst ihrer deutschen 100-prozentigen Tochterunternehmen Rhenania und DAPG (Dapol, Esso). Im September 1936 fanden erste grobe Planungsgespräche für ein Joint Venture der drei Unternehmen und dem Reichswirtschaftsministerium (RWM) zur Errichtung eines großen Hydrierwerks statt.Rainer Karlsch, Raymond G. Stokes: Faktor Öl. Die Mineralölwirtschaft in Deutschland 1859–1974. Beck, München 2003, S. 193–197.
Das Werk sollte Erdöl, importierte Crackrückstände und Steinkohle zu Treibstoffen verarbeiten. Mehrere Faktoren entschieden über den Standort. Ein wirtschaftspolitisches Hauptziel war die Ansiedlung von Arbeitsplätzen im überwiegend landwirtschaftlich geprägten, strukturschwachen Pommern.Jan Matura: Historia Polic od czasów najstarszego osadnictwa do II wojny światowej. Urząd Gminy, 2002, S. 50 f. Dementsprechend förderte das RWM die Ansiedlung von Großinvestitionen der Mineralölindustrie mit verschiedenen Steuer- und Zollvergünstigungen, beispielsweise beim Aufbau der Infrastruktur, beim Rohölimport und mit einer Wirtschaftlichkeitsgarantie bei der Verarbeitung von Kohle. Das Erdöl sollte auf dem Seeweg auf Grundlage bereits vereinbarter Verträge aus Aruba, Kolumbien, Albanien und insbesondere der Sowjetunion kommen.John E. Lesch: The German Chemical Industry in the Twentieth Century. Springer Science & Business Media, 2013, S. 203–204.
Für die Anlieferung überseeischer Rohstoffe musste daher das zu errichtende Werk an der Küste liegen und gleichzeitig über eine gute Verbindung zu einem Steinkohlerevier verfügen. Daraus resultierte als Standort Pölitz, das gelegen an der Odermündung mit dem rund 16 Kilometer südlich entfernten Stettin – und damit mit einem der größten Seehäfen des Ostseeraumes – verbunden war. Zudem bestand über die Oder und über die zweispurig ausgebaute Bahnstrecke Breslau-Stettin eine optimale Verbindung zum Oberschlesischen Steinkohlerevier.Walter Krönig: Die katalytische Druckhydrierung von Kohlen Teeren und Mineralölen. Das I.G.-Verfahren von Matthias Pier. Springer-Verlag, 2013, S. 257–258. Einen einflussreichen Unterstützer fanden die Investoren unter anderem in Person des pommerschen Gauleiters Schwede-Coburg, der das ehrgeizige Ziel verfolgte, Stettin durch Ansiedlung von Industrie wieder wie vor 1919 nach Hamburg und Bremen zur drittgrößten deutschen Hafenstadt aufzubauen.
Zur Projektierung des Werks gründeten die IG Farben, Standard Oil und Shell am 17. Juni 1937 die Hydro GmbH mit Sitz in Berlin. Dieser Tag gilt als Gründungstag der Gesellschaft.Los 757 Hydrierwerke Pölitz AG HWPH Historisches Wertpapierhaus, abgerufen am 14. Mai 2022. Das Stammkapital betrug zunächst 20.000 Reichsmark (RM). Am 27. Januar 1938 folgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft bei gleichzeitiger Kapitalerhöhung auf 4 Millionen RM und Umfirmierung in Norddeutsche Hydrierwerke AG mit Sitz in Pölitz/Pommern. Die Planierungsarbeiten begannen im März 1938. Insgesamt wurde die Bauzeit auf zwei Jahre veranschlagt. Im Juli 1938 beschlossen die Aktionäre in einer außerordentlichen Hauptversammlung die Umbenennung der Gesellschaft in Hydrierwerke Pölitz AG und eine Erhöhung des Aktienkapitals auf 80 Millionen RM.Franz Spausta: Treibstoffe für Verbrennungsmotoren. Springer-Verlag, 2013, S. 73.Hydrierwerke Pölitz im Aufbau. in: Frankfurter Zeitung vom 28. Juli 1939 ZBW, abgerufen am 14. Mai 2022.Los 1190 Hydrierwerke Pölitz AG Hanseatisches Sammlerkontor für Historische Wertpapiere, abgerufen am 14. Mai 2022.
Im Zuge des Aufbaus fanden tausende Menschen aus ganz Deutschland eine Arbeit. Das Werksgelände erstreckte sich über eine Fläche von 250 Hektar zuzüglich eigenem Hafenterminal und zwei Stichkanälen zur Oder. Dazu verfügte das Werk über eine Anbindung an die 1937 fertiggestellte Autobahn Berlin-Stettin nebst zwei Bahnanschlüssen, mehreren Rangier- und Abstellgleisen sowie eigenem Bahnhof. Die Gesamtlänge der Schienen auf dem Fabrikgelände betrug 33 Kilometer. Eigens für den Betrieb der Anlagen entstand ein KWK-Kraftwerk, das den gesamten Elektrizitätsbedarf deckte. Allein für den Starkstrom wurden Kabel mit einer Gesamtlänge von 260 Kilometern verlegt. Die Oder lieferte ferner das Wasser für die Hydrierung der Kohle sowie für die Kühlung der Anlagen, und zwar durchschnittlich 1 Prozent der gesamten Abflussmenge.
Am 1. Oktober 1939 wurde Pölitz in das Stadtgebiet von Stettin eingemeindet. Für 10.000 festangestellte Beschäftigte (1000 Wissenschaftler, 5000 Facharbeiter und Spezialisten, 4000 einfache Arbeiter) entstanden in und um Stettin-Pölitz komplett neue Wohnsiedlungen mit zugehöriger Infrastruktur (Werkskliniken, Ärztehäuser, Park- und Gemeinschaftsanlagen, Festhallen, Sportplätze, Schwimmbäder, Turnhallen, Kino und so weiter).Bernfried Lichtnau: Architektur und Städtebau im südlichen Ostseeraum zwischen 1936 und 1980. Lukas Verlag, 2002, S. 144. Ferner existierte eine eigene Betriebskrankenkasse und eine Betriebssportgemeinschaft. Zu dieser zählte unter anderem die Fußball-Werksgruppe VfL Pölitz, die in der 1. Bezirksliga spielte.
Bei dem Aufbau der Fabrik und der Werkssiedlungen waren auch sehr viele Fremdarbeiter aus verschiedenen Ländern beteiligt. Hierbei handelte es sich überwiegend um Volksdeutsche aus dem Baltikum (Baltendeutsche), der Slowakei (Karpatendeutsche), der Tschechei (Sudetendeutsche), Polen (Oberschlesier), Frankreich (Elsaß-Lothringer) und Italien (Südtiroler). Diese warb die IG Farben auf freiwilliger Basis über eigene Büros im Ausland, später auch über die ausländischen Verbindungsstellen des Generalbevollmächtigten für die chemische Erzeugung an.Christoph Rass: Wanderungslenkung und Kriegsvorbereitungen 1933–1939. In: Jochen Oltmer: Handbuch Staat und Migration in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert. Walter de Gruyter, 2015, S. 437 f. Laut den Lebenserinnerungen von Hans Modrow, der im Hydrierwerk Pölitz eine Ausbildung zum Maschinenschlosser absolvierte, kamen später noch Vertragsarbeiter vom Balkan und aus Skandinavien dazu.Hans Modrow: In historischer Mission. Erinnerungen eines Staatsmanns. Edition Ost, 2007, S. 17. Für die Fremdarbeiter wurden in der Umgebung von Stettin mehrere Barackenlager und Wohnheime gebaut. Zudem entstand mit dem RAD-Lager „Jürgen Wullenwever“ und der RAD-Bezirksschule Pölitz reichsweit eine der größten Einrichtungen mit Lehrabteilung des Reichsarbeitsdienstes.Reichsarbeitsdienst / Bezirksschule Pölitz Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, abgerufen am 16. Mai 2022.Pölitz-Stettin/Pommern, RAD Abteilung 7 51, Jürgen Wullenwever Akpool, abgerufen am 16. Mai 2022.Pölitz-Stettin/Pommern, RAD Unterkunftshaus, Lehrabteilung Akpool, abgerufen am 16. Mai 2022.
Bis zur Inbetriebnahme der Hydrieranlagen beliefen sich die Baukosten auf 200 Millionen RM, was heute Euro entspricht. Geleitet wurde das Werk von zwei Vorständen. Die technische Leitung übernahm der promovierte Chemiker Kurt Wissel (* 1901; † 1986).Carl Zerbe, Helmut Pichler: Erdöl und Kohle, Erdgas, Petrochemie vereinigt mit Brennstoffchemie. Band 24. Industrieverlag von Hernhaussen, 1971, S. 136. Als kaufmännischer Leiter und Wehrwirtschaftsführer wirkte der promovierte Jurist Herdin Hans Duden.Michael Buddrus: Totale Erziehung für den totalen Krieg. Hitlerjugend und nationalsozialistische Jugendpolitik. Walter de Gruyter, 2015, S. 1136. Beide waren vorher in leitenden Positionen im IG-Werk Ludwigshafen tätig und blieben von 1938 bis Kriegsende an der Spitze des Unternehmens. Aufgrund ihrer Aktionärsrechte entsandte im Sommer 1942 auch Shell über die Rhenania zwei Mitglieder ihres Vorstands in den Vorstand der Hydrierwerke Pölitz AG. Im Aufsichtsrat der Gesellschaft waren unter anderem ab 1938 Heinrich BütefischBernd Polster: Tankstellen. Die Benzingeschichte. Transit-Verlag, 1982, S. 116. und ab 1941 Matthias Pier, der Miterfinder des IG-Hydrierverfahrens, vertreten.Werner Lang: Matthias Pier. In: Nackenheimer heimatkundliche Schriftenreihen. Heft 16. Verkehrsverein e. V. Nackenheim am Rhein, 1982, S. 24 (hier S. 23). Ortsmuseum Nackenheim, abgerufen am 17. Mai 2022.
Finanzierung mini|Anleihe der Hydrierwerke Pölitz AG von 1940 mini|Stellenanzeige im Völkischen Beobachter vom 10. November 1940
Auf das im Juli 1938 festgelegte Aktienkapital der Hydrierwerke Pölitz AG in Höhe von 80 Millionen RM entfielen 25 Millionen auf die IG Farben und je 27,5 Millionen auf die DAPG (Standard Oil) und die Rhenania (Shell). Hierfür gab das Unternehmen im Jahr 1939 eine Teilschuldverschreibung mit einer Verzinsung in Höhe von 5 Prozent und im Jahr 1940 zwei Teilschuldverschreibungen mit einer 4,5- beziehungsweise 5-prozentigen Zinsgarantie heraus.Hans-Georg Glasemann, Ingo Korsch: Hoffnungswerte. Ungeregelte Ansprüche aus Wertpapieremissionen vor 1945 und ihre Entschädigung nach der Wiedervereinigung. Springer-Verlag, 2013, S. 158. Gesichert waren die Anleihen mittels Sicherungshypotheken auf den Grundbesitz der Hydrierwerke Pölitz AG sowie mittels Bürgschaften der IG Farben, Shell und Standard Oil of New Jersey.Die Zeit vom 26. Dezember 1957: Rückzahlung der Pölitz-Anleihen Zeit Online, abgerufen am 16. Mai 2022. Als Konsortialbank fungierte die Deutsche Bank AG, Berlin. Im Jahr 1941 folgte eine weitere Kapitalerhöhung auf 120 Millionen RM.Heinz Flieger: Unter der gelben Muschel. Die Geschichte der Deutschen Shell. Verlag für Deutsche Wirtschaftsbiographien, 1961, S. 176.